Sonntag, 16. Juni 2019

Kommunikative Katastrophe

Die Europawahl ist gelaufen, die SPD auf dem Weg zur Fünf-Prozent-Hürde kaum noch zu stoppen, die Grünen scheinen sich als neue Volkspartei zu etablieren und die CDU?

Die CDU wird nicht müde, Argumente zu liefern, warum Menschen unter 60 Jahren sie nicht wählen sollten.

Auslöser war ein fünfzigminütiges Video, dass der Youtuber Rezo vor einigen Tagen ins Netz gestellt hatte, in dem er mit zahlreichen Belegen aufzählt, was ihm an der CDU nicht gefällt. Den Rest der Geschichte kennen wir: Die ihm politisch nahe Stehenden überbieten sich in Lobeshymnen ob der akribischen Vorarbeit, die Rezo vorher geleistet hat, seine politischen Gegner suchen verzweifelt irgendwelche Schönheitsfehler, anhand derer sie das ganze Video diskreditieren können. Strategisch erinnert es mich die Leute, die mir erzählen, sie wären zufällig an einer der freitäglichen Schülerinnendemonstrationen vorbeigekommen, und da hätten doch, sie zitterten noch am ganzen Leibe, wenn sie darüber berichten, da hätten doch tatsächlich einige Demonstrantinnen einen Abstecher zum nächsten US-Burgerbräter unternommen. "Na, ich meine, das sagt doch wohl alles!"

Sagt was?

"Schüler, Demonstration, Klima, McDonald's - verstehste?"

Dürfen Schülerinnen keinen Hunger mehr haben, oder worauf willst du hinaus?

"MÄCK DONNELDS!"

Ja, so heißt der Laden. Nochmal: Was willst du mir damit sagen?

"Na, wie können die auf der einen Seite fürs Klima demonstrieren, aber dann bei Meckes einkaufen gehen, wo doch alle wissen, wie umweltschädlich die sind?"

Dir ist schon klar, dass du auf einer Demonstration, nicht einer Heiligenprozession warst?

So ähnlich geht es mir bei der Reaktion auf das Rezo-Video. Ich mag den aufgeregten Stil nicht, die Wortwahl passt  mir auch nicht, ich finde die Grundhaltung albern, der CDU einen bösen Masterplan zu unterstellen, obwohl Überforderung und Unfähigkeit als Erklärung mindestens ebenso gut ausreichen, aber meine Güte, ich habe auch schon inhaltlich sehr viel dünnere Videos gesehen. Ja einige Patzer, was den Umgang mit Statistiken angeht, sollten einem Studenten einer Naturwissenschaft nicht unterlaufen, aber die fachlich stümperhaften Passagen reichen meiner Meinung nach nicht aus, um das gesamte Video zu verwerfen.

Trotzdem hinterlässt bereits dieser Anfang einen schlechten Beigeschmack. Ganz offensichtlich hatte das Video Erfolg. Mehrere Millionen Aufrufe sprechen für sich. Andererseits verbaut sich dieses Video auch die Chance, mit den Kritisierten ins Gespräch zu kommen. Wer derart angegangen wird, reagiert - wie wir sehen - verletzt, in die Ecke gedrängt, aggressiv. Für eine ruhige Diskussion über das eigentliche Thema muss erst einmal die so aufgebaute Hürde wieder abgebaut werden.

Allerdings nehme ich jede Wette an, was passiert wäre, hätte Rezo das Video im Stil einer Seminararbeit verfasst. Niemand hätte es zur Kenntnis genommen, als Letzte die CDU. Die Tatsache, dass sie überhaupt irgendeine Art von Antwort zeigt, liegt daran, dass Rezo sie angeschrien hat und Millionen Menschen dadurch aufmerksam wurden. Was sich auf diese Weise aber zeigt, ist die in meinen Augen sehr beunruhigende Tendenz, sich mit normalen Mitteln kein Gehör mehr verschaffen zu können. Nur der Aufschrei ist noch laut genug, um gehört zu werden. Mit Schreien beginnt aber auch keine sachliche Diskussion.

