Sonntag, 13. Oktober 2019

Buchkritik: die Trisolaris-Reihe

Vor sieben Wochen wies mich eine Bekannte auf die Trisolaris-Reihe hin. Ich besorgte mir die E-Book-Fassung, las ein paar Seiten - und verbrachte seitdem fast jede freie Minute mit diesen Büchern. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert. 2400 Seiten, das sind knapp 350 Seiten pro Tag. Selbst beim Herrn der Ringe habe ich mir mehr Zeit gelassen.

Die Trisolaris-Reihe ist kein Gute-Laune-Science-Fiction. Selbst die dystopischen Klassiker wie "Do androids dream of electric sheep?", "1984" oder "Brave new world" empfand ich im Vergleich als nicht so düster, weil sie sich erstens auf einen eng eingrenzbaren Zeitpunk beziehen und zweitens, wenn schon nicht in der Geschichte selbst, so doch für die Leserin die Botschaft enthalten, dass und wie sich eine solche dystopische Zukunft vermeiden lässt. Trisolaris hinterließ zumindest bei mir den Eindruck: Egal, was du unternimmst, es war die falsche Entscheidung. Selbst, wenn du dich richtig entscheidest, hilft es nicht viel, es dankt dir niemand und deine Gegner sind dit mindestens zwei Schritte voraus. Solltest du dennoch einmal den Eindruck gewonnen haben, die Dinge wendeten sich zum Besseren, stellt sich das als Täuschung heraus.

Doch zunächst zur Handlung: Sie beginnt im China zur Zeit der Kulturrevolution und endet irgendwo im Universum kurz vor dessen (vermeintlichem) Ende. Eine junge Wissenschaftlerin gerät in die Mühlen der politischen Säuberungsaktionen und kann sich mit viel Glück als Zwangsarbeiterin auf eine abgelegene Militärbasis retten, auf es dem Anschein nach Versuche gibt, feindliche Objekte mit starken Radiowellen zu zerstören. Erst nach einiger Zeit kommt die Wissenschaftlerin dahinter, dass die eigentliche Mission darin besteht, per Funk mit außerirdischen Zivilisationen Kontakt aufzunehmen. Allerdings haben diese Versuche wenig Aussicht auf Erfolg. Zu schwach ist das Signal, zu eng der Himmelsausschnitt, der überhaupt etwas davon mitbekommn könnte. Sie kommt jedoch auf die Idee, die Sonne als Reflektor und Verstärker zu benutzen und setzt heimlich eine Botschaft ab. Knapp neun Jahre später bekommt sie aus Richtung Alpha Centauri eine Antwort: Sendet keine weiteren Nachrichten! Wenn wir eure Position bestimmen, werden wir euch vernichten.

Was ist passiert? Alpha Centauri ist ein aus drei sich nach chaotischen Mustern umkreisenden Sonnen bestehendes System mit einem Planeten, der diese Sonnen unregelmäßig umkreist. Wegen der sich so ergebenden unvorhersagbaren Perioden, in denen sich der Planet stabil im Orbit um eine der drei Sonnen befindet und anderen, in denen er weit entfernt seine Bahnen zieht, entstehen in den stabilen Zeitaltern mehrere Hochkulturen, die  allerdings in den chaotischen Zeitaltern durch lebensfeindliche Bedingungen wieder ausgelöscht werden. Trotz dieser Widrigkeiten entwickelt sich Trisolaris kontinuierlich weiter - weiter sogar als die Menschheit des 20. Jahrhunderts. Als die Erde trotz der heimlich abgesetzten Warnung eines Hilfswissenschaftlers ihre Position verrät und sogar ausdrücklich um eine Invasion bittet, stellt Trisolaris in kurzer Zeit eine aus mehreren hundert Schiffen bestehende Flotte zusammen, die mit maximal 10 Prozent Lichtgeschwindigkeit reisen und einschließlich Beschleunigungs- und Bremsphase in 400 Jahren das 4 Lichtjahre entfernte Sonnensystem erreichen kann.

