Sonntag, 18. August 2019

Y-Tours reloaded

Es ist ein Freitag im Jahr 2001 in einem Intercity nahe bei Kassel. Die Luft ist wie in einer Kneipe, eine Mischung aus abgestanden, verraucht und Bier. A propos stehen, Sitzplätze gibt es schon lange nicht mehr. Der ganze Zug ist vollgestopft mit jungen Kriegsdienstleistenden, die brav bis Dienstschluss das Vaterland verteidigt haben und nun auf der Heimfahrt sind. Wenn der Sold schon eine Frechheit ist, so hat die Nation ihnen doch wenigstens Tickets spendiert, welche die Fahrt zwischen Kaserne und Wohnort gratis abdecken. Das führte zu den berüchtigten Y-Tours, Heerscharen von alkoholisierten Soldaten, die Freitags auf der Fahrt ins Wochenende und Sonntags auf dem Weg zur Kaserne die Züge verstopften.

Diese Zustände will die neue Kriegsministerin gern wieder haben. Sie hat sich vorgenommen, die Bundeswehr attraktiver zu gestalten, indem sie die Freifahrten mit der Bahn wieder einführt. Ökologisch ist das bestimmt kein falsches Signal. Gesellschaftlich finde ich es auch nicht falsch, Menschen zu begünstigen, die einen bestimmt nicht einfachen Dienst für den Staat leisten. Ich frage mich nur: Warum ausgerechnet die und nur die? Was leistet eine Polizistin weniger, die ebenfalls für lächerliches Geld im Staatsdienst arbeitet, dass sie kein solches Ticket bekommt? Was leistet eine Lehrerin weniger, die ebenfalls verbeamtet anderen Menschen etwas beibringt? Ist die Bereitschaft, Menschen umzubringen, so viel wertvoller, dass man sie mit Gratisbahnfahrten belohnen muss?

Wie immer, wenn es darum geht, schwülstigen Unsinn abzusondern, darf Alexander Dobrindt nicht fehlen. Der gibt bei "Spiegel Online" von sich: "Übrigens geht dies auch einher mit einem stärkeren Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger".

Nur, damit ich das richtig verstehe: Glaubt der Mann allen Ernstes, die Bundeswehrsoldaten spielten an Bord eines Zuges so eine Art Freizeit-Security? Ich habe erlebt, wie es in Zügen voller Bundeswehrsoldaten zuging, und das war das komplette Gegenteil von Sicherheit. Hinzu kommt, dass zu Zeiten der Pflichtarmee allein schon aus statistischen Gründen  genug Leute beim Bund waren, die eine gewisse Distanz zu ihrem Dienst hatten. Nun aber, nach Jahren des Im-eigenen-Saft-Kochens, hat sich die Bundeswehr ein massives Rechtsradikalismus-Problem eingetreten. Das heißt nicht, dass alle Soldaten Nazis sind, aber es heißt, dass ich Zweifel daran habe, dass im Falle eines Konflikts die demokratisch gesinnten Soldaten ihre rechtsradikalen Kameraden zur Besinnung bringen.

Selbst, wenn  wir annehmen, dass die Rechtsradikalen auf Reisen sich beherrschen und keine Frauen, Linken, Ausländer oder Homosexuellen belästigen, frage ich mich, wie Dobrindt sich die Bundeswehr als Ordnungsmacht an Bord von Zügen vorstellt. In dem Moment, da ein Soldat die Uniform auszieht, ist er nicht mehr im Dienst - und zwar völlig zu recht. Der wird ganz bestimmt nicht seine Aufgabe darin sehen, im Zug Patrouille zu laufen oder dort auf irgendeine Weise für Sicherheit zu sorgen. Er hat nicht einmal das Recht dazu. Mehr noch: Selbst wenn er Uniform trüge, hätte er an Bord eines Zuges nichts zu melden. Aus sehr gutem Grund wird die Bundeswehr im Inneren nur im Katastrophenfall eingesetzt, und bei allem Ärger über den allenfalls homöopathisch messbaren Service der Bahn - ich vermute, da kann auch die Bundeswehr nicht mehr viel bewirken. Nein, wenn an Bord jemand das "Hausrecht" (schöne Metapher für ein Unternehmen, dessen Anspruch für Mobilität zu sorgen, nicht ganz mit der Realität in Einklang steht) hat, ist es die Zugbegleiterin, und wenn sie nicht weiterkommt, die Bundespolizei. Ehrlich gesagt wundert mich nicht, wie jemand, der solch uninformierten Blödsinn von sich gibt, sein Amt als Bundesverkehrsminister verloren hat.

Interessant ist auch, was sich die Kriegsministerin den Spaß kosten lässt. Überschlagen wir mal: 181.377 Soldaten (30. Juni 2019) mal 4395 € für eine Bahncard 100 wären 797.151.915 € pro Jahr. Nehmen wir einmal an, dass da noch einige Rabatte ausgehandelt werden und längst nicht alle Soldatinnen das Angebot wahrnemen werden, halte ich eine halbe Milliarde Euro für eine halbwegs realistische Ausgabe. Was aber zahlt die Bundeswehr? 4 Millionen, in Worten: vier. Das sind 0.04 Eurofighter, zwei bis vier Tomahawks oder ein Viertel "Puma" Schützenpanzer (6 Milliarden Euro für 350 Panzer sind etwa 17 Millionen pro Fahrzeug). Mit der Portokassenausschüttung Kramp-Karrenbauers ließen sich regulär 910 Bahncard 100 ausstellen. Ohne jetzt groß rechnen weiter rechnen zu müssen - das ist ein Witz, der sich niemals rentiert. Die Bahn wird das irgendwie kompensieren müssen, und raten Sie mal, woher sie sich die fehlenden Millionen holen wird? Richtig geraten, bei Ihnen, den normalen Fahrgästen. Die ganzen Sparpreise werden Sie künftig vergessen können. Sie zahlen also gleich doppelt für das Prestigeprojekt der Kriegsministerin: erstens Steuern und zweitens höhere Fahrpreise, aber das sollte es uns Wert sein, das Vaterland am Hindukusch verteidigt zu wissen.

Montag, 5. August 2019

Drei Rants zur Saure-Gurken-Zeit

In den letzten Sommerferien war immer irgendetwas los, was die Leute von dummen Gedanken abhielt. Oft genug waren es Landtags-, Bundestags- oder Europawahlen, oft kombiniert mit Themen wie Internetzensur, Five-Eyes-Überwachungsskandalen oder Flüchtlinge, um die sich gekümmert werden musste. Beim Blick in die Schlagzeilen hatte ich zwar nicht immer das Gefühl, dass sich während des Sommers immer diejenigen vor die Mikrofone stellen, man zu normalen Zeiten dort hingelassen hätte. In diesem Jahr hingegen habe ich erstmals seit langer Zeit das Gefühl, dass wirklich nichts los ist, und das bedeutet nicht nur, dass es nichts gibt, worüber wir reden können, sondern auch, dass die Leute über nichts reden, die man mit allen verfügbaren Mitteln daran hätte hindern müssen. Drei Beispiele:

Greta segelt

Monatelang habe Thunberg überlegt, lässt sie verlauten, doch nun habe sie eine Lösung: Segeln sei eine emissionsarme Methode, den Atlantik zu überqueren. Nun könnte ich freilich lästern, dass Thunberg, hätte sie mehr Zeit in einer Schule als davor verbracht, sich mit dem Blick in ein Geschichtsbuch viel Aufwand hätte sparen können, weil sie dann gewusst hätte, dass ihre Landsleute schon rund 1000 Jahre vor ihr auf diese Idee gekommen waren. Auf der anderen Seite finde ich ihr Engagement völlig in Ordnung, zumal auch mir in der Schule niemand etwas über Leif Eriksson erzählt hat. Was mich eher stört, ist die praktische Nutzlosigkeit dieses PR-Stunts, schlimmer noch, die Botschaft, die er hinterlässt: Abomino pauperos, "Ich verabscheue die Armen" oder neudeutsch: "Eure Armut kotzt mich an." Sich als Vorzeige-Aktivistin gesponsort in ungefähr zwei Wochen auf einer Rennjacht nach Amerika schaukeln zu lassen, ist keine Kunst. Es ist aber ungefähr so realitätsnah, wie aufgrund der erfolgreichen Apollo-Missionen von einer Besiedlung des Mondes zu sprechen. Die Netto-Kassiererin, die mehrere Jahre für ihre Ferienreise nach New York sparen musste, wird ganz bestimmt nicht vier von insgesamt fünf Wochen ihres Jahresurlaubs allein schon mit der Hin- und Rückfahrt verbringen wollen - falls sie sich die überhaupt leisten kann. Selbst die Geschäftsreisende, die pünktlich am Dienstag um 10 Uhr zur Besprechung in Boston erwartet wird und die Bootsreise von der Firma bezahlt bekommt, kann mit Zeitangaben wie "ungefähr zwei Wochen" keine zuverlässigen Termine vereinbaren, nicht zuletzt, weil ihr Kalender eine deutlich dichtere Taktung vorsieht. Sie wird also notgedrungen das Flugzeug nehmen und die CO2-Strafgebühren in Kauf nehmen. Mit anderen Worten: Mobilität soll endlich wieder etwas sein, was den Prominenten, Schönen und Reichen dieser Welt vorbehalten ist. Der Rest von uns soll gefälligst schön klimafreundlich die Ferien auf dem überfüllten Campingplatz am Baggersee verbringen.

Nun könnten wir uns in der Tat darüber unterhalten, ob wir dem Götzen Mobilität in den letzten Jahrzehnten nicht etwas arg gehuldigt haben. Billige Flugreisen zum Beispiel waren zu meiner Kindheit keine Selbstverständlichkeit. Die gerieten erst mit dem Aufkommen der Discount-Airlines Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger in Regionen, die Auto und Bahn vergleichsweise teuer erscheinen lassen. Diese Preisänderung hatte aber weiterreichende Auswirkungen, als sich auf den ersten Blick vermuten ließe. Sie veränderte das Reiseverhalten in ganz Europa. Die Menschen setzten sich für eine Reise von Lübeck nach Frankfurt nicht mehr in einen Zug, sondern ins Flugzeug. Was zuvor knapp fünf Stunden dauerte, ließ sich mit An- und Abreise zum Flughafen in drei erledigen und war bei rechtzeitiger Buchung sogar billiger. Wer günstig von Hamburg nach London wollte, musste nicht mehr einen Tag in Reisebussen und auf Fähren verbringen, sondern flog zum Taschengeldpreis mal eben hin. Die Welt wurde kleiner. Verreisen innerhalb Europas war nicht mehr den Reichen als teurer Luxus vorbehalten, sondern für alle erschwinglich.

Egal, ob "Fridays for Future" sich durchsetzt oder nicht - Energie und damit auch Mobilität wird in Zukunft teurer sein, weil uns die fossilen Energieträger ausgehen. Wir werden uns überlegen müssen, welche Reise wichtig ist und welche wir uns schenken können. Wahrscheinlich lassen sich viele Geschäftsbesprechungen auch mit einer Videokonferenz erledigen. Andererseits weiß ich: Die zwischenmenschliche Komponente kann keine Videokonferenz ersetzen. Ich habe mitunter auf einer Geschäftsreise in zwei Sitzungen und einem Abend all die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen können, die sich durch wochenlangen Mailverkehr und Onlinebesprechungen nicht klären ließen. Das mag vielleicht irrational erscheinen, aber so ticken wir Menschen nun einmal.

Auf der anderen Seite haben wir ein Vierteljahrhundert lang Mobilität zur absoluten Maxime erhoben, haben den innerstädtischen Wohnraum immer weiter verteuert, so dass selbst Gutverdienende in die Speckgürtel und aufs Land ausweichen mussten. Wer eine Stelle nicht annahm, weil er nicht täglich vier Stunden allein mit der Fahrt zur Arbeit und zurück verbringen wollte, musste sich blasierte Sprüche anhören, ein bisschen Flexibilität sei ja wohl das Mindeste, was in einer mobilen Gesellschaft an den Tag gelegt werden muss. Jetzt den Spieß umzudrehen und eben jene zu verteufeln, die sich dem Druck gebeugt und ein Lebensmodell mit viel Herumreisen aufgebaut haben, ist günstigstenfalls ignorant. Ich tendiere eher zu "verächtlich".

Mich persönlich stört es nicht besonders, wenn Fliegen wieder teurer wird. Ich fliege ohnehin nicht gern. Ich lebe allerdings auch schon lang genug, um zu wissen: Wenn die Politik "begünstigen" sagt, meint sie tatsächlich "alles Andere verteuern". Wenn sie "Anreize schaffen" sagt, meint sie in Wirklichkeit "Alternativen künstlich verkomplizieren". In der Praxis: Flüge werden für Normalsterbliche unerschwinglich, während gleichzeitig kein Cent in den Ausbau des Schienenverkehrs gesteckt wird. Statt schnelle, bequeme, zuverlässige und billige Zugreisen zu schaffen, werden wir für Flüge Antragsformulare ausfüllen müssen, in denen wir begründen, warum wir einen Spaziergang durch Rom einem Einkaufsbummel in Wanne-Eickel vorziehen.