Die CDU wiederum reagiert auf eine Weise und in einem Maß dilettantisch, dass jeder Verlag die Geschichte abgelehnt hätte, wäre sie ihm als Romanvorlage eingereicht worden: "Das kaufen uns die Leser nie ab. Meine Güte, in der CDU sitzen eiskalte Politprofis. Die haben Jahrzehnte in diesem Geschäft zugebracht und wissen ganz genau, wann welche Presseerklärung fällig ist, welche Worte da zu wählen sind und vor allem wie sie wieder die Handlungshoheit gewinnen. Kohl konnte Dinge noch aussitzen. Merkel wartete gern ab, wohin sich die Stimmung entwickelte. Beide Strategien sind allerdings schon etwas in die Jahre gekommen, funktionieren nicht mehr so gut, vor allem funktionieren sie nicht universell.

Wenn ein Thema so stark hochkocht, dass selbst meine sorgfältig auf Ödnis getrimmte Twitter-Timeline davon zu reden beginnt, ist Holland in Not. Dann sollte Red Adair zusammen mit den Avengers ausrücken, um zu retten, was zu retten ist. Statt dessen unternimmt die CDU tagelang - erst mal nichts.

Natürlich ist jetzt das Geschrei wieder groß. Die CDU habe das Internet nicht verstanden, tönen diejenigen herum, die selbstverständlich von sich behaupten, eben dieses Verständnis zu besitzen. Das aber ist Schwachsinn. Niemand, einschließlich derer, die sich aufgrund eines von ihnen auf Instagram abgesetzen Smilies für die Oberchecker halten, hat das Internet verstanden. Das Internet ist ein weltweiter Kommunikationsverbund, dessen verbindendes Merkmal darin besteht, sich an ein bestimmtes Datenaustauschverfahren zu halten. Wer aber meint, "das Internet verstanden zu haben", glaubt zu wissen, wie die Menschen weltweit in diesem Netz agieren. Das ist etwa so vermessen, wie zu behaupten, "die Menschheit verstanden zu haben", weil man weiß, dass wir uns mit Sprache verständigen. Das Einzige, was wir sagen können, ist, dass die CDU das Heranwachsen einer Massenbewegung falsch eingeschätzt hat, und wenn wir ehrlich sind, hätte uns das ebenso passieren können.

Ganz ehrfürchtig haben wir auf die millionenfachen Aufrufe des Rezo-Videos geschaut. Die meisten von uns sind froh, wenn sie zweistellige Likes bekommen, ihr Podcast von einer dreistelligen Zahl Menschen gehört und ihre Blogs täglich ein paar Dutzend mal gelesen werden. Hörertreffen mit einer Handvoll Leute in einem Kneipenhinterzimmer sind für uns Woodstock. In Tausendern denken vielleicht Größen wie Michael Seemann oder Tim Pritlove. Millionen ist eine Größenordnung, in die alle Talks des Chaos Communication Congress zusammengezählt kommen. In 14 Tagen 14 Millionen Aufrufe zu sammeln, ist für deutsche Social-Media-Verhältnisse eine sehr große Zahl.

Die "Tagesschau" hat fast 10 Millionen Zuschauer. An jedem einzelnen Abend.

Dieser Vergleich der traditionellen Fernseh- mit der neuen Social-Media-Welt ist zwar wahr, aber auch gefährlich, denn selbst relativ hohe Zahlen können Auswirkungen haben. In diesem Fall wurden die "alten" Medien auf den Sturm im Youtube-Wasserglas aufmerksam, und plötzlich war das Thema doch in der Tagesschau. Spätestens hier hätte die CDU reagieren müssen - was sie auf ihre Weise auch tat: mit Rhetoriktricks aus der Klamottenkiste. Sie versuchte, das Video kleinzureden, unterstellte dem Verfasser monetäre Interessen und hing sich an Stilfragen auf. Wir brauchen nicht darüber zu reden, dass "die Zerstörung der CDU" künftigen Generationen nicht als Beispiel für gelungene Diplomatie dienen wird, aber sehr wahrscheinlich dient es der jetzigen Generation als Vorlage dafür, wie man eine Regierungspartei in die Defensive drängt. Was ab jetzt kam, ließ daran zweifeln, ob die CDU als politischer Gegner überhaupt noch satisfaktionsfähig ist. Philipp Amthor, Kampfheintje der Bundestagsfraktion, kündigte ein Antwortvideo an, doch statt es zu senden, verschwand das Video im Giftschrank, und zum Trost gab es auf der CDU-Homepage ein elfseitiges PDF zum Herunterladen. Hätte Amthor ein Video gedreht, in dem er in einer Naziuniform mit einem schwerölverbrennenden SUV über transsexuelle Flüchtlingskinder fährt, die Außenwirkung hätte kaum schlechter sein können. Eigentlich hätte noch gefehlt, dass die CDU anbietet, das PDF auch per frankiertem Rückumschlag mit der Post zu schicken.