Von all dem wissen auf der Erde des inzwischen frühen 21. Jahrhunderts nur wenige. Als Trisolaris jedoch in Vorbereitung der Invasion auf Photonengröße geschrumpfte Supercomputer zur Erde schickt, die es schaffen, physikalische Grundlagenforschung in Collidern zu blockieren, merken langsam einige Leute, dass etwas nicht stimmen kann.  Die im Anflug befindliche  Flotte wird entdeckt. Der Menschheit erkennt, dass sie zwar noch 400 Jahre Zeit hat, sie allerdings dem Untergang geweiht ist, wenn sie nicht sofort anfängt, den technologischen Rückstand zu Trisolaris aufzuholen. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch denkbar schlecht. Die Sophonen genannten Kleinstcomputer verhindern nicht nur effektiv weite Teile der Forschung, die nötig wäre, um neuartige Antriebsmethoden, Computer und Waffen zu bauen, sie können darüber hinaus in Echtzeit jede Kommunikation abhören. Egal also, welche Pläne die Menschen entwerfen, sobald sie darüber mit irgendwem reden, erfährt Trisolaris davon. In ihrer Verzweiflung setzen die Vereinten Nationen deswegen die so genannten "Wandschauer" ein, vier Strategen mit weitreichenden Befugnissen, die nahezu alles anordnen können und niemandem erklären müssen, was sie damit im Schilde führen. Die geheimen Pläne zweier Wandschauer fliegen jedoch schnell auf. Der dritte kommt nicht so recht voran, und der vierte fängt offenbar gar nicht erst an. Erst, nachdem er massiv unter Druck gesetzt wird, entschließt er sich zu einer scheinbar völlig sinnlosen Aktion: Er schickt per Funk einen "Fluch" ins Weltall und behauptet, damit ein 50 Lichtjahre entferntes Sternensystem auslöschen zu können. Naheliegenderweise halten das alle für völligen Blödsinn.

In der Zwischenzeit erreicht eine unbemannte Sonde von Trisolaris die äußeren Regionen des Sonnensystems und trifft dort auf eine mehrere tausend Schiffe zählende Flotte, die aufgebrochen ist, um das harmlos erscheinende Objekt abzufangen und zu untersuchen. Schnell stellt sich aber heraus, dass die tropfenförmige Sonde alles andere als ungefährlich ist. Sie besteht aus ultrahartem Material, kann auf sehr hohe Geschwindigkeiten beschleunigen und ist allein dadurch in der Lage, selbst die dicksten Schiffspanzerungen ohne nennenswerte Schäden zu durchschlagen. Auf diese Weise löscht sie praktisch die gesamte irdische Raumflotte aus. Nur wenigen Schiffen gelingt die Flucht. Die Menschen sehen ein: Wenn schon gegen dieses Projektil keines ihrer Waffensysteme etwas auszurichten vermag, ist der Kampf gegen die Trisolaris-Flotte erst recht aussichtslos. Entsetzt fliehen die wenigen Kreuzer, die das Massaker der Tropfensonde überstanden haben, in unterschiedlichen Richtungen aus dem Sonnensystem, erkennen aber, dass ihre Vorräte nur dann für die weite Reise ausreichen, wenn sich ihre Besatzungen weitgehend gegenseitig auslöschen. In der resultierenden Schlacht verbleibt pro Flugrichtung ein Rauschiff, das zur langen Reise ins Ungewisse aufbricht. Aus Sicht der Erde sind sie gewissenlose Verräter, aus ihrer eigenen Sicht die einzigen Menschen, welche die Invasion überleben werden.

Die Endzeitstimmung ändert sich schlagartig, als kurze Zeit später die Nachricht eintrifft, das Jahrzehnte zuvor mittels Funkspruch "verfluchte" Sternensystem sei tatsächlich zerstört worden. Die Menschen erkennen, wie sie trotz ihrer technischen Unterlegenheit eine Abschreckungswaffe einsetzen können. Die abgesendete Botschaft hatte nichts anderes als die Koordinaten des zu vernichtenden Sternensystems enthalten. Das Kalkül dahinter bestand in der Annahme, im Universum gäbe es viele technisch hoch stehende Zivilisationen. Wegen der großen Entfernungen zueinander und der großen kulturellen Unterschiede haben sie aber keine Möglichkeiten, sich gegenseitig von ihrer Harmlosigkeit zu überzeugen und müssen sicherheitshalber davon ausgehen, dass sie einander feindlich gesonnen sind. Wenn eine solche Zivilisation die Botschaft auffängt, wo sich eine andere Zivilisation befinden könnte, ist es aus strategischer Sicht sinnvoll, diese ohne weitere Prüfung zu vernichten. Genau das hatte der vierte Wandschauer mit seinem "Fluch" bewirken wollen, und darin bestand auch sein Abschreckungsplan. Sollte Trisolaris die Erde angreifen, könnte diese als letzten Akt noch die Koordinaten von Alpha Centauri ins All schicken. An der eigenen Vernichtung könnte die Erde damit zwar nichts ändern, aber Trisolaris wäre dann ebenfalls dem Untergang geweiht. Erde und Trisolaris schließen deswegen einen gegenseitigen Nichtangriffspakt ab. Die Lage scheint stabil.

