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Dienstag, 30. Mai 2017

Mit Flammenschwert und Heiligenschein gegen die Kirche

Man sollte meinen, dass die Leute nach 11 Jahren ungefähr begriffen haben, wie Twitter funktioniert. Bestimmte Missverständnisse sollten eigentlich nicht mehr vorkommen. Sollten. Eigentlich. Tatsächlich aber kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, die mich erheblich an der Medienkompetenz der Akteuere zweifeln lassen. So geschehen am 25. Mai 2017 um 8:27 Uhr. Da twitterte @kirchentag_de von einem Podium des Berliner Kirchentags:

"Durch die Zuwanderung sind 15.000 bis 20.000 Terroristen nach Deutschland gekommen" meint @AnetteSchultner von der AfD

Das sind 120 Zeichen. Von 140 erlaubten. Was folgte, war ein einhelliger Aufschrei der Empörung der üblichen Maulaufreißer. Was dem Kirchentag denn einfiele. So ein Skandal. Einfach so eine Aussage zu posten. Eins zu eins. Ohne Distanzierung. Die Antwort von @kirchentag_de fiel nicht unbedingt professionell aus, war aber offensichtlich von der Heftigkeit der Reaktion überrascht. Man habe die Aussage "redaktionell eingeordnet", soll heißen: als Zitat gekennzeichnet. Das war aber den Meisten nicht genug. Man hätte eindeutig klarstellen müssen, wie sehr man solche Sätze verurteilt.

Jetzt verrate ich euch ein Geheimnis. Beiden Seiten, @kirchentag_de und den ganzen Berufsempörten: Twitter lässt maximal 140 Zeichen pro Tweet zu. Mit allen Interpunktionszeichen umfasste dieser Tweet 120 Zeichen. Was bitteschön erwartet ihr in den noch verbleibenden 20 Zeichen? Ein flammendes Bekenntnis zur Genfer Menschenrechtskonvention? Eine zweiseitige Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz, welche diese Äußerung aufs Schärfste verurteilt? Leute, habt ihr noch nie in eurem Leben Twitter benutzt? Da berichten ständig Leute auf diese Weise von Veranstaltungen. Sie schreiben, was verschiedene Podiumsgäste sagen, verdeutlichen, dass sie nur berichten und nicht etwa sich die Aussagen aneignen. Kein Mensch, jedenfalls keiner mit nur Ansätzen von Grips im Kopf, käme auf die Idee, sich darüber aufzuregen, dass jemand ein Zitat korrekt wiedergibt. Im Gegenteil, die Meisten freuen sich, auf diese Weise die wichtigsten Äußerungen einer Veranstaltung mitzubekommen.

Auf der anderen Seite: Liebe @kirchentag_de-Redaktion (und ich meine das "liebe" nicht, wie in solchen Kontexten üblich, ironisch, sondern ich habe trotz aller Kritik, die man an dem alle zwei Jahre ausgetragenen Massenauflauf der Realitätsgeflüchteten haben kann, Respekt vor dem nötigen organisatorischen Können und finde die meisten Leute auf dem Kirchentag auch wirklich nett), konntet Ihr nicht ahnen, dass Ihr mit diesem Tweet einen (verzeiht mir das dümmliche Modewort) Shitstorm lostreten werdet? Mir ist schon klar, dass in den Tweet nur das Zitat und nicht noch ein langer Lex hineinpasste, wie doof Ihr diese Äußerung findet, aber vielleicht wäre es besser gewesen, so ein Zitat gar nicht erst zu twittern, sondern auf einer Plattform abzusetzen, die ein wenig mehr Einordnung erlaubt. Es mag Euch in Eurer Filterblase nicht auffallen, aber auf Twitter gibt es sehr viele Leute mit einem, sagen wir, sehr schlichten Gemüt und umso klareren Feindbild. Über die Kirche, sei sie evangelisch oder katholisch, denken sie ähnlich differenziert wie die AfD über den Islam. Kirche ist böse, BÖHÖSE. Das sind die mit der Inquisition (ach, da gab's die Protestanten noch gar nicht? Egal) und der Hexenverbrennung, die den ganzen Tag damit verbringen, zu einer nichtexistenten (da sind sie GANZ sicher) Entität zu beten und kleine Jungs zu vergewaltigen. DEN GANZEN TAG. Und zwischendurch hassen sie die Homosexuellen, obwohl sie doch selbst alle schwul sind. Und frauenfeindlich. Der Luther, das ist der allerschlimmste von denen. Der und sein Antisemitismus, die haben Auschwitz doch erst ermöglicht. So, und jetzt heizt diesen brodelnden Kessel noch mit dem Zunder eines, zugegebenermaßen unglücklich platzierten, AfD-Zitats, und das Ding geht ab wie eine Rakete. Da werden doch gleich alle Vorurteile auf einmal bedient. Es gibt Leute, bei die sich bei Tweets wie diesem wahnsinnig progressiv, intelligent und revolutionär vorkommen und wahrscheinlich wochenlang gewartet haben, bis sie endlich ganz mutig und provokant Tweets wie den hier absetzen konnten. Es hätte Euch doch klar sein müssen, dass die fast vor Dankbarkeit gebetet haben, dass Ihr ihnen diesen Brocken vor die Füße geknallt habt.