Die SPD hat es im Jahr 2009 als Folge ihrer Zustimmung zur Internetzensur erfahren müssen (und nichts daraus gelernt), und die CDU bekam es zehn Jahre später auch zu spüren: Eine Wahl lässt sich mit den Netzaffinen vielleicht nicht gewinnen, wohl aber verlieren. Mit ihrem trampelhaften Verhalten seit den freitäglichen Schülerinnendemonstrationen, bei denen ihr über Wochen nichts Besseres einfiel als sich über die Verletzung der Schulpflicht zu ereifern, hat die Union gute Aussichten, ähnlich wie einst die SPD den Anschluss an eine komplette Generation zu verlieren. Den vorläufigen Tiefpunkt erreichte die CDU-Öffentlichkeitsarbeit kurz nach der Europawahl, als sich die Parteivorsitzende in einer Rede darüber beklagte, dass Leute auf Youtube einfach so ihre politische Meinung sagen können. Da müsse es doch Regeln geben. Regeln, die - und das übersah Kramp-Karrenbauer - wenn schon nicht im analogen, dann doch im digitalen Leben zu existieren hätten. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich jeder Dahergelaufene am politischen Meinungsbildungsprozess beteiligen könnte, ohne vorher die CDU zu fragen?

Auf der anderen Seite: Was wäre geschehen, hätte Rezo fünfzig Minuten lang Statistiken zitiert, in denen Ausländerinnen und Flüchtlinge schlecht wegkommen? Wie hätten wir reagiert, wenn er Belege für die These gebracht hätte, die Kriminalität könne nur noch durch Totalüberwachung gestoppt werden? Hätten wir auch dann noch das Hohelied der Meinungsfreiheit gesungen und uns in Lobpreisungen ob der dargebrachten wissenschaftlichen Studien überboten?

Wissenschaftliches Arbeiten ist vor allem eine bestimmte Methode, Dinge aufzuschreiben. Es geht vor allem darum, Reproduzierbarkeit zu schaffen. Wenn ich Aussagen zitiere, muss ich Quellen angeben - die ihrerseits überprüfbar sein müssen. Wer von Ihnen hat alle in Rezos Video verlinkten Quellen angeklickt und auf ihre Wissenschaftlichkeit überprüft? Wer von Ihnen hat es nicht getan und sich statt dessen gesagr: "Naja, stimmt ja, das meine ich ebenfalls, und guck mal, er hat alles brav verlinkt"?

Rezo hat sich in den politischen Meinungsfindungsprozess eingemischt, dann aber ein ungeschriebenes Gesetz verletzt, indem er den Dialog verweigerte. Das ist selbstverständlich sein Recht, und er hatte sogar verständliche Gründe dafür genannt. Dennoch hinterlässt dieses Vorgehen bei mir einen schlechten Eindruck. Ein derart wuchtiges Video zu veröffentlichen und sich danach zu weigern, mit den Angegriffenen ein Gesrpäch zu führen, ist wie Losschimpfen, Rausrennen und Türzuschlagen. Es ist so, als wenn jemand beim Tischtennis aufschlägt und anschließend schnell die eigene Hälfte der Platte hochklappt, damit die Gegenseite nur noch gegen sich selbst spielen kann. Das ist ein möglicher Spielzug, aber das Protokoll hätte etwas Anderes vorgesehen.

