Man sollte meinen, dass die Leute nach 11 Jahren ungefähr begriffen haben, wie Twitter funktioniert. Bestimmte Missverständnisse sollten eigentlich nicht mehr vorkommen. Sollten. Eigentlich. Tatsächlich aber kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, die mich erheblich an der Medienkompetenz der Akteuere zweifeln lassen. So geschehen am 25. Mai 2017 um 8:27 Uhr. Da twitterte @kirchentag_de von einem Podium des Berliner Kirchentags:
"Durch die Zuwanderung sind 15.000 bis 20.000 Terroristen nach Deutschland gekommen" meint @AnetteSchultner von der AfD
Das sind 120 Zeichen. Von 140 erlaubten. Was folgte, war ein einhelliger Aufschrei der Empörung der üblichen Maulaufreißer. Was dem Kirchentag denn einfiele. So ein Skandal. Einfach so eine Aussage zu posten. Eins zu eins. Ohne Distanzierung. Die Antwort von @kirchentag_de fiel nicht unbedingt professionell aus, war aber offensichtlich von der Heftigkeit der Reaktion überrascht. Man habe die Aussage "redaktionell eingeordnet", soll heißen: als Zitat gekennzeichnet. Das war aber den Meisten nicht genug. Man hätte eindeutig klarstellen müssen, wie sehr man solche Sätze verurteilt.
Jetzt verrate ich euch ein Geheimnis. Beiden Seiten, @kirchentag_de und den ganzen Berufsempörten: Twitter lässt maximal 140 Zeichen pro Tweet zu. Mit allen Interpunktionszeichen umfasste dieser Tweet 120 Zeichen. Was bitteschön erwartet ihr in den noch verbleibenden 20 Zeichen? Ein flammendes Bekenntnis zur Genfer Menschenrechtskonvention? Eine zweiseitige Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz, welche diese Äußerung aufs Schärfste verurteilt? Leute, habt ihr noch nie in eurem Leben Twitter benutzt? Da berichten ständig Leute auf diese Weise von Veranstaltungen. Sie schreiben, was verschiedene Podiumsgäste sagen, verdeutlichen, dass sie nur berichten und nicht etwa sich die Aussagen aneignen. Kein Mensch, jedenfalls keiner mit nur Ansätzen von Grips im Kopf, käme auf die Idee, sich darüber aufzuregen, dass jemand ein Zitat korrekt wiedergibt. Im Gegenteil, die Meisten freuen sich, auf diese Weise die wichtigsten Äußerungen einer Veranstaltung mitzubekommen.
Auf der anderen Seite: Liebe @kirchentag_de-Redaktion (und ich meine das "liebe" nicht, wie in solchen Kontexten üblich, ironisch, sondern ich habe trotz aller Kritik, die man an dem alle zwei Jahre ausgetragenen Massenauflauf der Realitätsgeflüchteten haben kann, Respekt vor dem nötigen organisatorischen Können und finde die meisten Leute auf dem Kirchentag auch wirklich nett), konntet Ihr nicht ahnen, dass Ihr mit diesem Tweet einen (verzeiht mir das dümmliche Modewort) Shitstorm lostreten werdet? Mir ist schon klar, dass in den Tweet nur das Zitat und nicht noch ein langer Lex hineinpasste, wie doof Ihr diese Äußerung findet, aber vielleicht wäre es besser gewesen, so ein Zitat gar nicht erst zu twittern, sondern auf einer Plattform abzusetzen, die ein wenig mehr Einordnung erlaubt. Es mag Euch in Eurer Filterblase nicht auffallen, aber auf Twitter gibt es sehr viele Leute mit einem, sagen wir, sehr schlichten Gemüt und umso klareren Feindbild. Über die Kirche, sei sie evangelisch oder katholisch, denken sie ähnlich differenziert wie die AfD über den Islam. Kirche ist böse, BÖHÖSE. Das sind die mit der Inquisition (ach, da gab's die Protestanten noch gar nicht? Egal) und der Hexenverbrennung, die den ganzen Tag damit verbringen, zu einer nichtexistenten (da sind sie GANZ sicher) Entität zu beten und kleine Jungs zu vergewaltigen. DEN GANZEN TAG. Und zwischendurch hassen sie die Homosexuellen, obwohl sie doch selbst alle schwul sind. Und frauenfeindlich. Der Luther, das ist der allerschlimmste von denen. Der und sein Antisemitismus, die haben Auschwitz doch erst ermöglicht. So, und jetzt heizt diesen brodelnden Kessel noch mit dem Zunder eines, zugegebenermaßen unglücklich platzierten, AfD-Zitats, und das Ding geht ab wie eine Rakete. Da werden doch gleich alle Vorurteile auf einmal bedient. Es gibt Leute, bei die sich bei Tweets wie diesem wahnsinnig progressiv, intelligent und revolutionär vorkommen und wahrscheinlich wochenlang gewartet haben, bis sie endlich ganz mutig und provokant Tweets wie den hier absetzen konnten. Es hätte Euch doch klar sein müssen, dass die fast vor Dankbarkeit gebetet haben, dass Ihr ihnen diesen Brocken vor die Füße geknallt habt.
Und nun zu Euch, ihr Intelligenzbestien, die auf Twitter ihren heiligen Krieg gegen eine der Bedeutungslosigkeit entgegenschliddernden Minderheitenreligion kämpft. Meint Ihr nicht, Ihr seid ein bisschen zu alt für sowas? Habt Ihr das früher in der Schule auch so mutig gefunden, dem Typen, den ein Anderer vermöbelt hat und der jetzt am Boden liegt, noch einen saftigen Tritt mitzugeben, am besten der Stelle am Fußboden, wo er lag, fünf Minuten, nachdem er abtransportiert worden war, damit er sich ganz bestimmt nicht mehr wehren kann und ihr keinen Ärger mit der Schulleitung bekommt? Kamt Ihr Euch dabei auch total stark vor? Toll, Ihr seid die Größten. Ich bin so stolz auf Euch.
Es ist ja nicht so, als seien Eure Vorwürfe gegen die beiden deutschen Staatskirchen (oh, das hören die gar nicht gern, aber wie nennt man eine Kirche, die sich ihre Mitgliedsbeiträge vom Staat eintreiben lässt, und das sogar von Leuten, die gar nicht Mitglied sind?) komplett aus der Luft gegriffen, aber stellt Euch vor, irgendwer hätte eine ähnlich platte Sicht gegen den Islam oder das Judentum vertreten, hätte nur deren dunkle Seiten aufgezählt und so getan, als bestünden diese Religionen nur aus den so sorgfältig herausgepickten Schandflecken. Uiuiui, was hättet Ihr Euch ins Zeug geworfen, einen -ismus nach dem nächsten heraufbeschworen. Da müsse man doch differenzieren, hättet ihr empört geschrieen. Stellt Euch vor, jemand hätte Euch zu Antisemiten erklärt, weil Ihr die Siedlungspolitik Israels kritisiert, dem hättet ihr aber was erzählt. Und die Israelfahne, die damals auf der Demonstration verbrannt wurde, das war erstens eine Staatsflagge, zweitens habt Ihr bestenfalls daneben gestanden und mutig dagegengeklatscht, und drittens war es nur eine ganz kleine Flagge.
Merkt Ihr jetzt, wie es sich anfühlt, undifferenziert angeblökt zu werden?
