Samstag, 17. November 2018

Buchkritik: Andreas Eschbach: Nationales Sicherheits-Amt

"Was wäre wohl passiert, hätten die Nazis schon Computer besessen?"

Wir schreiben die finstersten Achtziger. Helmut Kohl regiert das Land mit der Provinzialität, die entsteht, wenn man Oggersheim und Bonn zusammenlegt. Der politische Gegenentwurf ist ein Mix aus Pazifismus, Ökologie und Antikapitalismus. In diese Zeit hinein bricht eine technische Revolution: Computer werden erstmals so billig, dass sie für Schülerinnen erschwinglich sind. Auf einmal sind sie überall: In Armbanduhren, Kinderzimmern, immer mehr auch auf Schreibtischen und ganz allgemein im Berufsleben. Das ist vielen unheimlich. Eine passenderweise für das Jahr 1984 geplante Volkszählung wird mit einer Verfassungsklage abgewendet. Das Gericht erkennt ein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. All das verdichtet sich zur Grundhaltung: Wer oppositionell ist, engagiert sich gegen den Atomkrieg, für die Umwelt und eben auch gegen Computer, weil sie nicht nur Arbeitsplätze vernichten, sondern auch dem Überwachungsstaat den Weg bereiten. Passend zum Kalenderjahr erlebt Orwells "1984" neue Popularität. Wirklich gelesen hat es natürlich kaum jemand, dafür ist es gerade in seiner zweiten Hälfte zu zäh, zu düster. Das hindert natürlich niemanden daran, darüber irgendwelches Halbwissen in die Welt zu posaunen, was nicht weiter auffällt, da wirklich niemand es ganz gelesen hat.

Wichtig ist auf jeden Fall: Computer sind böse. Steht doch schon bei Orwell. Und um gänzlich klarzustellen, wie böse Computer sind, zuppeln wir uns den selbstgestrickten Pulli zurecht, stellen den Jasmintee beiseite und verkünden mit wissendem Lächeln den bereits oben zitierten Satz: "Was wäre wohl passiert, hätten die Nazis schon Computer besessen?"

Nichts wäre passiert, hört ihr? Nichts. Die Geschichte wäre exakt so verlaufen, wie sie verlaufen ist. Warum ich das weiß, warum die ganze Menschheit außer den Müslikauern das weiß? Weil. Die. Nazis. Computer. Hatten.

Die Maschinen stammten von Hollerith, im Deutschen Reich in Lizenz betrieben von der DEHOMAG, einer Tochter des US-Unternehmens IBM. Wer es im Detail nachlesen will: IBM und der Holocaust. Ich will mich nicht auf die Aussage versteigen, der Völkermord an den europäischen Juden wäre ohne den Computer nicht möglich gewesen, aber er wurde durch ihn zumindest stark erleichtert.

Die Frage was-wäre-wenn stellt sich also nicht, es sei denn, man stellt sie etwas genauer, so wie Andreas Eschbach in seinem Buch "NSA - Nationales Sicherheits-Amt". Er fragt sich: Was wäre passiert, hätten die Nazis nicht nur Computer besessen, sondern auch Mobiltelefone, Internet und die damit verbundenen Überwachungsmöglichkeiten? Um die heutige Technolgie in die Vierzigerjahre zu bekommen, muss Eschbach etwas wacklig annehmen, Charles Babbage hätte die Analytical Engine tatsächlich bauen können, woran sich ein Entwicklungsschub anschloss, der unsere heutige Welt in eine Art Steampunk-Version vorweggenommen hätte. Datenkabel wären noch klobige Schläuche, Computer hätten Bakelit-Tastaturen und wären noch kleiderschrankgroß, Smartphones hätten ungefähr heutige Ausmaße, was dadurch ermöglicht wäre, dass es sich bei ihnen nur um dumme Terminals handelt und alle leistungshungrigen Operationen auf Zentralrechnern stattfinden. Integrierte Schaltkreise im Allgemeinen und Mikrochips im Besonderen scheint es noch nicht zu geben, und das verlangt der technisch interessierten Leserin zumindest am Anfang einige Geduld ab, gilt es doch zum Beispiel zu akzeptieren, dass es offenbar leistungsfähige und vor allem kleine Akkus gibt, mit denen sich Smartphones betreiben lassen, aber die Erklärung, wie ohne Chiptechnologie der Energieverbrauch und gleichzeitig die Leistungsfähigkeit dieser Geräte so weit gesteigert werden konnte, dass sie mit heutiger Funkzellentechnik arbeiten, fällt arg dürftig aus.

Das alles lässt sich als literarische Freiheit verkraften, immerhin ist der Schwerpunkt des Buches ein anderer. Dass Eschbach ordentlich recherchiert hat, belegt er nicht zuletzt mit seinen deutschsprachigen SQL-Befehlen, und irgendwann zuckt der innere Nerd mit den Schultern und sagt sich: OK, genug genörgelt, weiterlesen.

Die Geschichte spielt während des zweiten Weltkriegs in einer Weimarer Behörde, die versucht, ihrer Vereinnahmung durch das Reichssicherheitshauptamt durch besonders gute Arbeit zu entgehen. Im Zentrum stehen der Analyst Eugen Lettke, der zusammen mit der Progammiererin Helene Bodenkamp versucht, die Suchalgorithmen ihrer Behörde zu optimieren. Beide haben ihre persönlichen Geheimnisse. Während Bodenkamp eine Liebesaffähre mit einem Deserteur hat, der sich auf einem nahe gelegenen Bauernhof versteckt, nötigt Lettke Frauen zu sexuellen Handlungen, indem er droht, unangenehme Dinge, die er über sie herausgefunden hat, zu veröffentlichen. Im weiteren Verlauf der Geschichte fangen beide auch an, die Rechner zu manipulieren - Lettke, um immer raffinierter an düstere Geheimnisse von Frauen zu gelangen, Bodenkamp, um zu verhindern, dass Suchfunktionen ihren Geliebten aufspüren.

Suchfunktionen sind es auch, die im Buch breiten Raum einnehmen. Um Himmler zu demonstrieren, wie gut das NSA arbeitet, finden die Mitarbeiter innerhalb weniger Minuten alle Haushalte in den besetzten Niederlanden, die wahrscheinlich Juden bei sich versteckt halten - allein anhand von Abnormaliäten beim Pro-Kopf-Kalorienverbrauch. Doch das ist nur der Anfang. Später werden die Abfragen immer raffinierter, und mit Bodenkamps Hilfe kommen sogar KI und neuronale Netze zum Einsatz. Die junge Programmiererin kommt dabei immer weiter in Konflikte. Einerseits ist sie offensichtlich gut in ihrem Beruf, an dem sie auch Gefallen hat, andererseits sieht sie auch, wie ihr Wissen zum Aufbau eines Überwachungs- und Mordapparats eingesetzt wird.