Eine grundlegende Frage, die sich durch die Debatte zieht, scheint mir zu sein, in welcher Rolle wir Rezo sehen wollen. Irgendwer hat den Begriff "Influzenzer" aufgeworfen und damit die Unklarheit einfach nur um eine Stufe verschoben, da auch keiner genau weiß, was das heißen soll. Ab wann beginnt der "Einfluss", den diese Leute angeblich nehmen? Müssen sie dazu unbedingt Videoblogs bei Youtube unterhalten, oder ist auch ein Twitter-Account mit 1000 Followern "Influence"? Ist ein Videoblog wie "Shadiversity", das sich vor allem um mittelalterliche Waffenkunde dreht, einflussreich? Die Frage, ob Minas Tirith aus dem "Herrn der Ringe" militärisch gesehen eine realistische Festungsanlage ist, mag zu angeregten Nerddiskussionen führen, aber ansonsten wirkungslos bleiben. Allenfalls die Werbeeinblendungen könnten reale Auswirkungen haben.

So gesehen ist auch die Diskussion, ob Rezo kommerzielle Interessen verfolgt, reichlich albern. Wenn die Helene Fischer auf einer Spendengala gratis auftritt, fragt sich auch kein Mensch, ob sie insgesamt kein Honorar nimmt. Es trägt sehr zur Glaubwürdigkeit des Videos bei, dass Rezo dort keine Werbung geschaltet hat, aber die paar Euro, die er auf diese Weise verloren hat (weil die Produktion natürlich Aufwand für ihn bedeutete), hat er schon längst durch seine enorm gestiegene Bekanntheit kompensiert. Sie müssen schon sehr viele Steine in der Eifel umdrehen, um einen zu finden, unter dem jemand steckt, der mit dem Namen "Rezo" nicht mindestens "ach, der Typ mit den blauen Haaren" verbindet. Ändert das etwas am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen? Nein, weder im Negativen, noch im Positiven. Es fragt auch kein Mensch, ob die "Zeit", der "Spiegel" oder die "Süddeutsche" kommerzielle Interessen verfolgen. Natürlich verfolgen sie die, ansonsten gäbe es sie nicht. Trotzdem kann man auch dann sauberen Journalismus liefern, und das ist die eigentliche Frage: Ist Rezo, sind "Influenzer" Journalistinnen?

Viel von der katastrophalen Reaktion der CDU auf das Video lässt sich mit dem ständigen Schwanken erklären, in Rezo einmal einen belanglosen Bubb zu sehen, der ein pubertäres Video für seine Buddies zusammengeklickt hat, oder einen Journalisten, der seine millionenfache Reichweite für politische Propaganda missbraucht oder einen "Influenzer", von dem zwar keiner weiß, was das eigentlich ist, aber er erreicht Leute, und das müssen wir unbedingt unter staatliche Kontrolle bringen.

Interessant ist hierbei, wie die CDU bei all dem übersieht, dass egal, wo sie Rezo einordnen, sie ihm nicht nur Pflichten abverlangen, sondern auch Rechte zugestehen müssen. Wenn Kramp-Karrenbauer darüber sinniert, wie schlimm es doch wäre, wenn Tageszeitungen zu deutlich in Wahlkämpfe eingriffen, hält sie Rezo offensichtlich für einen Journalisten, und für diese Leute gibt es etwas, das sich Pressefreiheit nennt. Schade, dass sie sich hierzu nicht geäußert hat.

Interessant ist auch, wie die Öffentlichkeit auf neue Trends im Internet reagiert. Erinnern Sie sich daran, wie die Leute beim Aufkommen von Twitter Trivialnachrichten wie beispielsweise die Konsistenz des eigenen Stuhlgangs als Grund zitierten, warum man sich mit diesem Phänomen nicht beschäftigen muss. Das Argument höre ich bis heute. Ich bin jetzt seit über 10 Jahren bei Twitter. Ich folge Hunderten von Leuten. Mein Fazit: Wer sich über Banalität echauffiert, nutzt die zahlreichen Auswahl- und Filtermöglichkeiten nicht richtig.