Schaut Euch doch einmal die Mitgliederzahlen an. Waren 1950 noch 96,4 Prozent in der Kirche, sind es jetzt gerade einmal 56 Prozent. Allein die evangelische Kirche verlor zwischen 1990 und 2015 ganze 7.150.000 Mitglieder, das sind 286.000 pro Jahr. Sie liegt damit bei 27,1 Prozent der in der Bundesrepublik wohnenden Menschen. Nur zum Vergleich: Konfessionslose stellen die größte Gruppe mit 36 Prozent. Ihr braucht einfach nur zu warten, und Euer Lieblingsgegner verschwindet von selbst. Ihr braucht nicht einmal Twitter dafür.
So, und jetzt setzen wir uns alle hin, atmen einmal tief durch und schreiben alle hundert mal auf: Twitter hat nur 140 Zeichen. Get used to it.
Dienstag, 30. Mai 2017
Mittwoch, 17. Mai 2017
Wuchtig tönendes Wischiwaschi
Bei drei Wahlen abgestraft, dazu bei einer in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland, in dem die SPD ähnlich wie die CDU in Bayern sich einst nur fragen musste, wie hoch, nicht ob sie gewinnt. Die Bundestagswahl rückt deutlich näher, und man muss kein Hellseher sein, wenn man behauptet: Eher schafft es Mario Barth, einen lustigen Satz zu sagen, als Martin Schulz es in die Nähe des Kanzleramts.
Von Reflexionsfähigkeit ist in der SPD nicht viel zu sehen. OK, der Fairness halber sei gesagt, dass Hannelore Kraft nicht lang gefackelt und gleich am Wahlabend alle Parteiämter niedergelegt hat. Ganz anders Amtskollege Thorsten Albig. Der brauchte satte 10 Tage, um dann mit der sauertöpfischen Bemerkung, er werde, um "jedweder weiteren substanzlosen aber dennoch für mich und mein persönliches Umfeld ehrverletzenden Unterstellung der Vermischung öffentlicher und privater Interessen den Boden zu entziehen", das Handtuch werfen. Ich weiß ja nicht, wie intensiv dieser Mann sein eigenes Geschwätz und dessen Auswirkungen ignoriert, aber wenn er einen Blick auf die Umfragewerte wirft, wir es sehen, wie sehr sie nach der unsäglichen "Bunte"-Homestory durchsackten, in der er erklärte, wie er sich von seiner vorherigen Frau trennte, weil sie als Hausfrau und Mutter nicht mehr mit ihm auf Augenhöhe reden konnte. So etwas kann man denken, man kann es unter Vertrauten sagen, aber man darf nicht die Blödheit besitzen, es in einem auflagestarken Klatschblatt drucken zu lassen. Ich hoffe zwar und gehe auch davon aus, dass dieses Interview nicht der alleinige Grund war, warum Albig abgewählt wurde, aber es war mit Sicherheit ein Grund, warum es so heftig ausfiel.
Insgesamt scheint die SPD nicht zu begreifen, was die Leute an ihr so wenig leiden können, dass selbst die CDU für sie wie eine Alternative erscheint. Zum Glück stolperte ich in dieser Woche über einen Tweet, der die ganze Unerträglichkeit der deutschen Spezialdemokratie in wenigen Zeichen zusammenfasst.
Wir lehnen die Vorratsdatenspeicherung nach wie vor grundsätzlich ab - jetzt Ausweitung verhindern!
Fast hört man das Großmaul von Sigmar Gabriel vom Rednerpult dröhnen, selbstgefällig, aufgeblasen, vor Ehfurcht der eigenen Wichtigkeit gegenüber kaum zu reden fähig. Nun käme der oben zitierte Satz niemals von ihm, weil Gabriel ganz feuchte Hände bekommt, wenn er nur an den Überwachungsstaat denkt. Die Rhetorik hingegen ist die gleiche. Der erste Satz: Schaut her! Ecce homo! No pasaran! Kampf bis zum letzten Mann. Und dann der zweite: Was kümmert uns unser Geschwätz des letzten Satzes? Wir weichen zurück! Tapfer! Alle voran zum Rückzug!
Wahrscheinlich bekommen die Wichtigtuer von d64 die Erbärmlichkeit, die vollendete Lächerlichkeit ihres Zwergenaufstands gar nicht selber mit. Wahrscheinlich merken sie gar nicht, dass "grundsätzliche Ablehnung" und "Ausweitung verhindern" miteinander, wenn schon nicht unvereinbar, dann doch sehr schwer in Einklang zu bringen sind. Ich kann nicht auf der einen Seite etwas grundsätzlich ablehnen, um mich im nächsten Satz damit abzufinden und nur zu fordern, dass es nicht noch schlimmer wird. Gerade die Digitalexperten von d64 sollten wissen, dass Vorratsdatenspeicherung nicht einfach irgendeine Überwachungsmaßnahme unter vielen ist. Vorratsdatenspeicherung ist die grundsätzliche Abkehr von der Unschuldsvermutung zum Generalverdacht. Sie bedeutet die anlasslose Erfassung, wann wer wo mit wem wie lang mobil telefoniert hat. Sie registriert, wann wer wie lang online war. Inzwischen gibt es Studien, die belegen, dass auf diese Weise erhobene Metadaten keineswegs harmloser Datenmüll sind, sondern fast so viel über den Inhalt verraten, als hätte man ihn auch mitgeschnitten. Anders gesagt: Warum, glauben Sie, sind die Sicherheitsfetischisten von Union und SPD so wild auf diese Daten, wenn sie angeblich völlig harmlos sind?
Ein bisschen Vorratsdatenspeicherung gibt es ebenso wenig wie ein bisschen Schwangerschaft. Wer sie grundsätzlich bekämpft, muss natürlich insbesondere deren Ausweitung bekämpfen, aber das ist allenfalls ein Minimalziel, auf das man sich in größter Not herunterhandeln lässt. Das ist keinesfalls eine Forderung, die man am Anfang erhebt. Wer mit dieser Position in den politischen Diskurs einsteigt, muss damit rechnen, sich im weiteren Verlauf zu einem Kompromiss überreden zu lassen, der die Erweiterung sehr wohl zulässt und gerade einmal die Bedingungen ändert. Im konkreten Fall heißt das: Vorratsdatenspeicherung ist nicht nur zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus OK, sondern auch, um Junkies zu erwischen, die mit einem Wohnungseinbruch ihren nächsten Schuss finanzieren wollen. Dafür stellt man doch gern ein komplettes Volk unter Generalverdacht. Liest man sich die Presseerklärung der d64-Wohnzimmerhelden durch, findet man auch die Erklärung, dass sie vor genau dieser schleichenden Ausweitung immer gewarnt haben. Statt aber konsequent zu bleiben, kommt von d64 eine Erklärung, wie sozialdemokratischer sie nicht sein kann: Man bedient alle. Die Gegner der Vorratsdatenspeicherung bekommen ihren Passus, der vollmundig den Kampf gegen die Überwachung verkündet. Die Befürworter bekommen ihren Passus, der die vorhandene Überwachung akzeptiert und nur in Feinheiten einige Änderungen vorschlägt. Man versucht, alle Parteien zufrieden zu stellen und sich mit niemandem ernsthaft anzulegen. Der doofe Wähler wird schon nicht merken, dass wir uns auf nichts festnageln lassen.
Doch, merkt er. Er merkt, wenn er für dumm verkauft wird. Parteien, die allen alles versprechen und am Ende nur laue Ausreden haben, warum sie für ein paar schöne Posten ihre Positionen verraten, sind ihnen suspekt. Die CDU mag vielleicht eine Bande böser Buben sein, aber wenigstens sagt sie das ehrlich. Eine Partei, die glaubt, sich mit wuchtig tönendem Wischiwaschi durchschummeln zu können, braucht niemand.