Roller rollen

Am 17. Mai erlaubte der Bundesrat elektrische Tretroller im Straßenverkehr. Das ließ die bis an die Grenze des Reaktionären änderungsaverse teutonische Volksseele kochen. Was hatte der brave Germane nicht alles erdulden müssen: fünfstellige Postleitzahlen, "daß" mit "ss" am Ende, den Euro und jetzt auch noch diese Dinger, die neben linksgrün versifften Fahrradökos und gammligen Fußgängern, die sich nichts Anderes leisten können dem blechernen Ersatzgemächte den Platz auf der Straße wegnehmen. Was zu viel ist, ist zu viel. So nimmt es auch nicht Wunder, das für den "Spiegel" bereits knappe zehn Wochen später feststeht: Alles Tinneff. Die Roller werden nicht, wie es sich gehört, dafür genutzt, den Landmann zum Frondienst und zurück zu karren, sondern, hör sich das einer an, ZUM SPASS! Was fällt denen ein? Der Deutsche hat zu rackern, im Schweiße seines Angesichts, ab und zu darf er vielleicht noch ein paar Länder überfallen, aber spielen? Geht's noch?

Ich frage mich, was passiert wäre, hätte Gottlieb Daimler zehn Wochen nach Eröffnung seiner Autofabrik nachgesehen, ob sein Automobil nur zu ernsthaften Zwecken oder doch eher als Spaßvehikel benutzt wird und dann gesagt: "Experiment gescheitert, die Leute stellen nur Unsinn mit meiner Erfindung an, ich schließe meinen Laden wieder."

Natürlich hat die vom "Spiegel" zitierte Studie einen anderen Hintergrund. Es ging darin um die Hoffnung, die Leute mögen für kurze Distanzen vom Auto auf Elektrotretroller umsteigen. Eine überwiegend spielerische Nutzung legt dabei die Vermutung nahe, hier seien die neuen Geräte um ihrer selbst Willen und nicht als Ersatz für den PKW genutzt worden. Das wäre in der Tat aus ökologischer Sicht wenig erfreulich. Vielleicht stellt sich das auch tatsächlich heraus - aber doch bitte nicht bereits nach zehn Wochen.

Zumindest in meiner Gegend sind die E-Scooter gerade erst aufgetaucht. In manchen Städten gibt es sie noch gar nicht. Aus dieser Datenbasis mehr als die Aussage abzuleiten, dass es Tretrollerverleihmodelle gibt und sie genutzt werden, kann eigentlich nur jemandem einfallen, der in der Statistikvorlesung schon nach der ersten Woche gegangen ist. Doch gehen wir unabhängig von der unseriösen Folgerung einmal davon aus, dass die reinen Zahlen stimmen und die Roller tatsächlich im Moment vorwiegend für Spaßfahrten eingesetzt werden. Ist das nicht ganz natürlich? Probieren Leute Dinge nicht erst einmal aus, bevor sie sich ernsthaft auf sie verlassen? Kann man sich überhaupt auf sie verlassen? Zumindest dort, wo ich unterwegs bin, sehe ich nur selten abgestellte E-Roller, wenn ich einen brauchen könnte. Hinzu kommen das in meinen Augen umständliche Mietverfahren sowie das unattraktive Bezahlmodell. Wenn ich ohnehin eine Dauerkarte des lokalen Verkehrsverbunds habe, möchte ich sie einfach an den Roller halten und losfahren. Ich möchte nicht eine App auf mein Smartphone laden, Kreditkartendaten hinterlegen, Abos abschließen, QR-Codes scannen und irgendwelche hanebüchenen Minutenpreise zahlen. Ich bezahle meinen Verkehrsverbund bereits dafür, mich von A nach B zu bringen, und wenn die Busse und Bahnen mal wieder nach dem Lustprinzip fahren, will ich nicht noch extra dafür zahlen, dass jeden Monat ein nicht unerheblicher Betrag für eine nicht erbrachte Leistung abgezogen wird, während ich verzweifelt versuche, weniger als eine Stunde verspätet mein Ziel zu erreichen. Wundert es da, dass zumindest in der Anlaufphase E-Scooter eher als Spielzeug denn als alltägliches Verkehrsmittel genutzt werden?

Sicherheitsspezialisten schwätzen

So traurig es ist: Der Mord (ich nenne die Tat ungeachtet späterer juristischer Bewertungen einmal so) von Frankfurt, bei dem ein achtjähriger Junge vor einen in den Hauptbahnhof einfahrenden ICE geworfen wurde, hätte nicht verhindert werden können. Das wollen die Leute natürlich nicht wahrhaben, und so rangieren die Verbesserungsvorschläge von offenkundigem Blödsinn wie Videoüberwachung (Wie soll das funktionieren? Stellen sich Kameras schützend zwischen Fahrgäste und Gleisbett?) über Zutritt zum Bahnsteig nur mit Fahrkarte (OK, die Bahn wird's freuen, hat sie noch eine Möglichkeit mehr, ungerechtfertigt Geld zu kassieren, aber warum sollte ein Mörder schlagartig zum friedfertigen Menschen mutieren, weil er 40 Cent für ein Bahnsteigticket bezahlt hat?) und mehr Polizeipräsenz (Ich stelle mir gerade vor, wie am Hamburger Hauptbahnhof ganze Hundertschaften die Bahnsteigkanten absichern.) bis hin zu gut gemeinten, aber hierzulande nicht funktionierenden Ideen wie Barrieren, die sich nur auf Höhe der Zugtüren und zu dem Zeitpunkt öffnen, wenn der Zug zum Stillstand gekommen ist (was sehr präzise haltende Züge und einheitliche Türabstände bei allen Zugtypen voraussetzt). Doch selbst, wenn wir es hinbekämen, die Bahnhöfe abzusichern, wäre nicht viel gewonnen. Wer heute öffentlichkeitswirksam Menschen umbringen will, fährt mit einem LKW eine Uferpromenade entlang. Im Zweifelsfall reicht auch ein kleiner dimensionierter Lieferwagen oder ein PKW. Wer aufgrund erhöhter Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr an Bahnhöfen Menschen vor Züge schubsen kann, sucht sich eine stark befahrene Ampelkreuzung und schubst dort Leute vor Autos. Wie reagieren wir dann? Fordern wir Gitterzäune an Ampeln, die nur bei Grün geöffnet werden? Ich weiß, das wird niemandem gefallen, aber der Grund, warum wir uns jeden Tag auf die Straße wagen, ist der, dass wir zwar von Idioten umzingelt sind, von denen aber nur ein verschwindend geringer Teil uns Leid zufügen will. Wer uns das garantiert? Niemand. Es hat einfach bislang so funktioniert.

Nachträge

Greta atmet

Wenn mich etwas noch mehr anödet als eine junge Klugschwätzerin, sind es alte Klugschwätzer. Dass Thunbergs Segeltörn eine peinliche Symbolaktion ohne jeden Praxisbezug ist, sollte keine besondere Erkenntnis sein. Jetzt haben aber ein paar ganz besonders Schlaue bei der taz und Spiegel Online nachgerechnet und herausgefunden, dass die Fahrt hin noch einigermaßen umweltverträglich ablaufen mag, das Schiff aber von Amerika aus wieder nach Europa zurücksegelt und die zugehörige Crew erst eingeflogen werden muss - was den ökologischen Sinn der Aktion natürlich konterkariert.

Thunberg lernt also gerade auf die Harte Tour, was es heißt, im Rampenlicht zu stehen. Sie hat keine Gelegenheit ausgelassen, sich mit Maximalrhetorik als Heilige zu inszenieren, und die Medien haben brav den Hype mit angestachelt. Nun hat der große Nachrichtenzirkus vor allem eine Währung, und die lautet Aufmerksamkeit. Moral spielt da nur so lange eine Rolle, wie sie der Auflage hilft. Freund und Feind gibt es da nicht. Die gleiche Zeitung, die dich am Montag noch in den Himmel gelobt hat, wird dich am Dienstag als neuen Hitlermaostalin inszenieren, wenn es Klicks bringt. Was heißt "wenn", nein weil es Klicks bringt. Gegen den Strom zu schreiben, kommt immer gut an, zeigt es doch, wie mutig und kritisch jemand etwas hinterfragt. Da eignen sich Heilige wie Thunberg natürlich besonders gut. Einen Fleck an der glänzenden Fassade zu finden, ist für den sich vom Ruhm nicht blenden lassenden Geist schon fast eine Pflicht. Thunberg anzugreifen, ist natürlich schwer, hat sie doch gleich mehrere Attribute, die sie schützen: Frau, jung, Behinderung. Andererseits ist sie im Medienhaifischbecken noch eine ungeübte Schwimmerin, und wer so hohe moralische Maßstäbe anlegt wie Thunberg, wird an genau diesen Maßstäben gemessen - auch wenn dabei so ein Unfug herauskommt wie dieses Mal.

Wäre Thunberg geflogen, hätten sich die Leute aufgeregt.Wäre sie auf einem Frachter, der ohnehin auf dem Weg nach New York ist, mitgefahren, hätten sich die Leute über den Frachter aufgeregt. Selbst wenn sie wie gelegentlich gefordert eine Skype-Konferenz angesetzt hätte, wäre irgendjemand auf die Idee gekommen, nachzurechnen, wie viel Strom und Rechenleistung das verbraucht und wie der ökologische Fußabdruck der Skype-Server aussieht. Es verblüfft mich insgesamt, wie sehr seit Monaten die Debatte über Äußerlichkeiten geht. Wir haben ganze Talkshowabende erlebt, in denen ausgiebig die Frage erörtert wurde, ob es denn rechtlich zulässig sei, an einem Tag pro Woche die Schule zu schwänzen. Dass es den Schülerinnen  um irgendwas ging, war völlig egal. Einfach so den kostbaren Unterricht boykottieren, das geht ja nun wohl gar nicht.

Ähnlich ist es bei dieser - zugegeben peinlichen - Atlantik-Segeltour. Die eigentliche Frage ist in meinen Augen nicht, ob Thunberg bei dieser Aktion wirklich CO2 spart. Es ist egal, weil ihr Ausflug nicht einmal im Ansatz massentauglich ist. Die eigentliche Frage ist, ob und wie wir künftig weltweit mobil sein wollen, und die zu stellen, ist Thunberg gelungen.

Montag, 22. Juli 2019

CW

Ich könnte Ihnen erzählen, was es mit dieser Abkürzung auf sich hat, aber das könnte Sie triggern. Ich könnte Ihnen erzählen, worum es in diesem Blogbeitrag geht, aber auch das könnte Sie triggern.

Samstag, 20. Juli 2019

Roller die Waldfee

Wenn es etwas gibt, was der Deutsche noch mehr hasst als Leute, die Grünglas in den Weißglascontainer werfen, ist es Veränderung. Er hasste die fünfstelligen Postleitzahlen, gegen die Rechtschreibreform rief er sogar einen Volksentscheid ins Leben (was dazu führte, dass einige Schülerinnen innerhalb weniger Jahre nicht ein- sondern gleich viermal andere Schreibweisen lernen mussten), und ich bin überzeugt, dass viele Menschen Hitler allein deswegen gewählt hatten, weil er versprach, dass sie sich 1000 Jahre lang an keine neue Regierung gewöhnen müssen. Als Ende der Achtziger völlig überraschend die Wiedervereinigung über die Deutschen hereinbrach, sah es für einen kurzen Moment so aus, als könne diese Nation doch noch Gefallen an einer grundlegenden Änderung finden, aber schnell fand der damalige Kanzler Kohl einen Weg, die Wiedervereinigung in eine Annexion (verbal als zufällig gleichzeitig stattfindender, ganz spontaner Beitritt von Teilen Deutschlands zu Westdeutschland nach Artikel 23 GG verbrämt) umzuwandeln, in der alles beim Alten bleibt, nur mit D-Mark und mehr Bananen. Damit konnte das Volk sich anfreunden und brannte zur Feier des Tages ein paar Flüchtlingsunterkünfte ab.

Tritt dann auch noch eine Veränderung zu einem Zeitpunkt ein, an dem ansonsten wenig los ist, paart sich die Ablehnung alles Neuen mit dem Zwang, alles besser zu wissen, und heraus kommt eine komplett blödsinnige Sommerlochdebatte. In diesem Jahr trifft es die Elektro-Tretroller.

