Freitag, 13. Januar 2017

Fake Nonsense

Spätestens, wenn der politische Gegner den eigenen Kampfbegriff gegen einen verwendet, ist es Zeit, ernsthaft darüber nachzudenken, die Vokabel aufzugeben, insbesondere dann, wenn es sich um eine so idiotische wie "Fake News" handelt.

Der Terminus geistert seit letzten Sommer durch die Presse, und ähnlich wie bei "Hate Speech" hat er gleich mehrere Mängel: Erstens ist er ein typischer Modebegriff, der schön wissenschaftlich klingt, tatsächlich aber - zweitens - nicht sauber definiert ist, woran auch - drittens - inflationäre Benutzung nichts ändert, zumal - viertens - nichts grundsätzlich Neues beschrieben wird. "Fake News" ist das, was vor einem Jahr noch als Verleumdung, Hetze oder Propaganda bezeichnet wurde - zumindest wäre das meine Definition. Die Bundesregierung hingegen spricht gern von "Falschmeldungen", und genau hier sehe ich die Schwierigkeit: Während die Einen rechte Hetze aus dem Netz verbannen wollen, wünschen sich Andere vielleicht etwas ganz Anderes, und da man immer nur dann von Zensur redet, wenn die eigenen Inhalte auf einmal nicht mehr zu finden sind, findet der neue CDU-Vorschlag bestimmt auch links von der Mitte Zustimmung. Das Erwachen folgt später.

Eine Andeutung, was kommen könnte, lieferte jetzt Donald Trump, also genau der Mann, dessen Anhängern wir vorwerfen, durch geschicktes Platzieren von Verleumdungen gegen Hillary Clinton auf unfaire Weise den Wahlkampf beeinflusst zu haben (dass Clinton selbst in der Wahl ihrer Mittel auch nicht gerade zimperlich war und damit der Präsidentschaftswahlkampf einer der dreckigsten der letzten Jahrzehnte wurde, übersehen wir dabei gern). Trump kann man vielleicht mangelnde Umgangsformen vorwerfen, aber dumm ist er nicht. Wahrscheinlich dachte er sich, es sei doch schade, einen so schönen Kampfbegriff wie "Fake News" einfach den Demokraten zu überlassen und spickte deswegen seine - naja, offiziell heißt es wohl "Pressekonferenz" - mit diesem Wort. Die Strategie ist klar: Ihr findet Fake News böse? Ihr wollt sie mit aller Macht verfolgt und aus dem Netz getilgt wissen? Gut, könnt ihr haben, aber dann gehen wir auch gegen alles los, was eure dummelige Nicht-Definition abdeckt. Das klappt nämlich ganz hervorragend auch in die andere Richtung.

Es ist also dringend an der Zeit, sich darüber zu einigen, worüber man eigentlich redet. Zwei Vorschläge dazu gibt es, und bezeichnenderweise kommen beide zum Ergebnis, dass mit der juristischen Keule dem Phänomen nicht beizukommen ist. Im Gegenteil, sie richtet mehr Schaden an als sie Nutzen stiftet. Vielleicht sollten wir das Geschrei nach dem starken Staat, der alles für uns richten soll, noch einmal überdenken.

Dienstag, 3. Januar 2017

Same Procedure As Last Year?

Jahrelang wurde gepredigt, die Nazis könne man ganz leicht an ihrer Rhetorik erkennen. Wenn jemand von "Denkverboten" spricht oder den Satz "Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen" von sich gibt, weiß man sofort: Nazi. Nehmen wir das für den Moment hin und behalten es im Hinterkopf.

Blicken wir jetzt auf den Morgen den 1. Januar 2017. Ich musste an diesem Tag nur in meine Timeline schauen, um zu wissen: Das alte Jahr mag gegangen sein, die Bescheuerten sind jedoch geblieben, und sie haben kein Bit dazugelernt. Erinnern wir uns an den Morgen des 1. Januars 2016. Da gab es ein großes Aufregerthema: Sexuelle Übergriffe auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz. Das Dumme war nur: Die Täter gehörten einer weiteren Opfergruppe an und das führt zu einem argumentativen Deadlock. Das ist ungefähr so, als wenn Tierschützer feststellen, dass Eisbären Robbenbabys essen. So zwei niedliche Tiere, die sind doch beide bedroht, wie können die sich gegenseitig auffressen? Was drucken wir jetzt auf unsere Flugblätter?

