Posts mit dem Label riten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label riten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 1. Januar 2024

Deutsche Riten: Böllerverbote

Spätestens am 27.12. eines Jahres beginnt zuverlässig die gleiche ebenso hysterisch wie folgenlos geführte Debatte, ob die Silvesterknallerei verboten werden soll. Mir ist es eigentlich egal, weil ich die Nacht zum Jahreswechsel so verbringe wie jede andere Nacht auch: schlafend, oder zumindest mit dem Versuch zu schlafen. Als Teenager fand ich das Reinfeiern noch interessant, mit guten Freunden sowie der heimlich Verehrten lauter ungesundes Zeug in sich hineinzustopfen, über Vergangenes und Zukünftiges zu sinnieren, gegen Mitternacht die Lieblingsplatte aufzulegen und dann irgendwann den Schlafsack auszurollen, um wenigstens ein bisschen Schlaf zu bekommen.

Dann kam das Raclette-Zeitalter.

Samstag, 24. Oktober 2020

Deutsche Riten Teil 5: Zeitumstellungen

Zweimal im Jahr herrscht in den Redaktionen gute Laune, lässt sich doch knapp ein Drittel des geplanten Artikelvolumens komplett aus dem Archiv recyceln und die gesparte Zeit mit vergleichsweise interessanten Aufgaben wie Solitair-Spielen oder Tastatur-Putzen verbringen. Wer sein Gewissen beruhigen und wenigstens den Hauch von Recherche investieren möchte, schickt ein Team in die Fußgängerzone und lässt es dort ein paar O-Töne aufzeichnen. Digitalaffine fertigen Bildschirmfotos von vier Tweets auf und schmücken ihre Beiträge damit. Fertig ist das Aufregerthema der nächsten 48 Stunden: Die Zeitumstellung. Sie betrifft uns alle, alle haben eine Meinung dazu und halten sich deswegen für qualifiziert, darüber zu reden. Was kann bitte an Zeit so schwierig sein?

Montag, 1. Mai 2017

Deutsche Riten Teil 4: Leitkultur

Du liebe Güte, sind euch im Wahlkampf schon so früh die Themen ausgegangen, dass ihr jetzt wieder die Leitkulturdebatte herauskramen müsst?

Es ist so langweilig, so vorhersagbar und am Ende auch ergebnislos: Irgendein CDU-Politiker fühlt sich medial unterrepräsentiert und beschließt, deswegen ein heißes Eisen anzupacken, ein ganz heißes. Naja, und dann reicht der Mut doch nur, um in das nächststehende Mikrofon das Wort "Leitkultur" zu rülpsen.

Letztlich ist es auch egal. Es wäre sogar verschwendete Energie, sich eines wirklich wichtigen Themas anzunehmen, denn es geht ja doch nur um die nächste Schlagzeile. Da reicht die Leitkulturdebatte allemal, denn Deutschlands "Progressive" funktionieren in dieser Hinsicht dankenswerterweise sehr zuverlässig.

Das Vorgehen ist immer gleich: Der CDU-Mensch nuschelt etwas davon, es gäbe so etwas wie einen kulturellen Kanon, dem "die Deutschen" sich verbunden fühlten und dem folglich alle, die hier dauerhaft leben wollten, sich unterordnen müssten. Statt nun aber mitleidig zu lächeln "jou, hatten wir schon etliche Male ohne vorzeigbare Resultate durchdiskutiert, geh woanders trollen" schreien alle, die sich politisch irgendwo zwischen Grünen, Linkspartei und SPD (die aber nur zum Teil, man ist ja immerhin staatstragend) verorten, reflexartig auf und beschwören Bilder von Fackelzügen durchs Brandenburger Tor herauf. Die Gegenthese lautet wahlweise, die behauptete Leitkultur gäbe es gar nicht, es gäbe sie zwar, sei aber total doof, weil nicht so wie beschrieben, oder es sei ja wohl eine Frechheit, wertvolle, hilflose andere Leitkulturen durch unsere Leitkultur einfach unterbuttern zu wollen.

