Dienstag, 22. Januar 2013

Verbietet Django!

Mit Wut und Trauer reagieren die Autor_innen dieses Blogs auf die positive Rezeption jüngste rassistisch-sexistische Gewaltorgie namens "Django Unchained" des Imperialistenregisseurs Quentin Tarantino. Besonders bestürzt sie dabei, dass es dem Propagandaapparat der Filmindustrie gelang, selbst üblicherweise kritische Blogger_innen mit Migrationshintergrund über die wahren Absichten des Machwerks zu täuschen.

Im 165minütigen Hetzepos werden PoCs durchgehend als N- beschimpft. Frauen kommen als handelnde Figuren nicht vor, sondern werden nur als Objekt männlicher Begierde und Gewaltphantasien dargestellt, so beispielsweise in einer minutenlangen SM-Sequenz, in der ein weißer Farmer eine PoC auspeitscht, ohne dafür wenigstens eine rote Creeper-Card zu bekommen. Der durch seine kritiklos-unreflektierte Darstellung des Nazi-Obersts Hans Landa im Tarantino-Streifen "Inglorious Basterds" bereits in Verruf geratene deutsche Schauspieler Christoph Waltz spielt diesmal den deutschstämmigen (sic!) Dr. King Schultz, welcher der makaberen Profession eines Kopfgeldjägers nachgeht und in seiner Gier das Sklavereisystem der US-amerikanischen Südstaaten finanziell unterstützt. Mehrere Sklavenhalter (auch hier eine weitere Glorifizierung einer männerdominierten Gesellschaft) werden als erfolgreiche, gebildete und gut gekleidete Geschäftsleute dargestellt, allen voran Calvin Candle, gespielt vom durch "Titanic" bekannten Schauspieler Leonardo DiCaprio - ein offensichtlicher Versuch, die durch diese Rolle erlangte Popularität auf die Figur des Rassisten zu übertragen. Anstatt sich nun in einer kritisch-wissenschaftlichen Reflexion mit der Rolle des Mannes in der Diskriminierung von PoCs auseinanderzusetzen, greifen die Protagonisten zum offensichtlich einzigen Argument, das männlichen Weißen zur Verfügung steht: zur Gewalt. Die ist zwar unter gewissen Umständen nicht prinzipiell zu verdammen, gipfelt aber bei "Django Unchained" in der sadistischen Ermordung der von Samuel L. Jackson gespielten PoC Stephen, genau der Person, die mit Candle in partnerschaftlich-gleichberechtigter Weise auf dessen Farm zusammenlebt - ein Zustand, den Tarantino offensichtlich nicht tolerieren kann.

Unser Aufruf ist deswegen klar: Klärt über die wahren Hintergründe des Films auf! Setzt euch dafür ein, dass der Film nur in einer überarbeiteten Fassung in die deutschen Kinos kommt, einer Fassung, in der statt des N-Worts die angemessene Bezeichnung PoC gewählt wird, einer Fassung, die statt endloser Gewaltexzesse zeigt, wie Konflikte im friedlichen Miteinander gelöst werden können, einer Fassung, in der die Rolle Djangos, die jahrzehntelang nur von Männern gespielt wurde, endlich mit einer Frau besetzt ist.

Wir zählen auf euch.

Freitag, 11. Januar 2013

In die Provokationsfalle getappt

Der RCDS - das sind die Typen, die unter jugendlicher Rebellion das Tragen von Snoopy-Krawatten verstehen und nach ihrem BWL-Studium in die erregende Welt der Rechnungsprüfung einsteigen wollen. Leute - mit denen hat man Mitleid, die nimmt man doch nicht ernst.

Der RCDS - das sind die Typen, mit denen man schon früher im Sandkasten nicht spielen wollte, weil die da bereits so klangen wie ihre eigenen Eltern. Das sind die Typen, die später in der Schule ihre Angepasstheit wie eine Monstrans vor sich hertrugen, deren Klamotten so aussahen, als wollten ihre Träger gleich einen Werbespot für Kinder-Schokolade drehen. Wenn sich Disney-Musicalproduzenten mit Pastoren der evangelischen Kirche zusammenschlössen, um ihre Vorstellung des idealen Menschen zu verwirklichen, käme so etwas heraus. Mit anderen Worten: Leute wie Jan Fleischhauer.

Jetzt guckt euch dieses jämmerliche Plakat mal genauer an. Ich bin ja nun wirklich kein Freund des Genderns, aber so leer kann mein Leben gar nicht sein, dass ich sowas zum Wahlkampfthema erhebe. Ich wiederhole mich: Da hat man Mitleid, das nimmt man nicht ernst.

Statt dessen steigt die gescholtene Gruppe voll auf die Provokation ein und wendet sogar noch die Mühe auf, das entsprechende Comic-Heftchen, dem das Bildchen entnommen wurde, hervorzukramen, um festzustellen, dass - Himmel nein - Batman in dieser Episode eine Zwangsstörung entwickelt hat. Darüber darf man keine Witze reißen.

Manchmal verblüfft es mich wirklich, wie verkrampft Teile der Nerdkultur daher kommen. Das ganze Wesen der Meme besteht darin, Dinge aus dem Kontext zu reißen. Ich weiß nicht, wie viele Versionen von Hitlers Tobsuchtsanfall im Film "der Untergang" inzwischen auf Youtube herumliegen. Da jammert auch keiner herum, dass einer der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte mit dem Erscheinen des neuen I-Phones in Verbindung gebracht wird.