Es gab Versuche, die Situation argumentativ zu drehen, indem man von ausländisch Aussehenden auf Männer im Allgemeinen überleitete, doch das verfing nicht so recht. Für das Narrativ: "Alle Männer sind potenzielle Vergewaltiger und müssen entsprechend bekämpft werden" ist das Land noch nicht verflauscht genug. Wir arbeiten daran.

Letztlich bot das Jahr 2016 aber mehr als genug andere Säue, die man durchs Dorf treiben konnte, und so fachsimpelten wir kurz darauf über  "Hate Speech", "Darknet" und "Fake News", worauf die Silvesternacht in Vergessenheit geriet.

Völlig unerwartet kam schließlich der 31.12. Diesmal jedoch wollte sich die Polizei nicht vorwerfen lassen, tatenlos zuzusehen und marschierte gleich in Armeestärke auf. Am Ende passierte: nichts.

Alles gut, könnte man meinen, aber so leicht lässt sich die Empöreria den veganen Aufstrich nicht vom Brot nehmen. Der massive Polizeieinsatz sei geradezu ein rassistisches Fanal gewesen, trötete meine Timeline. Es könne ja wohl nicht angehen, dass die Polizei diejenigen besonders kontrolliere, die denen optisch ähneln, welche im Vorjahr auffällig geworden waren und diese Leute auch noch, jetzt festhalten, "Nafris" nenne.

Sagen diejenigen, die von "Flümis" sprechen.

So bekam die Polizei reichlich Feuer. "Racial Profiling" war das Zauberwort, also das Aussortieren von Menschen allein anhand ethnischer Merkmale.

Ich weiß nicht, ob irgendwer von denen, die sich gerade so aufplustern, einmal zur Stoßzeit am Kölner Hauptbahnhof war. Laut Wikipedia laufen täglich über 280.000 Menschen da durch, das sind im Durchschnitt 200 pro Minute. Jetzt überlegen Sie einmal, wie man diese Zahl Menschen kontrollieren will, ohne gleich den ganzen Bahnhof lahmzulegen. In einer solchen Situation fängt man an, in Sekundenbruchteilen zwischen verdächtig und unverdächtig zu entscheiden, und bei dieser Geschwindigkeit ist man per definitionem rassistisch, sexistisch, was auch immer.

Das ist nicht gut, aber wie lautet der Gegenvorschlag? Hätten die Polizisten mit allen Passanten ein mehrminütiges Gespräch führen sollen, in dessen Verlauf man sich gegenseitig seiner Wertschätzung versichert? Kinder müssen für eine Viertelstunde ins Bällebad, wo sie unter pädagogischer Aufsicht zeigen müssen, dass sie keine Vergewaltigungsabsichten hegen? Jede Wette, am Ende beschwert sich jemand darüber, dass Sebastian-Maximilian eine Allergie gegen die Lösungsmittel in den Bällen und sich am linken Unterarm einen ganz hässlichen Ausschlag zugezogen hat.

So ließ die Gegenreaktion nicht lang auf sich warten, und im Verlauf des 3. Januars keilte die Konservative ebenso plump zurück, wie zuvor auf die Polizei eingedroschen wurde. Die habe nämlich "alles richtig gemacht", und diese Schlussfolgerung ist ebenfalls Quatsch. Gerade in Sicherheitsfragen lässt sich nämlich nur sehr schwer der Beweis führen, dass eine bestimmte Maßnahme Wirkung hatte - eben, weil nichts passiert ist. Auf die Silvesternacht bezogen heißt das: Vielleicht wäre auch nichts passiert, wenn kein einziger Polizist sich hätte blicken lassen. Vielleicht hat allein schon deren Präsenz gereicht, und die Kontrollen wären nicht nötig gewesen. Vielleicht haben die Kontrollen geholfen, wobei die gewählten Kriterien aber nur zufällig auch die richtigen Leute erwischt haben. Man weiß es einfach nicht, und wir werden es auch nie wissen.

Das Bizarre passiert allerdings in diesen Stunden: Diejenigen, die vor drei Tagen noch kräftig gegen die Polizei ausgeteilt haben, beklagen sich jetzt, dass die Antwort ebenso grob ausfiel. "Man muss hinterfragen dürfen", heißt es. "Die Debatte muss erlaubt sein." Na, kommt Ihnen der beleidigte Tonfall bekannt vor? Genau, so etwas kennen wir normalerweise von der Pegida.

