Samstag, 4. Juni 2022

Dokumentiertes Scheitern für neun Euro

Woran Sie an jedem beliebigen Punkt erkennen können, wo sich ein Teutone herumtreibt? Gehen Sie dorthin, wo am lautesten herumgejammert wird.

So zum Beispiel bei der Einführung des Neun-Euro-Tickets. Das ist in meinen Augen ein so richtiger Schritt in eine so richtige Richtung, dass ich allenfalls an Details herummäkle wie der Frage, warum nicht gleich gratis, weil die neun Euro für die Verkehrsbetriebe wahrscheinlich nicht einmal den Abrechnungsaufwand kompensieren, und warum nicht gleich für immer, um sowohl sozial als auch ökologisch Zeichen zu setzen. Insgesamt aber begrüße ich das Ticket sehr, nicht obwohl, sondern weil die Verkehrsbetriebe daran scheitern werden.

"Das ist doch noch gar nicht gesagt. Wir können nicht so früh schon absehen, wie viele Leute das Ticket tatsächlich nutzen und damit das System überlasten werden."

Doch, das kann ich bereits jetzt mit absoluter Sicherheit sagen. Es musste nicht ein einziges Neun-Euro-Ticket verkauft werden, um den ÖPNV kollabieren zu lassen. Er ist es schon längst. Vor knapp vier Jahren habe ich angefangen, meine eigene Pünktlichkeitsstatistik der Bahn anzufertigen, weil ich den mathematischen Tricksereien des Unternehmens nicht über den Weg traue und es mich nicht im geringsten interessiert, dass der bundesweite Schnitt total töfte ist, wenn rein zufällig auf den von mir genutzten Linien die Realität anders aussieht. Deswegen habe ich über 900 von mir genutzte Züge erfasst. Hiervon waren gerade einmal 38,5 Prozent pünktlich. Die Bahn lügt sich diese Zahlen freilich schön, indem sie einen Zug erst ab 6 Minuten Verspätung als unpünktlich wertet. Die Absurdität dieser Manipulation wird deutlich, wenn das mir von der Bahn ausgestellte Ticket acht Minuten Umsteigezeit ausweist, die auf zwei bis drei Minuten Sprint mit Gepäck zusammenschnurren, ohne dass sich die Bahn in der Verantwortung sieht, denn ihre Züge waren ja pünktlich.

Aber wir wollen nicht kleinlich sein und der Bahn-Mathematik, dass 5 gleich 0 ist, folgen. Nach dieser Rechnung wären immerhin 74,4 Prozent der Züge pünklich. Das hört sich zwar deutlich besser an, aber bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass  im Durchschnitt jeder einzelne Zug 16 Minuten später als geplant eintraf. In 2,5 Prozent der Fälle fiel der Zug gleich ganz aus.

Während der Pandemie war ich wenig überraschend selten in den rollenden Superspreader-Events unterwegs, habe aber gehört, dass die Bahn die Aufgabe, leere Züge durchs Land zu rollen, erstaunlich gut bewältigt hat. Diese Beobachtung wiederum passt schön zur offiziellen Erklärung, warum mein Zug gestern mit einer Stunde Verspätung durch die Lande schlich: "ein- und aussteigende Fahgäste". JA MEINE GÜTE, WER HÄTTE DENN AHNEN KÖNNEN, DASS IRGENDWER AUF DIE IDEE KOMMT, EINEN HERUMROLLENDEN ZUG AUCH ZU NUTZEN? Die Türen waren zur Belüftung gedacht, nicht zum Ein- und Aussteigen.

Ich sehe deswegen das Neun-Euro-Ticket als Chance. Millionen Menschen haben sich das Ticket gekauft, werden es ausprobieren und damit am eigenen Leib erfahren, wie großartig gerade in Zeiten explodierender Energiekosten ein funktionierendes Bahnnetz wäre und wie weit wir davon entfernt sind. Millionen Bahnneulinge werden sehen, was es heißt, eine Stunde auf einem Bahnsteig herumzusitzen, weil der eine Anschlusszug knapp verpasst wurde und der nächste mit einer halben Stunde Verspätung eintrifft. Mit ungläubigem Staunen werden sie erleben, wie ein proppevoller Zug über eine Stunde vor dem eigentlichen Ziel einfach seine Fahrt beendet, hunderte Fahrgäste rausschmeißt und dann umkehrt, weil er sonst keine Chance hat, wieder in den vorgesehenen Fahrtenrhythmus zurückzufinden. Außerdem werden alle ausgefallenen Bahnhöfe als "pünktlich" gewertet, was auf wundersame Weise die Statistik wieder aufpoliert. Vielleicht wird ihnen angesichts dieser Zustände, die eher einem Entwicklungsland zu Gesicht stünden als einer der führenden Industrienationen dieses Planeten, ein Licht aufgehen.