Oder nehmen wir Guy Fawkes. Genau, den aus "V for Vendetta". Das historische Vorbild war nicht etwa ein Freiheitskämpfer, sondern ein katholischer Fundamentalist und antidemokratischer Terrorist. Entsprechende Bemerkungen fluten traditionell an jedem 5.11. Twitter. Mit Verlaub, ich weiß auch, wie man Stichworte in eine Suchmaschine eingibt und habe die entsprechenden Artikel schon vor Jahren gelesen. Trotzdem mag ich den Film.

Die Nerdkultur zitiert ständig die Ästhetik stalinistischer, chinesischer oder nordkoreanischer Propaganda - alles Regimes, die vorsichtig gesagt ein sehr entspanntes Verhältnis zu Grund- und Menschenrechten haben. Darf man angesichts dieser Abgründe deren Symbolik verwenden? War es nicht unfassbar geschmacklos, als der CCC das RAF-Logo verfremdete und statt der Maschinenpistole eine Tastatur mit dem Kommunistenstern kombinierte?

Wie wäre es, wenn alle jetzt einmal tief durchatmen und etwas entspannen? Das RCDS-Plakat ist lächerlich, aber meine Güte, dann zeigen sie halt Batman, wie er Robin ohrfeigt. Das hat auch nichts mit Gewaltvererrlichung zu tun, jedenfalls nicht mehr als die roten Creeper-Cards, die auf dem letzten Congress verteilt wurden und verkündeten, der Empfänger solle froh sein, "die Karte und keinen Schlag ins Gesicht bekommen zu haben". Mit genau solchen Formulierungen haben diejenigen, die sich über das Plakat ereifern, wiederum keine Schwierigkeiten.

Montag, 7. Januar 2013

Umzug geglückt

Die Mängelliste im Vorfeld war lang: Der Congress werde nicht mehr so sein wie früher, damals in den goldenen Zeiten, als man im wundervollen Berlin entweder Glück bei der Ticketlotterie oder gute Beziehungen zu den richtigen CCC-Mitgliedern hatte, die es irgendwie deichseln konnten, dass man an Eintrittskarten gelangen konnte, obwohl sie offiziell längst ausverkauft waren. Es könne ja wohl nicht angehen, dass jeder Hinz und Kunz jetzt zum Congress kommen könnte, da sänke dessen Niveau. A propos Niveau, das sei ja ohnehin nicht mehr vorhanden, weil kein einziger hochkarätiger, will sagen: technischer Vortrag im Programm zu finden sei. Ich habe mir angewöhnt, auf solche Bemerkungen hin zu fragen, zu welchem Thema die eigene Einreichung gewesen war. Der Gesichtsausdruck meines Gegenübers pflegte daraufhin ausnahmslos die gleiche Leere zu zeigen: "Was meinst Du mit Einreichung?"

Naja, ich gehe davon aus, dass du, dem ich ohne Weiteres zutraue, auf dem Congress einen guten technischen Vortrag zu halten, deinen Beitrag zur Wahrung des Niveaus geleistet und selbst etwas eingereicht hast.

"Ja, nee, ich meine, also, äh, wieso sollte ich was einreichen?"

Weil ich hinter jeder Tastatur zehn Blödmänner finde, die sich das Maul darüber zerreißen, wie doof der Congress ist, aber keiner von denen aufsteht und dazu beiträgt, es zu verbessern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du auch einer dieser Deppen bist.

Die darauf folgende Rechtfertigungslitanei höre ich nur noch zum Teil, weil ich meine Zeit gern sinnvoller verbringe und mich bereits anderen Dingen zugewandt habe.

Um es auf den Punkt zu bringen: Der Umzug nach Hamburg war in meinen Augen das Beste, was dem Congress passieren konnte. Ja stimmt, es ist nicht das hippe, coole Berlin, das ja so viel besser als alles Andere in der Republik ist, aber offen gesagt habe ich in den letzten Jahren in Berlin praktisch nichts von der Stadt mitbekommen. Der Congress hätte auf Norderney stattfinden können, und ich hätte nur bei der An- und Abreise einen Unterschied bemerkt. Das CCH versprüht nicht den zugegebenermaßen faszinierenden Retrocharme des BCC, aber dafür ist es so herrlich verwinkelt und unübersichtlich, dass es zusammen mit der bewundernswerten Phantasie, die Nerds bei der Raumgestaltung nun einmal an den Tag legen, eher sogar noch gemütlicher wirkt. Vor allem aber ist es eins: größer.

Das BCC war schön, aber wer mitbekommen hat, wie zum Schluss Stände an Ecken aufgebaut wurden, wo die Betreuerinnen Winterjacken tragen mussten, um es überhaupt auszuhalten, weiß das Platzangebot des CCH zu schätzen. Wer einen Stand aufbauen wollte, musste nur bis zu einem Stichtag Bescheid gegeben haben und bekam eine brauchbare Fläche.

Saal 1 im BCC war ebenfalls schön, aber die Unsitte der vergangenen Jahre, sich einen oder zwei Vorträge vor einer tendenziell überfüllten Veranstaltung schon in den Raum zu setzen, gelangweilt dort herumzuhängen und den Referenzen zu frustrieren, nur um für Frank und Fefe einen vernünftigen Sitzplatz zu haben, ging mir gehörig auf die Nerven. Auch in diesem Jahr waren vereinzelt Säle wegen Überfüllung geschlossen, aber es kam weit seltener vor, und wenn die Veranstalter gewollt hätten, wären selbst bei der Fnord-Newsshow noch einige hundert Plätze zu besetzen gewesen.