Das Problem an der Debatte um den Kölner Polizeieinsatz in der Silvesternacht ist nicht, dass sie geführt wird. Es geht wieder einmal darum, wie sie geführt wird und mit welchem Kenntnisstand sie geführt wird. Wir sind ja schon daran gewöhnt, ein Volk von Bundestrainern und Bundeskanzlerinnen zu sein. Jetzt sind wir also auch noch alle Experten für Polizeieinsätze bei Großveranstaltungen. Es war eine idiotische Idee, mit dem gesamten Kampfvokabular, das die linke Klamottenkiste zu bieten hat, auf die Polizei loszustürzen, weil sie den Begriff "Nafri" benutzte. Es ist eine idiotische Idee, die Polizei zu Säulenheiligen zu stilisieren. Was wir im Moment sagen können, ist: Der Einsatz hat zumindest nicht dazu geführt, dass sich die Übergriffe der Neujahrsnacht 2016 wiederholten. Jetzt kann man in aller Ruhe sehen, ob sich da etwas verbessern lässt. Wir haben ein Jahr Zeit. So lang hält kein Social-Media-Großmaul durch.

Sonntag, 1. Januar 2017

33C3 - kind of works for me

Das war's. 12.000 Nerds brechen in diesen Stunden auf, um nach dem Ende des 33C3 wieder in eine Welt aufzubrechen, in der gegenseitige Rücksichtsnahme, Respekt und Mitdenken keine allgemein gelebten Werte sind, sondern Egoismus, Verlogenheit und rücksichtsloses Durchboxen. Wer es nicht glaubt, möge auf dem Congress und in einer Fußgängerzone ein Portemonnaie auslegen und sehen, was passiert.

Es war wieder einmal großartig: bunt, entspannt, ausgelassen, albern. Es gab wieder einmal eine riesige Auswahl an Vorträgen. Wer die Vorträge nicht sehen konnte oder wollte, weil Treffen in der Analogwelt größeren Seltensheitswert haben, sah entweder den Stream oder die meist innerhalb weniger Stunden hochgeladenen Aufzeichnungen, bei Bedarf auch mit Untertiteln oder Simultanübersetzungen in Englisch und Französisch. Der Kommentar eines Physikers lautete: Auf dem Congress lernt man, wie Konferenzen eigentlich sein sollten.

An der eigenen Beliebtheit ersticken

Die hohe Qualtität und die steigende Beliebtheit sind es allerdings auch, die dem Congress schon seit Jahren Schwierigkeiten bereiten und jetzt eine kritische Größenordnung erreicht haben. Seit drei Jahrzehnten lautete die Reaktion auf überfüllte Veranstaltungshäuser, dass man einfach in das nächst größere umzog. Zweimal musste man hierzu die Stadt wechseln, und in beiden Fällen stellte sich die Entscheidung als sehr gelungen heraus. Als der Congress vor vier Jahren in das größte Kongresszentrum Deutschlands umzog, lautete die allgemeine Einschätzung: Hier bleiben wir eine Weile. Das Haus fasst 12.000 Menschen, wann sollen wir diese Zahl jemals erreichen?

Die Antwort lautete: 2015. Schlimmer: noch während des Vorverkaufs Anfang Dezember. In diesem Jahr wurden deshalb begründete, wenn auch für die Benachteiligten schmerzhafte Maßnahmen ergriffen: In einer ersten Charge bekamen die Engel des 32C3 die Gelegenheit zum Ticketkauf. Erst dann konnten die Erfakreise ihre Mitglieder versorgen. Die verbleibenden 6.000 Karten wurden in drei Chargen frei verkauft. In allen drei Fällen dauerte es nur wenige Minuten, bis alle Tickets vergriffen waren. So sehr ich die Entscheidung verstehe, erst die Helfer, dann die Mitglieder und zum Schluss den Rest zu versorgen, so sehr schmerzt mich zu sehen, wie verzweifelt Leute bisweilen nach Tickets suchten. Da hat man Urlaub genommen, ein Hotel gebucht, die Bahnfahrt geplant, nur um hilflos zu erleben, wie Sekunden nach Start des Vorverkaufs schon mehrere Tausend Anmeldungen geklickt wurden und die Chancen, selbst noch eine Karte zu bekommen, praktisch auf null sinken. So absurd es klingt: Ich bin fast froh, dass durch die jetzt anstehende Renovierung des CCH es nicht möglich ist, weiter in diesem großartigen Haus zu bleiben, der Club eine wichtige Entscheidung nicht weiter aufschieben kann und jetzt Farbe bekennen muss, wohin er sich entwickeln will.