Ein Licht nämlich, dass Spritpreise niemanden bewegen, genauer: nicht bewegen können, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Ich habe in den vergangenen Wochen viel gelesen über Städte, die für Autos und nicht für Menschen gebaut wurden und vor allem das Lamento über das Voraben der Bundesregierung, durch eine Senkung der Mineralölsteuer den explodierenden Bezinpreisen entgegenzuwirken, was ja ökologisch wohl das völlig falsche Signal sei. Ist es auch, aber der Glaube, es reiche, ein bis dato beliebtes Verkehrsmittel einfach zu verteuern, um damit einem anderen zu mehr Beliebtheit zu verhelfen, kann nur von Leuten kommen, die sich ohnehin kein Auto leisten können und deswegen nie vor die Wahl gestellt waren. Wir könnten Benzin so teuer wie Druckertinte werden lassen, ohne dass sich etwas änderte. Ich bin beruflich viel mit der Bahn unterwegs. Auf einer meiner Strecken brauche ich mit der Bahn für knapp 100 Kilometer etwa drei bis dreieinhalb Stunden. Mit dem Auto wäre ich in 90 Minuten da. Ein weiteres von mir oft besuchtes Ziel liegt über vier Kilometer vom Bahnhof entfernt, zu einem dritten sind es 10 Kilometer. Teilweise lassen sich diese Distanzen mit einem Bus verkürzen, setzen aber Wartezeiten von einer halben Stunde und mehr sowie einige Umstiege voraus. Da ich mit wenig Gepäck unterwegs bin, gern ein paar Kilometer laufe und die Reise als eine Art Abenteuer ansehe, ist das alles für mich noch erträglich, aber wer diese Strecke täglich pendeln muss, wird jeden Spritpreis bezahlen, weil er für Spielchen keine Zeit hat.

Der niedrige Ticketpreis nährt auch die Befürchtung, Heerscharen von Punks und Anarchos könnten sich jetzt in den Zug nach Sylt setzen, um dort die Reichen zu ärgern. Erstens: Wie bereits geschrieben, erfordert Bahnreisen Zeit. Dass sich also  außerhalb Schleswig-Holsteins nennenswert viele Menschen auf die Reise in den äußersten Nordwesten begeben, halte ich aus Bequemlichkeitsgründen für unwahrscheinlich. Wenn überhaupt werden Leute aus den Nordländern anreisen, und da gab es vorher schon erschwingliche Verbundtickets. Zweitens ist das Teure an Sylt nicht das Hinkommen, sondern das Dasein. Drittens: Wie kläglich, wie spießbürgerlich-borniert muss ein Kleingeist sein, sein Ziel darin zu sehen, stundenlange Strapazen auf sich zu nehmen, nur um ein paar Pfeffersäcken auf denselbigen zu gehen? Ist es das, was von der Revolution übrig blieb? Lass sie doch ruhig reich sein. So lange ich nicht vorhabe, daran etwas zu ändern - was ja durchaus ein Ziel sein kann -, soll es mir egal sein. Dafür fahre ich nicht nach Sylt. So schön ist diese Insel wirklich nicht. Da kenne ich im Norden einige viel hübschere Ecken.

Nehmt Euch das Ticket. Habt Spaß dabei. Seht es als Experiment. Ihr habt die Möglichkeit zu erleben, wie marode unser Nahverkehrssystem ist - so kaputt, dass selbst neun Euro ein mutiger Preis sind. Doch dieser Zustand kommt nicht von allein. Er kommt von sich über Jahrzehnte hinziehenden Fehlentscheidungen, vom Kaputtsparen, vom Versuch, ein System an die Börse zu bringen, vom neoliberalen Fetisch, funktionierende Infrastrukturen als lästigen Kostenfaktor zu begreifen und sie deshalb zu privatisieren, was am Ende zu Gewinnorientierung führt - oft dem genauen Gegenteil von Funktionieren.

Das muss aber nicht so sein. Ihr habt jetzt drei Monate Zeit, die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit kennenzulernen - um dann kräftig Druck auf Eure Abgeordneten auszuüben, dieses System zu reparieren. Das Geld dazu ist da - nicht nur bei den Pfeffersäcken auf Sylt.