Von Reflexionsfähigkeit ist in der SPD nicht viel zu sehen. OK, der Fairness halber sei gesagt, dass Hannelore Kraft nicht lang gefackelt und gleich am Wahlabend alle Parteiämter niedergelegt hat. Ganz anders Amtskollege Thorsten Albig. Der brauchte satte 10 Tage, um dann mit der sauertöpfischen Bemerkung, er werde, um "jedweder weiteren substanzlosen aber dennoch für mich und mein persönliches Umfeld ehrverletzenden Unterstellung der Vermischung öffentlicher und privater Interessen den Boden zu entziehen", das Handtuch werfen. Ich weiß ja nicht, wie intensiv dieser Mann sein eigenes Geschwätz und dessen Auswirkungen ignoriert, aber wenn er einen Blick auf die Umfragewerte wirft, wir es sehen, wie sehr sie nach der unsäglichen "Bunte"-Homestory durchsackten, in der er erklärte, wie er sich von seiner vorherigen Frau trennte, weil sie als Hausfrau und Mutter nicht mehr mit ihm auf Augenhöhe reden konnte. So etwas kann man denken, man kann es unter Vertrauten sagen, aber man darf nicht die Blödheit besitzen, es in einem auflagestarken Klatschblatt drucken zu lassen. Ich hoffe zwar und gehe auch davon aus, dass dieses Interview nicht der alleinige Grund war, warum Albig abgewählt wurde, aber es war mit Sicherheit ein Grund, warum es so heftig ausfiel.
Insgesamt scheint die SPD nicht zu begreifen, was die Leute an ihr so wenig leiden können, dass selbst die CDU für sie wie eine Alternative erscheint. Zum Glück stolperte ich in dieser Woche über einen Tweet, der die ganze Unerträglichkeit der deutschen Spezialdemokratie in wenigen Zeichen zusammenfasst.
Wir lehnen die Vorratsdatenspeicherung nach wie vor grundsätzlich ab - jetzt Ausweitung verhindern!
Fast hört man das Großmaul von Sigmar Gabriel vom Rednerpult dröhnen, selbstgefällig, aufgeblasen, vor Ehfurcht der eigenen Wichtigkeit gegenüber kaum zu reden fähig. Nun käme der oben zitierte Satz niemals von ihm, weil Gabriel ganz feuchte Hände bekommt, wenn er nur an den Überwachungsstaat denkt. Die Rhetorik hingegen ist die gleiche. Der erste Satz: Schaut her! Ecce homo! No pasaran! Kampf bis zum letzten Mann. Und dann der zweite: Was kümmert uns unser Geschwätz des letzten Satzes? Wir weichen zurück! Tapfer! Alle voran zum Rückzug!
Wahrscheinlich bekommen die Wichtigtuer von d64 die Erbärmlichkeit, die vollendete Lächerlichkeit ihres Zwergenaufstands gar nicht selber mit. Wahrscheinlich merken sie gar nicht, dass "grundsätzliche Ablehnung" und "Ausweitung verhindern" miteinander, wenn schon nicht unvereinbar, dann doch sehr schwer in Einklang zu bringen sind. Ich kann nicht auf der einen Seite etwas grundsätzlich ablehnen, um mich im nächsten Satz damit abzufinden und nur zu fordern, dass es nicht noch schlimmer wird. Gerade die Digitalexperten von d64 sollten wissen, dass Vorratsdatenspeicherung nicht einfach irgendeine Überwachungsmaßnahme unter vielen ist. Vorratsdatenspeicherung ist die grundsätzliche Abkehr von der Unschuldsvermutung zum Generalverdacht. Sie bedeutet die anlasslose Erfassung, wann wer wo mit wem wie lang mobil telefoniert hat. Sie registriert, wann wer wie lang online war. Inzwischen gibt es Studien, die belegen, dass auf diese Weise erhobene Metadaten keineswegs harmloser Datenmüll sind, sondern fast so viel über den Inhalt verraten, als hätte man ihn auch mitgeschnitten. Anders gesagt: Warum, glauben Sie, sind die Sicherheitsfetischisten von Union und SPD so wild auf diese Daten, wenn sie angeblich völlig harmlos sind?
Ein bisschen Vorratsdatenspeicherung gibt es ebenso wenig wie ein bisschen Schwangerschaft. Wer sie grundsätzlich bekämpft, muss natürlich insbesondere deren Ausweitung bekämpfen, aber das ist allenfalls ein Minimalziel, auf das man sich in größter Not herunterhandeln lässt. Das ist keinesfalls eine Forderung, die man am Anfang erhebt. Wer mit dieser Position in den politischen Diskurs einsteigt, muss damit rechnen, sich im weiteren Verlauf zu einem Kompromiss überreden zu lassen, der die Erweiterung sehr wohl zulässt und gerade einmal die Bedingungen ändert. Im konkreten Fall heißt das: Vorratsdatenspeicherung ist nicht nur zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus OK, sondern auch, um Junkies zu erwischen, die mit einem Wohnungseinbruch ihren nächsten Schuss finanzieren wollen. Dafür stellt man doch gern ein komplettes Volk unter Generalverdacht. Liest man sich die Presseerklärung der d64-Wohnzimmerhelden durch, findet man auch die Erklärung, dass sie vor genau dieser schleichenden Ausweitung immer gewarnt haben. Statt aber konsequent zu bleiben, kommt von d64 eine Erklärung, wie sozialdemokratischer sie nicht sein kann: Man bedient alle. Die Gegner der Vorratsdatenspeicherung bekommen ihren Passus, der vollmundig den Kampf gegen die Überwachung verkündet. Die Befürworter bekommen ihren Passus, der die vorhandene Überwachung akzeptiert und nur in Feinheiten einige Änderungen vorschlägt. Man versucht, alle Parteien zufrieden zu stellen und sich mit niemandem ernsthaft anzulegen. Der doofe Wähler wird schon nicht merken, dass wir uns auf nichts festnageln lassen.
Doch, merkt er. Er merkt, wenn er für dumm verkauft wird. Parteien, die allen alles versprechen und am Ende nur laue Ausreden haben, warum sie für ein paar schöne Posten ihre Positionen verraten, sind ihnen suspekt. Die CDU mag vielleicht eine Bande böser Buben sein, aber wenigstens sagt sie das ehrlich. Eine Partei, die glaubt, sich mit wuchtig tönendem Wischiwaschi durchschummeln zu können, braucht niemand.
Montag, 8. Mai 2017
Mit dem Schulzzug aufs Abstellgleis
Es muss schon einiges zusammen kommen, bis in diesem Land Wähler einen nahezu unbekannten Kandidaten ins Ministerpräsidentenamt hieven. Das geschah jetzt in Schleswig-Holstein, wo die CDU es schaffte, einen Rückstand von sechs Prozentpunkten in den Umfragen in einen soliden Vorsprung von beinahe fünf Prozent am Wahlabend zu verwandeln. Nun wissen wir alle, dass Meinungsforscher sich bisweilen Methoden bedienen, mit denen man auch die Horoskopspalte der Hörzu schreiben könnte, aber dass die Wahl derart deutlich ausfallen könnte, hätte vor wenigen Wochen niemand ernsthaft geglaubt.