Eschbach schreibt nicht nur routiniert, er schreibt auch raffiniert und wartet immer wieder mit überraschenden Wendungen auf. Das Buch enthält anzügliche Passagen, aber es sind keine billigen Versuche, damit die Auflage zu steigern, sodern erfüllen innerhalb der Geschichte eine wichtige Funktion. Insgesamt fällt auf, wie glaubwürdig die Figuren entwickelt sind. Es gibt keine Deus-ex-machina-Momente, in denen man das Gefühl hat, der Autor wisse sich nur noch mit irgendwelchen wilden Konstrukten zu helfen. Im Gegenteil: Eschbach entwickelt eine bis zum Ende glaubwürdige Geschichte.

Na gut, eine ganz am Ende eingeführte Technologie finde ich selbst für heutige Verhältnisse etwas gewagt, aber anders wäre die Schlussszene schwer möglich gewesen, in der Eschbach eine Verbeugung vor dem dystopischen Klassiker "1984" vollführt.

"NSA" ist keine beschwingte Unterhaltungsliteratur. Es ist auch kein packender Thriller, den man nicht mehr aus der Hand legen kann. Es ist aber anders als Robert Harris' "Vaterland" nicht nur eine Überlegung, wie Geschichte hätte anders verlaufen können. Es ist eine aktuelle Mahnung, dass harmlose Daten zur tödlichen Gefahr werden können, wenn sie in die falschen Hände geraten. Gerade in dieser Zeit, in der Demokratien Überwachungsapparate errichten und kurz darauf in den Totalitarismus kippen, ist es gut, wenn Leute wie Eschbach zeigen, wo so etwas enden kann.

Andreas Eschbach
NSA – Nationales Sicherheits-Amt
Roman

Verlag Lübbe, Köln.
€ 22,90
Hardcover, 800 Seiten
ISBN 978-3-7857-2625-9

Donnerstag, 1. November 2018

Die Lotsin geht von Bord

Eigentlich war allen klar, dass dieser Tag bald kommen müsste - der Tag, an dem Angela Merkel den kotrollierten Abschied von der Macht einleitet. Wahrscheinlich hatte sie sich das Ganze anders vorgestellt - ruhiger, in weniger stürmischen Zeiten. Dafür stimmten jedoch schon die Startvoraussetzungen nicht: eine schwer angeschlagen überstandene Bundestagswahl, eine geplatzte Koalitionsverhandlung mit Grünen und FDP, die auf einmal kalte Füße bekam und sich endgültig in die Ecke der Politkasper verabschiedete und schließlich das Zusammenrotten mit dem alten und neuen Koalitionspartner SPD, die bei dieser Gelegenheit eine Selbstdemontagenummer hinlegte, deren Drehbuch selbst bei einer RTL-Vorabendserie durchgefallen wäre. Der einzige Grund, warum die Koalition überhaupt zustande kam, war die Angst vor Neuwahlen und der AfD, die in diesem Fall wahrscheinlich 20 Prozent geholt und damit das Land an den Rand der Nicht-Regierbarkeit gebracht hätte. In einer Zeit, in der allen klar war, dass es neue Ideen und frische Impulse brauchte, war die einzige Antwort, die dem Parlament einfiel, die Fortsetzung einer Koalition, die vor allem phantasie- und lustloses Sich-Durchwurschteln verkörperte, bei der Wahl abgestraft wurde und das Attribut "groß" schon lange nicht mehr verdiente. Bereits beim Wieder-Zustandekommen der ehemals großen Koalition war klar: Das ist eine Notlösung, die einschließlich der Koalitionspartner niemand so richtig gewollt hatte. Es war auch klar, dass es eine weitere Bundestagswahl mit Merkel als Spitzenkandidatin nicht mehr geben wird, dass irgendwann im Verlauf der Legislaturperiode die Übergabe stattfinden wird. Die Frage war nur: wann und an wen?

Der jetzige Zeitpunkt ist denkbar schlecht gewählt: Bei zwei Landtagswahlen in Folge wurden beide Koalitionspartner dezimiert, und der einzige Grund, warum die CDU überhaupt noch, wenn auch taumelnd, steht, liegt darin, dass die SPD in einem Maß pulverisiert wurde, dass es nicht einmal mehr Spaß bringt, darüber Witze zu reißen. Die Partei hat schlicht ihre Satisfaktionsfähigkeit verloren. Noch denkt niemand ernsthaft daran, aber wenn der SPD nicht bald etwas einfällt, ist der nächste Gegner keine Partei, sondern die Fünf-Prozent-Hürde.

Als bei der vorletzten Wahl die damals noch große Koalition zustande kam, sahen viele besorgt auf die erdrückende Macht, die sie im Bundestag innehatte. Die Regierung konnte jederzeit die Verfassung ändern, saß nahezu allen Ausschüssen vor, und bei der Redezeit blieb für die kleineren Fraktionen kaum noch die Zeit, das Mikrofon auf die richtige Höhe zu justieren. Den aktuellen Umfragen zufolge wäre Schwarz-Rot auf Bundesebene nicht einmal mehr in der Lage, überhaupt eine Regierung zu bilden.

Angesichts solcher Zahlen hätte Merkel eigentlich schon viel früher den Abschied ankündigen müssen, aber dafür war schlicht keine Zeit. Kaum war die Regierung nach monatelangen Verhandlungen endlich zustandegekommen, schaltete die CSU in den Landtagswahlmodus und dominierte über Monate die Schlagzeilen. Der neue Ministerpräsident, dessen Geisteszustand mit "schlicht" noch sehr wohlwollend beschrieben ist, verstieg sich in einer Kapriole nach der nächsten, und weil sein nach Berlin ins Innenministerium abgeschobener Erzfeind im bajuwarischen Gemächtevergleich nicht nachstehen wollte, überboten sich die beiden in immer wilderen Ideen, ob man Kreuze an der Landesgrenze aufhängen und wie viele Flüchlinge in Amtsstuben hineinlassen sollte. In dieser Zeit hatte Merkel alle Mühe, ihren zunehmend abdrehenden Minister im Zaum zu halten, dessen Kapriolen nicht nur Richtung Bayern, sodern auch auf die Kanzlerin zielten. Hier Schwäche zu zeigen, hätte das sofortige Ende der Regierung bedeutet.