Am Ende kommt heraus: eine Talkrunde bei Anne Will mit den üblichen Schwätzern der etablierten Dateien plus irgendeinem Nichts, dessen oder deren Tweet zum Thema mehr als hundert Retweets bekommen hat und das diese ungeheure Bekanntheit zum Anlass nimmt, schon einmal mit der Autobiografie anzufangen. Es kommt heraus: ein Vierseiter im Spiegel, eine Seite in der "Zeit" und ein bissiger Kommentar in der taz, der lustig wäre, wenn man nicht den nur marginal umgeschriebenen Text von der letzten ritualisierten Empörung genommen hätte. Die eigentliche Debatte ist keinen Millimeter vorangekommen, was aber auch kein Wunder ist, weil es nichts Neues gibt und alle denkbaren Argumente einfach immer wieder aufgewärmt werden.

Aber schön, dass wir darüber nicht geredet haben.

Sonntag, 16. April 2017

Deutsche Riten Teil 3: Das Grundrecht zum Zappeln

Wer in diesem Land lebt, muss eine gewisse Vorliebe für Wiederholungen haben, wenn er nicht verzweifeln will.

Nein, es geht nicht ums Fernsehprogramm, sondern um die Tendenz der hier lebenden Menschen, regelmäßig einen unglaublichen Tanz darum zu veranstalten, dass Dinge immer noch so sind wie vorher.

Womit wir beim Thema wären: Tanzen. Man sollte meinen, wir seien ein Volk von Musikliebhabern. Vor allem am Karfreitag, da haben wir ja alle frei, da machen wir mal so richtig einen drau - ach nein, geht ja nicht, ist verboten, und jedes Mal veranstalten die Leute ein Theater, als sei das Tanzverbot gestern erst beschlossen worden. Seit Jahren.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich halte das Tanzverbot für eine der idiotischsten Ideen, mit der die Kirchen ihren Machtanspruch behaupten. Rücksichtsnahme kann man nur leben, man kann sie nicht verordnen. Vor allem liefert man mit dieser sauertöpfischen Reglementierungswut den Kirchengegnern eine Steilvorlage, die damit alle Vorurteile bestätigt sehen. Trotzdem finde ich es lächerlich, wie sich die Leute über dieses Verbot aufregen. Die Grundfesten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung sehen sie gefährdet, wenn sie einen Tag lang nicht in der Disco herumtoben dürfen. Vergleiche mit den Taliban sind noch das Sachlichste, was durch die Kommentarspalten geht. Die Kirche, der große, totalitäre Gedankenkontrolleur.

Spannend finde ich, dass der Schrei nach dem Ende des Gesinnungsterrors ausgerechnet von denen stammt, die sonst keine Schwierigkeiten damit haben, Minderheiten mit dem Argument der Rücksichtnahme den Vortritt zu lassen. So ist es bei vielen Veranstaltungen des alternativen Spektrums vollkommen normal, dass dort vegetarisch oder sogar vegan gegessen wird, obwohl die Mehrheit der Anwesenden normalerweise Fleisch ist. Warum auch nicht? So lange das Essen schmeckt, ist mir offen gesagt egal, woraus es besteht.

Ich kenne von der Kirche betriebene Jugendzentren, die während der täglichen Verköstigung kein Schweinefleisch servieren, weil dort ab und zu auch Muslime vorbei kommen. Während des Ramadan gibt es auch für die Nichtmuslime nichts zu essen, um die fastenden muslimischen Kinder nicht unnötig zu belasten. Noch einmal: Betreiber ist die Kirche.

Wir finden den Anblick frierender Gestalten vor Kneipen völlig normal, weil drinnen nicht mehr geraucht werden darf. Busspuren, auf denen zweimal pro Stunde Busse fahren, Frauen- oder Behindertenparkplätze, die mitunter tagelang nicht genutzt werden - ja, selbst die CDU hat inzwischen eine Quote. Das sind lauter Beispiele, in denen wir persönliche Einschränkungen in Kauf nehmen, weil wir es gerecht finden, weil wir Rücksicht nehmen wollen.