Es entwickelt sich ein technischer und kultureller Austausch zwischen den beiden Zivilisationen. Im Zuge dieser Annäherung beginnen die Menschen, Trisolaris als befreundete Macht und den Abschreckungsschhild als nicht mehr zeitgemäß anzusehen. Darüber hinaus wird der Ruf laut, die beiden geflohenen Raumkreuzer für ihre Taten zur Rechenschaft zu ziehen. Unter Vortäuschung einer Amnestie gelingt es, eines der beiden Schiffe zur Erde zurückzurufen und deren Besatzung zu inhaftieren. Das zweite Schiff ahnt die Finte, flieht weiter und wird daraufhin von irdischen Schiffen verfolgt.

Doch für ein Gleichgewicht des Schreckens müssen die beteiligten Parteien auch bereit sein, im Notfall den roten Knopf zu drücken. Als Trisolaris-Sonden die Erde angreifen, packen die "Schwerthalterin" genannte Verantwortliche Skrupel. Es gelingt den Sonden, die nötigen Sendeeinrichtungen zu zerstören und damit das Abschreckungsmittel der Menschen auszuschalten. Wieder einmal scheint alles so, als sei die Invasion unabwendbar. Die gesamte Erdbevölkerung wird gezwungen, nach Australien umzusiedeln, was natürlich zu katastrophalen Zuständen führt. Nach Ende der Umsiedlungen erwarten alle das Eintreffen der Invasionsflotte, doch wieder einmal kommt es anders.

Das noch verbliebene, weiterhin fliehende Raumschiff wurde zwischenzeitlich von dem mit durch zwei Trisolaris-Sonden begleiteten irdischen Kreuzer eingeholt. Durch eine Raumanomalie gelingt es den Gejagten aber nicht nur, das Verfolgerraumschiff zu kapern, sie schaffen es sogar, die bis dahin als unzustellbar geltenden Sonden zu zerstören. Verfolger und Verfolgte erfahren, dass es Trisolaris gelungen ist, die Verteidigungsmechanismen der Erde auszuschalten und beschließen, nun selbst die Koordinaten von Alpha Centauri ins All zu senden. Das wiederum bemerkt Trisolaris, bricht sofort seine Invasionspläne ab, kann aber die Katastrophe nicht mehr abwenden und muss zusehen, wie ihr Sternensystem zerstört wird.

Die Erde ist allerdings nur vorerst gerettet. Von Trisolaris hat sie zwar nichts mehr zu befürchten, aber es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis sie selbst entdeckt und ihrerseits ausgelöscht wird. Die Menschen analysieren die beiden ihnen bekannten Angriffe, die darin bestanden, eine gewaltige Sonneneruption und danach den Zusammenbruch des Sterns zu bewirken. Als geeignete Gegenmaßnahme bietet sich der Bau gewaltiger Weltraumstädte an, die hinter den vier Gasriesen im äußeren Sonnensystem Deckung suchen. Der Bau beginnt, und nach einigen Jahrzehnten ermöglichen die Weltraumstädte sogar ein sehr angenehmes Leben.

Es sollte nicht besonders überraschen, dass auch diese Annahme sich als trügerisch herausstellt. Das Vernichten eines Sterns ist nicht die einzige Angriffsmöglichkeit. Die Waffe, die das Sonnensystem am Ende auslöscht, faltet den gesamten umgebenden Raum von drei auf zwei Dimensionen zusammen. Der Menschheit bleibt nur übrig, sich ihrem Schicksal zu ergeben. Nur ein einziges heimlich und widerrechtlich gebautes Raumschiff erreicht mit zwei Frauen an Bord die nötige Geschwindigkeit, um seine Passagiere in Sicherheit zu bringen. Sie reisen zu einem Sternensystem, treffen dort auf einen ehemaligen Soldaten der Raumschiffe, die Jahrhunderte zuvor aus dem Sonnensystem geflohen waren. Als eine der Frauen zusammen mit ihm eine Auffälligkeit auf einem Planeten untersucht, geraten sie mit ihrem Raumschiff in eine Zeitanomalie, aus der sie erst viele Millionen Jahre später wieder ausbrechen können. Die Welt, in der sie auf diese Weise landen, ist weitgehend entvölkert. Zurückgeblieben ist nur eine Reihe Zeitkapseln, in der die verbliebenen Lebensformen den nahenden Big Crush mit anschließendem neuen Big Bang überstehen wollen.