Es war also eine gute Idee, erst die Landtagswahlen in Bayern und Hessen durchzustehen und nach dem erwartet desaströsen Ergebnis zu sagen: OK, wir haben verstanden. Wir leiten den Wechsel an der Spitze ein. Die Frage ist nur: an wen?

Im Moment kursieren vor allem drei Namen: Kramp-Karrenbauer, Spahn und - wer bitte? - Merz.

Merz? Der mit der Steuererklärung auf dem Bierdeckel? Der mit den Cum-Ex-Gechäften, der sich in Dutzenden Aufsichtsräten eine goldene neoliberale Nase verdient - naja, was heißt verdient? - angeschafft hat? Der Zweiundsechzigjährige, vor 16 Jahren von Merkel ausgebootet und vor 9 Jahren in den politischen Ruhestand gegangen, dieser Mann soll bitte was verkörpern? Neue Ideen? Schamlose Raffkementalität passt da wohl besser. Gegen Merz wirkt selbst der Minister für Reichengesundheit schon fast empathisch.

Bleibt eigentlich nur noch Kramp-Karrenbauer, aber sie trägt den Makel, die alte Linie fortsetzen zu wollen, und das will in der CDU niemand. Bei den Wahlen zieht das offenbar auch nicht so recht.

Ich will nicht unken, aber viele von uns werden sich Merkel noch zurückwünschen, wenn die CDU den sich andeutenden Rechtsschwenk vollzieht. Die Kanzlerin hatte das Kunststück vollbracht, die CDU weit in Richtung Sozialdemokratie zu bewegen und viele Ideen der SPD als eigene Errungenschaften zu präsentieren. Während Kohl einfach entschied und aussaß, verfügte Merkel über das Gespür, abzuwarten, bis sich in der allgemeinen Meinung ein Trend abzeichnete und ihn aufzugreifen. Viele kreideten ihr das als Zögerlichkeit an, dabei war es nur ein einfühlsamerer Stil als die Basta-Mentalität ihrer Amtsvorgänger. Ich behaupte, da merkte man die promovierte Naturwissenschaftlerin: gucken, analysieren, entscheiden. Nicht versuchen, der Welt den eigenen Willen aufzuzwingen, sondern die bestehenden Mechanismen für sich wirken zu lassen.

Als Merkel erstmals Kanzlerin wurde, sah ich zwei Möglichkeiten: Entweder wird sie zerrieben zwischen den ganzen machtgierigen Obermackern in der eigenen Partei, der CSU, dem Koalitionspartner FDP und der Opposition, oder sie schreibt Geschichte. Ehrlich gesagt gab ich ihr zwei Jahre, bis die Anderen die Kanzlerin ausgelaugt und sich selbst in Stellung gebracht haben. Tatsächlich kam es anders.

Ich bin alles Andere als ein Merkel-Fan, aber nach dem bräsigen, aus Ehrfurcht vor der eigenen historischen Größe erbebenden Kohl und Ich-will-hier-rein-Schröder empfand ich ihren schon fast apathischen Regierungsstil geradezu als Wohltat. Wie schon gesagt: Da wird sich was ändern.

Und die SPD? Noch vor zwei Jahren hätte ich mir das Maul zerrissen, hätte über Ätschi-bätschi-Pippi-Langstrumpf-Nahles gelästert und mich darüber ereifert, dass ihr selbst nach einem einstelligen Wahlergebnis in Bayern nicht mehr einfällt als das übliche Gestammel von: "Wir haben verstanden", "keine Zeit für vorschnelle Entscheidungen" und: "wir werden uns neu orientieren und ganz entschieden in die Richtung weiterrennen, in die wir all die Jahre vorher schon erfolglos gerannt sind". Aber ehrlich: Welchen Tipp will man dieser Partei heute noch geben außer: "zum Abschluss einmal durchkehren und bitte dran denken, das Licht auszuschalten"? Unter Schulz hätte es eine Chance gegeben, sich wieder als soziale Partei zu präsentieren und beispielsweise zuzugeben, dass Hartz IV von jeder Partei hätte kommen können, nur nicht von der SPD. Doch dafür ist es jetzt zu spät. Die SPD könnte sich jetzt hinstellen und jeder Arbeitslosen einen Sack Diamanten versprechen - es glaubt ihr einfach keiner mehr. Eine Partei, die in Bayern auf Platz 5, in Hessen auf Platz 3 und den aktuellen Umfragen zufolge im Bund auf Platz 4 steht, kann nicht erzählen, was sie täte, wenn sie die Regierung übernähme. Sie kann allenfalls andeuten, was sie vorschlüge, wenn sie denn jemand fragte.

Als wenn das allein schon nicht genug wäre, hängt über allem das Damoklesschwert AfD, die sich deutlich im zweistelligen Bereich bewegt, vielerorts die Zwanzig-Prozent-Marke als nächstes Ziel sieht und in Bayern sowie den letzten Umfragen nach auch im Bund deutlich vor der SPD liegt. Das ist ein weiterer Grund, warum Witzereißen gerade nicht funktioniert. Es gibt kein Drumherumreden: Die "große" Koalition hat den Nährboden für die AfD geschaffen, und egal, welche Strategie man wählt, es scheint kein Kraut gegen sie gewachsen. Mit ihr reden, hieße ihre Thesen ernst nehmen, sie auszugrenzen gibt ihr die Möglichkeit, sich noch effektvoller als Opposition zu inszenieren. Die einzige Chance könnte sein, sie sich selbst demontieren zu lassen. Das aber ginge nur in Regierungsverantwortung, und dieses Risiko wäre mir deutlich zu hoch. Wir haben gesehen, wie in der Türkei, in Polen und den USA scheinbar stabile Demokratien in Diktaturen verwandelt werden. Wir sehen an der eigenen Geschichte, dass keine Verfassung so stark ist, dass man sie nicht schrittweise aushöhlen kann. Die AfD in einer Regierungskoalition wäre kein Spiel mit dem Feuer. Es wäre ein Spiel mit Thermit. In einem heliumgefüllten Zeppelin. Mit einem Atomsprengkopf an Bord. Über den Dächern Moskaus schwebend.