Jetzt schauen wir uns an, wie wir auf die "Vlogger", "Youtuber", "Influencer" oder wie auch immer sie gerade genannt werden, reagiert haben: "Ja, pff, Beauty-Blogger. Schminktipps." Dann stellte jemand fest, wie viele Leute sich diese Videos ansehen. Die Reaktion: "Meine Güte, die Jugend geht den Bach runter, schaut sich millionenfach an welche Handtaschen gerade angesagt sind, statt sich um die wirklich relevanten Dinge zu kümmern wie zum Beispiel die Lage im Nahen Osten." Jetzt produzieren diese Leute ein Video, das sich um ein Thema dreht, welches ganz konkret jeden Menschen auf diesem Planeten betrifft, und statt sich zu freuen, dass Reichweite und Relevanz zusammengefunden haben, schreien alle herum, was denn diesen Grünschnäbeln einfiele, sich in Dinge einzumischen, die vorherige Generationen über Jahrzehnte hinweg vergeigt haben. Da könnte ja jeder kommen. Neinein, um unsere Spezies auszulöschen, muss man schon 50 sein.

Wir beobachten einen typischen Generationenkonflikt, und mir bereitet das weniger Sorge als die Frage, warum wir über so viele Jahre keinen Generationenkonflikt erlebt haben. Es hat vielleicht gelegenlich etwas gerappelt, als beispielsweise Schülerinnen gegen ACTA auf die Straße gingen, kurze Zeit vorher der Streit über die Internetzensur die Piratenpartei nach oben spülte und wiederum ein paar Jahre zuvor Hunderttausende gegen die Vorratsdatenspeicherung protestierten, aber mir kam das alles immer nur wie ein kurzes Aufflackern vor, welches schnell wieder erlosch. Wir haben um die Jahrtausendwende herum erlebt, wie die Generation der 68er den langen Marsch durch die Institutionen beendete, den sie 30 Jahre zuvor angetreten hatte. Jetzt phast auch diese Generation aus, und es ist in meinen Augen überfällig, einige Gewohnheiten in Frage zu stellen. Das heißt nicht, das jede Idee allein aufgrund des Arguments "Hoppla, ich bin 26" blind durchgewunken werden sollte, aber sie verdient in meinen Augen auf jeden Fall Aufmerksamkeit, weil es immer sinnvoll ist, neue Dinge auf ihre Nützlichkeit hin zu untersuchen.

Vielleicht ist es dieses bornierte Festklammern am längst Überkommenen, was mich am meisten ärgert - dieser an Ignoranz kaum zu überbietende Versuch, das Neue mit unpassenden Metaphern aus der alten Zeit zu erklären, nur um festellen zu können, das da nichts wirklich Relevantes drinsteckt, weshalb man es auch gleich wieder verwerfen kann. Als das Internet aufkam, verglichen wir es mit Warenhauskataogen, was vielleicht den Zugang erleichtert aber viele wesentliche Unterschiede ausblendet. Die Katalogmetapher führte aber auch dazu, an das Internet die falschen Fragen zu stellen. Warum sollte jeder einen Katalog veröffentlichen können? Das geschieht doch jetzt schon nicht, warum auch? Kling ganz so, als bräuchte man sowas nicht. Deshalb störte es die Öffentlichkeit auch nicht, als immer mehr Regularien und Repressalien im Netz eingeführt wurden. Was soll schon schlimm daran sein, bestimmte Inhalte in Kaufhauskatalogen zu verbieten? Das ist ja jetzt schon der Fall, kein Grund zur Sorge

So missverstanden wir uns durch die weiteren Entwicklungen, verglichen Foren mit Leserbriefspalten in Zeitungen, Blogs mit Tagebüchern und schließlich Youtube mit Fernsehen, was natürlich sofort zur Frage führte, ob denn wirklich jeder einen Fernsehsender betreiben müsse, wo es doch schon so viele gibt. Es führte zur Fehleinschätzung, Youtube-Blogger könnten mangels hinter ihnen stehenden millionenschweren Sendeanstalten keine relevanten Beiträge produzieren und den zahlreichen Versuchen, Rezo wegen all der Punkte zu diskreditieren, in denen sein Verhalten nicht zu dem eines Fernsehsenders passte - statt sich einzugestehen, dass dies kein Makel, sondern genau der Grund ist, warum sich Youtube-Bloggen von den bisherigen publizistischen Formaten grundlegend unterscheidet. Kein Mensch käme schließlich auf die Idee, Autos zu kritisieren, weil ihre Reifen öfter aufgepumpt werden müssen als das Rad einer Pferdekutsche.