Beim Eröffnungszeremoniell wird es immer wieder betont: Schaut her, wie offen, einladend, freundlich und groß wir sind. Gleichzeitig merkt man aber auch deutlich, wie die Popularität der Veranstaltung einigen Leuten gehörig zu Kopf gestiegen und die scheinbare Offenheit tatsächlich die Eitelkeit ist, auf einer Veranstaltung zu sein, zu der viele Leute möchten, die Teilnahme aber nur einer erlauchten Elite vorbehalten ist.

Im Vorfeld und während des Congress habe ich mit vielen Leuten über die Ticketknappheit diskutiert und immer wieder die Bemerkung gehört, man solle sich nicht so anstellen. Wer ein Ticket hätte haben wollen, hätte eines bekommen können.

Bullshit.

Selbst clubintern fließen Informationen mitunter durch reichlich versumpfte Kanäle. Wer nicht ständig in Hackspaces herumhängt, musste zumindest dessen Mailinglisten aufmerksam lesen, und selbst dann kam es vor, dass Vouchercodes trotz mehrfacher Bitten einfach nicht zugeschickt wurde, weil die Zuständigen einfach unzuverlässig waren. In diesem Zusammenhang ist die Behauptung geradezu zynisch, man hätte einfach nur ein Clubmitglied kennen müssen und hätte einen Voucher bekommen. Noch schlimmer war die Lage für diejenigen, denen der Club allgemein egal ist, die aber auf die viertägige Veranstaltung Lust haben. Wenn der Club wirklich so offen ist, wie er es gern von sicb behauptet, ist der Congress auch für diese Leute da. Von Externen zu verlangen, ständig auf irgendwelchen Eventblogs herumzuklicken, um die neuesten Kniffe zu lernen, wie man noch an Tickets kommen kann, ist keine Offenheit, sondern die Arroganz der Eingeweihten.

Die wieder einmal erreichte Kapazitätsgrenze führte zu den bereits bekannten Effekten absurd langer Schlangen beim T-Shirt-Verkauf und überfüllten Vorträgen, in denen garantiert nicht wegen des Themas so viele Leute saßen, sondern um für Stunden später stattfindende Veranstaltungen Plätze zu ergattern. All das kannte man schon aus den vergangenen Jahren, allerdings waren diesmal die Warteschlangen noch länger, die Säle noch früher überfüllt. Eine weitere Blüte trieb das Engelteam. Es hatte sich offenbar herumgesprochen, dass die Engel des letzen Jahres ein Vorkaufsrecht auf die 33C3-Tickets hatten, T-Shirts bekamen und darüber hinaus extrem gutes Essen bekamen. Als Ergebnis schrieben sich so viele Engel ein, dass die Registrierung geschlossen werden musste. Freie Schichten waren kaum zu haben, bei der Essensausgabe stauten sich die Wartenden fast bis auf den Gang hinaus, und bei den Essensmarken kam es zur Inflation. Waren die Engel früher eine verschworene Gruppe, sind sie jetzt eine gegeneinander konkurrierende, anonyme Masse, und wenn der Andrang auf den Congress in den nächsten Jahren anhält, wird sich dieser Effekt noch mehr verstärken. Natürlich könnte man die vielen kleinen Belohnungen streichen, aber was für ein Signal wäre das für diejenigen, die wirklich helfen wollen und Dank mehr als verdient haben?

Größer oder kleiner?

Zumindest offiziell ist die Entscheidung noch nicht gefallen, wo der nächste Congress stattfinden wird. Ich bin gespannt, denn in der Wahl des Veranstaltungsorts wird sich zeigen, wie wichtig dem Club das Image ist, nicht ein elitärer kleiner Hackerverein, sondern gesellschaftlich relevant zu sein. Wählt man einen kleineren oder zumindest nicht größeren Ort als das CCH, heißt das: Wir kuscheln uns in unsere Hackspaces, bilden uns wer weiß was auf unsere schwarzen Hoodies ein, und die Welt um uns herum hat uns gefälligst zu bewundern. Das wäre ein Schritt zurück in die Anfangsjahre. Das wäre vor allem nicht der Club, der mit einer Meldung in den Hauptnachrichten eine gesellschaftliche Debatte beeinflussen und mit Gutachten in Verfassungsgerichtsprozessen die Politik des Landes ändern kann. Wählt man einen größeren Ort, verfolgt man damit einen Weg, den der Club schon seit Jahren geht. Er wird sich ändern, so wie er sich in der Vergangenheit mehrfach geändert hat. Ich finde das gut so. Der Club ist keine Blinkenlight-Version der AfD, die am liebsten wieder zurück in die Fünfzigerjahre möchte. Der Club steht wie kaum eine andere Organisation für die Zukunft, und da sehen Dinge nun einmal anders aus.