Mit dem Debakel in Schleswig-Holstein droht der SPD das, was sie monatelang gemieden hat wie der Teufel das Weihwasser: Wahlkampf mit Inhalten. Mit klaren Positionen und Abgrenzungen. Das fällt den Spezialdemokraten schwer, haben sie doch in ihrer Gier nach Regierungsmacht so viele ihrer Überzeugungen verraten, dass sie in Ermangelung eigener Werte inzwischen welche verraten, die vor 10 Jahren noch nicht einmal die ihren waren. Darüber täuscht auch das zehnte Schulzzug-Lied auf Youtube nicht hinweg, über das wir alle pflichtschuldig einmal gelächelt haben, obwohl es ganz schön peinlich war.
Noch herber als die SPD hat es die Piraten erwischt. Erklärungsversuche gab es hierfür viele, klarer wird es, wenn man sich die Wählerwanderung ansieht. Hier erkennt man, dass 45.000 der 76.000 AfD-Wähler von den "Sonstigen", also größtenteils von den Piraten kommen. Heißt dies, dass zigtausend Nazis vorher die Piraten unterwandert haben, bevor sie zur AfD wechselten? Nein, das heißt, dass es ein Potenzial von etwa 50.000 Menschen gibt, die mit dem Parteienangebot so unzufrieden sind, dass sie in ihrer Verzweiflung alles einmal durchprobieren, was irgendwie neu aussieht. Das heißt aber auch, dass die AfD in vier Jahren auch wieder verschwunden sein kann, weil sie aus Sicht der Protestwähler dann auch zu "denen da oben" gehört, denen man "es mal so richtig zeigen" muss. Gänzlich überflüssig scheinen die Piraten in Schleswig-Holstein nicht gewesen zu sein, brachten sie die gemütliche Sitzungsrunde zumindest so durcheinander, dass sie mit Ausfällen wie „Ich bedaure die Menschen, die vor Ihnen stehen, wenn Sie wieder Richter sind.“, „Ich frage mich einmal mehr, wer Sie zum Richter gemacht hat.“ und „Ich glaube, dass Sie in Teilen autistische Züge haben.“ zeigte, wie es hinter der würdevollen Fassade der erlesenen Parlamentarier aussieht. Von langjährigen Politik-Profis hätte ich etwas mehr Selbstbeherrschung erwartet, auch wenn sie infantil provoziert werden. Aber na gut, das ist von Provinz-Possenreißern wie Ralf Stegner und Wolfgang Kubicki wohl zu viel verlangt. Wir dürfen gespannt sein, ob sich ähnlich wuchtig in den Kampf gegen die AfD werfen werden.
Interessant wird auch die jetzt anstehende Wahl in Nordrhein-Westfalen. Hier deutet derzeit vieles auf eine SPD-Mehrheit hin, wobei das bisherige Rot-Grün-Bündnis nicht ausreichen wird. Zusammen mit dem Loser-Image, das der SPD inzwischen wieder anhaftet, könnte es für Ministerpräsidentin Kraft eng werden, und sollte sie es nicht schaffen, zuckelt der Schulzzug überall hin, aber nicht ins Kanzleramt.
Mit dem Debakel in Schleswig-Holstein droht der SPD das, was sie monatelang gemieden hat wie der Teufel das Weihwasser: Wahlkampf mit Inhalten. Mit klaren Positionen und Abgrenzungen. Das fällt den Spezialdemokraten schwer, haben sie doch in ihrer Gier nach Regierungsmacht so viele ihrer Überzeugungen verraten, dass sie in Ermangelung eigener Werte inzwischen welche verraten, die vor 10 Jahren noch nicht einmal die ihren waren. Darüber täuscht auch das zehnte Schulzzug-Lied auf Youtube nicht hinweg, über das wir alle pflichtschuldig einmal gelächelt haben, obwohl es ganz schön peinlich war.
Noch herber als die SPD hat es die Piraten erwischt. Erklärungsversuche gab es hierfür viele, klarer wird es, wenn man sich die Wählerwanderung ansieht. Hier erkennt man, dass 45.000 der 76.000 AfD-Wähler von den "Sonstigen", also größtenteils von den Piraten kommen. Heißt dies, dass zigtausend Nazis vorher die Piraten unterwandert haben, bevor sie zur AfD wechselten? Nein, das heißt, dass es ein Potenzial von etwa 50.000 Menschen gibt, die mit dem Parteienangebot so unzufrieden sind, dass sie in ihrer Verzweiflung alles einmal durchprobieren, was irgendwie neu aussieht. Das heißt aber auch, dass die AfD in vier Jahren auch wieder verschwunden sein kann, weil sie aus Sicht der Protestwähler dann auch zu "denen da oben" gehört, denen man "es mal so richtig zeigen" muss. Gänzlich überflüssig scheinen die Piraten in Schleswig-Holstein nicht gewesen zu sein, brachten sie die gemütliche Sitzungsrunde zumindest so durcheinander, dass sie mit Ausfällen wie „Ich bedaure die Menschen, die vor Ihnen stehen, wenn Sie wieder Richter sind.“, „Ich frage mich einmal mehr, wer Sie zum Richter gemacht hat.“ und „Ich glaube, dass Sie in Teilen autistische Züge haben.“ zeigte, wie es hinter der würdevollen Fassade der erlesenen Parlamentarier aussieht. Von langjährigen Politik-Profis hätte ich etwas mehr Selbstbeherrschung erwartet, auch wenn sie infantil provoziert werden. Aber na gut, das ist von Provinz-Possenreißern wie Ralf Stegner und Wolfgang Kubicki wohl zu viel verlangt. Wir dürfen gespannt sein, ob sich ähnlich wuchtig in den Kampf gegen die AfD werfen werden.
Interessant wird auch die jetzt anstehende Wahl in Nordrhein-Westfalen. Hier deutet derzeit vieles auf eine SPD-Mehrheit hin, wobei das bisherige Rot-Grün-Bündnis nicht ausreichen wird. Zusammen mit dem Loser-Image, das der SPD inzwischen wieder anhaftet, könnte es für Ministerpräsidentin Kraft eng werden, und sollte sie es nicht schaffen, zuckelt der Schulzzug überall hin, aber nicht ins Kanzleramt.
Montag, 1. Mai 2017
Deutsche Riten Teil 4: Leitkultur
Du liebe Güte, sind euch im Wahlkampf schon so früh die Themen ausgegangen, dass ihr jetzt wieder die Leitkulturdebatte herauskramen müsst?
Es ist so langweilig, so vorhersagbar und am Ende auch ergebnislos: Irgendein CDU-Politiker fühlt sich medial unterrepräsentiert und beschließt, deswegen ein heißes Eisen anzupacken, ein ganz heißes. Naja, und dann reicht der Mut doch nur, um in das nächststehende Mikrofon das Wort "Leitkultur" zu rülpsen.
Letztlich ist es auch egal. Es wäre sogar verschwendete Energie, sich eines wirklich wichtigen Themas anzunehmen, denn es geht ja doch nur um die nächste Schlagzeile. Da reicht die Leitkulturdebatte allemal, denn Deutschlands "Progressive" funktionieren in dieser Hinsicht dankenswerterweise sehr zuverlässig.
Das Vorgehen ist immer gleich: Der CDU-Mensch nuschelt etwas davon, es gäbe so etwas wie einen kulturellen Kanon, dem "die Deutschen" sich verbunden fühlten und dem folglich alle, die hier dauerhaft leben wollten, sich unterordnen müssten. Statt nun aber mitleidig zu lächeln "jou, hatten wir schon etliche Male ohne vorzeigbare Resultate durchdiskutiert, geh woanders trollen" schreien alle, die sich politisch irgendwo zwischen Grünen, Linkspartei und SPD (die aber nur zum Teil, man ist ja immerhin staatstragend) verorten, reflexartig auf und beschwören Bilder von Fackelzügen durchs Brandenburger Tor herauf. Die Gegenthese lautet wahlweise, die behauptete Leitkultur gäbe es gar nicht, es gäbe sie zwar, sei aber total doof, weil nicht so wie beschrieben, oder es sei ja wohl eine Frechheit, wertvolle, hilflose andere Leitkulturen durch unsere Leitkultur einfach unterbuttern zu wollen.