Merkel hat ihren Abgang klug gewählt, ist auch der Zeitpunkt alles Andere als optimal. Ihre Nachfolger werden eine Neuorientierung versuchen, und ich fürchte, das heißt: Rechtsorientierung, in der Hoffnung, auf diese Weise verlorene Stimmen zurückzugewinnen. Die SPD spielt derzeit keine Rolle, falls sie jemals wieder eine spielen wird. An ihre Stelle sind - für mich überraschend - die Grünen getreten, eine Partei, die sich von einem Haufen wirrer Ökopaxe in eine sauber durchgestylte Marke verwandelt hat, die Frieden zwar OK findet, aber durchaus auch mal einen Krieg mitbeschließt, die Ökologie fördert, aber die ganz harte Konfrontation mit der Industrie scheut und die innenpolitisch auch schon gern mal den starken Staat schätzt. Kurz: Im Prinzip ist für alle was da. Es gibt keine Überzeugung, welche die Grünen nicht notfalls aufzuweichen bereit wären. Von der einstigen Prinzipienstärke ist nicht mehr viel übrig, aber seien wir ähnlich: So funktioniert Regieren nun einmal.

Wohin die Reise geht? Schwer zu sagen, im Moment ist alles möglich. Die drei großen politischen Kräfte sind im Moment CDU, Grüne und AfD, und fragen Sie mich bitte nicht, was dabei am Ende herauskommen soll.

Samstag, 22. September 2018

Bitte konservativ ranfahren

Auf der Autobahn ist die konservative Spur die Regelspur. Deswegen befindet sich die Ausfahrt immer auf der konservativen Seite. Es ist üblich, sich zum Gruß die konservative Hand zu geben. Auf vielen Rolltreppen finden Sie den Hinweis: "Konservativ stehen, links gehen."

Ob das Blödsinn ist? Natürlich ist das Blödsinn, aber nicht für Sascha Lobo. Der hat nämlich in seiner jüngsten Ausgabe seines "Debatten-Podcasts" verkündet, das Gegenteil von "links" sei nicht etwa "rechts", sondern "konservativ". Natürlich meinte er das nicht geometrisch, sondern politisch, aber auch da ist es Blödsinn, verschuldet von linker Sprachpanscherei, die sich jetzt gegen die eigenen Leute wendet.

Historisch bezeichneten "links" und "rechts" Sitzpositionen im Parlament, vom Präsidentenpult aus gesehen. Bis in die Neunziger des letzten Jahrhunderts eigneten sich diese Begriffe auch gut, um ein im Wesentlichen eindimensionales politisches Spektrum zu beschreiben. Ganz links waren die Kommunisten, dann kamen die Sozialdemokraten, irgendwo in der Mitte die FDP, dann die CDU, die CSU und irgendwo dahinter Republikaner, DVU, NPD, und wie sie alle heißen. Die Grünen habe ich eben nicht etwa vergessen, sondern bewusst ausgelassen, weil mit ihrer Gründung eine Entwicklung begann, die zu immer absurderen sprachlichen Situationen führte. Fangen wir einfach an: Wo verorten Sie die Grünen?

Links von der SPD, wegen ihrer basisdemokratischen, feministischen und pazifistischen Wurzeln? Einverstanden, aber was ist mit der Ökologie? Zugegeben, die ist auch "irgendwie links", aber Ökologie finden Sie auch in der Blut-und-Boden-Ideologie, die von "Mitteldeutschland" sprechen, wenn sie die fünf nicht mehr ganz so neuen Bundesländer meinen, und "Ostdeutschland" sagen, wenn von Polen die Rede ist. So ist es kein Wunder, dass Baldur Springmann die Grünen mitgründete, später austrat und irgendwo im rechtsextremen Spektrum endete. Es erstaunt auch nicht, dass es inzwischen viele schwarz-grüne Koalitionen gibt und dass Winfried Kretschmann ausgerechnet im stockkonservativen Baden-Würtemberg grüner Ministerpräsident ist. Die Grünen sind nicht und waren auch nie eine klar linke oder rechte Partei. Ihre Stärke besteht genau darin, Anknüpfungspunkte in alle Richtungen zu haben. Selbst einen ordentlichen Krieg kann man inzwischen mit ihnen führen.

Unter der CDU wurden die Atomkraftwerke abgeschaltet, Frauenquoten in Unternehmen und der Mindestlohn eingeführt. Die SPD hat im Gegenzug den Sozialstaat ab- und den Polizeistaat aufgebaut. Es scheint fast zufällig, welche klassischen linken oder rechten Forderungen von welcher Partei umgesetzt werden.

Nur an den politischen Rändern sind die Verhältnisse noch einigermaßen klar. Die "Linke" muss zwar ab und zu realpolitisch handeln, aber sie hat so etwas wie einen Markenkern. Noch weiter links kommen diverse kommunistischen Gruppierungen, von deren Ideen Sie halten mögen, was Sie wollen, aber wenigstens gibt es hier deutliche Positionen und Abgrenzungen. Ähnlich ist es am rechten Rand, und langsam wird auch das argumentative Dilemma klar.

Es liegt in der Natur der Sache, das jeweils weiter entfernte politische Extremum als gefährlicher als die auf der eigenen Seite liegenden Auswüchse anzusehen. Immer wieder lese ich ausschweifende Begründungen, warum die RAF besser war als der NSU, warum der Gulag besser war als die Konzentrationslager, und bis zu einem gewissen Grad bin ich sogar bereit, diese Argumente mitzutragen. Was aber gern übersehen wird: Extremismus und Intoleranz gehen miteinander einher. Der Kommunismus war in der Behandlung seiner Gegner nicht gerade zimperlich. Einen Weltkrieg mit 50 Millionen Toten und einen Völkermord, der eines der ältesten Kulturvölker der Welt in Europa nahezu ausrottete, hat er nicht durchgeführt, aber daraus den Schluss zu ziehen, der Kommunismus sei so viel besser und menschenfreundlicher, finde ich gewagt.

Sehr wohl begründet hingegen ist die Aussage, der hierzulande gelebte Linksextremismus führe sich deutlich menschenfreundlicher auf als der Rechtsextremismus. Zugegeben, auch bei Linken fliegen Steine und Brandsätze und es wird auch einmal ein Supermarkt geplündert, aber es brennen eben keine Flüchtlingsheime. Der hierzulande gelebte Linksextremismus kennt auch Gewalt gegen Menschen, aber er sucht sich seine Gegner sorgfältiger aus. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verachte es, sich Straßenschlachten mit der Polizei zu liefern, aber wenigstens sind das Menschen, die für diese Situation ausgebildet und ausgestattet wurden. Das ist etwas Anderes, als auf Menschen loszugehen, weil sie oder ihre Vorfahren die Landesgrenze übertreten haben.