Eine mögliche Expansion wird logistisch erstmals wirklich herausfordernd. In den bislang verwendeten Kongresszentren musste man vielleicht die Vortragsräume mit Stühlen versehen. Die wesentliche Infrastruktur war aber schon vorhanden. Jetzt muss man aber zumindest teilweise auf Messehallen zugreifen, und da müsste eine Bühne her, Stühle, eine Lautsprecheranlage und nicht zuletzt Stühle von einem externen Anbieter, weil sie lokal nicht oder nicht in ausreichender Menge vorhanden sind. Darüber hinaus sind Messehallen hoch, sie haben eine schlechte Akustik, und im Winter sind sie auch noch schlecht zu beheizen. Auf der anderen Seite ist es nicht so, als gäbe es keine Ideen, mit solchen Situationen umzugehen. Der CCC ist in der Lage, innerhalb weniger Tage auf einer Wiese mitten im Nichts ein Camp für 4.000 Menschen anzubieten, komplett mit Vortragszelten, Strom, Wasser, Duschen, Toiletten und Internet. Da fällt es mir schwer, zu glauben, im fiele nicht etwas zu ein paar Messehallen ein. Zur Not fragt man bei den Veranstaltern des evangelischen Kirchentags nach. Die wissen, wie das geht.

Kinder, Hoverboards und Händewaschen

Was gab es auf dem 33C3 Neues? Viele Kinder, mehr als in den vergangenen Jahren, und die hatten ihren Spaß. Ich werde immer etwas sentimental, wenn ich das sehe, weil das meiner Meinung nach die schönste Entwicklung ist. Die Hacker der ersten Congresse sind in die Jahre gekommen und haben Kinder in die Welt gesetzt, die nun ihrerseits zum Congress gehen. Der Kreis schließt sich. Der Club wird langsam an die nächste Generation übergeben. Abgesehen davon kann das Klischee vom ewig einsamen, asexuellen Nerd nicht stimmen.

Eine zweite Entwicklung ist zwar weniger relevant, aber auch sehr augenfällig: Hoverboards. Waren auf dem 32C3 vielleicht ein oder zwei unterwegs, waren es diesmal Dutzende, und wie immer, wenn man chronisch nicht Erwachsenen ein Spielzeug hinstellt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis dabei Blödsinn herumkommt. So gab es Versuche, was passiert, wenn man mehrere Getränkekisten auf der Trittfläche stapelt und sich darauf stellt. Es gab eine Polonäse. Ich finde zwar immer noch, dass man auf den Dingern komplett dämlich aussieht, aber Spaß bringen sie auf jeden Fall.

Die dritte Entwicklung war kaum augenfällig, aber enorm relevant: Händewaschen. Jahr für Jahr haut die Congressgrippe etliche Teilnehmer mit durch Schlafmangel geschwächtem Immunsystem außer Gefecht. Vor zwei Jahren war es besonders schlimm, als eine Magen-Darm-Infektion schon glech zu Beginn Hunderte erwischte. Ärzte sagen es immer wieder, aber auf dem Congress kann man es besonders gut belegen: Gegen die üblichen Infektionen helfen keine Zuckerkügelchen, Vitamintabletten oder Medikamtentencocktails, sondern ganz schlichtes Händewaschen. Nach Möglichkeit mit warmem Wasser. Mit einer ordentlichen Portion Seife und vor allem: lang, also mindestens 20 bis 30 Sekunden. Häufig und selbstverständlich nach jedem Toilettengang. Natürlich vor jedem Essen. Ich kenne zwar keine offiziellen Zahlen, aber nach dem, was ich an den Waschbecken beobachtet und in Gesprächen gehört habe, blieb die große Infektionswelle in diesem Jahr aus, und das mit Sicherheit auch, weil die Leute einfach gelernt haben, dass gründliches Händewaschen hilft.

Fazit

Es war ein schöner, gelungener, aber nicht der schönste, gelungenste Congress. Ich bin gespannt, wohin er sich entwickeln wird. Wieder einmal haben 12.000 Menschen gezeigt, wo unsere Gesellschaft sein könnte, wenn die Leute mehr mitdenken, mehr Rücksicht nehmen und mehr Initiative zeigen. Gleichzeitig wird klar, dass der Congress sich wieder einmal ändern muss. Ich bin gespannt, wohin die Reise geht.