Insgesamt war Entspannung der Haupteindruck, den der 29c3 bei mir hinterließ. Ich konnte in aller Ruhe im Vorverkauf ein Ticket bekommen, ich musste nur kurz in der Schlange stehen, um mein Eintrittsbändchen zu bekommen, ich hatte keine Schwierigkeiten, in die Vorträge zu kommen, die ich besuchen wollte, das Netz war fast ständig stabil, und nirgendwo gab es Gedränge.

Gut, ein Punkt war nicht entspannt, und ich verstehe trotz mehrfacher Gespräche nicht, worum es den Leuten geht: Die Congress-Organisation möchte, dass sich alle Teilnehmer sicher fühlen. Aus diesem Grund gab es auf dem 29c3 eine Rufnummer, bei der man Belästigungen melden konnte. Warum man nicht einfach das ebenfalls vorhandene Sicherheitsteam anrufen kann, finde ich zwar merkwürdig, aber nicht kritisierenswert. Was ich kritisierenswert finde, sind die grünen, gelben und roten Karten, so genannte Creeper Cards, die mit teils sehr wirren Erklärungen verbunden verteilt wurden. Offenbar bestand ihr Sinn darin, erwünschtes, bedenkliches und unangemessenes Sozialverhalten ohne große Erklärung zu sanktionieren. Wenn Sie sich jetzt fragen, wozu wir Menschen dieses komische Ding namens Sprache erfunden haben, berühren Sie den gleichen Punkt, den ich auch nicht erklären kann. Ich habe erhebliche Zweifel, dass eine still überreichte Pappkarte mit einem moralgeschwängerten Erklärungstext verbunden mit der Androhung körperlicher Gewalt beim Empfänger die gewünschte Reaktion auslöst, und selbst wenn es eine gewisse Erfolgswahrscheinlichkeit gäbe, sinkt sie beim missbräuchlichen Einsatz der Karten. Genau das war meiner Meinung nach beim Hacker Jeopardy der Fall.

Wer die Veranstaltung kennt, weiß: Das hier ist kein Ort feinsinniger Betrachtungen und filigran gesponnener Pointen, sondern hier geht es grob zu. Die beiden Moderatoren lassen bisweilen kein gutes Haar an ihren Kandidaten, und wer beispielsweise das Morsesignal SOS selbst nach mehrfachem Hinhören nicht erkennt oder offenbar erstmals von der Existenz eines Editors namens vi erfährt, braucht sich über böse Kommentare nicht zu wundern. Das sahen mehrere Leute im Publikum offenbar anders, die es also irgendwie echt total diskriminierend du fanden, dass die Moderatoren unter anderem Witze über eine Kandidatin rissen, die sich auf der Bühne nicht gerade mit Ruhm bekleckerte. Wie schon gesagt: Das gehört zum Konzept, und die Männer kamen auch nicht besser davon. Bei Männern ist das auch OK, bei Frauen aber wahnsinnig böse, insbesondere dann, wenn man sich darüber hinaus auch noch ein paar Sticheleien über Genderthemen leistet, denn bekanntlich beginnt Sexismus bereits dann, wenn man Menschen, die sich darüber streiten, ob es MenschInnen, Mensch_innen oder Mensch*innen heißt, nicht allumfassend und in jeder Hinsicht total ernst nehmen kann. Wer in solchen Fällen rote Karten verteilt, verabsolutiert die eigene Meinung, unterbindet Kritik und versucht seine Position statt mit rationalen Argumenten mit Moralkeulen durchzusetzen - genau das Verhalten also, dass an der Kirche zu kritisieren er nicht müde wird. Ich habe Hacker schon überzeugender agieren gesehen.

Ich kenne die Taktik von der Evangelischen Kirche und der Italienischen Fußballnationalmannschaft. Sie nutzt den Konsens aus, einander nicht wehtun zu wollen, und besteht im Wesentlichen darin, sich möglichst theatralisch hinfallen zu lassen, zu warten, bis der Schiedsrichter hinschaut und zu hoffen, dass er irgendeinen Spieler der Gegenmannschaft rausschmeißt. Mit ein bisschen Glück regen sich darüber ein paar andere so sehr auf, dass sie auch gleich gehen können. Kurzfristig mag diese Taktik Erfolg haben. Langfristig führt sie aber zu unfassbar langweiligen Spielen. Bei der Kirche geht es natürlich nicht um Tore, sondern um theologische Debatten, die dann enden, wenn eine Seite entdeckt, dass gerade ihre religiösen Gefühle verletzt wurden, und wenn ich Ihnen eins garantieren kann ist es das: Irgendwer schreit immer auf.

Das war aber auch das Einzige, was mir negativ auffiel. Ansonsten war es schon fast gespenstisch, wie reibungslos der Congress den Umzug nach Hamburg geschafft hat. Der Erfolg wird sich herumsprechen, und die über 6000 Besucherinnen sind noch längst nicht die Obergrenze. Für das nächste Jahr halte ich 7000 Teilnehmerinnen für realistisch, und auch 8000 bis 9000 auf  absehbare Zeit für möglich.