Aus diesem Grund gibt es bis weit ins Bürgertum gehend eine klare Abneigung gegen Rechtsextremismus, und wer Zeit sowie sprachliche Sorgfalt besitzt, spricht das Wort in voller Länge aus. Irgendwann in den Neunzigern hatte sich aber eingeschliffen, nur noch von "rechts" zu sprechen. Konzerte wie "Rock gegen rechts" gab es sogar schon seit 1979, aber die sprachliche Unsauberkeit, "rechts" zu sagen, aber "rechtsextrem" zu meinen, ging erst um die Jahrhundertwende in den allgemeinen Gebrauch über. Den Linken war es nur recht (verzeihen Sie bitte das dumme Wortspiel), konnten sie damit sprachlich eine ganze politische Richtung diskreditieren. Da sich in dieser Zeit sowieso alle in der "Mitte" zu tummeln begannen, widersprach auch niemand.

Was bei dem ganzen sprachlichen Herumgeschmiere verloren ging, war ein vernünftiger Begriff für diejenigen, die sich, grob gesagt, auf klassischen CDU-Positionen finden, die Krieg als ultima ratio akzeptieren, die wirtschaftliche Interessen höher priorisieren als ökologische, die eine starke Polizei wollen, hartes Durchgreifen des Staats, Elitenförderung an Schulen und ein traditionelles Familienmodell. So etwas hätte man früher "rechts" genannt. Da jetzt aber mit "rechts" das bezeichnet wird, was einmal "rechtsextrem" hieß, kommt man in absurde Situationen, wenn man überlegt, das dann konsequenterweise "links" wäre, nämlich "linksextrem". Das wiederum ärgert diejenigen, die sich als "links" bezeichnen und eher Vorstellungen vertreten wie Pazifismus, Ökologie, einen starken Sozialstaat, der sich aber ansonsten zurückhält, Einheitsschulen und Patchworkfamilien. Sie wollen nicht in einen Topf mit den Steineschmeißern und Barrikadenbauern gesteckt werden, mit denen sie zwar heimlich sympathisieren, es aber nicht zugeben. "Rechts" soll ihrer Vorstellung nach also weiter synonym mit "Nazis" sein, während "links" dem Wahren, Schönen, Guten vorbehalten ist und "linksextrem" die Schmuddelkinder bezeichnet. Als Ersatzbegriff für "rechts" schlagen Leute wie Lobo "konservativ" vor, aber "links" soll gefälligst weiter "links" sein. Das aber ist sprachlicher Blödsinn. Das Gegenteil von "rechts" ist seit Jahrtausenden "links", das von  "konservativ" ist "progressiv", und ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Lobo an diesem Begriff stört. Sind es vielleicht die sich selbst als "progressiv" Bezeichnenden, die sich mit bemalten Oberkörpern für die Bombardierung Dresdens bedanken und sich stundenlang über die Frage ereifern, ob mensch korrekterweise mit Stern, (Doppel-)punkt, Ausrufezeichen oder Unterstrich gendert? Sind ihm diese Leute etwa peinlich? So peinlich, wie zuzugeben, dass es eine dumme Idee war, herumzuschludern, weil die Schluderei jetzt auf die eigene Klientel zurückfällt? Schlägt er deswegen lieber logische Volten, statt einfach Begriffe wieder korrekt zu benutzen? Oder noch besser: Wie wäre es, das alberne Links-Recht-Schema zur politischen Verortung aufzugeben, sich einzugestehen, dass die Welt in den letzten 30 Jahren komplizierter geworden ist und dass man von liebgewordenen Denkmustern Abschied nehmen muss? Eine Dimension allein reicht offensichtlich nicht mehr aus.

Samstag, 15. September 2018

Make love, not Warcraft

Es gibt eine Southpark-Folge, in der Cartman, Kyle, Stan und Kenny beim Versuch, ihre Avatare bei Warcraft auf ein höheres Erfahrungslevel zu hieven, wochenlang Wildschweine schlachten. Wildschweine sind die wahrscheinlich einfachsten Gegner, die das Spiel zu bieten hat. Entsprechend wenig Punkte bringt es ein, sie zu töten, was dazu führt, dass die vier Jungs jeden Tag 21 Stunden und insgesamt zwei Monate aufwenden, Gegner, die streng genommen keine sind, zu besiegen.

Jetzt sehen wir uns im Vergleich dazu die Netzgemeinde an. Egal, welcher -ismus dort gerade Mode ist, die Szene spaltet sich sehr schnell in diejenigen, die dort wirklich etwas zu erzählen haben, und die Wannabes, die sich in ihrem verzweifelten Ringen um ihre persönlichen 15 Minuten Ruhm irgendwie in Szene setzen wollen. Um sich ernsthaften Aufgaben zu widmen, welche die Sache wirklich voranbringen, fehlt es ihnen sowohl an Wissen als auch an Energie. Wie bekommt man dennoch Aufmerksamkeit? Indem man sich einen Gegner konstruiert, ihn möglichst theatralisch bekämpft und sich von allen nicht nur für diesen heroischen Kampf, sondern vor allem für die Tatsache bewundern zu lassen, diesen Gegner überhaupt als solchen erkannt zu haben. Oder kurz: Warcraft-Wildschweinschlachten.

Zwei Beispiele hierzu: Die "Zeit" stellte vor einigen Wochen die Frage, ob und in welchen Grenzen die Rettung ertrinkender Menschen im Mittelmeer vertretbar ist. Die Titelzeile "Oder soll man es lassen?" war provokoant und zugegebenermaßen am Rand des ethisch Vertretbaren formuliert, aber letzlich ging es um genau diese Frage, und sie wurde differenziert betrachtet. Einigen Netz-Menschenrechtsaktivisten stellte aber allein schon die Frage eine Grenzübertretung statt. Die empörten Reaktionen gingen so weit, die seit Jahren ob ihrer bildungsbürgerlich-behäbigen Art belächelte Wochenzeitung in den Rang einer AfD-Hetzpostille zu erheben.

Zweites Beipiel: Der "Spiegel" widmete das Titelblatt der Ausgabe 37/2018 dem anscheinend unaufhaltsamen Aufstieg der AfD und wählte als Schlagzeile die Frage "Und morgen das ganze Land?" Auch hier hagelte es sofort empörte Reaktionen. Der "Spiegel" betreibe Wahlwerbung für die AfD hieß es. Warum? Na, weil, weil, ja weil die AfD viel zu positiv auf dem Titelbild dargestellt werde.