Sonntag, 25. Dezember 2016

Die Mär von der mutigen Überwachungskamera

Ein NDR-Kommentator brachte es auf den Punkt: Wir können nicht Weihnachtsmärkte in Festungen verwandeln. Es gibt einfach zu viele, als dass man sie schützen könnte, sie müssen beliefert werden, weswegen die hastig angekarrten Betonpoller nur bedingt hilfreich sind, und selbst wenn sie hülfen: Wenn die Weihnachtsmärkte abgebaut sind, bleiben die Fußgängerzonen und Strandpromenaden. Let's face it: Wer mit einem LKW in eine Menschenmenge hineinfahren will, wird das auch künftig können. Es gibt keinen Schutz.

Das will der obrigkeitsverliebte Deutsche natürlich nicht hören. Der Staat soll mich gefälligst schützen, wozu zahle ich schließlich Steuern?

Ja, wie soll denn dieser Schutz bitteschön aussehen?

Was weiß ich, Kameras meinetwegen. Geanau, Überwachtungskameras, davon brauchen wir unbedingt mehr.

Warum?

Keine Ahnung. Vielleicht, weil vor der Gedächtniskirche keine hingen, aber wenn da welche gehangen hätten, dann wären die aber dazwischengegangen, und wie! Da hätte der Kerl mit seinem LKW keinen einzigen Menschen umfahren können!

Äh, nein.

Mag sein, aber abgeschreckt hätten diese Kameras. Der hätte sich mit seinem entführten LKW niemals getraut, die Leute zu töten!

Äh, doch.

Na gut, aber wenn er dann die Tat begangen hat, kann man ihn viel schneller identifizieren und auffinden!

Sie haben seinen Ausweis in der Fahrerkabine gefunden. Ganz ohne Kameras.

OK, aber als Steuerzahler habe ich ein Recht auf ordentliche Anschlagsvideos, nicht so ein verwaschenes Zeug wie bisher. Mein Fernseher kann 1080p, da ist es wohl nicht zu viel verlangt, wenn ich in full HD sehen kann, wie die Leute umgefahren werden. Am besten live. Aus drei verschiedenen Perspektiven.

Vielleicht geht es wirklich darum.

Update:

Seit einigen Tagen kursiert ein Video, das zeigt, wie ein Zweijähriger seinen unter einer umgestürzten Kommode Bruder rettet. Die sich spontan stellende Frage lautet: Wieso existiert dieses Video überhaupt? Haben die Eltern jeden Realtitätsbezug verloren und ihr in Lebensgefahr schwebendes Kind gefilmt, statt ihm zu helfen? In gewisser Weise ja. Das Video stammt von der "Sicherheitskamera" im Kinderzimmer - die ganz offenkundig nicht für Sicherheit gesorgt hat. Weder hat sie verhindert, dass die Kommode umkippte, noch hat sie das Kind unter der Kommode hervorgezogen. Das Einzige, was sie schaffte, ist ein Video aufzunehmen, das man jetzt auf Youtube bestaunen kann, um den Voyeurismus der Massen zu befriedigen und sich seine Viertelstunde Berühmtheit zu verschaffen.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Bewundert mich, ich bin betroffener als ihr!

Wahrscheinlich wäre es gar keine schlechte Idee, im Fall von emotional aufwühlenden Ereignissen bei Twitter einen Verzögerungsschalter einzubauen, der jedes Posting für 24 Stunden puffert und danach den Verfasser fragt: "Hömma Kumpel, jetzt nachdem du eine Nacht darüber geschlafen hast, willst du den Schwachsinn wirklich immer noch posten?" Der Welt bliebe vieles erspart.

Es geht mir nicht um diejenigen, die einfach nur ehrlich entsetzt sind und um Worte ringen. Es geht mir um diese Typen, die unbedingt noch eine Schippe drauflegen, die aller Welt zeigen müssen, dass es nur eine Person gibt, die das Ergeignis so richtig mitnimmt, die noch wirkliche, wahre, reine, fast möchte ich sagen: reinrassige Emotionen hat. Schaut her, habt mich lieb, ich bin viel wichtiger als die 12 Toten, retweetet mich, favt mich!