Mit "Not my department" als Veranstaltungsmotto bewies das Programmteam wieder einmal eine glückliche Hand. Deutete sich in den letzten Jahren die Auseinandersetzung der Nerd- mit der Analogwelt an, setzte der 29c3 diese Entwicklung logisch fort. Stephan Urbach deutete es bereits auf der Sigint12 an, und Jacob Appelbaum sagte es in seiner Grundsatzrede noch einmal deutlich: Unser Handeln hat Konsequenzen. Wir haben in unseren Köpfen und auf unseren Festplatten das Potenzial, die Welt zu ändern. Mehr als das: Wir haben die Pflicht, zu handeln. Natürlich ist ein autonom fliegender Quadcopter für sich schon eine tolle Sache, aber noch toller ist es, wenn wir ihn einsetzen, um Menschenrechte zu stärken - beispielsweise, indem wir einen Schwarm von ihnen über Demonstrationen schweben lassen, um Polizeiübergriffe zu dokumentieren. Dazu muss man sich nicht gleich als Whistleblower mit der NSA anlegen, der Betrieb eines Tor-Knotens ist auch schon ein Schritt.

tl; dr Es war ein toller Congress, und der 30c3 wird bestimmt noch toller.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Friedrichs detaillierte Resignation

"Warte... warte... warte... genau, jetzt, guck. Genau jetzt geht die Bombe hoch."
- "Alter, was für ein Feuerball. Stirbt die Frau mit dem Kinderwagen jetzt schon?"
"Die? Ach nein, das kommt später."

So oder so ähnlich muss sie aussehen, die Welt von Innenminister Hans-Peter Friedrich, der den fehlgeschlagenen Bombenanschlag am Bonner Bahnhof (wie so ziemlich jedes andere Ereignis auf diesem Planeten) zum Anlass nahm, sich für eine verschärfte Videoüberwachung einzusetzen. Hingen erst einmal überall an öffentlichen Plätzen Überwachungskameras, so Friedrich, könne man "Gewalttäter abschrecken und geplante Anschläge aufklären". An dieser vorsichtigen Formulierung erkennt man schon, dass der Innenminister sehr wohl weiß, da gerade Unsinn zu reden.

Unsinn ist Friedrichs Forderung gleich in mehrfacher Hinsicht. Erstens findet eine Abschreckung nachweislich nicht statt. Erinnern Sie sich noch an die gestochen scharfen Videos aus U-Bahnen, wo wir in jedem Detail nachvollziehen konnten, wie gerade ein Mensch totgetreten wird? Wie stellt sich Friedrich die Sache vor? Dass ohne Kameras der Mensch noch viel toter getreten worden wäre?

Das einzige Argument, das ich noch halbwegs nachvollziehen kann, ist die Behauptung, man könne Verbrechen auf diese Weise besser aufklären. Die folgende Erkenntnis mag einige überraschen, aber es nützt dem totgetretenen Menschen, dem von einer Bombe zerfetzten Bahnreisenden nicht mehr viel, wenn die Nachwelt bis ins kleinste Detail ihren Tod analysieren kann. Wer wirklich etwas gegen Verbrechen unternehmen will, der denkt mit und handelt, der geht dazwischen, wenn jemand zusammengeschlagen wird, der alarmiert - wie in Bonn geschehen - die Polizei, wenn plötzlich vor seinen Füßen eine verdächtige Tasche steht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, als Einziger im Bus aufzustehen und randalierende Idioten in ihre Grenzen zu weisen. Deswegen will ich auch keine einsamen Helden, sondern einen kompletten Bus voller Leute, der den Betroffenen zeigt: So nicht.

So lange Kameras nur konsequenzlos herumhängen, kann ich sie auch gleich weglassen. Wenn ein Alarm losginge, sobald vor der Kamera ein Verbrechen begangen wird und Sekunden später jemand da wäre, der sich um die Sache kümmert, könnte man vielleicht noch so etwas wie einen Sinn in der Maßnahme erkennen, aber leider setzt man Kameras ja dazu ein, Personal einzusparen, genau die Leute also, die man im Alarmfall bräuchte.

Besonders befremdlich wirkte es auf mich, als die Polizei die Überwachungsvideos zum fehlgeschlagenen Bombenanschlag auf die Regionalbahn nach Koblenz zeigte und diese Videos als Argument für mehr Videoüberwachung herhalten mussten. Man möge mich einen Kleingeist zeihen aber noch viel toller, als zu wissen, wann genau der Kerl mit seinen Bomben in den Zug eingestiegen ist, hätte ich gefunden, wenn er niemals eingestiegen wäre. Das wäre tatsächlich eine Verbesserung der Sicherheit. Alles Andere lässt uns nur ungemein detailreich resigniert mit den Schultern zucken.

Sicherheit ist weniger eine statistische Größe als ein Gefühl. Wissen Sie, woran Sie höchst wahrscheinlich sterben werden? An Kreislaufschwäche oder Krebs. Wissen Sie, was in Deutschland noch unwahrscheinlicher ist als ein Lottogewinn? Durch einen Terroranschlag zu sterben. Jetzt raten Sie mal, worüber sich der Deutsche am meisten einnässt. Und jetzt raten Sie, welchen Einfluss auf diese statistisch kaum messbare Größe die Anzahl der installierten Überwachungskameras haben kann.

Dass Sicherheit vor allem Placebo fürs Gemüt ist, weiß der Innenminister natürlich auch, und deswegen mag er es, wenn an jedem Laternenmast eine Kamera hängt. Nicht etwa, weil die Gefahr des Terrorismus damit gebannt wäre, sondern damit die Leute die Kameras sehen und sich wohl fühlen. Darüber hinaus lebt eine ganze Industriesparte von diesem Sicherheitstheater, und vielleicht fällt ja nach dem vollendeten Ministerdasein noch ein lukrativer Beratervertrag bei einer auf diese Weise durchgefütterten Firma ab. Es wäre nicht das erste Mal.

Samstag, 6. Oktober 2012

Nachhilfe für Kanzlerkandidaten

Steinbrück, hören Sie? Ich komme in den letzten Tagen nicht umhin, die eine oder andere Meldung über Sie lesen zu müssen, und ich habe den Eindruck, dass Sie einige grundlegende Regeln des Politikbetriebs nicht ganz begriffen haben. Das ist nicht weiter schlimm, das passiert Anfängern schon einmal. Da ich aber ein netter Mensch bin, halte ich Ihnen einen kleinen Vortrag darüber, was man als Kanzlerkandidat besser wissen sollte - gratis, versteht sich.