OK, es muss ja nicht jeder die Schule noch zu anderen Gründen besucht haben, um in den Pausen Panini-Bildchen zu tauschen. Denjenigen, welche dort wenigstens noch Fragmente von Bildung abgriffen, wird vielleicht die Nähe der Schlagzeile zum Refrain des Baumann-Lieds aufgefallen sein, einem sehr bekannten Propagandalied des Dritten Reichs. Aber auch alle Anderen sollten den "Spiegel" gut genug kennen, um zu erkennen, dass eine provokante Fotomontage verbunden mit einer mehrdeutigen Titelzeile ein oft verwendetes Stilmittel dieses Magazins ist. Um daraus AfD-Propaganda zu konstruieren, muss man entweder intellektuell so zurückhaltend ausgestattet sein, um Ironie nicht zu erkennen, oder aber man will sie gar nicht erkennen, sondern sich lieber Lorbeeren mit dem Kampf gegen einen einfachen, weil nicht vorhandenen Gegner verdienen.

Das ist nämlich eine der großen Schwierigkeiten mit der AfD. Natürlich wimmelt es da von den üblichen Schwammköpfen, die ihre Bildungsferne bereits durch Orthografie der Abenteuerichkeit eines Indiana-Jones-Films demonstrieren, aber es gibt dort eben auch Leute, die im Deutschunterricht aufgepasst haben und sich nicht mit jedem einzelnen Satz der kompletten Lächerlichkeit preisgeben. Sich mit denen verbale Gefechte zu liefern, ist ebenso frustrierend wie aussichtslos, weil sie nicht aufgeben. Weil sie sich geschickt formulieren, den Stachel reizen, während sie selbst verbal auf dem Teppich bleiben. Weil sie auf jeden Fall das letzte Wort behalten wollen.

Einen solchen Gegner besiegt man nicht. Im Zweifelsfall ist er fanatischer und geduldiger. Wer ein Erfolgserlebnis haben möchte, sucht sich also auch hier Wildschweine. Mit anderen Worten: die "Zeit" oder den "Spiegel". Die nämlich legen noch Wert auf ihre Reputation. Deren Reichweite schadet es, der rechtsradikalen Szene zugerechnet zu werden. In deren Refaktionen sitzen Leute, die sensibel genug sind, selbst bei den absurdesten Anschuldigungen zu überlegen, ob nicht doch ein Funken Wahrheit in ihnen steckt. Die Wahrscheinlichkeit, beim Lostreten eines völlig abwegigen Shitstorms irgendeine Reaktion bei diesen Magazinen zu erreichen, ist deutlich höher, als wenn man versucht, eingefleischte AfD-Aktive zum Einlenken zu bewegen.

When your only tool is a hammer, every problem looks like a nail to you. Dieser Satz stimmt auch bei Ideologien. Wer erst einmal ein neues Feindbild zu identifizieren gelernt hat, wird dazu neigen, künftig auch dort den Feind zu wittern, wo er beim besten Willen nicht existiert. Das ist schlimm für die Betroffenen, die Bewegung selbst schnürt es jedoch zusammen. Siehe die Spanische Inquisition, die Hexenverfolgung, die Jakobinerherrschaft, den Volksgerichtshof, der McCarthyismus oder die stalinistischen Schauprozesse.

Was haben all diese Säuberungsaktionen gemein? Sie wendeten sich am Ende gegen ihre Protagonisten.

Sonntag, 12. August 2018

Engagement ist böse!

Wenn die politische Linke etwas in Vollendung kann, ist es, sich selbst zu zerfleischen. Das ist praktisch, lenkt es doch hervorragend vom eigenen Bedeutungsverlust ab. Wir hatten vier Jahre lang die absurde Situation, dass eine Koalition aus SPD, Linken und Grünen das Land hätte regieren können. Statt dessen regierte - eine "große" Koalition. Warum? Weil die verschiedenen linken Strömungen sich gegenseitig vorwarfen, nicht wahrhaftig links zu sein.

Das ist keine neue Verhaltensweise. Eifersüchtig wacht jede linke Splittergruppe über ihren Claim, sieht jede in der Nähe emporkommende Gruppe als Bedrohung und versucht, sie kleinzureden, noch bevor sie irgendetwas Bedeutendes getan hat. Besonders schön kann man es bei der Netzbewegung sehen, die früher im Jahresrhythmus neue Gruppen ausspuckte, die nach einer kurzen, rasanten Aufmerksamkeitsphase wieder implodierten, weil die Leute nicht die Energie aufbrachten, sich länger als ein paar Wochen auf ein Projekt zu konzentrieren. Weiß heute noch jemand, was die Piratenpartei war? Für diejenigen, die sich nicht mehr erinnern können: Als die populär wurde, haben einige Leute erst einmal so lange gesucht, bis sie ein paar fragwürdige Postings eines Parteimitglieds fanden und bliesen das Ganze zur Behauptung auf, die Piraten hätten ein Naziproblem. Andere fanden den Namen doof. Piraten seien gewalttätige Verbrecher, damit könne man sich doch unmöglich identifizieren. Wieder andere sahen ein Genderproblem. Es müsse doch eigentlich Pirat*innen heißen. Außerdem sie die Partei monothematisch und damit eigentlich gar keine echte Partei.

Als Markus Beckedahl die "digitale Gesellschaft" vorstellte, hagelte es von allen Seiten Kritik. Es sei ein Egotrip. Zu intransparent. Zu elitär. Zu einem Zeitpunkt, an dem Beckedahl nur äußerst schwammig umrissen hatte, was ihm überhaupt vorschwebt.

Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Was bleibt, ist die allgemeine gegenseitige Ablehnung, vor allem jedem Neuen gegenüber, weil das eine Gefahr für die bräsige Gemütlichkeit darstellt. Möglicherweise könnte das Neue ja Erfolg haben, und das würfe peinliche Fragen auf, warum man selbst jahrzehntelang nicht in die Pötte gekommen ist.

Jetzt also ruft Sara Wagenknecht eine neue "linke Sammlungsbewegung" namens "#aufstehen" ins Leben, so richtig fancy und cyber mit Hashtag. Nun ist Sara Wagenknecht so ziemlich die Letzte, die ich mit neuen linkem Schwung und zukunftsgewandten Ideen verbinde, aber, meine Güte:

Lasst sie doch erst einmal loslegen.