Die vor allem von Jugendlichen getragenen Klimaproteste dauern nun schon ein paar Monate an, und das scheint mir Grund zur Annahme zu geben, dass es sich dabei um mehr als eine flüchtige Modeerscheinung handelt. Teile der CDU haben wenigstens begriffen, dass sie auf dem besten Weg sind, dicht hinter der SPD auf der Abwärtsspirale in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen und versuchen in einer nervösen Überreaktion die CDU als jahrzehntelange Vorreiterin der Ökobewegung hinzustellen. Ich weiß offen gesagt nicht, ob mir Ignoranz oder Heuchelei peinlicher vorkommen. Letztlich ist mir die Umweltfrage aber auch egal. Wichig ist mir, dass wir hoffentlich eine gesellschaftliche Veränderung erleben werden, mit einer politischen Jugend im demokratischen Wettstreit mit einer älteren Generation, die nicht hysterisch jeder noch so idiotischen Idee hinterherrent, nur weil sie neu ist, aber neugierig ist, verspielt und zu Experimenten bereit. Vielleicht haben dann sogar die ehemaligen Volksparteien noch einmal eine Chance.

Sonntag, 2. Juni 2019

Beyond the point of no return

Die Königin des G(en)ossen-Dadaismus wirft hin. Nicht, dass ich jemals sonderliche Sympathien für Andrea Nahles gehegt hätte oder ihren Abgang auch nur ansatzweise bedauerte, aber ein kleines bisschen geht es mir doch nahe, dieser einst so mächtigen Partei bei der Implosion zuzusehen.

Vielleicht wird es dieser Moment sein, den wir einmal rückblickend als den identifizieren werden, der den Übergang ins 21. Jahrhundert abschloss, der Moment, in dem wir Abschied von den Volksparteien nahmen, den Parteien, die ein derart weites Meinungsspektrum abdeckten, dass zwischen 70 und 80 Prozent der Wählerinnen sich dort wiederfanden. Diese Zeit, behaupte ich, ist zumindest für einige Jahre vorbei, und selbst wenn wir doch einmal wieder erleben, wie sich große Sammlungsbewegungen formieren, werden sie nicht mehr SPD und CDU heißen, sondern vielleicht (!) Grüne und AfD.

Die CDU mag eventuell noch den Hauch einer Chance haben, sich zu halten, aber für die SPD, behaupte ich, ist es zu spät. Sie könnte heute jeder Hartz-IV-Empfängerin eine Villa am Starnberger See in Aussicht stellen und einen Mindestlohn von einem Zentner Gold pro Stunde fordern, ohne dass sich an den Wahlergebnissen etwas änderte. Die SPD hat die Kraft verloren, ihre Errungenschaften als ihren Verdienst zu vermitteln. Sie hat zu oft zu wuchtig eine Haltung vertreten, nur um im entscheidenden Moment einzuknicken und das auch noch als großen Sieg zu verkaufen. Immer wieder redeten ihre Vertreterinnen so, als säßen sie seit Jahrzehnten in der Opposition und nicht als Juniorpartner auf Regierungssesseln. Sätze der Art "ja, wenn wir erst einmal an der Regierung wären, dann", ziehen nun einmal den unangenehmen Hinweis nach sich, laut Wikipedia sei genau dies der Fall, ob denn niemand im Willy-Brandt-Haus Nachrichten läse.