Damit wäre das Stichwort gefallen: Vortrag. In der laufenden Legislaturperiode haben Sie nach eigenen Angaben mehr als 80 davon gehalten und dafür jeweils mindestens 7000 € bekommen. Nun bin ich in einer Gegend groß geworden, die von spezialdemokratischen Bildungsexperimenten verschont geblieben ist und beherrsche deswegen wenigstens so viel Kopfrechnen, dass ich sagen kann: Das waren mindestens 560.000 € in drei Jahren, also knapp 190.000 € pro Jahr und damit mehr als ein komplettes Jahreseinkommen eines gewöhnlichen Bundestagsabgeordneten. Für Leute Ihres Schlages mögen solche Beträge nicht der Rede wert sein, aber da sich die SPD zumindest früher einmal als Arbeiterpartei aufspielte, lassen Sie sich sagen: Für Ihre jährlichen Rednerhonorare müssen viele Ihrer Wähler ein Jahrzehnt arbeiten.

Jetzt sind Sie also Kanzlerkandidat. Dafür braucht man inzwischen nicht einmal mehr einen Parteitagsbeschluss, das klärt man kurz im Präsidium, und die Genossen nicken das schon brav ab. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit scheinen Sie davon auszugehen, dass der Rest der Nation in heiliger Ehrfurcht Ihre Proklamation aufnimmt. Wildfremde Menschen auf der Straße fallen sich vor Freude weinend in die Arme - so scheinen Sie sich das vorgestellt zu haben. Statt dessen - kleinliches Genörgel. Briefe werden hervorgekramt, in denen Sie um Sponsorengelder geworben haben, und jetzt noch diese Respektlosigkeit, von Ihnen zu verlangen, Sie sollten erklären, woher diese lächerliche halbe Millionen stammt, die Sie für Ihre Reden bekommen haben - aus Ihrer Sicht gerade mal Parkgroschen, keine Beträge jedenfalls, die Ihren stets glasklaren und objektiven Geist auch nur einen Cicero vom rechten Weg abweichen lassen könnten. Eine Frechheit, etwas Anderes anzunehmen. Folglich kann das Theater, das gerade um diese lächerlichen Almosen veranstaltet wird, nur eine perfide Rufmordkampagne sein, eine Verschwörung der Presse und des politischen Gegners, um ihren - freilich tadellosen - Leumund zu schädigen. Putzigerweise haben die Piraten gerade die gleiche Argumentation drauf, um ihre katastrophalen Umfragewerte zu erklären.

Werter Genosse Steinbrück, was Sie gerade erleben, ist keine hinterhältige Machenschaft, sondern man nennt es Demokratie. Wenn jemand die faktische Nummer 1 dieses Staates werden möchte, klatschen nicht alle begeistert in die Hände, sondern sie nehmen sich frecherweise das Recht heraus, zu fragen, was es mit dem Kandidaten auf sich hat. Wer sich um einen Posten bewirbt, muss sich im Bewerbungsgespräch Fragen gefallen lassen, und nicht jede dieser Fragen ist fair. Einige davon haben keinen anderen Sinn, als den Bewerber ein wenig aus der Reserve zu locken. Im Moment sind Sie der Bewerber, und wir als Ihre potenziellen Wähler sind der Personalchef. Um ehrlich zu sein: Eine besonders gute Figur geben Sie zur Zeit nicht ab.

Ihre schnoddrige Art ist ja ganz lustig, aber übertrieben eingesetzt hinterlässt sie den Eindruck von Arroganz. Sie wirkt vor allem dann unangebracht, wenn wir Sie fragen, was Sie als vom Volk bezahlter Abgeordneter so treiben, worauf Sie dann etwas von "gewisser Privatheit" murmeln und uns unterstellen, wir wollten eine Diktatur. Nein, Genosse Steinbrück, wir wollen nur wissen, wie Sie und Ihre Kollegen  zu Ihren Entscheidungen kommen, und wir haben einfach immense Schwierigkeiten dabei, uns vorzustellen, dass sechstellige Eurobeträge auf Ihrem Konto Sie komplett unbeeindruckt lassen. Niemand will Ihnen Ihre Privatsphäre nehmen, denn das, wovon wir reden, ist Ihr öffentliches Wirken, oder wie würden Sie einen Auftritt in der Nähe von Zürich vor etwa 750 Zuhörern nennen?

Reichlich verlogen - und da gebe ich Ihnen recht - sind natürlich diejenigen aus dem Lager Ihrer politischen Gegner, die gerade am lautesten herumtönen, selbst aber die von ihnen geforderte Transparenz  nicht praktizieren. Es geht dabei also nicht allein um Sie. Offen gesagt sind Sie als künftiger Oppositionsführer oder bestenfalls Juniorpartner in einer Großen Koalition in meinen Augen ohnehin nur eine historische Randnotiz. Es geht vielmehr um das Selbstverständnis der vom Volk Gewählten und Finanzierten. Wir müssen uns vom Gedanken verabschieden, wir erteilten unseren Mandatsträgern alle vier Jahre eine Generalvollmacht und hätten für den Rest der Zeit gottergeben jedes ihrer Urteile hinzunehmen. Diese Haltung bringt Abgeordnete hervor, welche den Wähler nur noch als lästiges Übel betrachten, das man vor der Wahl ein wenig mit Luftballons und Aufklebern beglückt und sich ansonsten vom Leib hält. Demokratie ist hingegen ein ständiger Kontrollprozess, ein immerwährendes einfordern von Rechenschaft. Das ist mühsam, aber anders lässt sich das Machtgleichgewicht zwischen Regenten und Regierten nicht aufrecht erhalten.