Ich habe Vorbehalte. Ich glaube, dass die falschen Leute hinter der Bewegung stehen, und was sie genau vorhaben, ist mir auch nicht klar, aber ich habe Geduld und warte ab, wie sich die Sache entwickelt. Die politische Linke hat sich jetzt über ein Jahrzehnt über korrektes Gendern, Kopftuch ja oder nein, Quoten und die Frage zerfetzt, ob man die AfD nun ignorieren, mit aller Gewalt bekämpfen oder doch mit ihr reden soll, dass kaum noch einende Gedanken zu sehen sind. Sobald irgendwer aufsteht und sich für bezahlbare Mieten oder ordentliche Löhne einsetzt, sucht ein Anderer so lange, bis er ein Posting von ihm findet, in dem "schwarz" statt "PoC" steht oder "Bradley" statt "Chelsea Manning", was ja wohl ganz klar die faschistoiden Gedanken dieses Menschen zeigt, weswegen man ihn unter keinen Umständen bei seinem Engagement für mehr soziale Gerechtigkeit unterstützen darf.

Gebt "aufstehen" doch wenigstens die Chance, zu scheitern. Möglicherweise ist die Gründungsbesatzung wirklich nicht so toll, aber noch kann niemand sagen, wohin sich die Sache entwickeln wird. Wenigstens versucht da jemand, wieder etwas Leben in die linke Bewegung zu bringen, und das ist mehr als alles, was in den letzten Jahren passierte. Es zwingt euch auch niemand, Mitglied zu werden. Im Gegenzug könntet ihr das reflexhafte Herumjammern bleiben lassen und einfach ganz entspannt zusehen, was passiert.  Vielleicht gehts schief, vielleicht klappts. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

Samstag, 14. Juli 2018

Buchkritik - Marc-Uwe Kling: Qualityland

Viel wurde in Netzaktivistenkreisen das Buch bejubelt. Der wegen seiner "Känguru"-Reihe beliebte Kleinkünster Marc-Uwe Kling hatte jetzt auch einen längeren Roman geschrieben, in dem es um die Herrschaft der Big-Data-Analyse, des Scorings und des computergestützten Turbokapitalismus über den Menschen geht. Nebenher gibt es noch eine Menge über KI zu lesen, und Ausländerfeinde bekommen auch ihr Fett weg. Kurz: alles was das linke Netzaktivistenherz erfreut.

Vielleicht ist dieser perfekte Mix der Grund, warum das Buch nicht so richtig in die Gänge kommt. Man kann Kling nicht vorwerfen, schlecht recherchiert zu haben. Die technischen Details stimmen. An der Geschichte ist auch nichts auszusetzen: In einer nahen Zukunft haben die Maschinen die Herrschaft übernommen, auch wenn die Menschen das nicht zugäben. Formal haben sie immer noch das Heft in der Hand, aber sie verlassen sich in ihren Entscheidungen so blind auf das, was ihnen die Computer vorgeben, dass der menschliche Faktor praktisch keine Rolle mehr spielt. Der Wert eines Menschen hängt von dessen Scoring ab, und das entscheidet auch, welches Produkt er als nächstes kaufen zu wollen hat - zum Beispiel einen rosafarbenen Vibrator in Delfinform, den der Antiheld der Geschichte eines Tages unverlangt zugestellt bekommt und den er nicht zurückgeben kann. Keine Chance. Die Berechnungen sagen, dass er, auch wenn er es nicht wahrhaben will, dieses Produkt möchte, und Computer können sich nicht irren. Zusammen mit einem Kellerraum voller defekter KI-Hightechprodukte, die er vor der Verschrottung bewahrt hat, bricht er zu einer kafkaesken Reise auf, um das unerwünschte Gerät wieder loszuwerden. In Nebenerzählsträngen geht es um den Chef der das Land beherrschenden Versandfirma sowie einen Androiden, der gegen einen Rechtsradikalen im Präsidentschaftswahlkampf antritt und dabei merkt, wie wenig die Wähler auf Sachargumente ansprechen.

Die Zutaten stimmen, und das Ergebnis schmeckt auch, aber es schmeckt nicht nach meisterlich abgeschmeckter Sterneküche, sondern nach Fertiggericht. Die Grundgeschichte ist in Ordnung, aber sie ist auch nicht besonders originell. Die phlegmatische Hauptfigur kommt einem von den "Känguru"-Büchern bekannt vor, sie funktioniert auch, aber mehr auch nicht. Die Ideen mit den eigentlich zur Verschrottung vorgesehenen Robotern und Haushaltsgeräten, dem selbststeuernden Taxi mit Orientierungsschwierigkeiten und den Lieferdrohnen, die beleidigt reagieren, wenn man ihnen bei der Leistungsbewertung nicht die maximale Punktzahl gibt, sind lustig, aber seit Douglas Adams auch nicht mehr neu. Der paternalistisch herrschende Social-Media-Versandhauskonzern ist gut beschrieben, aber auch das hatten wir in ähnlicher Form schon in "The Circle". Die zahlreichen Seitenhiebe gegen Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit mögen die dringend nötigen Streicheleinheiten für die Berliner Alternativszene sein, damit der Hipster von Welt auch das Neue Kling-Buch kauft, aber wen will Kling damit erreichen? Glaubt er ernsthaft, ein AfD-Wähler kaufe sich das Buch, um es mitten während des Lesens sinken zu lassen und zu sagen: "Ja, also, wenn ich mir das hier so ansehe, merke ich, dass Rassismus eine reichlich dumme Sache ist. Ich glaube, ich wähle wieder grün." Die Idee, bereits bekannte Abkürzungen neu zu belegen, hat schon fast Schülerkabarettniveau. Ähnlich geht es mir bei den penetranten Zahlenspielereien im Buch. Viele Zahlen sind entweder glatte Zweierpotenzen, sind in Dualschreibweise irgendwie hübsch anzusehen oder spielen sonstwie auf die IT-Welt an. Ja, Nerds lieben diese kleinen Erkennungszeichen, mit denen man sich gegenseitig der Gruppenzugehörigkeit versichert, aber die Dosierung ist wichtig. So massiv wie in "Qualityland" wirken sie eher wie der Straßensozialarbeiter Ende 40, der  mit akkurat falsch aufgesetzter Baseballkappe auf eine Gruppe Jugendlicher zugeht: "Hey Kid's, was geht ab, immer voll krass am Chillen?" Dabei hatte man ihm doch im Fortbildungsworkshop gesagt, dass die jungen Leute heute so reden.

