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Montag, 9. April 2012

Obsolete Dreckstechnik Teil 3 - Recyclingcontainer


Auf Twitter las ich vor einiger Zeit die Nachricht: "Deutschland ist, wenn neben dem Container für Grün-, Weiß- und Braunlglas einsam eine kleine, blaue Flasche steht." Treffender kann man es nicht schreiben.

Das Irre ist nur: Die meisten Leute finden das nicht komisch, das ist für sie ein ernsthaftes Problem. Suchen Sie im Internet nach dem Einleitungssatz dieses Artikels, und Sie finden reichlich, lange und engagierte Forendiskussionen zu genau diesem Thema.

Können Sie sich noch erinnern, wie seinerzeit die Mülltrennung eingeführt wurde? Natürlich gab es den üblichen Proteststurm, wie immer, wenn der Deutsche auch nur marginal seinen zwanghaften Lebensstil ändern muss. Auffällig war nur: Die Aufregung legte sich schneller als sonst, bot die Neuerung dem Deutschen doch das, was er immer schon liebte: die Möglichkeit zu sortieren. Selektieren, Gutes von Schlechtem trennen, Kategorien finden und Dinge dort einordnen, bloß kein Durcheinander, das liebt der Deutsche, egal, welcher sozialen, politischen oder ethischen Strömung er sonst angehört. Erinnern Sie sich noch, als die Piraten ihre ersten lautstarken Gehversuche auf der politischen Bühne unternahmen? Ja, natürlich ging es da auch ein wenig um Inhalte, aber was vor allem geklärt werden musste, war die Frage: Sind die nun links oder rechts? Sehen Sie sich an, was passiert, wenn politische Ämter zu vergeben sind. Am Rande kümmert man sich auch etwas darum, ob die Kandidaten etwas können, aber viel wichtiger ist doch: Mann oder Frau? Ausländer oder Deutscher? Ostdeutsch oder westdeutsch? Evangelisch oder Katholisch? Bayer oder Franke? Homo oder hetero? Erst wenn die Quote geklärt ist, kümmert man sich um Nebensächlichkeiten wie politische Programme.

Die Mülltrennung traf also mitten in die deutsche Volksseele hinein. Neue Mülltonnen wurden angeschafft - Ordnung muss sein. Merkblätter wurden herausgegeben, in denen genau geschildert wurde, wie der wertvolle Sekundärrohstoff zu behandeln sei: Schraubverschlüsse müssen selbstverständlich von den Flaschen runter, bevor sie im Container landen. Anders ist es bei Pfandflaschen, da muss der Verschluss drauf bleiben, um das Gewinde zu schützen. Joghurtbecher - ganz wichtig! - vorher auswaschen. Man kann den Müllmännern ja keinen dreckigen Müll zumuten. Ich möchte lieber nicht wissen, wieviele Kubikkilometer Spülwasser jedes Jahr bei der Reinigung von Joghurtbechern entstehen - der Umwelt zuliebe. Hat eigentlich jemals jemand darüber nachgedacht, was passiert, wenn man so einen Becher einschmilzt? Glauben Sie mir, das sind Temperaturen, bei denen etwas angekrustete Milch keine Chance hat. Davon abgesehen: Wissen Sie, was passiert, wenn die Müllwagen in die Abfallbetriebe fahren? Die sortieren den Kram, aber diesmal richtig.

In den späten Achtzigern, da mag die Vorsortiererei noch ansatzweise Sinn ergeben haben, und selbst da habe ich Glascontainer gesehen, die außen drei verschiedene Einwurflöcher, drinnen aber keine Trennwände besaßen. Ich hatte vor einem Jahr die Gelegenheit, mit einem relativ weit oben sitzenden Mitarbeiter unserer örtlichen Müllbetriebe zu reden. Wissen Sie, was der sagte: "Gelbe, blaue, braune, graue Tonne - alles Unsinn. Sie können getrost alles zusammenkippen, wir kriegen das schon getrennt. Wir planen sogar, diese ganzen verschiedenen Tonnen abzuschaffen und nur noch eine hinzustellen." Warum das nicht geschieht? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich, um die Massenpanik zu vermeiden, die ausbricht, wenn der Deutsche nicht mehr sortieren darf.