Ein besonders schönes Beispiel für das selbstverliebte Aufmerksamkeitsgeheische drehte seine Runden unmittelbar, nachdem die ersten Reportagen vom Tatort gesendet waren. Da hatte nämlich ein ganz Eifriger besonders gründlich hingesehen und entdeckte im Hintergrund eines Reporters stehend einen jungen Mann, dem Aussehen nach nicht mit gültigem Arierausweis, der dem Anschein nach in sein Mobiltelefon spricht und - DABEI LÄCHELT!

UNFASSBAR! Da gibt es einen Führerbefehl vom Reichsemotionsamt, der nicht nur jedwede Gesichtsregung außer "Merkel beim Essen einer Zitrone" verbietet und dieser, sagen wir's doch ruhig: MUSELMANN besitzt die infame Frechheit, im Angesicht des Schreckens sich der von der Twitter-Empöreria verordneten Staatstrauer zu widersetzen.

So, und jetzt einmal ganz langsam für die Leute, deren IQ leider nur zum CDU-Wählen gelangt hat. Erstens: Woher wisst Ihr, dass das Bild überhaupt echt ist? Noch gestern krakeeltet ihr herum, Fake-News seien ja so wahnsinnig schlimm, die gehörten verboten, das Netz zensiert, die Täter schärfstens bestraft, aber kaum passt es euch in euer verqueres Weltbild, leitet ihr blind jeden Quatsch weiter. Klar, natürlich ist das Foto echt, so ist er halt, der Muselmann. Den freut es doch, wenn Ungläubige umkommen.

Selbst, wenn das Bild echt sein sollte: Habt ihr euch mal den Kontext angesehen? Was geschah in den Sekunden vor und nach der Aufnahme? War der Kerl vielleicht völlig fertig mit der Welt, weil er das alles miterlebt hat, und wird gerade von seiner Freundin mühsam wieder aufgebaut? Hat der Poster vielleicht den einen Frame getwittert, auf dem der Mann kurz gelächelt hat?

Woher wisst ihr, worüber er telefoniert? Habt ihr zugehört? Was maßt ihr euch an, anderen Menschen Emotionen vorschreiben zu wollen? Habt ihr noch nie davon gehört, dass Menschen zu den absurdesten Reaktionen neigen, wenn sie unter Schock stehen? Ihr jammert herum, wenn die Kirche am Karfreitag Tanzveranstaltungen verbietet, aber wenn es um eure eigenen Befindlichkeiten geht, sind die Taliban im Vergleich zu euch liberal. Nein, Differenzierung, zweimal nachdenken, bevor man einmal postet, das ist euch zu kompliziert. Schnell den Tweet rausschicken, mit ein bisschen Glück schafft man es damit auf irgendeine Twitterwall und hat dort seine 10 Sekunden Ruhm.

So wichtig soziale Medien bisweilen auch sein können, so unerträglich sind sie in solchen Momenten auch.

Montag, 19. Dezember 2016

Wir brauchen mehr schwachsinnige Forderungen!

Am gestrigen Abend fuhr auf einem Berliner Weihnachtsmarkt ein LKW in eine Menschenmenge. Mehrere Menschen wurden verletzt oder getötet. Zur Zeit ist über Täter und Hintergrund nur wenig bekannt, aber ich wage dennoch eine Prognose, was in den nächsten Stunden von den üblichen Wichtigtuern gefordert wird:

  • mehr Überwachungskameras
  • schnellere Strafverfahren und härtere Strafen
  • Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung
  • strengere Kontrolle des Internets
  • schärfere Maßnahmen gegen Fake-News
  • Einsatz der Bundeswehr im Inneren
  • vereinfachter Datenaustausch zwischen Polizei und Geheimdiensten

Was garantiert niemand fordern wird, obwohl es in die gleiche Logik passt:

  • Verschärfung der StVO
  • Härtere Strafen für Verkehrssünder
  • Strengere Führerscheinprüfungen
  • Tempo 30 in Innenstädten

Samstag, 26. November 2016

In der Liebe und im Cyber sind alle Mittel erlaubt

Manchmal ist es sehr einfach, den Grad an Bullshit einer Politikeräußerung zu messen. Ein guter Indikator ist das Vorkommen des Worts "cyber". Bei Thomas Oppermann sind es 3 auf 138 Worte. Die Redaktion benutzt im umgebenden Text das Wort weitere sechs mal. Die Wahrscheinlichkeit, dass weder Journalisten oder Oppermann selbst wussten, wovon sie reden, lag also bei etwa 0,9 Hanspeter auf der nach oben offenen Friedrich-Skala, umgerechnet 1 Schieb.