Ja, ich rede wirklich von diesem Kinderspielzeug, das seit dem IT-Boom um die Jahrtausendwende durch die Lagerhallenbüros irgendwelcher Hipster-Startups geistert und seit einigen Jahren auch auf Messen und CCC-Großveranstaltungen anzutreffen ist, wenn Leute schlicht keine Lust haben, weite Strecken zu Fuß zurückzulegen und nach etwas Handlichem suchen, das die Sache erleichtert. Irgendwer war zwischenzeitlich auf die Idee gekommen, die Dinger mit einem Elektromotor auszustatten, der auch den unsportlichsten Fettsack auf 20 km/h beschleunigte, und plötzlich waren die Elektro-Tretroller interessant. Wie hierzulande üblich, brauchte die deutsche Bürokratie ein paar Monate, um zu entscheiden, ob so ein Röllerchen im Gegensatz zum dieselverbrennenden, tonnenschweren SUV, das mit Vollgas durchs Wohnviertel zimmert, eine tödliche Gefahr darstellt, doch kaum war diese Frage gelöst, flogen offenbar Transportmaschinen übers Bundesgebiet, die über jeder Häuseransammlung die größer war als ein Einsiedlerhof, Dutzende Mietroller abwarfen. Inzwischen habe ich in Gegenden Roller gesehen, von denen ich bislang angenommen hatte, dass da ohnehin niemand lebt, Dortmund-Kirchende zum Beispiel.

Als vor etwa fünf Jahren die ersten Fahrräder mit Elektromotorunterstützung auftauchten, war die Reaktion entspannt. Wahrscheinlich lag es daran, dass man den Geräten erst auf den zweiten Blick ansah, dass sie gepimpt waren, und zweitens kamen die Leute schnell auf den Dreh, dass sie nach außen moralische Überlegenheit demonstrieren können ("Schaut her, ich fahre Rad. Ich strenge mich an und schütze die Umwelt."), während sie in Wirklichkeit ihren faulen Hintern - relativ gefährlich - elektrisch getrieben durch die Gegend schaukeln lassen und dabei weniger Kalorien verbrauchen, als wenn sie das Gaspedal ihres Autos drücken - das selbstverständlich weiter das Fortbewegungsmittel Nummer eins bleibt.

Anders ist es bei den Rollern. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht sind es die ergrauten Fünzigjährigen, die während ihrer Midlife-Crisis ihre kindliche Ader wiederentdecken und auf scheinbar nicht standesgemäßen Spielzeugen umherflitzen, vielleicht sind es die Radfahrer, die ihre Hoheit als moralische Blockwarte gefährdet sehen, auf jeden Fall ist seit einigen Wochen ein inniger Streit um - naja - Tretroller entbrannt. Die beiden Extrempunkte seien hier anhand zweier Artikel von Sascha Lobo und Nico Lumma beschrieben.

Lumma betet praktisch einmal die "Standardsituationen der Technologiekritik" von Kathrin Passig herunter: Wozu denn, es gibt doch schon Fahrräder, Roller nutzen nur den Chinesen und gefährden die heimische Wirtschaft, Roller sind technisch unausgereift, und außerdem ist das alles nur der Versuch, ein schniekes Startup zu gründen, um sich dann von der nervös gewordenen Automobilindustrie aufkaufen zu lassen. Fazit: Das Fahrrad bleibt.

Ich lese Lumma schon seit vielen Jahren, und ehrlich gesagt hätte ich so ein verstocktes Technophobengewäsch eher aus der Ecke eines Günter Grass (der zugegebenermaßen nicht mehr viel zu diesem Thema sagen kann) als von einem technisch umtriebigen Endvierziger erwartet. Vor allem erscheint mir die ganze Argumentation unausgegoren. Über hundert Jahre haben wir Städte für Autos und nicht für Menschen gebaut. Heute, wo wirklich der letzte Depp langsam begreift, dass der innerstädtische Individualverkehr nicht mehr skaliert und dass wir, wenn die Nordsee nicht an den Stadtrand von Bielefeld schwappen soll, jetzt - in Worten: jetzt - etwas unternehmen müssen, sind neue Ideen gefragt. Egal, ob Ausbau des ÖPNV, Autofahrverbote, Mieträder, Tretroller - kaum eine Idee ist idiotischer als das, was wir im Moment haben (sehen wir von Flugtaxis ab, die auch nur Symptome, keine Ursachen bekämpfen). Wenn die Chinesen bessere Akkus bauen, ist das kein Grund, sie zu boykottieren, sondern dazu, selbst wieder welche zu fertigen. Das Wissen war vorhanden, aber wir haben es nach Asien verhökert, weil wir noch in diesem Jahrzehnt meinten, das mit dem Ölverbrennen als Energiequelle ginge ewig so weiter. Außerdem ignoriert Lumma, dass der Trend auch beim Fahrrad schon längst zur Elektrounterstützung geht. Bei allem Gespöttel: Ich finde es allemal besser, wenn die altersschwache Rentnerin sich mit ihrem Elektrorad den Berg hochschummelt, als wenn sie die Strecke mit ihrem VW Tiguan führe. Was in Lummas Artikel ebenfalls fehlt, sind Mietfahrräder. Er kritisiert, dass man sich einen Roller umständlich mit einer App reservieren muss und übersieht dabei, dass die meisten Fahrradverleihe ganz ähnlich funktionieren. Was für Fahrräder in Ordnung geht, ist bei Rollern böse, sehe ich das richtig? Komplett auf Thesenebene verharrend finde ich Lummas Mutmaßung, die Roller seien reine Inszenierung für die Autoindustrie. Erstens: Willkommen im Kapitalismus. Der kennt keine Moral, sondern nur Gewinnmaximierung. Natürlich geht es den Rollervermietern nicht um die Rettung der Umwelt und die Entlastung der Innenstädte. Es geht ihnen um Geld - wie praktisch allen Mobilitätsanbietern. Wenn irgendwer mit einer guten Idee reich wird - warum nicht? Selbst wenn er sich später von Audi kaufen lässt, wird diese Firma kaum so dumm sein, den profitablen Neuerwerb einzustampfen. Sie wird eher wie Facebook im Fall von Whatsapp dafür sorgen, dass sich das Geschäft weiterwickelt.

Sascha Lobo bringt noch einen weiteren Aspekt ins Spiel: Das Argument, Tretroller seien im Straßenverkehr so gefährlich, verdrehe Ursache und Wirkung. In Wirklichkeit seien es nicht die Tretroller, die eine Bedrohung armer Autofahrerinnen darstellten, sondern die Autos, die keine Rücksicht auf die unscheinbaren Tretroller nähmen. Eine schöne Begriffsklärung nimmt Lobo beim Wort "Mobilität" vor und zeigt damit die Stärke der ganzen Verleihmodelle. Wir reden von "Mobilität" mit dem eigenen Auto und meinen damit den Wunsch, von A nach B zu gelangen. Was wir tatsächlich vollführen ist die Bewegung von A nach A mit einem Zwischenhalt in B, und das ist mehr als nur eine semantische Spitzfindigkeit. Wenn ich mit meinem Auto irgendwo aufbreche, muss ich es die ganze Zeit mit mir herumführen. Natürlich steige ich immer wieder aus, aber nur, um später wieder dort einzusteigen. Ich kann es nicht einfach stehenlassen und es vergessen. Wenn ich unterwegs bin, gehe ich zum Bahnhof, steige dort in den Zug, fahre dort zum Zielort, leihe mir dort ein Fahrrad (oder meinetwegen auch einen Roller), fahre damit zum Zielhaus, lasse das Fahrrad stehen, nehme eine Mitfahrgelegenheit zum Nachbarort wahr, fahrte dort mit dem Bus zum nächstgelegenen Bahnhof und reise schließlich mit der Bahn wieder nach Hause. Ein eigenes Auto hatte ich noch nie, wohl aber einen Führerschein, der es mir ermöglicht, dann ein Auto zu mieten, wenn ich wirklich eins brauche. Das ist in meinen Augen Mobilität.

Was interessanterweise sowohl Scooterkritiker Lumma als auch Scooterbefürworter Lobo in ihren Argumentationen ausklammern: Die Dinger bringen Spaß. Das mag zunächst nebensächlich klingen, tatsächlich ist es ein entscheidender Faktor. Warum fährt die gutsituierte Mittelständlerin einen Zwei-Tonnen-Klotz spazieren, mit dem in anderen Ländern erfolgreich Kriege geführt und gewonnen werden, obwohl irgendeine Billig-Blechbüchse oder gar ein Lastenrad den gleichen Zweck erfüllen? Weil sie Spaß an ihrem Privatpanzer hat. Jetzt könnte man nach traditionell grüner Manier irgendwelche Verbote einführen, die Mineralölsteuer erhöhen und Parkplatzgebühren erheben, mit denen man die Präsidenten-Suite im Hilton für zwei Nächte mieten könnte. Der Erfolg wäre die absolute Mehrheit für die AfD, allgemeine Preiserhöhungen und kein einziges Auto weniger auf der Straße. Die Menschen werden nicht gern belehrt, sondern verführt. Versuch, ihnen das Auto wegzunehmen, und sie werden aus reinem Trotz den Weg zum Bäcker mit dem Auto fahren, selbst wenn sie zu Fuß schneller wären. Gib ihnen ein cooles Spielzeug, und sie werden selbst dann mit dem Ding zur Arbeit rollen, wenn es sich zeitlich nicht lohnt, weil sie einfach Spaß daran haben. Es mag sein, dass wir eine gewisse Zeit brauchen, uns an neue Spielregeln zu gewöhnen, aber das hatten wir bei anderen Dingen auch schon. Wir brauchten eine Eingewöhnungsphase, bis Radfahrer und Fußgänger aufeinander Rücksicht zu nehmen gelernt hatten. Wir brauchten eine Eingewöhungsphase, bis wir wussten, wann es in Ordnung ist, mobil zu telefonieren und wann nicht. Selbst bei E-Zigaretten gibt es inzwischen Konventionen, wie mit ihnen umgegangen werden soll. Natürlich gibt es für jedes dieser Beispiele Ausnahmen. Es gibt die Nahkampf-Radlerinnen, die Smartphone-Brüllerinnen und die Typen, die in der Bahn dampfen, weil "das ja schließlich kein Rauchen ist". Sie bekommen die Sache aber nicht in den Griff, indem Sie Fahrräder, Smartphones und Elektrozigaretten verbieten. Dann benehmen sich die Leute eben woanders daneben. Möglichkeiten dazu gibt es reichlich: Leute, die sich im Supermarkt von der falschen Seite anstellen, die direkt hinter der Rolltreppe stehenbleiben, um sich erst einmal zu orientieren oder im Bus mit ihrer Jacke und ihrem Handgepäck einen kompletten Vierersitz blockieren. Keiner käme deswegen auf die Idee, Supermärkte, Rolltreppen oder Omnibusse zu verbieten. Akzeptieren Sie, dass wir mit einem gewissen Prozentsatz von Idioten leben, und einige davon werden auch Roller fahren.

Ob sich die Elektro-Tretroller durchsetzen, werden wir dann wissen, wenn wir sie ausprobiert haben. Ich sehe in ihnen weder die Heilsbringer, noch den Untergang der Menschheit. Vielleicht haben uns diese Geräte wirklich nicht gefehlt. Was uns ganz bestimmt fehlt, ist eine gehörige Portion Neugier und Verspieltheit, neue Dinge einfach einmal auszuprobieren.

Nachtrag

Spiegel Online hat noch einmal nachgelegt und einen E-Scooter ausprobiert. Wie zu erwarten findet er heraus, dass diese Fahrzeuge nichts taugen. Was nicht so richtig klar wird: Womit vergleicht er es überhaupt? Auf der einen Seite bemängelt er Gewicht und Sperrigkeit und übersieht dabei, dass dies für Fahrräder auch zutrifft. Auf der anderen Seite sieht er keine große Geschwindigkeitsersparnis gegenüber eine zu Fuß zurückgelegten Strecke - auf einer Distanz von 500 Metern. Er kritisiert den hohen Anschaffungspreis, allerdings auch die hohen Kosten der Leihgeräte - und übersieht auch hier, dass sämtliche Leasing- und Mietmodelle anderer Fahrzeuge ebenfalls nach recht kurzer Zeit so teuer wie ein Kauf sind. Das ist aber auch die Geschäftsidee hinter solchen Angeboten: Ich miete mir etwas für einen relativ hohen Preis, habe aber den Vorteil höherer Flexibilität. Ich finde 15 Cent pro Minute auch absurd teuer, habe aber den Vorteil, dass ich am Bahnhof mir das Fahrzeug ausleihe, zum Ziel fahre und es dort stehen lasse, ohne mich noch um irgendwas kümmern zu müssen. Kein Tanken, kein Säubern, kein TÜV, keine Reparaturen - alles Sache der Verleihfirma. Vor allem muss ich dann nichts umständlich eine Treppe herunterwuchten oder mit in die Wohnung schleppen. Das alles ficht den Autor aber nicht an, denn sein Hauptargument, das sich angefangen von der Überschrift durch den kompletten Artikel zieht, lautet: Rollerfahren ist ihm peinlich.