Und nun zu Euch, ihr Intelligenzbestien, die auf Twitter ihren heiligen Krieg gegen eine der Bedeutungslosigkeit entgegenschliddernden Minderheitenreligion kämpft. Meint Ihr nicht, Ihr seid ein bisschen zu alt für sowas? Habt Ihr das früher in der Schule auch so mutig gefunden, dem Typen, den ein Anderer vermöbelt hat und der jetzt am Boden liegt, noch einen saftigen Tritt mitzugeben, am besten der Stelle am Fußboden, wo er lag, fünf Minuten, nachdem er abtransportiert worden war, damit er sich ganz bestimmt nicht mehr wehren kann und ihr keinen Ärger mit der Schulleitung bekommt? Kamt Ihr Euch dabei auch total stark vor? Toll, Ihr seid die Größten. Ich bin so stolz auf Euch.

Es ist ja nicht so, als seien Eure Vorwürfe gegen die beiden deutschen Staatskirchen (oh, das hören die gar nicht gern, aber wie nennt man eine Kirche, die sich ihre Mitgliedsbeiträge vom Staat eintreiben lässt, und das sogar von Leuten, die gar nicht Mitglied sind?) komplett aus der Luft gegriffen, aber stellt Euch vor, irgendwer hätte eine ähnlich platte Sicht gegen den Islam oder das Judentum vertreten, hätte nur deren dunkle Seiten aufgezählt und so getan, als bestünden diese Religionen nur aus den so sorgfältig herausgepickten Schandflecken. Uiuiui, was hättet Ihr Euch ins Zeug geworfen, einen -ismus nach dem nächsten heraufbeschworen. Da müsse man doch differenzieren, hättet ihr empört geschrieen. Stellt Euch vor, jemand hätte Euch zu Antisemiten erklärt, weil Ihr die Siedlungspolitik Israels kritisiert, dem hättet ihr aber was erzählt. Und die Israelfahne, die damals auf der Demonstration verbrannt wurde, das war erstens eine Staatsflagge, zweitens habt Ihr bestenfalls daneben gestanden und mutig dagegengeklatscht, und drittens war es nur eine ganz kleine Flagge.

Merkt Ihr jetzt, wie es sich anfühlt, undifferenziert angeblökt zu werden?

Schaut Euch doch einmal die Mitgliederzahlen an. Waren 1950 noch 96,4 Prozent in der Kirche, sind es jetzt gerade einmal 56 Prozent. Allein die evangelische Kirche verlor zwischen 1990 und 2015 ganze 7.150.000 Mitglieder, das sind 286.000 pro Jahr. Sie liegt damit bei 27,1 Prozent der in der Bundesrepublik wohnenden Menschen. Nur zum Vergleich: Konfessionslose stellen die größte Gruppe mit 36 Prozent. Ihr braucht einfach nur zu warten, und Euer Lieblingsgegner verschwindet von selbst. Ihr braucht nicht einmal Twitter dafür.