Im vorliegenden Fall ging es um die Frage, ob Wahlen in Deutschland durch soziale Medien, genauer: durch Bots und gezielte Falschmeldungen manipuliert werden können. Die Antwort lautete: Ja, und Oppermann will etwas dagegen unternehmen. Unklar hingegen ist, wie genau er sich das vorstellt.

In eine ähnliche Richtung ging wenige Tage zuvor die Initiative der Kanzlerin. Sie spricht deutlicher aus, was Oppermann noch hinter nebulösem Geschwafel verbarg: Netzregulierung. Das klingt doch gleich viel netter als Zensur.

Nun ist es nicht so, als sei Zensur hierzulande etwas völlig Neues. In gewissem Umfang ist sie sogar gesellschaftlich akzeptiert, beispielsweise bei der Leugnung des Völkermords im Dritten Reich, bei Volksverhetzung, Verleumdung, übler Nachrede und Beleidigung. Es ist also nicht so, als gäbe es keine Gesetze gegen solche Äußerungen und als fänden diese Gesetze keine Anwendung. Das scheint aber einigen Leuten nicht zu reichen.

Es ist eine eigenartige Allianz: Auf der einen Seite Analogpolitiker, deren Sozialisationsphase in einer Zeit liegt, zu der Computer ganze Hallen füllten, Senso als High-Tech-Spielzeug galt und die alles seit Erfindung der Glühlampe für Teufelszeug halten. Auf der anderen Seite Netzaktivisten, die souverän alle technischen Neuerungen benutzen und vehement die Freiheit im Netz verteidigen - so lange es ihre eigene Freiheit ist.

Richtig klar zu sein scheint sich im Moment niemand, was genau man bekämpfen will und worin die Gefahr besteht. Was versteht Merkel unter "Falschmeldungen"? Jede Satireseite liefert ausschließlich verzerrte und überspitzte Darstellungen. Seiten wie der Postillon erzielen ihre gesamte Komik in scheinbar seriösen Nachrichten, die sich erst bei genauerer Betrachtung als Unsinn herausstellen. Will man solche Seiten jetzt verbieten, weil irgendwelche Volltrottel zu blöd sind, Humor von Wahrheit zu unterscheiden? Wer will die Grenze ziehen zwischen Satire und manipulativer Meinungserzeugung? Erinnert sich noch irgendwer an das Böhmermann-Gedicht, bei dem die Republik wochenlang darüber stritt, ob das pennälerhaft dumme Geschreibsel Kunst oder plumpes Gepöbel war? So sehr ich das Gedicht ablehne, so froh bin ich auch, dass die Klagen gegen Böhmermann bislang sämtlich gescheitert sind. Staatschefs müssen es aushalten, gelegentlich ruppiger angegangen zu werden.

Unklar ist auch, wie man gegen stimmungserzeugende Bots vorgehen möchte. Bots zu programmieren, ist kein Hexenwerk, und schaltet man den einen Bot ab, schaltet der Angreifer eben den nächsten an. Ich wüsste nicht, wie man gegen solche Techniken vorgehen will - außer eben mit Zensur, und ich fürchte, genau das wollen Leute wie Oppermann und Merkel.

Die Schwierigkeit liegt unter anderem in Begriffen wie "Hatespeech", die alles abdecken von strafrechtlich relevanten Beleidigungen bis hin zu "Argumente fand ich immer schon doof, deshalb werfe ich mich weinend auf den Boden, wenn jemand anderer Meinung ist und schreie was von Triggern". Um die Zustimmung der "digital Natives" zu bekommen, erzählen die Internetausdrucker also gerne was von "Hatespeech", worauf die Natives begeistert nicken, geht es doch endlich den fiesen Hatern an den Kragen. Gemeint ist aber tatsächlich das, was China mit dem schönen Begriff "Harmonisierung" meint: Wenn wir das Internet schon nicht abgeschafft bekommen, sorgen wir wenigstens dafür, dass dort nur heile Welt herrscht, dass nur das zu lesen ist, was uns in den Kram passt und dass die Leute ansonsten schön brav bei Amazon lauter teuren Krempel bestellen. Davon merken die Natives freilich am Anfang noch nichts, und wenn sie es merken, ist es zu spät.

"Zensur? Wer redet denn hier von Zensur? Wir wollen keine Zensur, wie kommt ihr denn darauf?"

Deswegen.