Ja, pff, da kann ich auch nicht helfen, aber mit Verlaub: Was ist das für ein Argument?

Samstag, 6. Juli 2019

Hauptsache, das Feindbild stimmt

Vergesst Argumente, die braucht ihr nicht. Wenn ihr eine Diskussion mit drei Worten beenden wollt, sagt:

alte, weiße Männer.

Das reicht. Alte, weiße Männer sind das personifizierte Böse. Sie vereinen alle negativen Attribute, die wir einst auf mehrere Gruppen verteilen mussten, wie Ausländer, Flüchtlinge, Dunkelhäutige, die Illuminaten, die Nazis, Bilderberger und die jüdisch-zionistische Weltrevolution. Sie sind böse, hinterhältig, sexistisch, rassistisch, egostisch, aggressiv, habgierig, abelistisch und vor allem interessieren sie sich nicht für die Zukunft. Begründet wird dies damit, das alle, ich wiederhole: ALLE alten, weißen Männer unfassbar privilegiert sind, dass sie alle, ich wiederhole: ALLE in Luxus und Wohlstand leben und dass sie keine Schwierigkeiten mit Fehlentscheidungen haben, deren Konsequenzen erst nach ihrem baldigen Tod eintreten werden. Woher dieses Wissen kommt? Also bitteschön, das weiß man doch. Der Mohr spielt guten Jazz, die Südamerikanerinnen sind alle temperamentvoll, die Japaner beherrschen alle eine Kampfsportart, der Iwan trinkt Wodka, der Franzose Rotwein, und dem weißen Mann geht's viel zu gut. Muss man wissen.

Allein schon die These, alte Menschen interessierten sich nicht für Ereignisse nach ihrem Tod, dürfte sich empirisch schwer belegen lassen. Natürlich hat eine in voller Wucht erst in 30 Jahren wirkende Klimakatastrophe für Fünfzigjährige kaum persönliche Konsequenzen, wohl aber für deren Kinder und Enkelkinder, und ich kenne persönlich nur wenig Menschen, die sagen, es sei ihnen egal, woran ihre Kinder oder Enkel verrecken.

Natürlich ist das kein Beweis. Es sind Anekdoten. Ich kenne auch reichlich weiße, alte Männer, denen es OKAY geht, im Sinne von: Sie können ihre Kredite bedienen, den Unterhalt für ihre geschiedene Frau bezahlen, die Miete für ihre etwas heruntergekommene Zwei-Zimmer-Wohnung aufbringen, und da die Preise bei Lidl in Ordnung sind, müssen sie keinen Hunger leiden, ja, es reicht sogar im Sommer für einen Campingurlaub mit den Kindern. Was an diesem Leben so wahnsinnig privilegiert sein soll, habe ich zwar noch nicht verstanden, wohl aber, dass es viele Menschen gibt, denen es schlechter geht, weswegen alles, was diese verwöhnten Pfeffersäcke meinen, fühlen und sagen, per se BÖSE und FALSCH ist. Das liegt daran, dass sie vor lauter Privilegien gar nicht das Elend der Anderen sehen. Sehen können. So sehr versperren ihnen die Privilegien die Sicht. Aber auch das sind nur Anekdoten.


Interessant finde ich, wie bereitwillig das Narrativ vom ultimativ bösen alten, weißen Mann von gerade jener Gruppe aufgegriffen wurde, die sich ansonsten lautstark im Anprangern von Vorurteilen überbietet. Einen Menschen anhand von Kriterien zu beurteilen, auf die er keinen Einfluss hat - undenkbar. Nur nicht in diesem Fall. Allein schon das Verbrechen, sich eindeutig als Mann zu identifizieren und nicht wenigstens ein itze-klitze-kleines bisschen transgender zu sein. Die Hautfarbe - na gut, das lassen wir durchgehen, aber warum ist der Kerl nicht Mitte Dreißig von einem Hochhaus gesprungen, um zumindest zu verhindern, alt zu werden? Da sieht man doch mal wieder, wie sehr sich diese weißen, alten Männer an ihre Privilegien klammern.

Besonders tragisch ist, dass diese Gruppe eigentlich das Richtige will: Gleichberechtigung, friedliches Miteinander der Kulturen, Freiheit und nicht zuletzt die Rettung des Ökosystems Erde. Statt sich Verbündete zu suchen, suchen sie in stalinistischer Selbstzerfleischung den Feind in den eigenen Reihen. Es geht ihnen nicht um einen Generationskonflikt, in dem die jüngere Generation versucht, die festgefahrenen Vorstellungen einer älteren aufzubrechen. Es geht ihnen um die pauschale Ablehnung all dessen, was ein bestimmtes Geschlecht einer bestimmten Hautfarbe und eines bestimmten Alters für gut befindet. Sie argumentieren nicht mehr, sie pauschalisieren - und vergraulen damit diejenigen, die eigentlich auf ihrer Seite stehen, aber als Menschen für voll genommen werden wollen. Wie viel Prozent braucht die AfD noch, bis ihr begreift, dass man platte, menschenfeindliche Weltbilder nicht mit platten, menschenfeindlichen Weltbildern bekämpft?

Sonntag, 16. Juni 2019

Kommunikative Katastrophe

Die Europawahl ist gelaufen, die SPD auf dem Weg zur Fünf-Prozent-Hürde kaum noch zu stoppen, die Grünen scheinen sich als neue Volkspartei zu etablieren und die CDU?

Die CDU wird nicht müde, Argumente zu liefern, warum Menschen unter 60 Jahren sie nicht wählen sollten.

Auslöser war ein fünfzigminütiges Video, dass der Youtuber Rezo vor einigen Tagen ins Netz gestellt hatte, in dem er mit zahlreichen Belegen aufzählt, was ihm an der CDU nicht gefällt. Den Rest der Geschichte kennen wir: Die ihm politisch nahe Stehenden überbieten sich in Lobeshymnen ob der akribischen Vorarbeit, die Rezo vorher geleistet hat, seine politischen Gegner suchen verzweifelt irgendwelche Schönheitsfehler, anhand derer sie das ganze Video diskreditieren können. Strategisch erinnert es mich die Leute, die mir erzählen, sie wären zufällig an einer der freitäglichen Schülerinnendemonstrationen vorbeigekommen, und da hätten doch, sie zitterten noch am ganzen Leibe, wenn sie darüber berichten, da hätten doch tatsächlich einige Demonstrantinnen einen Abstecher zum nächsten US-Burgerbräter unternommen. "Na, ich meine, das sagt doch wohl alles!"

Sagt was?

"Schüler, Demonstration, Klima, McDonald's - verstehste?"

Dürfen Schülerinnen keinen Hunger mehr haben, oder worauf willst du hinaus?

"MÄCK DONNELDS!"

Ja, so heißt der Laden. Nochmal: Was willst du mir damit sagen?

"Na, wie können die auf der einen Seite fürs Klima demonstrieren, aber dann bei Meckes einkaufen gehen, wo doch alle wissen, wie umweltschädlich die sind?"

Dir ist schon klar, dass du auf einer Demonstration, nicht einer Heiligenprozession warst?

So ähnlich geht es mir bei der Reaktion auf das Rezo-Video. Ich mag den aufgeregten Stil nicht, die Wortwahl passt  mir auch nicht, ich finde die Grundhaltung albern, der CDU einen bösen Masterplan zu unterstellen, obwohl Überforderung und Unfähigkeit als Erklärung mindestens ebenso gut ausreichen, aber meine Güte, ich habe auch schon inhaltlich sehr viel dünnere Videos gesehen. Ja einige Patzer, was den Umgang mit Statistiken angeht, sollten einem Studenten einer Naturwissenschaft nicht unterlaufen, aber die fachlich stümperhaften Passagen reichen meiner Meinung nach nicht aus, um das gesamte Video zu verwerfen.

Trotzdem hinterlässt bereits dieser Anfang einen schlechten Beigeschmack. Ganz offensichtlich hatte das Video Erfolg. Mehrere Millionen Aufrufe sprechen für sich. Andererseits verbaut sich dieses Video auch die Chance, mit den Kritisierten ins Gespräch zu kommen. Wer derart angegangen wird, reagiert - wie wir sehen - verletzt, in die Ecke gedrängt, aggressiv. Für eine ruhige Diskussion über das eigentliche Thema muss erst einmal die so aufgebaute Hürde wieder abgebaut werden.

Allerdings nehme ich jede Wette an, was passiert wäre, hätte Rezo das Video im Stil einer Seminararbeit verfasst. Niemand hätte es zur Kenntnis genommen, als Letzte die CDU. Die Tatsache, dass sie überhaupt irgendeine Art von Antwort zeigt, liegt daran, dass Rezo sie angeschrien hat und Millionen Menschen dadurch aufmerksam wurden. Was sich auf diese Weise aber zeigt, ist die in meinen Augen sehr beunruhigende Tendenz, sich mit normalen Mitteln kein Gehör mehr verschaffen zu können. Nur der Aufschrei ist noch laut genug, um gehört zu werden. Mit Schreien beginnt aber auch keine sachliche Diskussion.

Die CDU wiederum reagiert auf eine Weise und in einem Maß dilettantisch, dass jeder Verlag die Geschichte abgelehnt hätte, wäre sie ihm als Romanvorlage eingereicht worden: "Das kaufen uns die Leser nie ab. Meine Güte, in der CDU sitzen eiskalte Politprofis. Die haben Jahrzehnte in diesem Geschäft zugebracht und wissen ganz genau, wann welche Presseerklärung fällig ist, welche Worte da zu wählen sind und vor allem wie sie wieder die Handlungshoheit gewinnen. Kohl konnte Dinge noch aussitzen. Merkel wartete gern ab, wohin sich die Stimmung entwickelte. Beide Strategien sind allerdings schon etwas in die Jahre gekommen, funktionieren nicht mehr so gut, vor allem funktionieren sie nicht universell.

Wenn ein Thema so stark hochkocht, dass selbst meine sorgfältig auf Ödnis getrimmte Twitter-Timeline davon zu reden beginnt, ist Holland in Not. Dann sollte Red Adair zusammen mit den Avengers ausrücken, um zu retten, was zu retten ist. Statt dessen unternimmt die CDU tagelang - erst mal nichts.

Natürlich ist jetzt das Geschrei wieder groß. Die CDU habe das Internet nicht verstanden, tönen diejenigen herum, die selbstverständlich von sich behaupten, eben dieses Verständnis zu besitzen. Das aber ist Schwachsinn. Niemand, einschließlich derer, die sich aufgrund eines von ihnen auf Instagram abgesetzen Smilies für die Oberchecker halten, hat das Internet verstanden. Das Internet ist ein weltweiter Kommunikationsverbund, dessen verbindendes Merkmal darin besteht, sich an ein bestimmtes Datenaustauschverfahren zu halten. Wer aber meint, "das Internet verstanden zu haben", glaubt zu wissen, wie die Menschen weltweit in diesem Netz agieren. Das ist etwa so vermessen, wie zu behaupten, "die Menschheit verstanden zu haben", weil man weiß, dass wir uns mit Sprache verständigen. Das Einzige, was wir sagen können, ist, dass die CDU das Heranwachsen einer Massenbewegung falsch eingeschätzt hat, und wenn wir ehrlich sind, hätte uns das ebenso passieren können.

Ganz ehrfürchtig haben wir auf die millionenfachen Aufrufe des Rezo-Videos geschaut. Die meisten von uns sind froh, wenn sie zweistellige Likes bekommen, ihr Podcast von einer dreistelligen Zahl Menschen gehört und ihre Blogs täglich ein paar Dutzend mal gelesen werden. Hörertreffen mit einer Handvoll Leute in einem Kneipenhinterzimmer sind für uns Woodstock. In Tausendern denken vielleicht Größen wie Michael Seemann oder Tim Pritlove. Millionen ist eine Größenordnung, in die alle Talks des Chaos Communication Congress zusammengezählt kommen. In 14 Tagen 14 Millionen Aufrufe zu sammeln, ist für deutsche Social-Media-Verhältnisse eine sehr große Zahl.

Die "Tagesschau" hat fast 10 Millionen Zuschauer. An jedem einzelnen Abend.