Kling hat einen Sinn für absurde Situationen, er hat ein Gespür für Komik, aber vielleicht funktioniert es in in kurzen, knackingen "Känguru"-Geschichten besser als bei einem langsam sich entwickelnden Erzählfaden eines Romans. Kling scheint das zu ahnen, und so greift er zum Standardtrick, dessen sich jeder zweitklassige Comedian bedient, wenn er aus einem lahmen Publikum ein paar billige Lacher rauskitzeln will: schlüpfrige Anspielungen. Am deutlichsten wird dies natürlich bei dem Artikel, den der Protagonist vergeblich zurückgeben will, aber Gürtellinien-Witzchen kommen auch sonst mehrfach vor. Ich finde nicht, dass Kling so etwas nötig hat.

Insgesamt kommt ein Buch heraus, das weder besonders schlecht, noch besonders gut ist. Es buhlt etwas sehr aufdringlich um die Lesergunst, was einfach schade ist, denn die Figuren, die Ideen und die Recherche stimmen. Es scheint mir, als hätte Kling genug davon, als der lustige Kleinkünster mit seinen etwas albernen Kurzgeschichten herumgereicht zu werden und habe nun den satirischen Science-Fiction-Roman schreiben wollen, mit dem er auch die Anerkennung des moderat netzaffinen Bildungsbürgers bekommt. Den überwiegend positiven Reaktionen aus dieser Gruppe zufolge ist ihm das auch gelungen. In meinen Augen bleibt das Buch jedoch hinter dem zurück, was es hätte werden können.

Marc-Uwe Kling: Qualityland. Ullstein, 18 €

Sonntag, 1. Juli 2018

Buchkritik - Katharina Nocun: Die Daten, die ich rief

In den vergangenen Jahren hat die Netzaktiven-Bewegung viele Leute nach oben gespült, bei denen man sich verzweifelt gefragt hat, welche Eigenschaft außer hysterischem Kreischen sie wohl besonders auszeichnen mag. Oft genug nutzten diese Leute dann ihre Viertelstunde Ruhm, noch schnell ein Buch zusammenzukritzeln, gern mit einem lustigen Wortspiel, vielleicht irgendwas mit "klicken", um sich so den Anschein von Relevanz zu geben.

Zum Glück gehört Katharina Nocun nicht zu dieser Art Netzaktiven, im Gegenteil. Sie tauchte vor ungefähr einem Jahrzehnt in der Szene auf, diskutierte engagiert, gern auch etwas überspitzt, aber eben auch immer sachkundig. Das sind nicht die Voraussetzungen für eine Blitzkarriere, aber Kattascha setzte offenbar mehr auf Seriösität als auf Krawall. Den konnte sie durchaus auch. Wenn sie es darauf anlegte, konnte sie auch auf einer improvisierten Bühne einer Demonstration einheizen, und der eine oder andere knackige Spruch kam dabei zustande. Insgesamt aber bestach sie in erster Linie durch Sachkunde und Argumente.

Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum sie ungewöhnlich lang mit einem Buch auf sich warten ließ. Andere Aktive waren ihr zuvorgekommen, hatten Mitte 20 Autobiografien verfasst, sich an der Netzbewegung im Allgemeinen und den Piraten im Besonderen abgearbeitet. Auch Kattascha hätte dazu reichlich Anlass gehabt. Statt dessen kommt sie mit ihrem Buch zu einer relativ unspektakulären Zeit und zeigt gerade damit ein gutes Zeitgefühl.

Kattascha ist Datenschutzaktivistin und deswegen schreibt sie, wen wundert's, über Datenschutz. Das große Grundlagenwerk, der alles verändernde Meilenstein, die neue Referenzgröße zu diesem Thema ist dabei nicht herausgekommen, aber das war wohl auch nie ihr Anspruch. Zu viele haben vorher ebenfalls darüber geschrieben: Gerhart Baum, Ilja Trojanov und Juli Zeh, Constanze Kurz und Frank Rieger, Jan Philipp Albrecht, Malte Spitz, um nur einige Namen zu nennen. Nach all diesen Büchern noch irgendetwas komplett Neues zu erwarten, wäre Unsinn. Was man jedoch erwarten kann, ist alle paar Jahre ein Buch, das den aktuellen Stand sauber darstellt; ein Buch, das man jemandem, der in die Materie einsteigen will, in die Hand geben und sagen kann, dass da die wesentlichen Argumente erläutert werden. Ein solches Buch war mal wieder fällig, und dankenswerterweise hat Kattascha es geliefert, engagiert, gut lesbar, kompetent. Dass im hinteren Teil, in dem es um konkrete Tipps geht, der eine oder andere Hinweis nicht korrekt ist, stört nicht weiter. Der Rest gleicht das vollkommen aus.

Das Buch beginnt mit einer Recherche, die sich von der Idee her bei Malte Spitz "Was macht ihr mit meinen Daten?" bedient und nachforscht, wo welche Informationen über uns anfallen und verarbeitet werden. Wer Spitz' Buch gelesen hat, findet hier keine sensationellen Neuigkeiten, aber eine willkommene Aktualisierung. Im zweiten Teil geht es um die Möglichkeiten, und mit den über uns gewonnenen Daten zu manipulieren. Anhand vieler Fallbeispiele und selbst durchgeführter Experimente räumt Kattascha mit dem Mythos auf, das Netz sähe für alle gleich aus und behandle auch alle gleich. Der dritte Teil beschreibt Möglichkeiten der Gegenwehr, und hier fehlt neben diversen technsichen Maßnahmen auch nicht der dringende Appell, politisch aktiv zu werden. Zum Abschluss gibt es eine reichhaltige Literaturliste, welche die zahlreichen im Buch genannten Beispiele mit Quellen belegt. Schön wäre es gewesen, wenn der Text schon direkt auf diese Werke verwiesen hätte, aber wahrscheinlich wollte der Verlag nicht mit Dutzenden Fuß- und Endnoten unnötig Leute verschrecken.

Mein persönlicher Lieblingsabschnitt ist der über das Zustandekommen der DSGVO, der gerade in der zur Zeit herrschenden Anti-Datenschutz-Hysterie all denen um die Ohren gehauen gehört, die sich lautstark darüber echauffieren, wie unfassbar böse dieses Gesetzeswerk ist. Dieser Abschnitt beschreibt, wie massiv und mit welch unredlichen Methoden bisweilen gegen das Zustandekommen des Gesetzes lobbyiert wurde. Es wird klar, wie dringend notwendig die Verordnung war, dass sie trotz aller Kritik eine deutliche Verbesserung zur vorherigen Lage darstellt und dass die zum Großteil extrem uninformiert herumtönenden Kritiker vielleicht einmal darüber nachdenken sollten, wem sie mit ihrem Gekreische Schützenhilfe leisten.

Katharina Nocun:  Die Daten, die ich rief. Lübbe 2018, 18 €.