Am Ende kommt heraus: eine Talkrunde bei Anne Will mit den üblichen Schwätzern der etablierten Dateien plus irgendeinem Nichts, dessen oder deren Tweet zum Thema mehr als hundert Retweets bekommen hat und das diese ungeheure Bekanntheit zum Anlass nimmt, schon einmal mit der Autobiografie anzufangen. Es kommt heraus: ein Vierseiter im Spiegel, eine Seite in der "Zeit" und ein bissiger Kommentar in der taz, der lustig wäre, wenn man nicht den nur marginal umgeschriebenen Text von der letzten ritualisierten Empörung genommen hätte. Die eigentliche Debatte ist keinen Millimeter vorangekommen, was aber auch kein Wunder ist, weil es nichts Neues gibt und alle denkbaren Argumente einfach immer wieder aufgewärmt werden.
Aber schön, dass wir darüber nicht geredet haben.
Es ist so langweilig, so vorhersagbar und am Ende auch ergebnislos: Irgendein CDU-Politiker fühlt sich medial unterrepräsentiert und beschließt, deswegen ein heißes Eisen anzupacken, ein ganz heißes. Naja, und dann reicht der Mut doch nur, um in das nächststehende Mikrofon das Wort "Leitkultur" zu rülpsen.
Letztlich ist es auch egal. Es wäre sogar verschwendete Energie, sich eines wirklich wichtigen Themas anzunehmen, denn es geht ja doch nur um die nächste Schlagzeile. Da reicht die Leitkulturdebatte allemal, denn Deutschlands "Progressive" funktionieren in dieser Hinsicht dankenswerterweise sehr zuverlässig.
Das Vorgehen ist immer gleich: Der CDU-Mensch nuschelt etwas davon, es gäbe so etwas wie einen kulturellen Kanon, dem "die Deutschen" sich verbunden fühlten und dem folglich alle, die hier dauerhaft leben wollten, sich unterordnen müssten. Statt nun aber mitleidig zu lächeln "jou, hatten wir schon etliche Male ohne vorzeigbare Resultate durchdiskutiert, geh woanders trollen" schreien alle, die sich politisch irgendwo zwischen Grünen, Linkspartei und SPD (die aber nur zum Teil, man ist ja immerhin staatstragend) verorten, reflexartig auf und beschwören Bilder von Fackelzügen durchs Brandenburger Tor herauf. Die Gegenthese lautet wahlweise, die behauptete Leitkultur gäbe es gar nicht, es gäbe sie zwar, sei aber total doof, weil nicht so wie beschrieben, oder es sei ja wohl eine Frechheit, wertvolle, hilflose andere Leitkulturen durch unsere Leitkultur einfach unterbuttern zu wollen.
Am Ende kommt heraus: eine Talkrunde bei Anne Will mit den üblichen Schwätzern der etablierten Dateien plus irgendeinem Nichts, dessen oder deren Tweet zum Thema mehr als hundert Retweets bekommen hat und das diese ungeheure Bekanntheit zum Anlass nimmt, schon einmal mit der Autobiografie anzufangen. Es kommt heraus: ein Vierseiter im Spiegel, eine Seite in der "Zeit" und ein bissiger Kommentar in der taz, der lustig wäre, wenn man nicht den nur marginal umgeschriebenen Text von der letzten ritualisierten Empörung genommen hätte. Die eigentliche Debatte ist keinen Millimeter vorangekommen, was aber auch kein Wunder ist, weil es nichts Neues gibt und alle denkbaren Argumente einfach immer wieder aufgewärmt werden.
Aber schön, dass wir darüber nicht geredet haben.
Samstag, 29. April 2017
Herrschaft der Helikoptereltern
Wenn es eines letzten Beweises bedurfte, dass wir eine Gesellschaft voller aufgedunsener Vollidioten mit Luxusproblemen sind, dann ist es diese Meldung: der Aufruf zu den Aktionstagen "zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten". Es geht mir nicht um die Frage, ob diese Aktion sinnvoll ist oder nicht. Es geht mir um eine Welt, in der solche Aktionen überhaupt sinnvoll werden könnten.
Offenbar gibt bringen so viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule oder zum Kindergarten, dass sich hieraus echte Schwierigkeiten ergeben und ein Gegensteuern nötig wird. Da es unwahrscheinlich ist, dass Kinder von allein auf die Idee kommen, sie müssten unbedingt von Mami oder Papi chauffiert werden, frage ich mich, was in den Köpfen dieser Eltern vor sich geht. Was reitet solche Leute, dass sie ihren Kindern nicht einmal zutrauen, ein paar hundert Meter zur Schule zu gehen?
Zu meiner Kindheit gab es dieses Problem nicht, und es ist mir schleierhaft, wie es entstehen konnte. Damals gingen unsere Eltern mit uns den Schulweg ein paar mal mit, damit wir wussten, wo die Ampeln sind, aber spätestens nach einer Woche lautete die Ansage: Da Ranzen, dort Tür, du hast 20 Minuten. Natürlich, ab und zu wurden wir gefahren, aber das blieb die Ausnahme und brachte auch kaum Vorteile. Dass sich seit dieser Zeit eingeschliffen hat, Kindern nicht einmal mehr einen kurzen Fußweg zumuten zu wollen, lässt mich ernsthaft am Verstand der Eltern zweifeln. An der Länge der Schulwege hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts geändert. Wir haben weiterhin die gleiche Schuldichte in den Stadtteilen. An der Gefährlichkeit des Straßenverkehrs hat sich allenfalls zum Positiven etwas geändert, weil die Unfallzahlen stark zurück gingen, obwohl immer mehr Autos auf den Straßen fahren. Niemand kann also behaupten, dass der Schulweg derart zum unkalkulierbaren Risiko verkommen ist, dass dieser Gefahr nur noch mit Mamis SUV begegnet werden kann.
Allein schon der Aufruf "schlaue Laufaktionen" zu ersinnen, lässt tief blicken. Es sollte doch nichts einfacher sein, als seinem Kind zu sagen: Pass auf Maximilian-Alexander, du bist jetzt groß genug, ab morgen gehst du zu Fuß zur Schule. Doch die Kinder sind allem Anschein nach auch nicht die Schwierigkeit. Liest man sich den Text auf der Webseite durch, so gewinnt man den Eindruck, dass es hier vor allem darum geht, durchgeknallten Helikoptereltern zu erklären, wie behämmert und kontraproduktiv ihre Idee ist, Kinder vor jedem noch so abwegigen Risiko bewahren zu müssen. Ich habe Helikoptereltern bislang für ein medial aufgebauschtes Phänomen gehalten, über das sich Gymnasiallehrer auf Erfahrungsautauschwochenenden beklagen. Es scheint aber so real zu sein, dass der VCD und das Kinderhilfswerk eine ganze Kampagne dafür lostreten. Wie übersättigt, wie dekadent muss ein Land sein, dass massenweise ihre Kinder im Auto kutschierende Eltern zum Problem werden?
Seit dem 7.4. ist damit amtlich: Wir sind ein Land von Bekloppten und Bescheuerten.