Ich wohne in einer Gegend, in der es als Ausdruck der Lebensfreude gilt, sich die letzten Reste eines IQs mit Hilfe von Alkohol unter die Wahrnehmbarkeitsgrenze zu drücken, wo man, wenn man nachts um drei nach hause kommt, gern mal die Party mit voll aufgedrehter Anlage weiter gehen lässt, in der es vollkommen normal ist, sturzbetrunken nachts durch die Straßen zu marodieren und die Anwohnerinnen mit mehr herausgeschrieenen als gesungenen Karnevalsschlagern zu unterhalten, eine Gegend, in der man ganze Wochenenden hindurch damit leben muss, bei Freiluftveranstaltungen angefangen vom Soundcheck um 7 Uhr morgens bis hin zum fröhlichen Ausklang gegen 23 Uhr mit Ballermanmucke versorgt zu werden. Da ist es natürlich ein unzumutbarer Eingriff in die Menschenrechte, wenn man an einem Tag im Jahr die verbriefte Garantie hat, Andy Borg nicht hören zu müssen.

Letztlich sind mir die Argumente pro und contra aber auch egal. Ich habe sie gehört. Seit Jahrzehnten. Immer wieder. Die gleichen. Es hat sich nichts geändert. In den sozialen Medien werden dem Anschein nach einfach die Tweets des Vorjahrs ausgegraben und erneut abgeschickt, und jeder kommt sich dabei wahnsinnig witzig und originell vor. Hui, was bin ich mutig, ich lege mich mit der ach so mächtigen Kirche an, schaut her.

Jou, das ist ungefähr so tapfer wie bei der Schulhofprügelei die ganze Zeit daneben zu stehen und am Ende bei dem am Boden Liegenden noch einmal kräftig nachzutreten. Sich mit der Kirche anzulegen, mag in bayerischen Bergdörfern tatsächlich noch so etwas wie Mumm erfordern, im zivilisierten Rest der Republik ist es einfach nur peinlich.

Montag, 9. April 2012

Deutsche Riten Teil 2 - Vordenker

"Günter - wer?" - "Grass." - "Und wer soll das sein?" - "Weiß nicht genau, irgendosein Typ halt."

Dieser Dialog wird wohl leider nie stattfinden, allenfalls in ein paar Jahrzehnten, wenn dieser Mann und diejenigen, die so einen Popanz um ihn veranstalten, den Weg alles Irdischen gegangen sein werden und die Zeit dazu beitrug, seine Bedeutung auf die ihm angemessene Größe schrumpfen zu lassen.

Gut, er hat einen Literaturnobelpreis, aber erstens bekam er den nicht für jede seiner vor Selbstgefälligkeit strotzenden Äußerungen, sondern für das eine, Ende der Fünzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts geschriebene Buch, dem man eine gewisse Relevanz nicht absprechen kann: die "Blechtrommel".

Das reicht dem Deutschen natürlich nicht. Er braucht Superhelden, geistige Führer, intellektuelle Lichtgestalten, die stellvertretend für ihn die Fahne der "Dichter und Denker" hochhalten. Das allein erklärt, wie ein ehemaliger, in den frühen Achtzigern gestürzter Bundeskanzler nahezu Heiligenstatus genießt. Das erklärt, warum ein Literaturkritiker, der wahrscheinlich deswegen irgendwelche unlesbaren Schinken in den Rang ewiger Meisterwerke erhebt, weil er sicher sein kann, dass niemals jemand den Blödsinn lesen und den Kritiker einen Scharlatan zeihen wird, unangefochten ganze Fernsehsendungen bestreitet. Das erklärt, warum eine ehemalige EKD-Ratsvorsitzende neben aller berechtigten Anerkennung blindlings wie ein Popstar verehrt wird.