Auch dieser Plan misslingt, als sich herausstellt, dass dem Universum für diese Zeitkapseln derart viel Materie entnommen wurde, dass es nicht wie vorgesehen kollabiert, sondern weiter expandiert. Der ehemalige Soldat und die Frau entschließen sich daraufhin, ihre Zeitkapsel zu verlassen, die darin vorhandene Materie wieder ins normale Universum zurückzuschaffen und auf einem halbwegs bewohnbaren Planeten das Ende des Universums in der Hoffnung abzuwarten, dass genügend andere Zeitkapselbewohner den gleichen Entschluss fassen wie sie.

So weit der stark vereinfacht wiedergegebene Inhalt von 2400 Seiten. Tatsächlich ist die Geschichte viel facettenreicher, wirft viel mehr Fragen auf und ist weit stimmungsvoller geschrieben als meine dürre chronologische Aufzählung. Ein wiederkehrendes Element ist das Verhalten einzelner Personen und die sich ändernde öffentliche Reaktion darauf. Zwischen der Heldenfeier und dem öffentlichen Zerfleischen liegen mitunter nur wenige Monate, obwohl sich an der Handlung selbst nichts geändert hat. Der vierte Wandschauer erlebt erst Bewunderung wegen seiner vermeintlichen Raffinesse, dann Ablehnung, weil den Leuten dämmert, dass er sich auf Kosten der Öffentlichkeit ein angenehmes Leben bereiten lässt. Als er seinen "Fluch" ins All sendet, erntet er Verachtung, weil er nach Jahren des Grübelns nur einen dürren Funkspruch hervorgebracht hat. Als sich die Wirkung des Funkspruchs zeigt, feiert ihn die Menschheit als Retter, nur um kurze Zeit später vor Gericht zu stellen, weil das von ihm als Ziel ausgewählte Sternensystem möglicherweise Leben beherbergt hat.

Welche Meinung wir selbst zu den jeweiligen Akteuren einnehmen, überlässt die Geschichte uns. Sie differenziert stark, legt die Motive dar, so dass uns selbst die Motive moralisch fragwürdigen Handelns klar werden. Als Ergebnis kennt die Geschichte kein klares Gut und Böse. Es mag Haltungen geben, mit denen wir uns mehr oder weniger stark identifizieren, aber es gibt nicht wie im Hollywood-Fernsehen klar umrissene Erzschurken, auf die sich die Ablehnung konzentrieren kann. Trisolaris will die Erde in Besitz nehmen. Aus Sicht der Menschen mag das kein netter Zug sein, aber wer wie Trisolaris ständig mit einer erneuten Auslöschung der eigenen Zivilisation aufgrund instabiler Umlaufbahnen rechnen muss, versteht die Verzweiflung, mit der sie eine Welt mit stabilen Lebensbedingungen suchen. Auf der Erde arbeiten mehrere Leute auf die Invasion und die damit einhergehende Vernichtung der Menschen hin, was auf den ersten Blick wie Verrat wirken mag. Wer jedoch gesehen hat, wie übel diesen Leuten mitgespielt wurde, versteht ihre tiefe Desillusionierung und die Überzeugung, dass eine so verkommene Zivilisation besser heute als morgen ausgelöscht wird.

Die Erzählung sucht sich keine besonders starken Persönlichkeiten aus. Ihre Helden haben ganz alltägliche Schwächen, zweifeln an sich selbst, handeln gern auch einmal egoistisch, stellen sich dumm an und begehen Fehler. Meist erscheint ihre Umgebung viel rationaler, zielstrebiger und intelligenter als sie. Wer durch das Blockbusterkino die großen, weisen und selbstlosen Gesten gewohnt ist, findet hier ein realistischeres Bild. Keine Handlung ist ohne Makel. Ständig bleibt das Gefühl hängen, ein echter Held hätte anders gehandelt. Gerade deswegen jedoch ist die Erzählung so glaubwürdig, und wir merken: Comic-Helden gibt es praktisch nicht. In die Heldenrolle rutschen die Betroffenen eher zufällig, und wer genau hinsieht, findet hinter der Verklärung ein deutlich trüberes Bild. Meist entscheiden Details darüber, was die Öffentlichkeit als Ruhmestat und was als Schurkerei ansieht, und nur weil sie in einem Moment die eine Haltung einnimmt, kann sie schnell wieder kippen.