Offenbar gibt bringen so viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule oder zum Kindergarten, dass sich hieraus echte Schwierigkeiten ergeben und ein Gegensteuern nötig wird. Da es unwahrscheinlich ist, dass Kinder von allein auf die Idee kommen, sie müssten unbedingt von Mami oder Papi chauffiert werden, frage ich mich, was in den Köpfen dieser Eltern vor sich geht. Was reitet solche Leute, dass sie ihren Kindern nicht einmal zutrauen, ein paar hundert Meter zur Schule zu gehen?
Zu meiner Kindheit gab es dieses Problem nicht, und es ist mir schleierhaft, wie es entstehen konnte. Damals gingen unsere Eltern mit uns den Schulweg ein paar mal mit, damit wir wussten, wo die Ampeln sind, aber spätestens nach einer Woche lautete die Ansage: Da Ranzen, dort Tür, du hast 20 Minuten. Natürlich, ab und zu wurden wir gefahren, aber das blieb die Ausnahme und brachte auch kaum Vorteile. Dass sich seit dieser Zeit eingeschliffen hat, Kindern nicht einmal mehr einen kurzen Fußweg zumuten zu wollen, lässt mich ernsthaft am Verstand der Eltern zweifeln. An der Länge der Schulwege hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts geändert. Wir haben weiterhin die gleiche Schuldichte in den Stadtteilen. An der Gefährlichkeit des Straßenverkehrs hat sich allenfalls zum Positiven etwas geändert, weil die Unfallzahlen stark zurück gingen, obwohl immer mehr Autos auf den Straßen fahren. Niemand kann also behaupten, dass der Schulweg derart zum unkalkulierbaren Risiko verkommen ist, dass dieser Gefahr nur noch mit Mamis SUV begegnet werden kann.
Allein schon der Aufruf "schlaue Laufaktionen" zu ersinnen, lässt tief blicken. Es sollte doch nichts einfacher sein, als seinem Kind zu sagen: Pass auf Maximilian-Alexander, du bist jetzt groß genug, ab morgen gehst du zu Fuß zur Schule. Doch die Kinder sind allem Anschein nach auch nicht die Schwierigkeit. Liest man sich den Text auf der Webseite durch, so gewinnt man den Eindruck, dass es hier vor allem darum geht, durchgeknallten Helikoptereltern zu erklären, wie behämmert und kontraproduktiv ihre Idee ist, Kinder vor jedem noch so abwegigen Risiko bewahren zu müssen. Ich habe Helikoptereltern bislang für ein medial aufgebauschtes Phänomen gehalten, über das sich Gymnasiallehrer auf Erfahrungsautauschwochenenden beklagen. Es scheint aber so real zu sein, dass der VCD und das Kinderhilfswerk eine ganze Kampagne dafür lostreten. Wie übersättigt, wie dekadent muss ein Land sein, dass massenweise ihre Kinder im Auto kutschierende Eltern zum Problem werden?
Seit dem 7.4. ist damit amtlich: Wir sind ein Land von Bekloppten und Bescheuerten.
Sonntag, 16. April 2017
Deutsche Riten Teil 3: Das Grundrecht zum Zappeln
Wer in diesem Land lebt, muss eine gewisse Vorliebe für Wiederholungen haben, wenn er nicht verzweifeln will.
Nein, es geht nicht ums Fernsehprogramm, sondern um die Tendenz der hier lebenden Menschen, regelmäßig einen unglaublichen Tanz darum zu veranstalten, dass Dinge immer noch so sind wie vorher.
Womit wir beim Thema wären: Tanzen. Man sollte meinen, wir seien ein Volk von Musikliebhabern. Vor allem am Karfreitag, da haben wir ja alle frei, da machen wir mal so richtig einen drau - ach nein, geht ja nicht, ist verboten, und jedes Mal veranstalten die Leute ein Theater, als sei das Tanzverbot gestern erst beschlossen worden. Seit Jahren.
Damit wir uns richtig verstehen: Ich halte das Tanzverbot für eine der idiotischsten Ideen, mit der die Kirchen ihren Machtanspruch behaupten. Rücksichtsnahme kann man nur leben, man kann sie nicht verordnen. Vor allem liefert man mit dieser sauertöpfischen Reglementierungswut den Kirchengegnern eine Steilvorlage, die damit alle Vorurteile bestätigt sehen. Trotzdem finde ich es lächerlich, wie sich die Leute über dieses Verbot aufregen. Die Grundfesten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung sehen sie gefährdet, wenn sie einen Tag lang nicht in der Disco herumtoben dürfen. Vergleiche mit den Taliban sind noch das Sachlichste, was durch die Kommentarspalten geht. Die Kirche, der große, totalitäre Gedankenkontrolleur.
Spannend finde ich, dass der Schrei nach dem Ende des Gesinnungsterrors ausgerechnet von denen stammt, die sonst keine Schwierigkeiten damit haben, Minderheiten mit dem Argument der Rücksichtnahme den Vortritt zu lassen. So ist es bei vielen Veranstaltungen des alternativen Spektrums vollkommen normal, dass dort vegetarisch oder sogar vegan gegessen wird, obwohl die Mehrheit der Anwesenden normalerweise Fleisch ist. Warum auch nicht? So lange das Essen schmeckt, ist mir offen gesagt egal, woraus es besteht.
Ich kenne von der Kirche betriebene Jugendzentren, die während der täglichen Verköstigung kein Schweinefleisch servieren, weil dort ab und zu auch Muslime vorbei kommen. Während des Ramadan gibt es auch für die Nichtmuslime nichts zu essen, um die fastenden muslimischen Kinder nicht unnötig zu belasten. Noch einmal: Betreiber ist die Kirche.
Wir finden den Anblick frierender Gestalten vor Kneipen völlig normal, weil drinnen nicht mehr geraucht werden darf. Busspuren, auf denen zweimal pro Stunde Busse fahren, Frauen- oder Behindertenparkplätze, die mitunter tagelang nicht genutzt werden - ja, selbst die CDU hat inzwischen eine Quote. Das sind lauter Beispiele, in denen wir persönliche Einschränkungen in Kauf nehmen, weil wir es gerecht finden, weil wir Rücksicht nehmen wollen.
Ich wohne in einer Gegend, in der es als Ausdruck der Lebensfreude gilt, sich die letzten Reste eines IQs mit Hilfe von Alkohol unter die Wahrnehmbarkeitsgrenze zu drücken, wo man, wenn man nachts um drei nach hause kommt, gern mal die Party mit voll aufgedrehter Anlage weiter gehen lässt, in der es vollkommen normal ist, sturzbetrunken nachts durch die Straßen zu marodieren und die Anwohnerinnen mit mehr herausgeschrieenen als gesungenen Karnevalsschlagern zu unterhalten, eine Gegend, in der man ganze Wochenenden hindurch damit leben muss, bei Freiluftveranstaltungen angefangen vom Soundcheck um 7 Uhr morgens bis hin zum fröhlichen Ausklang gegen 23 Uhr mit Ballermanmucke versorgt zu werden. Da ist es natürlich ein unzumutbarer Eingriff in die Menschenrechte, wenn man an einem Tag im Jahr die verbriefte Garantie hat, Andy Borg nicht hören zu müssen.
Letztlich sind mir die Argumente pro und contra aber auch egal. Ich habe sie gehört. Seit Jahrzehnten. Immer wieder. Die gleichen. Es hat sich nichts geändert. In den sozialen Medien werden dem Anschein nach einfach die Tweets des Vorjahrs ausgegraben und erneut abgeschickt, und jeder kommt sich dabei wahnsinnig witzig und originell vor. Hui, was bin ich mutig, ich lege mich mit der ach so mächtigen Kirche an, schaut her.