Nun hat also der selbsternannte Enkel Thomas Manns wieder die Sehnsucht nach Schlagzeilen verspürt. Wahrscheinlich liegt bei Gelegenheit ein neues Buch an, und da ist es nicht falsch, sich in Erinnerung zu rufen. Heraus kam etwas, das bei jedem Deutschlehrer binnen Sekunden eine Fünf kassiert hätte, wäre es ohne Namensnennung veröffentlicht worden. Selbst die kritikloseste Schülerzeitung hätte sich dreimal überlegt, ob sie wirklich jedes Pennälergekritzel abdrucken will.  Trägt der Pennäler jedoch einen Nobelpreis, muss das, was er von sich gibt, irgendeine Relevanz besitzen.

Was folgte, ist das typische deutsche Empörungsritual, vermischt mit dem ungläubigen Entsetzen darüber, dass der teutonische Denktitan so daneben greifen konnte. Nachdem sich jetzt auch der letzte Schwätzer darüber auslassen durfte, dass ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS einen solchen Text verfasst, gehen wir langsam zur Phase 2 über - zur Relativierung.

Eingeleitet wird diese Phase dadurch, dass irgendeiner der Kritiker die Sache übertreibt. In diesem speziellen Fall ist es das Einreiseverbot nach Israel nebst der vom israelischen Innenminister erhobenen Forderung nach Aberkennung des Nobelpreises. Das wirkt selbst auf die schärfsten Gegner langsam etwas albern, und da es andrenalindurchtränkten Köpfen schwer fällt, zwischen Aussage und Person, Ursache und Wirkung, Reaktion und dem eigentlichen Kern des Streits zu differenzieren, wird mit dem Unverständnis über die Reaktion der israelischen Regierung auch eine Rehabilitation der umstrittenen Äußerungen stattfinden. "Was gesagt werden muss" - das klingt doch schon so nach "Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen." Angesichts des Fäkalsturms bekommen einige Leute Mitleid, und irgendwann trauen sich dann auch wieder diejenigen aus der Deckung hervor, denen der Gescholtene aus dem Herzen sprach. Als Ergebnis kommt ein "irgendwo hat er ja doch Recht" heraus. Das funktionierte fantastisch bei einer ehemaligen Tagesschausprecherin und einem ehemaligen Bundesbanker, die beide mit einigen gut dosierten Provokationen ihre Buchverkäufe ankurbelten - wissend, dass sie nur stoisch den automatisch einsetzenden Entrüstungssturm erdulden mussten, um daraus als Märthyrer für die Wahrheit hervor zu gehen.

Das Verhältnis des Deutschen zu seinen Vordenkern hat borderlineartige Züge. Entweder Lichtgestalt oder Teufel, dazwischen gibt es nicht viel. Hat man erst einmal eine Rolle zugeteilt bekommen, ist es aufgrund der darauf einsetzenden selektiven Wahrnehmung fast unmöglich, aus ihr auszubrechen. So musste Richard von Weizsäcker exakt eine wirklich gute Rede halten, um zu erreichen, dass die vielen relativ belanglosen Reden, die er in der Folge hielt, nur im Licht seiner zu Recht gerühmten Worte zum 8. Mai gesehen wurden. Ähnlich geht es Päpsten. Wenn Ratzinger eine Rede hält, flüstern wir ehrfurchtsvoll, wir werden wohl Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte brauchen, um die volle Bedeutung seiner Worte zu erfassen. Unsinn, der Kerl bringt es einfach nicht fertig, sich verständlich auszudrücken, schwaches Bild für den Inhaber eines akademischen Lehramts, aber so ist es nun einmal.

Will man die Seite wechseln, reicht es also nicht aus, einfach mal etwas Dummes zu sagen, da müssen die Reizthemen her, mit denen man zuverlässig seine Fanboys irritieren kann. Wichtig ist auch: Ist man erst einmal auf der dunklen Seite der Macht, gibt es kein Zurück mehr. Die neuen Freunde müssen einen für den Rest der Zeit durchfüttern.