Dieser Vergleich der traditionellen Fernseh- mit der neuen Social-Media-Welt ist zwar wahr, aber auch gefährlich, denn selbst relativ hohe Zahlen können Auswirkungen haben. In diesem Fall wurden die "alten" Medien auf den Sturm im Youtube-Wasserglas aufmerksam, und plötzlich war das Thema doch in der Tagesschau. Spätestens hier hätte die CDU reagieren müssen - was sie auf ihre Weise auch tat: mit Rhetoriktricks aus der Klamottenkiste. Sie versuchte, das Video kleinzureden, unterstellte dem Verfasser monetäre Interessen und hing sich an Stilfragen auf. Wir brauchen nicht darüber zu reden, dass "die Zerstörung der CDU" künftigen Generationen nicht als Beispiel für gelungene Diplomatie dienen wird, aber sehr wahrscheinlich dient es der jetzigen Generation als Vorlage dafür, wie man eine Regierungspartei in die Defensive drängt. Was ab jetzt kam, ließ daran zweifeln, ob die CDU als politischer Gegner überhaupt noch satisfaktionsfähig ist. Philipp Amthor, Kampfheintje der Bundestagsfraktion, kündigte ein Antwortvideo an, doch statt es zu senden, verschwand das Video im Giftschrank, und zum Trost gab es auf der CDU-Homepage ein elfseitiges PDF zum Herunterladen. Hätte Amthor ein Video gedreht, in dem er in einer Naziuniform mit einem schwerölverbrennenden SUV über transsexuelle Flüchtlingskinder fährt, die Außenwirkung hätte kaum schlechter sein können. Eigentlich hätte noch gefehlt, dass die CDU anbietet, das PDF auch per frankiertem Rückumschlag mit der Post zu schicken.

Die SPD hat es im Jahr 2009 als Folge ihrer Zustimmung zur Internetzensur erfahren müssen (und nichts daraus gelernt), und die CDU bekam es zehn Jahre später auch zu spüren: Eine Wahl lässt sich mit den Netzaffinen vielleicht nicht gewinnen, wohl aber verlieren. Mit ihrem trampelhaften Verhalten seit den freitäglichen Schülerinnendemonstrationen, bei denen ihr über Wochen nichts Besseres einfiel als sich über die Verletzung der Schulpflicht zu ereifern, hat die Union gute Aussichten, ähnlich wie einst die SPD den Anschluss an eine komplette Generation zu verlieren. Den vorläufigen Tiefpunkt erreichte die CDU-Öffentlichkeitsarbeit kurz nach der Europawahl, als sich die Parteivorsitzende in einer Rede darüber beklagte, dass Leute auf Youtube einfach so ihre politische Meinung sagen können. Da müsse es doch Regeln geben. Regeln, die - und das übersah Kramp-Karrenbauer - wenn schon nicht im analogen, dann doch im digitalen Leben zu existieren hätten. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich jeder Dahergelaufene am politischen Meinungsbildungsprozess beteiligen könnte, ohne vorher die CDU zu fragen?

Auf der anderen Seite: Was wäre geschehen, hätte Rezo fünfzig Minuten lang Statistiken zitiert, in denen Ausländerinnen und Flüchtlinge schlecht wegkommen? Wie hätten wir reagiert, wenn er Belege für die These gebracht hätte, die Kriminalität könne nur noch durch Totalüberwachung gestoppt werden? Hätten wir auch dann noch das Hohelied der Meinungsfreiheit gesungen und uns in Lobpreisungen ob der dargebrachten wissenschaftlichen Studien überboten?

Wissenschaftliches Arbeiten ist vor allem eine bestimmte Methode, Dinge aufzuschreiben. Es geht vor allem darum, Reproduzierbarkeit zu schaffen. Wenn ich Aussagen zitiere, muss ich Quellen angeben - die ihrerseits überprüfbar sein müssen. Wer von Ihnen hat alle in Rezos Video verlinkten Quellen angeklickt und auf ihre Wissenschaftlichkeit überprüft? Wer von Ihnen hat es nicht getan und sich statt dessen gesagr: "Naja, stimmt ja, das meine ich ebenfalls, und guck mal, er hat alles brav verlinkt"?

Rezo hat sich in den politischen Meinungsfindungsprozess eingemischt, dann aber ein ungeschriebenes Gesetz verletzt, indem er den Dialog verweigerte. Das ist selbstverständlich sein Recht, und er hatte sogar verständliche Gründe dafür genannt. Dennoch hinterlässt dieses Vorgehen bei mir einen schlechten Eindruck. Ein derart wuchtiges Video zu veröffentlichen und sich danach zu weigern, mit den Angegriffenen ein Gesrpäch zu führen, ist wie Losschimpfen, Rausrennen und Türzuschlagen. Es ist so, als wenn jemand beim Tischtennis aufschlägt und anschließend schnell die eigene Hälfte der Platte hochklappt, damit die Gegenseite nur noch gegen sich selbst spielen kann. Das ist ein möglicher Spielzug, aber das Protokoll hätte etwas Anderes vorgesehen.

Eine grundlegende Frage, die sich durch die Debatte zieht, scheint mir zu sein, in welcher Rolle wir Rezo sehen wollen. Irgendwer hat den Begriff "Influzenzer" aufgeworfen und damit die Unklarheit einfach nur um eine Stufe verschoben, da auch keiner genau weiß, was das heißen soll. Ab wann beginnt der "Einfluss", den diese Leute angeblich nehmen? Müssen sie dazu unbedingt Videoblogs bei Youtube unterhalten, oder ist auch ein Twitter-Account mit 1000 Followern "Influence"? Ist ein Videoblog wie "Shadiversity", das sich vor allem um mittelalterliche Waffenkunde dreht, einflussreich? Die Frage, ob Minas Tirith aus dem "Herrn der Ringe" militärisch gesehen eine realistische Festungsanlage ist, mag zu angeregten Nerddiskussionen führen, aber ansonsten wirkungslos bleiben. Allenfalls die Werbeeinblendungen könnten reale Auswirkungen haben.

So gesehen ist auch die Diskussion, ob Rezo kommerzielle Interessen verfolgt, reichlich albern. Wenn die Helene Fischer auf einer Spendengala gratis auftritt, fragt sich auch kein Mensch, ob sie insgesamt kein Honorar nimmt. Es trägt sehr zur Glaubwürdigkeit des Videos bei, dass Rezo dort keine Werbung geschaltet hat, aber die paar Euro, die er auf diese Weise verloren hat (weil die Produktion natürlich Aufwand für ihn bedeutete), hat er schon längst durch seine enorm gestiegene Bekanntheit kompensiert. Sie müssen schon sehr viele Steine in der Eifel umdrehen, um einen zu finden, unter dem jemand steckt, der mit dem Namen "Rezo" nicht mindestens "ach, der Typ mit den blauen Haaren" verbindet. Ändert das etwas am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen? Nein, weder im Negativen, noch im Positiven. Es fragt auch kein Mensch, ob die "Zeit", der "Spiegel" oder die "Süddeutsche" kommerzielle Interessen verfolgen. Natürlich verfolgen sie die, ansonsten gäbe es sie nicht. Trotzdem kann man auch dann sauberen Journalismus liefern, und das ist die eigentliche Frage: Ist Rezo, sind "Influenzer" Journalistinnen?

Viel von der katastrophalen Reaktion der CDU auf das Video lässt sich mit dem ständigen Schwanken erklären, in Rezo einmal einen belanglosen Bubb zu sehen, der ein pubertäres Video für seine Buddies zusammengeklickt hat, oder einen Journalisten, der seine millionenfache Reichweite für politische Propaganda missbraucht oder einen "Influenzer", von dem zwar keiner weiß, was das eigentlich ist, aber er erreicht Leute, und das müssen wir unbedingt unter staatliche Kontrolle bringen.

Interessant ist hierbei, wie die CDU bei all dem übersieht, dass egal, wo sie Rezo einordnen, sie ihm nicht nur Pflichten abverlangen, sondern auch Rechte zugestehen müssen. Wenn Kramp-Karrenbauer darüber sinniert, wie schlimm es doch wäre, wenn Tageszeitungen zu deutlich in Wahlkämpfe eingriffen, hält sie Rezo offensichtlich für einen Journalisten, und für diese Leute gibt es etwas, das sich Pressefreiheit nennt. Schade, dass sie sich hierzu nicht geäußert hat.

Interessant ist auch, wie die Öffentlichkeit auf neue Trends im Internet reagiert. Erinnern Sie sich daran, wie die Leute beim Aufkommen von Twitter Trivialnachrichten wie beispielsweise die Konsistenz des eigenen Stuhlgangs als Grund zitierten, warum man sich mit diesem Phänomen nicht beschäftigen muss. Das Argument höre ich bis heute. Ich bin jetzt seit über 10 Jahren bei Twitter. Ich folge Hunderten von Leuten. Mein Fazit: Wer sich über Banalität echauffiert, nutzt die zahlreichen Auswahl- und Filtermöglichkeiten nicht richtig.

Jetzt schauen wir uns an, wie wir auf die "Vlogger", "Youtuber", "Influencer" oder wie auch immer sie gerade genannt werden, reagiert haben: "Ja, pff, Beauty-Blogger. Schminktipps." Dann stellte jemand fest, wie viele Leute sich diese Videos ansehen. Die Reaktion: "Meine Güte, die Jugend geht den Bach runter, schaut sich millionenfach an welche Handtaschen gerade angesagt sind, statt sich um die wirklich relevanten Dinge zu kümmern wie zum Beispiel die Lage im Nahen Osten." Jetzt produzieren diese Leute ein Video, das sich um ein Thema dreht, welches ganz konkret jeden Menschen auf diesem Planeten betrifft, und statt sich zu freuen, dass Reichweite und Relevanz zusammengefunden haben, schreien alle herum, was denn diesen Grünschnäbeln einfiele, sich in Dinge einzumischen, die vorherige Generationen über Jahrzehnte hinweg vergeigt haben. Da könnte ja jeder kommen. Neinein, um unsere Spezies auszulöschen, muss man schon 50 sein.

Wir beobachten einen typischen Generationenkonflikt, und mir bereitet das weniger Sorge als die Frage, warum wir über so viele Jahre keinen Generationenkonflikt erlebt haben. Es hat vielleicht gelegenlich etwas gerappelt, als beispielsweise Schülerinnen gegen ACTA auf die Straße gingen, kurze Zeit vorher der Streit über die Internetzensur die Piratenpartei nach oben spülte und wiederum ein paar Jahre zuvor Hunderttausende gegen die Vorratsdatenspeicherung protestierten, aber mir kam das alles immer nur wie ein kurzes Aufflackern vor, welches schnell wieder erlosch. Wir haben um die Jahrtausendwende herum erlebt, wie die Generation der 68er den langen Marsch durch die Institutionen beendete, den sie 30 Jahre zuvor angetreten hatte. Jetzt phast auch diese Generation aus, und es ist in meinen Augen überfällig, einige Gewohnheiten in Frage zu stellen. Das heißt nicht, das jede Idee allein aufgrund des Arguments "Hoppla, ich bin 26" blind durchgewunken werden sollte, aber sie verdient in meinen Augen auf jeden Fall Aufmerksamkeit, weil es immer sinnvoll ist, neue Dinge auf ihre Nützlichkeit hin zu untersuchen.

Vielleicht ist es dieses bornierte Festklammern am längst Überkommenen, was mich am meisten ärgert - dieser an Ignoranz kaum zu überbietende Versuch, das Neue mit unpassenden Metaphern aus der alten Zeit zu erklären, nur um festellen zu können, das da nichts wirklich Relevantes drinsteckt, weshalb man es auch gleich wieder verwerfen kann. Als das Internet aufkam, verglichen wir es mit Warenhauskataogen, was vielleicht den Zugang erleichtert aber viele wesentliche Unterschiede ausblendet. Die Katalogmetapher führte aber auch dazu, an das Internet die falschen Fragen zu stellen. Warum sollte jeder einen Katalog veröffentlichen können? Das geschieht doch jetzt schon nicht, warum auch? Kling ganz so, als bräuchte man sowas nicht. Deshalb störte es die Öffentlichkeit auch nicht, als immer mehr Regularien und Repressalien im Netz eingeführt wurden. Was soll schon schlimm daran sein, bestimmte Inhalte in Kaufhauskatalogen zu verbieten? Das ist ja jetzt schon der Fall, kein Grund zur Sorge

So missverstanden wir uns durch die weiteren Entwicklungen, verglichen Foren mit Leserbriefspalten in Zeitungen, Blogs mit Tagebüchern und schließlich Youtube mit Fernsehen, was natürlich sofort zur Frage führte, ob denn wirklich jeder einen Fernsehsender betreiben müsse, wo es doch schon so viele gibt. Es führte zur Fehleinschätzung, Youtube-Blogger könnten mangels hinter ihnen stehenden millionenschweren Sendeanstalten keine relevanten Beiträge produzieren und den zahlreichen Versuchen, Rezo wegen all der Punkte zu diskreditieren, in denen sein Verhalten nicht zu dem eines Fernsehsenders passte - statt sich einzugestehen, dass dies kein Makel, sondern genau der Grund ist, warum sich Youtube-Bloggen von den bisherigen publizistischen Formaten grundlegend unterscheidet. Kein Mensch käme schließlich auf die Idee, Autos zu kritisieren, weil ihre Reifen öfter aufgepumpt werden müssen als das Rad einer Pferdekutsche.