Das Erheben des Wählerverschaukelns zum Leistungsmerkmal ist es, was der SPD das Genick gebrochen hat. Der FDP trauten wir über Jahrzehnte zu, selbst als Kleinpartei den größeren Regierungspartner vor sich her treiben zu können. Der genauere Ausdruck ist "Klientelpolitik", aber dafür wurde diese Partei auch gewählt. Apotheker, Anwälte, Hoteliers - sie wussten, dass die FDP keine Scham kennt, um ihre Interessen durchzusetzen. Die SPD hingegen wähnt sich immer noch in der Rolle der großen, die Massen vereinenden Übermutter. Das ist allein schon aus numerischen Gründen Unsinn. Sie kann gar nicht mehr das frühere Spektrum abdecken, dafür hat sie zu wenig Anhänger. Sie könnte wie die FDP beschließen, unverholene Lobbypolitik zu betreiben, aber dazu fehlt ihr zweierlei: die Idee, wen genau sie noch vertreten möchte und die Kraft, ihre Wählerinnen zu davon zu überzeugen, diesen Forderungskatalog auch konsequent durchzusetzen. Die SPD befindet sich in einer Abwärtsspirale: Immer weniger Menschen wählen sie, weil ihr niemand mehr etwas zutraut, da sie ja ohnehin keiner mehr wählt.

Die Entscheidung, mit Andrea Nahles ausgerechnet eine Person an die Spitze zu setzen, welche die Misere der Partei mit zu verantworten hat, war deswegen auch nur eingeschränkt schlau. Sie hätte vielleicht funktioniert, wenn Nahles wenigstens den Rest der Partei umgekrempelt hätte. Statt dessen handelte sie sich mit Kevin Kühnert (natürlich von ihr ungewollt) jemanden ein, der zwar noch weit von höheren Parteiämtern entfernt ist, aber mit praktisch jedem Interview zeigt, was für ein cooler Laden die SPD sein könnte, wenn sie den Mut dazu hätte.

Statt dessen beschwört die SPD Nibelungentreue. Na gut, sie nennt es "Solidarität". Ist das diese Solidarität, mit der sie damals Rudolf Scharping abgesägt hat oder Martin Schulz oder Franz Müntefering oder Heide Simonis oder Andrea Ypsilanti? Ach, die haben es selbst vermasselt? Keine weiteren Fragen.

Allein schon, dass Wolfgang Thierse neben dem Solidaritäts-Holzhammer nichts weiter einfällt als sinngemäß: "Das ist doch eine Frau, die kann man doch nicht so einfach stürzen", offenbart die ganze Kläglichkeit der Partei. Sexismus ist es nämlich auch, wenn das Argument lautet: unfähig wie ein Beutel Kartoffelschalen, aber Frau, also wählen, damit wir was zum Vorzeigen haben.

Optionen hat die SPD im Moment kaum noch. Sie könnte irgendeinen ihrer alten Säcke herauskramen, irgendwen der Riege Basta-Schröder. Der oder die bekäme vielleicht wieder Ordnung in die Partei, aber an der lähmenden Außenwirkung ändert das nichts. Eine Chance hätte die SPD vielleicht, wenn sie va banque spielt und irgendeine Unbekannte hervorzaubert. Am Ehesten fiele mir noch Kevin Kühnert ein, aber ob er schon so weit ist geschweige denn sein will, sich auf ein solches Himmelfahrtskommando einzulassen, bezweifle ich. Abgesehen davon reicht es nicht, wieder einmal nur ein paar Führungspersonen auszutauschen und zu glauben, damit vollzöge sich in der restlichen Partei ein magischer Wandel vom bräsigen Spießerstammtisch, der von vergangenem Ruhm und dem Tag träumt, an dem er ganz von allein wieder ins Kanzleramt gewählt wird, hin zur angesagten Hipsterkneipe, die vielleicht nicht die Massen anzieht, aber mit einem frischen Konzept für stetigen Zulauf sorgt. Sicher ist: Wenn der SPD nicht sehr bald, genauer: vor der nächsten Bundestagswahl der Befreiungsschlag gelingt, ist das nächste Ziel die Fünf-Prozent-Hürde.

Und niemand wird ihr nachtrauern.