Damit die Schlauköpfe unserer Nation auch zuverlässig von den Dummerles unterschieden werden können, bedarf es natürlich einiger Insignien. Rauchen (Grass, Schmidt) ist schon einmal ein guter Ansatz, Schnurrbart (Biermann, Grass) kommt auch immer gut, ganz wichtig sind aber auch bizarre Kleidung (Grass, Papst) und narzisstisches Auftreten (Schmidt, Reich-Ranicki, Biermann, Grass). Haben Sie gesehen, wer in allen Klammern vorkam? Wissen Sie jetzt, warum der Mann einfach intellektuell sein muss?

Allein schon aus statistischen Gründen ist es äußerst wahrscheinlich, dass im deutschsprachigen Raum mindestens 10 Millionen Menschen erheblich schlauer als man selbst sind. Doch Vorsicht: Erstens sind sie es nicht immer und vor allem auch nicht in allen Disziplinen. Ein Heiliger ist nicht rund um die Uhr heilig. Die meiste Zeit über verzapft er sogar unfassbaren Unsinn. Das ändert nichts daran, dass wir ihn für seine großen Momente bewundern können, so lange wir den Rest ebenfalls wahrnehmen und sauber einordnen. Wer seine Heiligenbilder nicht auf zu hohe Sockel stellt, riskiert auch nicht, dass diese beim Herunterfallen zu hart aufkommen.

Was das für Grass heißt? Nun, lassen Sie es mich mit den folgenden Zeilen sagen, die ich Sie mit bedächtiger Stimme im Ledersessel Ihrer Bibliothek zu lesen bitte, die Halbbrille auf der Nasenspitze sitzend:

Was beklagt werden muss

Ein
Gedicht
entsteht nicht allein
dadurch,
dass man einen albernen Schnurrbart
eine schlecht sitzende Strickjacke
und eine Pfeife in der Hand trägt.

Manchmal
entsteht es auch
durch eine klemmende
Returntaste.

Dienstag, 21. September 2010

Deutsche Riten Teil 1: Unglücksmissbrauch

Allein schon die reine Wahrscheinlichkeitslehre sagt uns, dass - eine hinreichend große Beobachtungsmenge vorausgesetzt - immer wieder unerwünschte Ereignisse eintreten. Auf die menschliche Gesellschaft übertragen heißt dies: Irgendwo geht immer etwas schief. Es wird immer wieder zu Massenkarambolagen, Kraftwerksexplosionen, Anschlägen, Überfällen, Entführungen und anderen durch den Menschen verursachten Unglücken kommen - Amokläufe inbegriffen. Das ist schlimm.

Verständlicherweise wollen wir solche Ereignisse eindämmen, weswegen es gut ist, darüber nachzudenken, wie man vorbeugend handeln kann. Über eine Sache muss man sich aber im Klaren sein: Es ist relativ leicht möglich, in der Anfangsphase mit geringem Aufwand große Erfolge zu erzielen. Drück den Leuten ein Stück Seife in die Hand, und schlagartig sind geschätzte drei Viertel aller Infektionskrankheiten kein Thema mehr. Der ganze Aufwand, den wir als moderne Industrienationen mit Hygienemaßnahmen betreiben, dient dem Versuch, das restliche Viertel zu bändigen.

Ähnlich ist es mit Gewaltausbrüchen. Eine Maßnahme, die praktisch kein Geld kostet, sich aber als immens effektiv erweist, ist gesellschaftliche Ächtung von Gewalt. Eine andere besteht darin, den Leuten wenigstens die gefährlichsten Waffen abzunehmen. Beides zusammen führt dazu, dass zumindest in Deutschland die allermeisten Auseinandersetzungen glimpflich verlaufen.