Die Zeit bis zur Wahl ist noch lang, Genosse Steinbrück. Wahrscheinlich wird wegen Ihres Rednerhonorars nichts passieren, weil Ihr politischer Gegner bald begreift, dass es dann auch um seinen Kragen ginge. Im Zweifelsfall wird man sich auf eine publikumswirksame, aber komplett sinnlose Aktion einigen und ansonsten darauf vertrauen, dass in der nächsten Woche schon die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Was aber in den Köpfen bleibt, ist die Erinnerung daran, wie Sie unter Druck reagieren, ob Sie souverän, staatsmännisch und mit der Fähigkeit zur Selbstkritik antworten oder  nur auf massive Nachfragen hin, sich auf formaljuristische Argumentationen verlegen und das alles "absurd, man kann auch sagen dämlich" finden. Diese Strategie hat vor nicht einmal einem Jahr schon jemand probiert und ist daran gescheitert. Der Mann war Bundespräsident.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Gefangen in der Provinz

"Köln macht süchtig", schwärmt das Kölner Fremdenverkehrsamt von sich selbst. "Wer einmal in unserer schönen Domstadt gelebt hat, will nicht mehr weg." Falsch. Man will nicht mehr weg, man kommt nicht mehr weg - weil man nicht mehr rausfindet.

Der Rheinländer allgemein, aber der Kölner auf besonders penetrante Weise, glaubt von sich, wahnsinnig weltoffen und aufgeschlossen zu sein. Die Ausländer, die Schwulen, ja selbst die Protestanten hätte man in der wundervollen "Domstadt" irgendwie integrieren können. Mal davon abgesehen, dass ein Moslem auch nur so lange die fadenscheinige Toleranz des Kölners genießt, wie er in der Kneipe brav das lokale Bierimitat namens "Kölsch" trinkt, mag es ja sein, dass man in Köln freundlicherweise am Leben gelassen wird, aber das ist es dann auch schon. Versuchen Sie beispielsweise, sich in Köln als Auswärtiger zurechtzufinden - keine Chance, vor allem, wenn Sie auf die Koalition des Grauens - Deutsche Bahn und Kölner Verkehrsbetriebe . angewiesen sind.

Angenommen, Sie wollen dem Chaos Computer Club Cologne einen Besuch abstattten. Sie sehen auf deren Webseite nach, finden die postalische Adresse, geben sie bei bahn.de in die Suchmaske ein und bekommen auch prompt die Antwort: Regionalbahn nach Köln, in Köln-West in die U-Bahn umsteigen und bis Venloer Straße fahren, dann sind es noch wenige Minuten Fußweg. Klingt einfach, ist auch einfach, wenn man den Bahnhof Köln-West kennt (ansonsten läuft man ein paar Minuten desorientiert herum und verpasst die Anschlussverbindung, wartet aber nur kurz auf die nächste). Das Tückische ist nur: Es fahren um die fragliche Uhrzeit im Abstand weniger Minuten zwei Bahnen von Süden nach Köln, von denen aber nur eine am Bahnhof West hält. "Nicht weiter schlimm", werden Sie sich denken. "Dann fahre ich eben zum Hauptbahnhof und suche mir dort eine passende Verbindung." Großer Fehler.

Der Fehler besteht in der Annahme, in Köln hätte man auch nur das leiseste Interesse daran, verirrten Reisenden zu helfen. Wenn Sie sich im Hauptbahnhof etwas auskennen, werden Sie vielleicht auf die Idee kommen, den nächsten DB-Fahrkartenautomaten als Fahrplanauskunft zu benutzen. Dummerweise funktioniert die Eingabe einer beliebigen Adresse, wie sie die Internetseite der Bahn ohne Schwierigkeiten beherrscht, hier nicht. "Nicht weiter schlimm", werden Sie denken. "Dann suche ich eben nach der Haltestelle Venloer Straße." Das können die Automaten auch nicht, die kennen nur DB-Bahnhöfe.

Praktischerweise befindet sich direkt neben der Haltestelle Venloer Straße auch ein S-Bahnhof, nur: Wie heißt der? Vom DB-Fahrkartenautomaten ist ja keine Auskunft zu erwarten. Von den vielen anderen Passanten, die hier herumirren, ebenfalls nicht, es sei denn, Sie wollen sich von einem Kölner Urgestein mit den Worten "Ja, woher soll isch datt den wissen?" abbürsten lassen. Wie wäre es mit dem Informationstresen der Deutschen Bahn? Da stehen doch Menschen, die sich vielleicht grob in Köln auskennen. Selbst wenn dem so wäre: Die Warteschlange ist so lang, dass eher der Kölner Dom durch Regentropfen wegerodiert, bevor Sie auch nur in Sichtweite des Schalters kommen. Wo ist der Informationsschalter der Kölner Verkehrsbetriebe, und wenn es den schon nicht gibt, wo ist ein Fahrkartenautomat, dem man vielleicht noch eine Information entlocken könnte? Keine Ahnung, jedenfalls nicht dort, wo die anderen Automaten stehen.

Doch wozu hat der Nerd von Welt sein Notbook dabei? Vorhin beim Herumirren, da haben Sie doch einen T-Online-Hotspot gesehen. Wenn man sich da einen Internetzugang verschafft, die DB-Seiten aufruft und nach einer Verbindng sucht, müsste es doch klappen. Den Hotspot finden Sie nach einiger Suche, klappen das Notebook auf, suchen nach einem WLAN, suchen, suchen. Suchen.