Die vor allem von Jugendlichen getragenen Klimaproteste dauern nun schon ein paar Monate an, und das scheint mir Grund zur Annahme zu geben, dass es sich dabei um mehr als eine flüchtige Modeerscheinung handelt. Teile der CDU haben wenigstens begriffen, dass sie auf dem besten Weg sind, dicht hinter der SPD auf der Abwärtsspirale in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen und versuchen in einer nervösen Überreaktion die CDU als jahrzehntelange Vorreiterin der Ökobewegung hinzustellen. Ich weiß offen gesagt nicht, ob mir Ignoranz oder Heuchelei peinlicher vorkommen. Letztlich ist mir die Umweltfrage aber auch egal. Wichig ist mir, dass wir hoffentlich eine gesellschaftliche Veränderung erleben werden, mit einer politischen Jugend im demokratischen Wettstreit mit einer älteren Generation, die nicht hysterisch jeder noch so idiotischen Idee hinterherrent, nur weil sie neu ist, aber neugierig ist, verspielt und zu Experimenten bereit. Vielleicht haben dann sogar die ehemaligen Volksparteien noch einmal eine Chance.

Sonntag, 2. Juni 2019

Beyond the point of no return

Die Königin des G(en)ossen-Dadaismus wirft hin. Nicht, dass ich jemals sonderliche Sympathien für Andrea Nahles gehegt hätte oder ihren Abgang auch nur ansatzweise bedauerte, aber ein kleines bisschen geht es mir doch nahe, dieser einst so mächtigen Partei bei der Implosion zuzusehen.

Vielleicht wird es dieser Moment sein, den wir einmal rückblickend als den identifizieren werden, der den Übergang ins 21. Jahrhundert abschloss, der Moment, in dem wir Abschied von den Volksparteien nahmen, den Parteien, die ein derart weites Meinungsspektrum abdeckten, dass zwischen 70 und 80 Prozent der Wählerinnen sich dort wiederfanden. Diese Zeit, behaupte ich, ist zumindest für einige Jahre vorbei, und selbst wenn wir doch einmal wieder erleben, wie sich große Sammlungsbewegungen formieren, werden sie nicht mehr SPD und CDU heißen, sondern vielleicht (!) Grüne und AfD.

Die CDU mag eventuell noch den Hauch einer Chance haben, sich zu halten, aber für die SPD, behaupte ich, ist es zu spät. Sie könnte heute jeder Hartz-IV-Empfängerin eine Villa am Starnberger See in Aussicht stellen und einen Mindestlohn von einem Zentner Gold pro Stunde fordern, ohne dass sich an den Wahlergebnissen etwas änderte. Die SPD hat die Kraft verloren, ihre Errungenschaften als ihren Verdienst zu vermitteln. Sie hat zu oft zu wuchtig eine Haltung vertreten, nur um im entscheidenden Moment einzuknicken und das auch noch als großen Sieg zu verkaufen. Immer wieder redeten ihre Vertreterinnen so, als säßen sie seit Jahrzehnten in der Opposition und nicht als Juniorpartner auf Regierungssesseln. Sätze der Art "ja, wenn wir erst einmal an der Regierung wären, dann", ziehen nun einmal den unangenehmen Hinweis nach sich, laut Wikipedia sei genau dies der Fall, ob denn niemand im Willy-Brandt-Haus Nachrichten läse.

Das Erheben des Wählerverschaukelns zum Leistungsmerkmal ist es, was der SPD das Genick gebrochen hat. Der FDP trauten wir über Jahrzehnte zu, selbst als Kleinpartei den größeren Regierungspartner vor sich her treiben zu können. Der genauere Ausdruck ist "Klientelpolitik", aber dafür wurde diese Partei auch gewählt. Apotheker, Anwälte, Hoteliers - sie wussten, dass die FDP keine Scham kennt, um ihre Interessen durchzusetzen. Die SPD hingegen wähnt sich immer noch in der Rolle der großen, die Massen vereinenden Übermutter. Das ist allein schon aus numerischen Gründen Unsinn. Sie kann gar nicht mehr das frühere Spektrum abdecken, dafür hat sie zu wenig Anhänger. Sie könnte wie die FDP beschließen, unverholene Lobbypolitik zu betreiben, aber dazu fehlt ihr zweierlei: die Idee, wen genau sie noch vertreten möchte und die Kraft, ihre Wählerinnen zu davon zu überzeugen, diesen Forderungskatalog auch konsequent durchzusetzen. Die SPD befindet sich in einer Abwärtsspirale: Immer weniger Menschen wählen sie, weil ihr niemand mehr etwas zutraut, da sie ja ohnehin keiner mehr wählt.

Die Entscheidung, mit Andrea Nahles ausgerechnet eine Person an die Spitze zu setzen, welche die Misere der Partei mit zu verantworten hat, war deswegen auch nur eingeschränkt schlau. Sie hätte vielleicht funktioniert, wenn Nahles wenigstens den Rest der Partei umgekrempelt hätte. Statt dessen handelte sie sich mit Kevin Kühnert (natürlich von ihr ungewollt) jemanden ein, der zwar noch weit von höheren Parteiämtern entfernt ist, aber mit praktisch jedem Interview zeigt, was für ein cooler Laden die SPD sein könnte, wenn sie den Mut dazu hätte.

Statt dessen beschwört die SPD Nibelungentreue. Na gut, sie nennt es "Solidarität". Ist das diese Solidarität, mit der sie damals Rudolf Scharping abgesägt hat oder Martin Schulz oder Franz Müntefering oder Heide Simonis oder Andrea Ypsilanti? Ach, die haben es selbst vermasselt? Keine weiteren Fragen.

Allein schon, dass Wolfgang Thierse neben dem Solidaritäts-Holzhammer nichts weiter einfällt als sinngemäß: "Das ist doch eine Frau, die kann man doch nicht so einfach stürzen", offenbart die ganze Kläglichkeit der Partei. Sexismus ist es nämlich auch, wenn das Argument lautet: unfähig wie ein Beutel Kartoffelschalen, aber Frau, also wählen, damit wir was zum Vorzeigen haben.

Optionen hat die SPD im Moment kaum noch. Sie könnte irgendeinen ihrer alten Säcke herauskramen, irgendwen der Riege Basta-Schröder. Der oder die bekäme vielleicht wieder Ordnung in die Partei, aber an der lähmenden Außenwirkung ändert das nichts. Eine Chance hätte die SPD vielleicht, wenn sie va banque spielt und irgendeine Unbekannte hervorzaubert. Am Ehesten fiele mir noch Kevin Kühnert ein, aber ob er schon so weit ist geschweige denn sein will, sich auf ein solches Himmelfahrtskommando einzulassen, bezweifle ich. Abgesehen davon reicht es nicht, wieder einmal nur ein paar Führungspersonen auszutauschen und zu glauben, damit vollzöge sich in der restlichen Partei ein magischer Wandel vom bräsigen Spießerstammtisch, der von vergangenem Ruhm und dem Tag träumt, an dem er ganz von allein wieder ins Kanzleramt gewählt wird, hin zur angesagten Hipsterkneipe, die vielleicht nicht die Massen anzieht, aber mit einem frischen Konzept für stetigen Zulauf sorgt. Sicher ist: Wenn der SPD nicht sehr bald, genauer: vor der nächsten Bundestagswahl der Befreiungsschlag gelingt, ist das nächste Ziel die Fünf-Prozent-Hürde.

Und niemand wird ihr nachtrauern.


Montag, 22. April 2019

Schändliche Wohltäter

In Paris brennt eine der bekanntesten, vielleicht auch eine der schönsten Kirchen der Welt, und die meisten Menschen sind sich einig: Das ist schade. Lass uns diese Kirche wieder aufbauen. Nur um das Wie sind sie sich nicht einig. Die Kirche sagt, ihr gehöre das Gebäude nicht, sondern dem Staat, der wiederum sagt, er habe kein Geld, und weil das einigen wenigen, sehr reichen Menschen zu viel Getue ist, kippen sie mal eben ihre Portokoasse um und spenden die nötige Summe. Die Rede ist von einem mittleren dreistelligen Millionenbetrag.

Wunderbar, die Finanzierung ist geklärt. Schön, dass sich einige Dinge so schell lösen lassen. Damit könnte die Sache erledigt sein, gäbe es nicht den linken Stammhirnreflex, es immer besser wissen zu müssen als der Rest der Welt, und hier bedient sich die Empöreria eines rheotorischen Mittels, das sie beim politischen Gegner anzuprangern nicht müde wird: dem Whataboutism.

Wer das Wort nicht kennt: Es geht um die Taktik, eine an sich positive Sache zu diskreditieren, indem sie einem weiterhin bestehenden Mangel mit der Floskel: "aber was ist mit", englisch: "what about" gegenübergestellt wird. Einfache Beispiele: "Ihr setzt euch hier für Tierschutz ein, aber gegen die Abholzung des Regenwalds in Brasilien unternehmt ihr nichts." - "Ihr demonstriert hier für mehr Meinungsfreiheit, aber habt ihr euch schon mal in China angesehen, wie sie da mit der Opposition umgehen?" oder der rechte Klassiker: "Ihr engagiert euch hier dafür, dass sich Muslime eine Moschee bauen können, während gleichzeitig in der Türkei die Christen unterdrückt werden." Uns ärgern diese Argumentationsmuster, vermischen sie doch Dinge, die eigentlich nicht zusammenhängen. Das hindert uns natürlich nicht daran, diese Argumentationsmuster selbst anzuwenden.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich ärgere mich auch über die extreme Ungleichverteilung von Reichtum. Ich meine auch, dass wir hier etwas unternehmen müssen. Es ärgert mich aber der Anlass, zu dem diese Kritik angebracht wird. Hier hat nicht etwa ein reicher Pfeffersack für sich eine protzige Villa hingestellt oder sich eine neue Yacht gekauft. Nein, hier hat ein reicher Pfeffersack genau das getan, was wir immer wieder von ihm verlangen: Er hat seinen Reichtum für die Gemeinschaft eingesetzt.

JA, ABER DOCH NICHT SO!
"Sie sollen Steuern zahlen." Kann sich linke Selbstaufgabe noch kläglicher äußern? Früher, da ging es noch um die großen Ziele. Expropriiert die Exproprieteure! Alle Macht den Räten! Umsturz des kaptialistischen Wirtschaftssystems! Vergesellschaftung des Kapitals, Junkerland in Bauernhand, die Kapitalisten werden noch den Strick kaufen, an dem wir sie aufhängen, und jetzt: "Steuern zahlen." Ehrlich?

Der Staat soll am besten wissen, was mit meinem Geld geschehen soll? Ist das der Staat, der praktisch kein öffentliches Großbauprojekt innerhalb des vorgesehenen Zeit- und Budgetplans abschließt, der Staat, der Milliardenbeträge in Kriegsgerät investiert, das dann nicht einmal funktioniert (OK, das wiederum finde ich nicht weiter schlimm), der Staat, der die Sozialleistungen abbaut, die Krankenhäuser und Schulen kaputtspart und es noch nicht einmal hinbekommt, dass ein G8-Land funktionierenden Bahnverkahr hat? Diesem Staat soll ich vertrauen, dass er rund die Hälfte der Zeit, die ich mit Arbeit verbringe, sinnvoll in öffentlichen Nutzen investiert? Ich habe überhaupt keine Schwierigkeiten damit, fünfzig Prozent meines Einkommens an die Gemeinschaft abzugeben. Ich habe gewaltige Schwierigkeiten damit, zu sehen, wie dieses Geld sinnlos verbrannt wird. Wenn irgendein Milliardär ohne mit der Wimper zu zucken den Wiederaufbau eines der bekanntesten Kulturdenkmäler der westlichen Welt finanziert, bin ich zwar ein wenig neidisch, wie locker ihm das von der Hand geht, aber auf der anderen Seite: Das ist sein Geld, seine Entscheidung, und ich finde es allemal besser, dass sich schnell Sponsoren gefunden haben, statt dass die Trümmer des Gebäudes jahrelang im Regen verrotten.

Wir können uns gern darüber unterhalten, reiche Menschen mehr in die Verantwortung zu nehmen und Geld gerechter zu verteilen, aber bitte wählt euch dazu einen anderen Anlass als einen, an dem genau das wenigstens andeutungsweise geschieht.

Sonntag, 14. April 2019

Kraftmeierndes Einknicken

Wenn der nervige WG-Bewohner, der ständig quergeschossen, sich über den hohen Mietanteil beschwert, aber den gemeinsam genutzten Kühlschrank besonders ausgiebig geplündert hat, nach langen Jahren endlich ausziehen will, was sagen dann alle?