Was nicht heißt, dass es nicht gelegentlich zu katastrophalen Zwischenfällen kommt. Einige Male pro Jahr dreht irgendwo in der Republik jemand vollkommen durch, sei es ein frustrierter Teenager, ein überforderter Familienvater oder, wie jetzt in Lörrach, eine 41-jährige Rechtsanwältin. Das ist, wie schon gesagt, schlimm, weil es immer schlimm ist, wenn Menschen vorzeitig und gegen ihren Willen sterben müssen. Aber - und das wird vielen nicht gefallen - daran lässt sich nichts ändern.
http://www.stern.de/panorama/nach-amoklauf-in-loerrach-das-web-spottet-1605548.html
Was soll das heißen? Keine hastig ins Mikrofon erbrochenen Forderungen nach neuen Verboten, schärferen Gesetzen, härteren Strafen, verbesserter Überwachung? Kein schnell in die Tastatur geklimperter Betroffenheitsartikel? Keine Instrumentalisierung der Trauer? Keine Auflagensteigerung durch breitgewalztes menschliches Leid? Kein billiger Populismus auf Kosten der Toten? Wie sollen wir sonst unsere Beißreflexe ausleben?

Erwies der Täter, wie beispielsweise in Winnenden, der CDU den Gefallen, vorher am Computer gesessen oder Filme gesehen zu haben, stürzen deren Apologeten des Analogzeitalters sofort in die nächste Zeitungsredaktion, um den dort anwesenden Journalisten brühwarm zu erzählen, diesem Gemetzel könne man nur mit umfassenden Verboten von Killerspielen, Gewaltvideos und bösen Internetseiten entgegen wirken. War die Tatwaffe unerhörterweise offiziell registriert, passt dies perfekt ins grüne Feindbild: Schützenvereine, Brutstätten der Reaktion, Kaderschulen des Konservativismus. Nun mag es wahrhaft intellektuell weniger beklagenswerte Anblicke geben als den Zenit des Lebens deutlich überschritten habende Träger grüner Jägertrachten, mit Schützenabzeichen übersät wie weiland sowjetische Generalsuniformen, aber in diesem Land hat jeder das verbürgte Recht, sich selbst immer und überall zum kompletten Idioten zu deklassieren, und  so lange mich niemand zwingt, diese Zurschaustellung geistiger Ausbaufähigkeit in irgendeiner Weise gut zu finden, sind doch alle Beteiligten glücklich. Ich möchte lieber nicht wissen, was Außenstehende von langhaarigen Computerautisten mit schwarzen T-Shirts halten.

Was wollen denn die grünen FriedensfreundInnen, wenn sie den erlaubten Waffenbesitz verbieten wollen? Dass die Leute mit unerlaubten Waffen erschossen werden? Genau das wird nämlich passieren, wenn man echten Waffennarren ihre Spielzeuge wegnimmt: Sie besorgen sich das Zeug auf dem Schwarzmarkt, und dann gibt es keine staatliche Kontrolle mehr, die den schlimmsten Blödsinn verhindert, keine spießigen Schützenvereine, deren Mitglieder aus klassischer Linksperspektive gesehen vielleicht völlig indiskutabel sind, aber in der Regel äußerst allergisch auf Möchtegern-Rambos in ihren Reihen reagieren. Halten Sie von Schützenvereinen, was sie wollen, aber den idealen Nährboden für Amokläufer bilden sie nicht.

Was immer die Profischwätzer dieses Landes behaupten: Es wird immer wieder zu Amokläufen kommen. Gründe, warum Menschen durchdrehen, gibt es viele, und alle im Rahmen eines demokratischen Rechtsstaats möglichen Maßnahmen werden vielleicht an den Details des Ablaufs etwas ändern, nicht jedoch den Ausbruch an sich verhindern. Es gibt nicht die zwei, drei alles entscheidenden Stellschrauben, an denen man nur kräftig genug drehen muss, um dieses Land in ein Paradies zu verwandeln. Stellen Sie sich dieses Land eher wie den Kölner Dom vor: Sie müssen ständig herumwerkeln, um ihn in Schuss zu halten, aber wenn Sie am einen Ende fertig sind, können Sie gleich am anderen wieder anfangen. Dennoch kommt keiner auf die Idee, den ganzen Bau durch etwas zu ersetzen, was man leichter pflegen kann, und vor allem fordert niemand, den Regen zu verbieten, damit es nicht mehr reinregnet.