Es gibt natürlich nicht nur ein WLAN, sondern ganz furchtbar viele, nur keins von T-On... halt, da war was. Mit der geringsten Signalstärke von allen. Direkt am Hotspot. Ah ja. Egal, Empfang haben wir ja. Da wäre nur das Problem: Wie loggt man sich an einem T-Online-Hotspot ein? Es ist nicht etwa so, als werde man beim ersten Seitenaufruf direkt zum Login geleitet. Statt dessen sieht man eine Werbeseite, die wortreich die Segnungen der verschiedenen T-Online-Tarife vorschwärmt. Da steht auch was von Hotspot, aber nur, was es kostet und wie man nach Hotspots sucht. In Köln soll es am Hauptbahnhof auch einen geben. Ach wirklich.

Da, auf der dritten oder vierten Unterseite findet man in einer Art Gebrauchsanweisung auch die Adresse, die man aufrufen muss. Das Login gelingt auch brav, die Seiten der Bahn bauen sich auf, und schon nach wenigen Augenblicken hat man die Verbindung zum Bahnhof Ehrenfeld. Nachdem man vorher zehn Minuten lang versucht hat, sich einzuloggen.

Bevor mir ein paar eingefleischte Kölner den Kommentarbereich mit "Wenn man runter zur Achchtzehn jeht, dann is da uff de Mennerklo in de Butzgammer en Schlüssel, mit dem kannste det Kessdsche in de zweite Glogabiine uffmachche, da hängt inge Dellefon, da gannse Moondachs zwische 8 Uur 14 un 9 Uur zwounzwansisch wen anruufe, der dir dat verzälle kann. (Und jetzt kommt's:) Dat muss man doch wissen." fluten. Nee, dat muss man eben nisch wissen. Wir sind im 21. Jahrhundert. Da erwarte ich am Hauptverkehrsknotenpunkt einer Stadt, die sich in frommer Übertreibung gern als Millionenmetropole sieht, dass man als Ortsunkundiger vielleicht 5, maximal 10 Minuten braucht, um sich zumindest mit öffentlichen Verkehrsmitteln wieder weiterbewegen zu können. Ich erwarte von einem bundesweit operierenden Unternehmen wie der Bahn, dass sie nach Jahrhunderten Geschäftsbetrieb mit einem System aufwarten kann, das es einem an einem beliebigen Bahnhof der Republik Gestrandeten ermöglicht, sich anhand eines einheitlichen und klaren Systems sofort zurechtzufinden, und ich erwarte von den örtlichen Verkehrsbetrieben, dass sie ihren Teil dazu beitragen. Ich habe hier Köln als Beispiel aufgeführt, aber ich hätte auch eine beliebige andere deutsche Großstadt nehmen können. Immer wieder lese ich Plakate, auf denen steht, dass es "Fremdenfeindlichkeit in unserer Stadt nicht gibt". Fremdenfeindlichkeit fängt ganz früh an. Beim Verlassen eines Zuges. Wie soll man sich als Fremder in einer Stadt willkommen fühlen, die verlangt, dass man erst einmal den örtlichen Straßenplan, das Busnetz und ein komplett zusammengekifftes Tarifsystem auswendig lernt, bevor man sich halbwegs gezielt in ihr bewegen kann? Ich will nicht für so etwas eine "Äpp" für mein "Ei-Fohn" "daunlohdn", ich will aus dem Zug steigen und mich zumindest grundsätzlich zurechtfinden, und dann, vielleicht dann stellt es sich ein, "dieses einzigartige Gefühl aus fröhlicher Lebensart, atmosphärischem Stadterlebnis und südländischem Flair, das keinen mehr los lässt. Und sofort Heimweh auslöst, wenn man nicht da sein kann."


Montag, 24. September 2012

Mythos Schwarmintelligenz

Die Masse macht's. Das Internet ist voll von Kommentaren, die das behaupten. Nimm nur reichlich Leute, heißt es, und schon evoziert das Kollektiv quasi ein höheres Bewusstsein, eine geistige Entität, die mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile, getragen von der intellektuellen Energie tausender, ach was sag ich, zigtausender Gehirne - die Schwarmintelligenz eben.

Das ist etwa so, als wenn ich nur genug Schweinegülle in einen Tank pumpen müsste, und heraus kommt feinster Chardonnay.

Es mag ja sein, dass das Kollektiv den einen oder anderen Glückstreffer landet. In den meisten Fällen ist die Masse aber vor allem eins: bis an die Grenze der Erträglichkeit berechenbar. Nehmen wir zwei Beispiele:

Microsoft bringt ein neues - nennen wir es großzügig "Betriebssystem" - heraus. Es ist fast egal, welches genau wir nun nehmen, sei es Windows 95 mit Nachfolgern, Windows XP oder jetzt Windows 8. Microsoft fummelt kräftig am Benutzungskonzept herum, die Grafikdesigner ziehen ein paar Linien Koks extra durch und werfen mit verspielten Sperenzchen um sich wie Karnevalsprinzen mit Kamellen. Die Community reagiert mit Entsetzen. Wie konnte Microsoft nur die heiß geliebte, wenn auch völlig hirnverbrannte Menustruktur durch ein anderes nicht minder hirnverbranntes Konstrukt (Konzept kann man es wohl kaum nennen) ersetzen? Nein, diesmal sei Microsoft endgültig zu weit gegangen, jetzt ginge man zu Apple oder (man stelle sich vor, wie ich gerade vor Lachen brüllend am Boden liege) Linux. Nichts gegen Linux, ich setze es selbst seit eineinhalb Jahrzehnten ein, aber wer wegen der grafischen Oberfläche von Windows zu Linux wechselt, geht wahrscheinlich auch von den US Marines in die französische Fremdenlegion, weil die Ausbilder da netter sind. Auch die vielgerühmte bessere Benutzbarkeit der Mac-Oberfläche vermag sich mir nicht ganz zu erschließen. Apple, das sind doch die Typen, die zu einem Zeitpunkt, als alle Welt die Vorzüge von zwei Tasten und einem Scrollrad schätzte, stur Mäuse mit exakt einer Taste auslieferte und stolz herumtönte, was für eine grandiose Idee das doch sei. Apple, das sind doch die Typen, die das wichtigste Zeichen der Mailkommunikation hinter einer völlig uneinsichtigen Tastenkombination verstecken, während der Rest der Welt sich an international normierte Layouts hält.