So, und jetzt setzen wir uns alle hin, atmen einmal tief durch und schreiben alle hundert mal auf: Twitter hat nur 140 Zeichen. Get used to it.

Sonntag, 3. Mai 2009

Hjumenn, wä a ju?

Bad Godesberg sucht die Kirchentags-Combo.

So ungelenk kommt man natürlich im Zeitalter von Church 2.0 nicht mehr daher. Deswegen lud man auch zum - ich erlaube mir, zu zitieren: "Kirchentags Pre-Event" mit "Band Contest", "Public Voting" und "Catering". Für alle, die der altbackenen Vorstellung anhängen, Sprache sei zur Verständigung und nicht dazu da, anderen Leuten zu zeigen, wie toll man schon mit dict.leo.org umgehen kann: Es handelte sich um eine Vorveranstaltung zum evangelischen Kirchentag in Bremen, bei der mehrere Musiker einen Wettbewerb veranstalteten und das Publikum darüber abstimmen durfte, wer als Gewinn 1000€ bekommen und beim Kirchentag auftreten sollte. Ach ja, was zu Essen gab es auch noch.

Wie dem auch sei, ganz so dumm wie immer behauptet, kann die PISA-Generation nicht sein, immerhin war sie in der Lage, das Plakate wie das unter http://www.ekir.de/BadGodesberg-Voreifel/bgv_index_53819.php zu verstehen und sich rechtzeitig zu Veranstaltungsbeginn einzufinden. Um in die Kirche zu gelangen, musste man an einigen vierschrötigen Kerlen vom Sicherheitsdienst vorbei, die offenbar als ausgleichendes Element zur Liebe des HErrn gedacht waren, suchte sich in der mäßig gefüllten Kirche einen Platz und harrte der Dinge. Es ging los, und was dann passierte, gibt es in dieser Form ausschließlich bei Kirchens: Die Tontechnik versagte.

Um dieses Phänomen wirklich würdigen zu können, muss man sich die jahrtausendealten Erfahrungen in Erinnerung rufen, welche die Kirche in Sachen Akustik hat. Bereits ihr Religionsstifter hielt eine seiner wichtigsten Reden auf einem Berg, und als gerade kein Berg greifbar war, fuhr er auf einen See hinaus. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich die Kunst des Kathedralenbaus, und stets achtete man bei der Gestaltung darauf, dass Orgel und Liturg gut zu hören waren.

Dann kam das 20. Jahrhundert, mit ihm der elektrische Strom und damit auch die Möglichkeit, Geräusche elektrisch zu verstärken. Es gab einige tapfere Versuche, sich dieser neuen Herausforderung zu stellen, aber im Wesentlichen ist man sich fremd geblieben. Als Ergebnis gibt es abgesehen vom Sonntagsgottesdienst keine größere Veranstaltung, bei der man nicht ernsthafte Schwierigkeiten hat, alle Akteure harmonisch aufeinander abgestimmt und so zu Gehör zu bringen, dass man nicht noch tagelang mit einem Tinnitus herumlauft. Die Ursachen hierfür sind komplex und dürften ein dankbares Forschungsgebiet abgeben. Mitunter gibt es einfach keinen Tontechniker. Dann wiederum gibt es einen, aber man wäre besser bedient, gäbe es ihn nicht. Gibt es einen guten Tontechniker, dann finden es die restlichen Akteure irgendwie also echt total uncool, vor der Veranstaltung einen sauberen Testdurchlauf durchzuführen. Gibt es gute Tontechniker und mitdenkende Akteure, dann ist der Gemeindesaal, in dem das alles stattfinden soll, bis 5 Minuten vor Veranstaltungsbeginn von der radikalfeministischen Lesbenyogagruppe belegt, die unter keinen Umständen bereit ist, ihr Kampfgebiet ausnahmsweise in die mehr als ausreichend dimensionierte Teestube zu verlegen.