Genau. "Endlich."

Was sie ganz bestimmt nicht sagen, ist: "Klar, du kannst ausziehen, aber lass deine Kartons ruhig noch so lange du willst im Flur stehen, Miete musst du selbstverständlich keine mehr zahlen, aber den Schlüssel darfst du ruhig behalten, und der Inhalt des Kühlschranks ist dein."

Eine normale WG sieht zu, dass sie den Kerl los wird. Wenn zum Stichtag die Möbel nicht weg sind, landen sie auf dem Sperrmüll, und die Rechnung bekommt er an seine neue Adresse geschickt.

Anders ist die Sache, wenn die WG "EU" und der nervige Mitbewohner "Großbritannien" heißt. Dieses Land hatte vor zwei Jahren die durchgedrehte Idee, es könne das Staatenbündnis so verlassen, dass es alle Annehmlichkeiten behält, aber keine Gegenleistungen erbringen muss. Die EU wiederum hatte - vermeintlich - klargestellt: So einfach ist es nicht, es gibt kein Rosinenpicken, aber ihr habt zwei Jahre Zeit, mit uns über die Zeit nach dem Austritt zu verhandeln. Fest steht: Ende März 2019 seid ihr draußen.

Es geschah - nichts.

Zumindest geschah nichts Sinnvolles. Zwei Jahre lang führte sich Großbritannien auf, als sei das Verlassen der EU ein Wunschkonzert, und allein schon, um anderen austrittswilligen Staaten ein Signal zu geben, schalteten die anderen Staaten auf stur. Wer die Mitgliedschaft in der Europäischen Union kündigt, lautete die Botschaft, muss auf vieles verzichten.

Diese Botschaft kam an - nur nicht in Großbritannien, das sich weiterhin so verhielt, als könne es die Spielregeln diktieren. Die restliche EU wiederum zeigte Haltung. So ging die Zeit ins Land. Zeit, die eigentlich niemand hatte, denn es war klar: Wenn es zum Austrittsdatum kein Abkommen gibt, endet die Mitgliedschaft einfach so, und das wird schmerzhaft.

Kurz vor Ablauf der Frist handelte die britische Regierung dann etwas aus, was eupehmistisch als "Deal" bezeichnet wird, in Wirklichkeit aber nur ein Papier ist, das einige ganz wenige Fragen klärt, die meisten aber auf später verschiebt. Die ehrliche Bezeichnung wäre "Aufschub" gewesen, aber dieses Wort wollten alle vermeiden.

Was dann folgte, war ein Theaterstück, dessen Geschichte jeder Intendant mit der Begründung abgelehnt hätte, einen solchen Blödsinn nehme ihm kein noch so gutwillig gestimmtes Publikum ab. Die britische Premierministerin legte den "Deal" dem Parlament vor. Das lehnte ab. "Egal", dachte sich die Regierungschefin. "Dann lege ich ihn eben noch einmal vor. Und noch einmal. So lange, bis das Unterhaus zustimmt." Das wiederum dachte nicht daran, beschloss aber statt dessen, ohne Abkommen solle Großbritannien auch nicht die EU verlassen. Die Europäische Union wiederum blickte auf den Kalender und merkte zart an, dass für solche Kindereien keine Zeit mehr sei, es gäbe den "Deal". Was es nicht gäbe, wären Nachverhandlungen, auch wenn May eine ans Pathologische grenzende Realitätsverleugnung an den Tag lege und sind anders aufführe.

Im Prinzip war aber alles klar. Im März wäre es zum Austritt gekommen. Das hätte allen Beteiligten wehgetan, aber wenigstens hätte die Punch-and-Judy-Show ein Ende gehabt. Wir hätten gewusst, woran wir sind. Vor allem hätten die Europa-Kritiker einmal gesehen, welche Vorteile Europa bietet und dass die Europäische Union nicht mit sich spaßen lässt. An markigen Worten hatte diese nicht gespart.

Natürlich funktioniert solche Kraftmeierei nur, wenn die Taten zu den Worten passen. Statt dessen gesteht die EU in letzter Minute einen zweiwöchigen Aufschub zu und schließlich legt sie ein halbes Jahr bis zum Oktober 2019 drauf.

Gratulation, Regierungschefs, mit dieser Meisterleistung habt ihr der AfD, der Front National, der Forza Italia und wie die ganzen Europafledderer alle heißen mögen bestimmt 10 Prozentpunkte mehr Stimmen verschafft. Wer soll diese Europäische Union noch ernst nehmen? Indem ihr zulasst, dass sich Großbritannien wie ein verwöhntes Kind vor der Supermarktkasse auf den Boden wirft und herumschreit, weil Mami keine Bonbons kaufen will und statt Haltung zu zeigen noch schnell eine Handvoll Süßigkeiten in den Einkaufswagen werft, damit das Gör Ruhe gibt, sendet ihr das klare Signal: Dieses Staatenbündnis lässt sich auf der Nase herumtanzen. Tretet ruhig aus, alles halb so wild, wir sorgen schon dafür, dass euch nichts passiert. Sucht euch gern alle Annehmlichkeiten aus, die könnt ihr alle haben. Im Gegenzug dafür etwas leisten müsst ihr selbstverständlich nicht. Wir sind die EU, mit uns könnt ihr umspringen, wie es euch gerade passt. Wir hauen nur auf Staaten ein, die sich nicht wehren können.

Mir graut schon vor der Europawahl

Dienstag, 2. April 2019

Artikel 17 oder: Es gibt ein Leben nach der Demonstration

Nachdem wir von der vielen Demos zurück sind, wo wir Flugis verteilt, Transpis hochgehalten und mit dem Lauti gemeinsam Parolen gerufen haben (diesmal nicht "Hambi bleibt", sondern irgendwas mit Artikel 13), können wir uns vielleicht einer Aufgabe mit weniger Babysprache zuwenden.

Einen kurzen Moment lang sah es im Europaparlament so aus, als geriete die Lobbymacht ins Wanken, als mit nur 5 Stimmen Unterschied der Antrag abgelehnt wurde, über die Artikel der Urheberrechtsreform in Einzelabstimmung zu entscheiden. Wer genau wie abgestimmt hat, lässt sich im Nachhinein leider nur schwer sagen, da einige Abgeordnete die Möglichkeit zur Geschichtsfälschung nutzten und im Protokoll ihr Stimmverhalten ändern ließen. Das ändert am eigentlichen Abstimmungsergebnis freilich nichts, aber im Protokoll steht am Ende das, was sich im Wahlkreis besser verkaufen lässt. So funktioniert Demokratie.

Dass der Rat am 15.4., diesmal vertreten durch Julia Kloeckner (CDU), den Entwurf doch noch ablehnen wird, erscheint mir so wahrscheinlich, als setze sich Christian Linder plötzlich für soziale Gerechtigkeit ein. Am 4.4. wird es im Bundestag zur Debatte über einen Antrag der Linken kommen, die Urheberrechtsreform abzulehnen. Ich lag zugegebenerweise mit meiner Einschätzung zur SPD schon falsch, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Regierungspartei SPD zusammen mit AfD und Grünen einem Antrag der Linken zur Mehrheit verhilft. Interessant ist hier allenfalls die Positionsbestimmung der einzelnen Parteien.

Das sieht die Aufplusteria bei Twitter freilich anders. Sie wird wieder ein riesiges Getöse veranstalten, falsche Hoffnungen wecken und tief verbittert sein, wenn die Richtlinie abgenickt wird. Sehen wir es nüchtern: Wir waren die ganze Zeit über in der Minderheit, hierzulande und erst recht in der EU. 200.000 Demonstrantinnen (wobei schon diese Zahl äußerst kühn geschätzt ist und die Wahrheit meiner Ansicht nach vielleicht bei der Hälfte liegt) und 5 Millionen Unterschriften unter einer rechtlich nicht bindenden Online-Petition sind natürlich eine beeindruckende Zahl, aber sie belegte in erster Linie die Reichweite einiger weniger Youtuber. Ich persönlich kenne (außer Julia Reda) niemanden, der die gesamte Richtlinie wirklich gelesen hat. Der Rest von uns - mich eingeschlossen - hat maximal Artikel 13/17 zu verstehen versucht. Die Meisten haben einfach Artikeln und Kommentaren vertraut. Das reicht für Demonstrationen und Proteste völlig aus, aber für das Kommende brauchen wir mehr. Statt sich theatralisch an halb durchnässte Strohhalme zu klammern und sich darüber zu empören, wenn sie erwartungsgemäß nicht halten, wäre in meinen Augen jetzt die Zeit gekommen, den nächsten Schritt zu gehen. Die Bundesregierung wird sich in den nächsten zwei Jahren an die Aufgabe setzen, die Richtlinie in Bundesgesetze zu fassen, und diesen Prozess gilt es zu begleiten. Das ist bei weitem nicht so spaßig wie eine Demonstration an einem sonnigen Samstagmittag in der Innenstadt. Es dauert auch länger und nimmt auch relativ gesehen mehr Zeit ein. Es wird darum gehen, Gesetzesentwürfe zu lesen - viele davon. Es wird darum gehen, mit Abgeordneten zu reden - nicht nur einmal, sondern mehrfach. Es wird um Publizistik gehen, und da wären wieder die Youtuber gefragt. Ich weiß nicht, ob deren Formate geeignet sind, ein komplexes Thema über mehrere Monate immer wieder frisch aufzubereiten. An dieser Aufgabe scheitern schon die öffentlich-rechtlichen Medien, entsprechend schwieriger stelle ich es mir bei Vlogs vor, die eher auf Schnelligkeit und Unterhaltung ausgelegt sind. Ich sehe allerdings auch nicht viele andere Optionen. Gut, am Ende können wir wieder einmal vors Bundesverfassungsgericht oder vor den EuGH ziehen, aber eigentlich hätte ich gern ein Gesetz verhindert, bevor es in Kraft tritt. Ich finde es auch aus demokratischer Sicht bedenklich, wenn ein von der parlamentarischen Mehrheit verabschiedetes Gesetz von der Minderheit durch eine Verfassungsklage gestoppt wird. Das spricht weder für die Regierung noch für den demokratischen Willensbildungsprozess.

In Demokratien passieren Dinge selten schnell, und wenn es ausnahmsweise doch einmal der Fall ist, bereuen wir meist den unüberlegten Schnellschuss. In Demokratien passieren Dinge langsam, und das heißt, dass wir, wenn wir etwas ändern wollen, Geduld und viel Energie brauchen. Ich bin gespannt, ob wir die haben.

Dienstag, 26. März 2019

Dagegen und doch dafür

Heute ist der Tag, an dem das EU-Parlament das neue Urheberrecht verabschieden wird.

"Wie kannst du so etwas sagen, wir waren doch zu Hunderttausenden auf der Straße, wir haben Millionen Unterschriften gesammelt, wir haben wochenlang Kampagnen laufen lassen, das muss die EU-Abgeordneten doch beeindruckt haben."

Nein, hat es nicht. Wie wenig es sie beeindruckt hat, seht ihr daran, dass die CDU weiterhin von Bots spricht, von Algorithmen und gekauften Demonstrantinnen. Die Absurdität der Verschwörungstheorien nimmt inzwischen so bizarre Züge an, dass es selbst den Leuten aus den eigenen Reihen langsam peinlich wird und vereinzelt CDU-Abgeordnete ihre Kolleginnen zur Besinnung mahnen. Doch die CDU ist die letzte Partei, die irgendeinen Grund zur Sorge hat. Ein Großteil derer, die in den vergangenen Wochen demonstrierten, darf noch gar nicht wählen. Der Rest dürfte nicht gerade das klassische Wählerklientel darstellen. Die Gefahr, durch das heutige Abstimmungsverhalten Stimmverluste bei der Europawahl im Mai herbeizuführen, ist nahezu ausgeschlossen.

"Aber in 5 Jahren..."

Genau, wird sich niemand an heute erinnern, weil wir bis dahin hunderte Säue durchs Dorf getrieben haben. Außerdem interessiert es eine Abgeordnete nicht, ob sie in 5 Jahren wiedergewählt wird, wenn sie es in diesem Jahr nicht schafft. Die CDU können wir also in dieser Situation abschreiben.

"Aber die SPD..."

...hat uns die Internetzensur gebracht, die Vorratsdatenspeicherung, ein ganzes Bündel Überwachungsgesetze, die vom Bundesverfassungsgericht zwischenzeitlich für ungültig erklärt werden mussten und nicht zuletzt Hartz IV. Hat sie für die Urheberrechtsreform gestimmt?"

"Katarina Barley klingt so, als wäre die dagegen gewesen."