Doch wir schweifen ab. Eigentlich ging es mir um die Maulhelden, die ungefragt jede Leserbriefspalte, jeden Forenkommentar damit volltönen, nun sei das Ende von Microsoft besiegelt, wenn sie, sie höchst persönlich, jetzt den Wechsel zu Apple oder sonstwohin vollzögen.

Hic Rhodos, hic salta. Man muss nur ein Vierteljahr später in die Wirtschaftsblätter schauen, in denen sich die Analysten vor Begeisterung überschlagen, wie das neue Windows wieder jeden Verkaufsrekord bricht.

Natürlich gibt es da noch die Anderen, die nicht minder dämlichen Fanboys, die ebenfalls die Forenkommentare fluten. Das neue Kacheldesign von Windows, verkünden sie, sei ja so prima, man hätte ja eh nie gewusst, wie man einen 22-Zoll-Bildschirm vernünftig ausnutzen soll, aber jetzt, mit diesen hubschrauberlandeplatzgroßen Schaltflächen, da sei endlich wieder alles voll, und erst die fantastische Idee mit diesen vier Bildschirmecken, in die man die Maus nur grob steuern müsste, um eine Aktion auszulösen. Tolle Sache, da muss man endlich nicht mehr präzise zielen, sondern es reiche schon eine ungefähre Bewegung in diese Richtung. Mit Verlaub, wir reden hier von der Grobmotorik eines Braunkohlebaggers, die hier dankenswerterweise unterstützt wird. Alle, die sich glücklich schätzen können, mit einem auch nur unwesentlich präziseren Bewegungsapparat gesegnet zu sein und vielleicht auch noch über genug Intelligenz verfügen, um verstanden zu haben, dass man Mäuse nicht steuert, indem man sich auf sie setzt und mit dem Hintern wackelt, sollten in der Lage sein, mit der Maus differenziertere Kommandos abzusetzen. Was aber ein echter Fanboy ist, der verteidigt seine Götzen blind, egal was sie anstellen. Der fände Windows selbst dann noch toll, wenn es ihnm unangekündigt die komplette Platte löscht - großartig, Gratis-Neuausrichtung der Elementarmagneten, was für ein tolles Feature, das kriegt man bei anderen Systemen nur viel umständlicher.

Zweites Beispiel: Irgendein Pseudoprominenter aus der vierten oder fünften Reihe bringt ein Buch heraus. Das ist in einer Zeit, in der nahezu alles Denk- und Meinbare in relativ kompakter Form im Netz gefunden werden und man es sich meist schenken kann, die auf 200 Seiten aufgeblähte Langfassung zu lesen, ohnehin schon ein gewagtes Unterfangen, aber fürs Ego ist es einfach schöner, ein Buch mit seinem Namen drauf im Regal statt auf einer Website stehen zu haben. Genau da liegt natürlich auch die Schwierigkeit. Nach wie vor meint so ziemlich jeder, der Subjekt und Prädikat halbwegs sauber voneinander trennen kann, seine geistige Leere in Buchform offenbaren zu müssen, weswegen weiterhin unfassbar große Mengen an Neuerscheinungen den Buchmarkt fluten. Wer hier bestehen will, braucht Aufmerksamkeit. Die könnte man durch Intelligenz zu erreichen versuchen, aber mangels ausreichender Ausstattung oder einfach auch aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus verlegt man sich meist lieber aufs Grobe. Ob ein abgehalfteter Banker einmal ganz tief in die gleiche rassistische Klamottenkiste greift, in der eine geschasste Nachrichtenredakteurin gerade herumwühlt, oder die karrieresüchtige Lebensabschnittsgefährtin eines niedersächsischen Provinzfürsten, der ein paar Wochen lang den Sessel des höchsten deutschen Staatsamts warm hielt, bis wir nach vier Jahren wieder so etwas Ähnliches wie einen Bundespräsidenten hatten, einen Suchmaschinenhersteller verklagt, weil er die Realität abbildet - völlig egal, wie peinlich man sich anstellt, die Verkaufserlöse entschädigen schnell dafür, dass man von keinem empfindungsfähigen Wesen mehr ernst genommen wird. Wenn Sie mir nicht glauben: Raten Sie mal, wer gerade die Spiegel-Beststellerliste anführt, obwohl das Buch ausnahmslos Verrisse erntete.

Wäre der Schwarm wirklich so intelligent, wie er es von sich meint, er hätte schon längst Filter entwickelt, um solche Ereignisse angemessen zu behandeln. Er hätte neue Windowsversionen mit der gleichen Gelassenheit zur Kenntnis genommen, wie er die durchschaubaren Marketingtricks viertklassiger Buchautoren ignorierte und deren Machwerke in den Regalen verrotten ließe. Statt dessen - aber lassen wir das, ich rege mich nur wieder unnötig auf.