Obsolete Dreckstechnik Teil 2 - WLAN



Das mag jetzt etwas überraschen. WLAN, so werden die Meisten einwenden, sei doch eine großartige Idee, endlich lägen nicht mehr überall diese lästigen CAT-5-Kabel herum, über die man ohnehin nur stolpert, was in der Regel zu katastrophalen Hardwareschäden führt.

Man mag mich ewiggestrig zeihen, aber in meiner Kindheit gab es etwas, das nannte man Vorsicht, und genau so etwas wie das sorgsame Verlegen von und Beachten herumliegender Kabel lernt man spätestens dann, wenn man seine Stereoanlage gehimmelt hat, weil man sich in einem Lautsprecherkabel verheddern zu müssen geglaubt hat.

Gehöre ich etwa zur Elektrosmog-Fraktion? Himmel nein, quillt etwa, während Sie diesen Artikel lesen, Granderwasser aus Ihrem Rechner oder riecht es nach Räucherstäbchen? Nein, der Grund ist viel einfacher: Der Kram funktioniert nicht.

"Wieso? Bei mir klappt's ganz famos (um dieses Wort völlig unangebracht hier zu verwenden)", werden Sie sagen. Natürlich ist mir klar, dass die meisten Anwender die meiste Zeit über mit dieser Technik klarkommen, aber da ich einen Großteil meines Lebens damit verbringe, anderer Leute Rechner zu administrieren, habe ich ein gutes Gespür dafür, was schief geht, wenn etwas schief geht, und jetzt raten Sie mal, worauf knapp die Hälfte der Einsätze, zu denen ich gerufen werde, hinaus läuft.

Das Symptom ist natürlich immer gleich: "Ich komme nicht ins WLAN." Im einfachsten Fall ist die Sache damit erledigt, dass man den Sender einfach hinter dem Sofa hervor holt. "Das ist auch kein Wunder", werden Sie einwenden. "Das Sofa schirmt natürlich das Signal ab." So gründlich, dass ein zwei Meter entfernt stehender Rechner den Sender überhaupt nicht mehr in seiner Liste aufführt? Kann man vom Endnutzer wirklich verlangen, das zu ahnen?

Ein anderer Klassiker: Der Nachbar ist ein freundlicher Mensch und gestattet das Mitsurfen in seinem WLAN. SID, Passwort, alles vorhanden. Zwischen uns und dem Internet liegen vermeintlich nur ein paar Tastendrucke.

Natürlich funktioniert auch das nicht. Der Grund liegt darin, dass der Treiber die Passworteingabe auf sehr individuelle Weise in ein für ihn verwertbares Format umwandelt, und natürlich gibt es keinen Standard, der hier für Klarheit sorgt. Mit anderen Worten: Ein und dasselbe Passwort kann auf zwei verschiedenen WLAN-Karten unterschiedlich codiert werden, und natürlich akzeptiert der Zugangspunkt nur eine der beiden Versionen.

Manchmal scheint auch alles in Ordnung. Der Rechner verbindet sich, die Übertragung ist stabil, alle sind glücklich. Bis auf einmal.

Auf einmal nämlich kommt die Verbindung nicht zustande, ohne dass der Anwender sich einer Schuld bewusst ist. Im einfachsten Fall reicht es, den WLAN-Zugangspunkt aus- und anzuschalten, was ich allerdings schon reichlich bizarr finde. Wie kläglich muss ein Treiber zusammengeschmiert sein, der tagelang klaglos Daten verteilt und dann ohne tieferen Grund beschließt, in schmollendes Schweigen zu versinken? Welche Peinlichkeiten spielen sich da auf Codeebene ab? In meiner Kindheit gab es so altmodische Dinge wie Radios, als auch Funkempfänger. Die liefen, wenn man sie ließ, wochenlang durch. Die musste man nicht alle zehn Tage aus- und anschalten, weil sie sich aufgehängt hatten.

Das An- und Ausschalten funktioniert freilich nicht immer. Manchmal liegt die Ursache auch darin, dass ein aktualisierter Treiber - generell eine gute Idee - auf einmal irgendeinen Funkstandard nicht mehr sauber unterstützt. Warum das niemandem auffiel, bevor der Kram auf den Markt geschleudert wurde? Wir können nur raten.

Obsolete Dreckstechnik Teil 1 - Die Caps-Lock-Taste


Im Alter wird man mild und weise, heißt es. Angesichts der Großen Reise, die man nun bald anzutreten im Begriff ist, sieht man gnädig über diverse irdische Widrigkeiten hinweg, denkt holistischer, erkennt, dass die globalen Zusammenhänge, die nun im Lichte über Jahre gewachsenen Wissens immer klarer erkennbar werden, so wichtig sind, dass es nicht lohnt, sich in Details zu verlieren.