Dieser Link verweist inzwischen auf die deutsche Wikipedia.
Sie hat dafür abgestimmt, und hier kommen wir zu einen immer wieder auftauchenden Verhaltensmuster der SPD: Große Töne spucken, Sympathien sammeln, um im entscheidenden Moment einzuknicken. Erinnert sich noch jemand, wie Martin Schulz nach der letzten Bundestagswahl verkündete, es gäbe nicht noch einmal eine "Große" Koalition, nur um wenige Wochen später das Gegenteil einzuleiten. Das war allerdings selbst für spezialdemokratische Verhältnisse kühne Volte, so dass er hierfür zurücktreten musste. Nicht zurücktreten musste der frühere Bundestagsabgeordnete und heutige Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber, als er ein Mitgliederbegehren gegen die
Auch dieser Link verweist inzwischen auf die Wikipedia.
Vorratsdatenspeicherung initiierte, das leiderleider scheiterte und mit einer der Gründe gewesen sein mag, warum er sich schließlich doch entschloss, für die Vorratsdatenspeicherung zu stimmen. Das begründete er auch wortreich auf seiner Webseite - ein Statement, das dem heutigen Bundesdatenschutzbeauftragten offensichtlich unangenehm ist, weswegen der Text zwischenzeitlich gelöscht wurde. Was der diplomierte Informatiker dabei übersah: Es gibt archive.org, wo der Text sich weiterhin lesen lässt.

Upps.
Es interessiert mich deshalb weniger, was die SPD in Talkshows, auf Rednerbühnen und in Tweets verkündet. Wenn ich weiß, dass ich mich kuschlig hinter einer gegen mich gerichteten Mehrheit verstecken und auf die böse CDU oder die mich überstimmende eigene Partei schimpfen kann, fällt es leicht, große Forderungen zu erheben. Andrea Nahles mag in der ihr eigenen, mit "dezent" nicht ganz treffend bezeichneten Weise gern erzählen, jetzt habe die SPD, aber sowas von, also einen derartigen Linksschwenk vollzogen - so lange sie nur darüber spricht und keine glaubwürdigen Anstrengungen unternimmt, beispielsweise Hartz IV abzuschaffen, sehe ich darin nicht viel mehr als den Versuch, sich mit schönen Versprechungen aus dem Umfragetief zu heucheln.

Deswegen können die Vertreterinnen der SPD auch jetzt viel erzählen, sie seien ja eigentlich gegen Uploadfilter, wie zum Beispiel der Abgeordnete Rabanus am 14.3. in der Aktuellen Stunde des Deutschen Bundestags:
In meiner Bewertung komme ich zu dem Schluss – letzter Satz –, dass die Neuordnung des europäischen Urheberrechts wichtig und richtig ist, dass der Mechanismus nach Artikel 13 vertretbar ist; deswegen wünsche ich mir persönlich, dass er am Ende auf europäischer Ebene auch wirksam wird. 
Äh, Sekunde, der ist ja gar nicht dagegen, der ist ja dafür. Ist ja ein Ding. Dann doch aber bestimmt die Abgeordnete Scheer:
Wir führen eine kritische Diskussion über die Uploadfilter und den Artikel 13
Ich mag mich täuschen, aber ein "Nein" hört sich für mich anders an. Gut, es bleibt ja noch der Kollege Zimmermann, ebenfalls SPD. Der erklärt, warum die SPD in Brüssel für Artikel 13 gestimmt hat:
Die Bundesregierung hätte das in Brüssel einfach durchziehen können. Dann wäre aber das gesamte Paket gescheitert.
Das ist übrigens genau die Argumentation, mit der die SPD im Jahr 2009 für die Internetzensur gestimmt hat: Wären wir nicht dafür gewesen, wäre es noch viel schlimmer gekommen. Immerhin ringt sich der Abgeordnete Zimmermann dann doch zu einem flammenden Appell gegen Uploadfilter durch:
Ja, ich tue mich mit den Uploadfiltern sehr, sehr schwer.
Uiuiui, da zittert aber der Saal. Nicht einfach "schwer" oder "sehr schwer", sondern "sehr, sehr schwer" geht es ihm damit. Da muss man auch Verständnis haben, wenn er am Ende doch dafür ist.

Natürlich wird die SPD heute für die Urheberrechtsreform und für Artikel 13 stimmen. Die Ausreden, mit denen sie die Diskrepanz zwischen den inzwischen sogar auf den Demonstrationen gehaltenen Reden und dem Abstimmungsverhalten erklären wird, werden lauten:

  1. Wir waren ja dagegen, aber die CDU war dafür.
  2. Mag ja sein, dass wir dafür waren, aber wir haben uns sowas von schwer damit getan, das glaubt ihr nicht.
  3. Wir haben immer nur gesagt, wir seien gegen Uploadfilter, nicht gegen die Reform an sich, und da mussten wir Artikel 13 wohl oder übel mit akzeptieren.
  4. Wenn wir die Reform abgelehnt hätten, wäre es noch schlimmer gewesen.
  5. Da steht doch nirgendwo etwas von Uploadfiltern.
  6. Ach, wenn wir das in Bundesgesetze gießen, biegen wir das schon irgendwie hin.
  7. Ihr müsst uns unbedingt wählen, dann wird's beim nächsten Mal viel, viel besser!
Schreibt mir, wenn ihr die Liste einmal komplett abhaken konntet.

Nachtrag

Was das Gesamtabstimmungsergebnis angeht, lag ich richtig, was das Abstimmungsverhalten der deutschen Sozialdemokratinnen angeht, lag ich falsch:
Es überrascht und freut mich, dass die SPD nach vielen Jahren wieder so etwas wie eine Haltung entwickelt hat. Das heißt allerdings nicht, dass ich jetzt aufspringe, um schnell mein Kreuzchen bei der Europawahl für die SPD zu malen. Dafür brauche ich mehr als eine einzige Abstimmung im Europaparlament. Es ist ja auch nicht so, als wären die obigen Zitate damit ungesagt und das Verhalten Kelbers damit ungeschehen. Dass ein Bundesdatenschutzbeauftragter, der zu seiner Abgeordnetenzeit vom "gläsernen MdB" tönte, jetzt nicht einmal den Mumm hat, zu seinen eigenen Worten zu stehen, sondern verschämt auf eine Wikipediaseite verlinkt. Da war seine Amtsvorgängerin, von der viele gar nicht wissen, dass der Posten zu dieser Zeit überhaupt besetzt war, schon ehrlicher. Sie gab offen zu, für die Vorratsdatenspeicherung, für die Internetzensur und für ACTA gestimmt zu haben - alles Gesetze, zu denen sie nun als Bundesdatenschutzbeauftragte von Amts wegen kritisch stehen und erst einmal lernen müsse, warum.

Während die SPD erste Anzeichen der Erkenntnis zeigte, dass sich aus dem Rectum der CDU heraus kein Wahlkampf führen lässt, zeigte sich der Rest der S&D-Fraktion im Europaparlament wenig von den Protesten beeindruckt und stimmte mehrheitlich für die Reform:
Theoretisch könnte noch der Europäische Rat das Vorhaben noch stoppen, aber bei dessen Zusammensetzung halte ich das für ausgeschlossen. Es bleibt also das deutsche Gesetzgebungsverfahren, und hier hoffe ich, dass diejenigen, die in den vergangenen Wochen viel Energie in die Proteste gesteckt haben, sich einmischen werden.

Dienstag, 26. Februar 2019

Oberlehrer auf karnevalistischem Weltrettungseinsatz

Stelter.

Bernd Stelter.

Bernd Stelter, Schöpfer intellektueller Höhenflüge wie "Ma hat ma Glück, ma hat ma Pech, Mahatma Gandhi". Wie kann von ihm irgendwer etwas erwarten, was auch nur marginal über Pennälerhumor hinausgeht?

Im Karneval?

Für all diejenigen, welche die letzten 200 Jahre unter einem Stein, hinter dem Mond, oder noch schlimmer, in Hürth-Kalscheuren verbracht haben: Karneval ist das, was empfindungsfähige Wesen mit einer höheren Neuronendichte als ein Luftballon als das komplette Gegenteil von Humor ansehen. Da geht man nicht hin, um filigran gewobene Pointen, erst nach einigen Sekunden zündende Wortspiele oder gar Nebensätze zu hören. Da geht man hin, um insbesondere in der Kölner Gegend unfassbar blöde Kostüme zu tragen, sich die letzten IQ-Punkte mit dem rheinischen Ersatzbier wegzusaufen und über Witze einer Flachheit zu lachen, gegen welche die Einödnis Dithmarschens wie nepalesisches Hochgebirge wirkt.

Genau das Biotop eben, in dem sich der Humor Bernd Stelters tummelt.

Selbst, wenn ihm zu Annegret Kramp-Karrenbauer mehr einfiele, als dass sie einen albern klingenden Doppelnamen trägt - was angesichts Stelters sonstigen Oevres getrost bezweifelt werden kann -, ist das nichts, was die üblichen Besucherinnen einer rheinischen Karnevalssitzung hören wollen. Nicht im Gürzenich. Die wollen keine differenzierte Betrachtung der zwölften Fußnote des Koalitionsvertrags, die wollen es krachledern, und Witze über Doppenamen sind das Höchste, was man ihnen in diesem Zustand zumuten kann.

Natürlich war Stelters Witz über Kramp-Karrenbauers Namen schlecht. Er war selbst für seine Verhältnisse einfallslos. Aber er ist das, was ein Publikum hören will, das zwischen "Drej ma Null is Null is Null" und Stippeföttche (für Auswärtige: ein Tanz, bei dem auf der Bühne Männer fortgeschrittenen Alters in Militäruniformen paarweise das bekleidete Gesäß aneinanderreiben) einen Wortbeitrag erwartet. Natürlich kann man sowas auspfeifen, wenngleich ich mich frage, was das bringen soll. Besonders idiotisch aber finde ich es, dann auch noch auf die Bühne zu gehen und mit dem Mann zu diskutieren. Mit Verlaub: geht's noch?

Der Karnevalshumor hat mental die Fünfizgerjahre des letzten Jahrhunderts nie richtig verlassen. Er transportiert ein Weltbild, das - wohlwollend formuliert - antiquiert wirkt. Doch genau das ist es, was das Publikum will, genau dafür wird Bernd Stelter bezahlt, und genau das liefert er. Was bitte habt ihr anderes erwartet, als ihr viel Geld für die Sitzung im Gürzenich ausgegeben habt? Wenn euch das nicht passt, dann geht ins Kabarett, lauscht dort den fein ziselierten Sentenzen und jubelt euch eins auf euer Abitur.

Natürlich wird die Frau gerade in meiner Filterblase gerade gefeiert. Ach, was ist sie doch mutig, ach wie toll sie doch für Frauenrechte eintritt.

Nein.

Mit einem viertklassigen Schunkelkomödianten während seines Auftritts eine inhaltliche Debatte anzufangen, rangiert vom Grad der Situationsfehleinschätzung ungefähr auf der Ebene der Leute, die zur Zeit des Jugoslawienkriegs im Restaurant mit dem Keller zu diskutieren anfingen, was ihm den einfiele, serbische Bohnensuppe auf der Speisekarte zu führen. Klar, darüber kann man reden, aber unter Geschwistern: Ist euer Leben wirklich so leer, dass ihr euch um so einen Schwachsinn kümmern zu müssen meint?

Wenn es etwas noch Unerträglicheres als rheinischen Karnevalshumor gibt, dann ist es die unerträgliche Pestilenz deutschen Oberlehrerkleingeists, diese spießbürgerliche Attitüde, alles und jeden immer und überall belehren zu müssen. Das Erlebnis, Recht zu haben, setzt im teutonischen Blockwartshirn mehr Glückshormone frei als ein frisch vollzogener Paarungsakt, und jetzt raten Sie mal, warum die Germanen immer weniger werden. Sie werden aussterben, sie werden glücklich dabei sein, und der Satz, mit dem das letzte Exemplar ihrer Spezies auf dem Sterbebett selig das Leben aushauchen wird, wird sein: "Ich weiß es besser."

Wenn sie Stelter einfach hätte ein Programm abspulen lassen, dann hätte sich sein kläglicher Versuch einer Pointe einfach versendet und kein Mensch hätte davon länger als nur für einen kurzen, billigen Lacher Kenntnis genommen. So hingegen sitzt jetzt die selbsternannte Bildungselite auf dem Biedermeiersofa und sinniert darüber, wie TÜV-zertifizierter Qualitätshumor aussieht, von der Bundeswitzprüfstelle freigegeben, keimfrei, pädagogisch wertvoll und biologisch abbaubar. Von 200 Testpersonen probegelacht, die sorgfältig darauf achten, dass bloß niemand Anstoß nehmen kann.

Aber was rede ich. Herbert Feuerstein hat schon alles gesagt, was hierzu gesagt werden muss: "Mir sind Leute suspekt, die ihre Moral als Serviette umgebunden haben, um sich nicht selber schmutzig zu machen." und "Auch Behinderte haben ein Recht, verarscht zu werden."