Eine andere Marotte zeigt sich bei Kirchenveranstaltungen: Man will ja doch irgendwie Kirche sein, oder, netter gesagt: Man will christliches Profil zeigen. Deswegen kann man es nicht einfach damit bewenden lassen, fünf Bands auf die Bühne zu stellen, die dem Publikum ordentlich einheizen, nein, da muss unbedingt vorher noch jemand zwei angestaubte Jugendkreuzweglieder mit der Gemeinde zusammenklampfen. "Freund", mag man ihm entgegenrufen. "deine Begeisterung für die evangelische Kirche in allen Ehren, aber die Leute sind hier, um besungen zu werden, nicht selbst zu singen. Was soll das? Muss die Veranstaltung auf dem Papier ein Gottesdienst sein, damit die GEMA nicht zuschlägt? Dann jedoch sei die Frage erlaubt, warum ein harmloser Gottesdienst von Kleiderschränken bewacht wird, unter deren Mithilfe der Zweite Weltkrieg einen anderen Ausgang genommen hätte. Geht es aber nicht um juristische Tricksereien, sondern tatsächlich darum, Flagge zu zeigen, wage ich zu bezweifeln, dass diese Botschaft beim Publikum ankam. Ein Konzert ist ein Konzert, und alle vom Amtskirchgengewissen getriebenen Versuche, dem ein pastorales Feigenblättchen umzuhängen, können nur scheitern. Wenn du mir nicht glaubst, warte das Ende der Veranstaltung ab, zu dem ich später noch etwas sagen werde."

Es traten fünf verschiedene Gruppen auf, wobei das Spektrum von Alternative Punk mit offenbar überschaubarer Bühnenerfahrung über Soul-Jazz vom Feinsten bis hin zu professionell vorgetragenem Rock reichte. Wie Musikveranstaltungen üblich, bei denen das Publikum entscheidet, spielte der musikalische Aspekt weniger eine Rolle als der optische Eindruck. Anders ist nicht zu erklären, dass eine Kapelle den ersten Preis errang, deren Mitglieder im Durchschnitt elf Jahre alt sind, deren Kompositionen im Wesentlichen aus drei bis vier im 4/4-Takt angeschlagenen Akkorden bestehen und deren noch Jahre vom Stimmbruch entfernter Sänger verzweifelt wie Peter Maffay nach einer durchzechten Nacht zu klingen versucht. Altersgemäß sang er als Abräumer des Abends dann auch seine Fassung von "Backe, backe Kuchen" - ja, richtig gelesen - das aber mit so viel männlich-harter Lebenserfahrung in der Stimme, dass Ursula von der Leyen sofort die Eltern wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht belangen müsste.

Was die vier Angehörigen der Rolf-Zuckowsky-Zielgruppe noch musikalisch von echten Musikern trennen mag - im Posen konnten ihnen die anderen Gruppen nicht das Wasser reichen. Von einer Pressefotografin zur Aufstellung für ein Foto gebeten, erstarrten die vier prompt in einer Pose, gegen die Laokoon wie Bauerntheater wirkt.

Das Auditorium hatte also beschlossen, dass allein diese vier niedlichen, also wirklich sowas von niedlichen, also ich weiß gar nicht, wie ich's sagen soll, total süßen und knuffigen, den Rest lesen sie am Besten im Gästebuch auf deren Webseite nach - dass allein diese vier Künstler genügend Gewicht auf die Waage bringen, um Bonn und die beiden ihn umliegenden Kirchenkreise würdig repräsentieren zu können. Darauf einen Segen.

Den hatte man sich nämlich, guter kirchlicher Tradition folgend, ganz für den Schluss aufgehoben, für den Zeitpunkt, an dem alles gesagt ist und kein Mensch, zumindest keiner der anwesenden Teenager, auch nur das leiseste Interesse daran hat, ob da vorne noch einer mit den Armen wedelt und was vom HErnn erzählt. Die Leute gingen, und das war eine der wenigen guten Entscheidungen des Abends.