Jou, das ist ungefähr so tapfer wie bei der Schulhofprügelei die ganze Zeit daneben zu stehen und am Ende bei dem am Boden Liegenden noch einmal kräftig nachzutreten. Sich mit der Kirche anzulegen, mag in bayerischen Bergdörfern tatsächlich noch so etwas wie Mumm erfordern, im zivilisierten Rest der Republik ist es einfach nur peinlich.
Nein, es geht nicht ums Fernsehprogramm, sondern um die Tendenz der hier lebenden Menschen, regelmäßig einen unglaublichen Tanz darum zu veranstalten, dass Dinge immer noch so sind wie vorher.
Womit wir beim Thema wären: Tanzen. Man sollte meinen, wir seien ein Volk von Musikliebhabern. Vor allem am Karfreitag, da haben wir ja alle frei, da machen wir mal so richtig einen drau - ach nein, geht ja nicht, ist verboten, und jedes Mal veranstalten die Leute ein Theater, als sei das Tanzverbot gestern erst beschlossen worden. Seit Jahren.
Damit wir uns richtig verstehen: Ich halte das Tanzverbot für eine der idiotischsten Ideen, mit der die Kirchen ihren Machtanspruch behaupten. Rücksichtsnahme kann man nur leben, man kann sie nicht verordnen. Vor allem liefert man mit dieser sauertöpfischen Reglementierungswut den Kirchengegnern eine Steilvorlage, die damit alle Vorurteile bestätigt sehen. Trotzdem finde ich es lächerlich, wie sich die Leute über dieses Verbot aufregen. Die Grundfesten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung sehen sie gefährdet, wenn sie einen Tag lang nicht in der Disco herumtoben dürfen. Vergleiche mit den Taliban sind noch das Sachlichste, was durch die Kommentarspalten geht. Die Kirche, der große, totalitäre Gedankenkontrolleur.
Spannend finde ich, dass der Schrei nach dem Ende des Gesinnungsterrors ausgerechnet von denen stammt, die sonst keine Schwierigkeiten damit haben, Minderheiten mit dem Argument der Rücksichtnahme den Vortritt zu lassen. So ist es bei vielen Veranstaltungen des alternativen Spektrums vollkommen normal, dass dort vegetarisch oder sogar vegan gegessen wird, obwohl die Mehrheit der Anwesenden normalerweise Fleisch ist. Warum auch nicht? So lange das Essen schmeckt, ist mir offen gesagt egal, woraus es besteht.
Ich kenne von der Kirche betriebene Jugendzentren, die während der täglichen Verköstigung kein Schweinefleisch servieren, weil dort ab und zu auch Muslime vorbei kommen. Während des Ramadan gibt es auch für die Nichtmuslime nichts zu essen, um die fastenden muslimischen Kinder nicht unnötig zu belasten. Noch einmal: Betreiber ist die Kirche.
Wir finden den Anblick frierender Gestalten vor Kneipen völlig normal, weil drinnen nicht mehr geraucht werden darf. Busspuren, auf denen zweimal pro Stunde Busse fahren, Frauen- oder Behindertenparkplätze, die mitunter tagelang nicht genutzt werden - ja, selbst die CDU hat inzwischen eine Quote. Das sind lauter Beispiele, in denen wir persönliche Einschränkungen in Kauf nehmen, weil wir es gerecht finden, weil wir Rücksicht nehmen wollen.
Ich wohne in einer Gegend, in der es als Ausdruck der Lebensfreude gilt, sich die letzten Reste eines IQs mit Hilfe von Alkohol unter die Wahrnehmbarkeitsgrenze zu drücken, wo man, wenn man nachts um drei nach hause kommt, gern mal die Party mit voll aufgedrehter Anlage weiter gehen lässt, in der es vollkommen normal ist, sturzbetrunken nachts durch die Straßen zu marodieren und die Anwohnerinnen mit mehr herausgeschrieenen als gesungenen Karnevalsschlagern zu unterhalten, eine Gegend, in der man ganze Wochenenden hindurch damit leben muss, bei Freiluftveranstaltungen angefangen vom Soundcheck um 7 Uhr morgens bis hin zum fröhlichen Ausklang gegen 23 Uhr mit Ballermanmucke versorgt zu werden. Da ist es natürlich ein unzumutbarer Eingriff in die Menschenrechte, wenn man an einem Tag im Jahr die verbriefte Garantie hat, Andy Borg nicht hören zu müssen.
Letztlich sind mir die Argumente pro und contra aber auch egal. Ich habe sie gehört. Seit Jahrzehnten. Immer wieder. Die gleichen. Es hat sich nichts geändert. In den sozialen Medien werden dem Anschein nach einfach die Tweets des Vorjahrs ausgegraben und erneut abgeschickt, und jeder kommt sich dabei wahnsinnig witzig und originell vor. Hui, was bin ich mutig, ich lege mich mit der ach so mächtigen Kirche an, schaut her.
Jou, das ist ungefähr so tapfer wie bei der Schulhofprügelei die ganze Zeit daneben zu stehen und am Ende bei dem am Boden Liegenden noch einmal kräftig nachzutreten. Sich mit der Kirche anzulegen, mag in bayerischen Bergdörfern tatsächlich noch so etwas wie Mumm erfordern, im zivilisierten Rest der Republik ist es einfach nur peinlich.
Donnerstag, 23. März 2017
Lowtech-Terrorismus
Es ist nicht etwa so, als hätte es niemand kommen sehen.
Nach den Amokfahrten von Nizza und Berlin schien die Lösung gefunden: Packt dicke Betonsperren vor Fußgängerzonen, in denen Weihnachtsmärkte oder Karnevalsumzüge stattfinden. Achtet verstärkt auf LKW, denn wie jeder weiß, sind Terroristen nicht anpassungsfähig.
Klar, sie haben nicht aus Flugzeugentführungen gelernt, dass Geiselnahmen und langwierige Verhandlungen mit den Behörden selten Erfolg haben und haben deswegen nicht auf Selbstmordattentate umgesattelt.
Klar, sie haben nach den Selbstmordattentaten vom 11. September 2001 nicht gelernt, dass Flugzeuge jetzt aufwendiger geschützt werden und haben ihre Angriffe deswegen nicht von den Flugzeugen auf die Warteschlangen vor der Sicherheitsschleuse verlagert.
Klar, sie haben ihren Schwerpunkt nicht von den inzwischen stark kontrollierten Flughäfen auf Fußgängerzonen bewegt.
Deswegen war auch völlig unabsehbar, dass sie künftig keine LKW, sondern kleinere Fahrzeuge benutzen werden, dass sie nie auf die Idee kämen, außerhalb der ganz großen Massenaufläufe wie Weihnachtsmärkten oder Faschingsumzügen, zuzuschlagen und dass sie auf keinen Fall die mit Pollern noch relativ gut zu schützenden Fußgängerzonen meiden und statt dessen die vielen tausend Kilometer praktisch unschützbarer Bürgersteige angreifen könnten.
Mit anderen Worten: Terrorismus ist seit jeher eine Lowtech-Kampftaktik. Seine Gefährlichkeit besteht darin, dass er gerade keine Armee mit ausgebildeten Soldaten, keinen millionenschweren Etat und keine ausgefeilten Werkzeuge braucht. Sein Schrecken kommt zustande, weil er jederzeit und überall zuschlagen könnte, weil es prinzipiell keine Möglichkeit gibt, sich gegen ihn zu schützen, und wenn doch, dann nur zum Preis, genau den totalitären Staat zu bekommen, den zu schaffen man den Terrorismus eigentlich hindern wollte.
Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die mit Sicherheit wieder aufkommenden Forderungen betrachtet: Wir sollten ganz bestimmt die Vorratsdatenspeicherung einführen. Ach, die haben wir schon? Na, dann hat das ja wohl offensichtlich nicht ausgereicht, dann müssen wir noch viel mehr und für viel längere Zeit speichern.
Um was genau zu erreichen?
Keine Ahnung, hab ich vergessen. Woran ich mich erinnern kann, ist der Aufsichtsratsposten, der mir nach meiner Politiklaufbahn versprochen wurde - wie der Zufall es so will, bei einem Unternehmen aus der Sicherheitsbranche. Deswegen fordere ich auch Internetzen... äh Netzsperren, weil, weil (jetzt hab ich's), weil der Attentäter bestimmt bei Facebook mit seiner Tat geprahlt hat. Hat er nicht? Na, dann haben andere Leute darüber geschrieben, ist doch auch egal. Internet böse.
Immer wieder gern gefordert wird nach solchen Anschlägen die Ausweitung der Kameraüberwachung. In London. Einer der Städte mit der höchsten Dichte an Überwachungskameras weltweit. Hat ja prima funktioniert. Was genau soll das bezwecken. Den Anschlag verhindern konnte es offenbar nicht.
Ja, aber es erleichtert die Aufklärung enorm. Man kann den Täter viel leichter finden.
Der Täter. Der Selbstmord-Attentäter. Der liegt jetzt, in dieser Sekunde, in der Pathologie. Wir können nahezu alles über ihn sagen: was er zuletzt gegessen hat, ob er Diabetes hatte und ob sein Zahnarzt was taugt. Das alles können wir sagen, ohne auch nur ein einziges Überwachungsvideo angestarrt und uns zusammen mit einem herbeigekarrten Terrorexperten darüber ausgelassen zu haben, warum er auf der Brücke nicht 10 cm weiter rechts gefahren ist und was das über seine Pläne aussagt.
So schwer der Gedanke zu ertragen sein mag, wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir einsehen müssen, dass der Überwachungsstaat, dass der Totalitarismus uns nicht vor Terroranschlägen schützen können. Selbst wenn wir von heute auf morgen Autos verbieten oder alle Bürgersteigkanten mit Fangzäunen gegen Autos ausstatten, dann haben wir Situationen wie letzten Sommer in Würzburg, wo ihn der Regionalbahn jemand mit einer Axt auf Reisende losgegangen ist, und wenn wir Äxte verbieten, nimmt der nächste Terrorist zur Not ein weggeworfenes Metallrohr. Wie ich eingangs schon schrieb: Terrorismus braucht keine Passagierflugzeuge. Ein Stein reicht im Zweifelsfall aus.
Nach den Amokfahrten von Nizza und Berlin schien die Lösung gefunden: Packt dicke Betonsperren vor Fußgängerzonen, in denen Weihnachtsmärkte oder Karnevalsumzüge stattfinden. Achtet verstärkt auf LKW, denn wie jeder weiß, sind Terroristen nicht anpassungsfähig.
Klar, sie haben nicht aus Flugzeugentführungen gelernt, dass Geiselnahmen und langwierige Verhandlungen mit den Behörden selten Erfolg haben und haben deswegen nicht auf Selbstmordattentate umgesattelt.
Klar, sie haben nach den Selbstmordattentaten vom 11. September 2001 nicht gelernt, dass Flugzeuge jetzt aufwendiger geschützt werden und haben ihre Angriffe deswegen nicht von den Flugzeugen auf die Warteschlangen vor der Sicherheitsschleuse verlagert.
Klar, sie haben ihren Schwerpunkt nicht von den inzwischen stark kontrollierten Flughäfen auf Fußgängerzonen bewegt.
Deswegen war auch völlig unabsehbar, dass sie künftig keine LKW, sondern kleinere Fahrzeuge benutzen werden, dass sie nie auf die Idee kämen, außerhalb der ganz großen Massenaufläufe wie Weihnachtsmärkten oder Faschingsumzügen, zuzuschlagen und dass sie auf keinen Fall die mit Pollern noch relativ gut zu schützenden Fußgängerzonen meiden und statt dessen die vielen tausend Kilometer praktisch unschützbarer Bürgersteige angreifen könnten.
Mit anderen Worten: Terrorismus ist seit jeher eine Lowtech-Kampftaktik. Seine Gefährlichkeit besteht darin, dass er gerade keine Armee mit ausgebildeten Soldaten, keinen millionenschweren Etat und keine ausgefeilten Werkzeuge braucht. Sein Schrecken kommt zustande, weil er jederzeit und überall zuschlagen könnte, weil es prinzipiell keine Möglichkeit gibt, sich gegen ihn zu schützen, und wenn doch, dann nur zum Preis, genau den totalitären Staat zu bekommen, den zu schaffen man den Terrorismus eigentlich hindern wollte.
Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die mit Sicherheit wieder aufkommenden Forderungen betrachtet: Wir sollten ganz bestimmt die Vorratsdatenspeicherung einführen. Ach, die haben wir schon? Na, dann hat das ja wohl offensichtlich nicht ausgereicht, dann müssen wir noch viel mehr und für viel längere Zeit speichern.
Um was genau zu erreichen?
Keine Ahnung, hab ich vergessen. Woran ich mich erinnern kann, ist der Aufsichtsratsposten, der mir nach meiner Politiklaufbahn versprochen wurde - wie der Zufall es so will, bei einem Unternehmen aus der Sicherheitsbranche. Deswegen fordere ich auch Internetzen... äh Netzsperren, weil, weil (jetzt hab ich's), weil der Attentäter bestimmt bei Facebook mit seiner Tat geprahlt hat. Hat er nicht? Na, dann haben andere Leute darüber geschrieben, ist doch auch egal. Internet böse.
Immer wieder gern gefordert wird nach solchen Anschlägen die Ausweitung der Kameraüberwachung. In London. Einer der Städte mit der höchsten Dichte an Überwachungskameras weltweit. Hat ja prima funktioniert. Was genau soll das bezwecken. Den Anschlag verhindern konnte es offenbar nicht.
Ja, aber es erleichtert die Aufklärung enorm. Man kann den Täter viel leichter finden.
Der Täter. Der Selbstmord-Attentäter. Der liegt jetzt, in dieser Sekunde, in der Pathologie. Wir können nahezu alles über ihn sagen: was er zuletzt gegessen hat, ob er Diabetes hatte und ob sein Zahnarzt was taugt. Das alles können wir sagen, ohne auch nur ein einziges Überwachungsvideo angestarrt und uns zusammen mit einem herbeigekarrten Terrorexperten darüber ausgelassen zu haben, warum er auf der Brücke nicht 10 cm weiter rechts gefahren ist und was das über seine Pläne aussagt.
So schwer der Gedanke zu ertragen sein mag, wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir einsehen müssen, dass der Überwachungsstaat, dass der Totalitarismus uns nicht vor Terroranschlägen schützen können. Selbst wenn wir von heute auf morgen Autos verbieten oder alle Bürgersteigkanten mit Fangzäunen gegen Autos ausstatten, dann haben wir Situationen wie letzten Sommer in Würzburg, wo ihn der Regionalbahn jemand mit einer Axt auf Reisende losgegangen ist, und wenn wir Äxte verbieten, nimmt der nächste Terrorist zur Not ein weggeworfenes Metallrohr. Wie ich eingangs schon schrieb: Terrorismus braucht keine Passagierflugzeuge. Ein Stein reicht im Zweifelsfall aus.
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