Blödsinn. Ich bin der verbitterte Alte, der mit seinem Gehstock auf der Parkbank sitzt und mit Erdklumpen nach Radfahrern wirft - einfach, weil er sie nicht leiden kann.

In diesem Sinne habe ich mir erlaubt, eine Liste von Technologien zu erstellen, die hemmungslos überholt sind, nie richtig funktioniert haben oder es aus einem anderen Grund verdienen, sofort ihren Platz auf dem Müllberg einzunehmen, aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen penetrant weiter eingesetzt werden, was für mich ein weiteres Indiz darstellt, dass dieser Planet von Deppen geführt wird.

Die Caps-Lock-Taste


Hand hoch: Wer mit einem IQ jenseits der Feuerqualle hat diese Taste in den vergangenen Jahrzehnten ernsthaft benutzt? Sie in der vierten Reihe? Lassen Sie den IQ noch einmal messen. Auf meiner Tastatur ist Caps-Lock hinter Space, Return und Backspace die viertgrößte Taste. Benutzt habe ich sie in den vergangenen drei Jahrzehnten exakt einmal, als ich mit zwischen Schulter und Wange eingeklemmtem Telefonhörer und Kugelschreiber in der Rechten mit der linken Hand ein Drei-Buchstaben-Kürzel eingeben wollte und zu faul war, den Kugelschreiber hinzulegen. Berührt habe ich diese Taste hingegen millionenfach, und stets war die Auswirkung die gleiche: Adrenalinausstoß, das Getippte löschen, Caps-Lock zum Entsperren drücken und noch einmal schreiben.

Wer nach dem Schreibmaschinenzeitalter geboren wurde, hat im Zweifelsfall nicht die leiseste Ahnung, wozu diese Taste gut sein soll, und selbst wer wie ich noch das sinnliche Vergügen genießen durfte, an einer majestätisch brummenden IBM-Kugelkopfschreibmaschine sitzend perfekt geformte Tasten drückend das Maschinengewehrrattern ganzer Weltkriege herauf zu beschwören, das dann, den Widerspruch kaum ahnend, sich auf dem Papier in Form eines Flugblatts gegen die Pershing-2-Stationierung in Westdeutschland niederschlug, dürfte sich nur mit Mühe an die wenigen Momente erinnern, in denen er die Sperrtaste benutzt. Das war übrigens auch den Konstrukteuren solcher Tastaturen klar, und so übernahmen sie den aus der Ära der Hebelschreibmaschinen stammenden deutlich höheren Druckwiderstand dieser Taste sogar in die frühe PC-Generation. Wer damals versehentlich auf Caps-Lock kam, spürte sofort, dass da etwas falsch war und ließ los, bevor die Taste einrasten und ihr unheilvolles Werk beginnen konnte. Heute hingegen werden Tastaturen von Rechnungsprüfern und vollgekifften Designstudenten zusammengekloppt, Leuten also, die selbst von Maus und Tatschskrihn intellektuell völlig überfordert sind, was zu so absurden Tastenlayouts führt wie daumenkuppengroßen Space- mit direkt daneben liegenden Windows-Tasten, auf denen zur Not ein Helikopter landen kann, was einzig der Präsentation des Produktlogos dient und ansonsten allenfalls die Frage beantworten hilft, wieviel Stresshormone der menschliche Körper pro Minute maximal ausstoßen kann. Einzig diese Leute sollten wenigstens der Theorie nach erklären können, warum sie im Zeitalter der Säkularisierung eine heilige Furcht verspüren, diese komplett sinnlose Taste bei der nächsten Layoutüberarbeitung einfach weg- und meinetwegen Shift doppelt so groß ausfallen zu lassen. Natürlich können sie es nicht erklären. Statt dessen sehen sie lieber zu, wie sie Tatstaturkappen abflachen, damit man nicht mehr genau sagen kann, wo genau sich der Finger befindet. Das sieht zwar wahnsinnig steilisch aus, und Medienzombies mit Bättschlä in Aatdisein können damit vielleich ganz toll an ihren Projekten arbeiten, aber wer sein Geld verdient anstatt es zu bekommen, runzelt bei solchem Firlefanz nur die Augenbrauen.