Ein weiterer schöner Kniff ist die Art, wie die technischen Errungenschaften der Menschheit eingeführt werden. Obwohl die Bücher in die Kategorie der "harten" Science-Fiction gehören, tauchen Erfindungen auf, bei denen meine Physiklehrerin zarte Zweifel ob deren auch nur theoretischer Möglichkeit geäußert hätte. Doch bevor das Staunen zu groß wird, taucht irgendeine außerirdische Technologie auf, und wir erkennen: Es mag ja sein, dass die Menschen sich mit viel Mühe Fusionsreaktoren aus den Rippen geschnitzt haben, aber schau her: Trisolaris faltet den Raum und erreicht damit mal eben Lichtgeschwindigkeit und das ohne große Beschleunigungs- und Bremsmanöver. So etwas frustriert nicht nur die in der Geschichte vorkommenden Menschen, es lässt auch die etwas abgedrehteren irdischen Erfindungen glaubwürdiger erscheinen. Du findest Fusionsreaktoren unwahrscheinlich? Trisolaris kann mit Lichtgeschwindigkeit reisen, da wirst du mir doch wohl noch einen Fusionsreaktor abkaufen.

Um der über viele Jahrhunderte gehenden Haupthandlung Zusammenhang zu geben, unternehmen die Hauptakteurinnen mittels Kälteschlaf Zeitreisen. Das Motiv, wie sich die Beurteilung ein und desselben historischen Ereignisses ändern kann, tritt hierdurch noch stärker hervor. Bemerkenswert finde ich hierbei jedoch auch, wie sich die Erzählung trotz allem Erfindungsreichtums Grenzen setzt. Schneller als Lichtgeschwindigkeit geht nicht (naja, Echtzeitkommunikation mittels verschränkter Photonen geht dann irgendwie doch), und Zeitreisen gehen nur nach vorne. Die Geschichte spielt nicht einmal mit der Überlegung und festigt dadurch den Eindruck: Wir strapazieren die Gesetze der Physik schon arg, indem wir Materie auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und Raumdimensionen wegfalten, aber wir drehen nicht völlig ab.

Sehr gut gefällt mir das Erzähltempo. Der Autor lässt sich Zeit, führt Charaktere gründlich ein, beschreibt ihren Werdegang und Motive. Allein schon die vielen Kapitel, die der erste Band verwendet, eine ganz und gar irdische Geschichte zu erzählen, ohne das für zwei ganze Bücher bestimmende Hauptmotiv offenzulegen, und dennoch interessant zu sein, finde ich meisterlich geschrieben.

Großartig finde ich auch das Motiv der allgegenwärtigen Überwachung verknüpft mit der durch Trisolaris bewirkten Forschungsblockade. Indem das physikalische Wissen für mehrere hundert Jahre auf dem heutigen Stand eingefroren wird, erfinden die Menschen über lange Zeit auch nur Dinge, die heute zumindest theoretisch denkbar sind und für die wir nur vorhandene Technologie verbessern, aber keine neuen Gesetze der Physik entdecken müssen. So bleiben Computer über lange Zeit ungefähr auf dem heutigen Stand, werden weder wesentlich kleiner, noch leistungsstärker. Um das zu können, bräuchten wir Fortschritte in der Quantenphysik. Auch hier zeigt der Autor, was wir bereits heute bauen könnten, wenn wir uns nur genügend anstrengen, und wo die Phantasie beginnt.

Die Überwachung hingegen  beschreibt die Geschichte ganz anders, als wir es von den Klassikern wie "1984" kennen. Trisolaris hat "Sophonen" genannte photonengroße Computer zur Erde geschickt, die jede Art von Kommunikation belauschen können, sei sie elektronisch, auf Papier geschrieben oder ein Gespräch. Dadurch wissen die Außerirdischen immer ganz genau, was mehr als eine Person plant, weil sie dafür mit irgendjemandem reden muss. Interessanterweise taucht dieses Motiv in umgekehrter Form im zweiten Band auf, als es um die Frage geht, wie sich zwei Zivilisationen am besten verhalten, die so gut wie nichts voneinander wissen. Die Wandschauer wissen also, dass jede ihrer Handlungen beobachtet wird und müssen einen Plan entwickeln, von denen außer ihnen selbst niemand etwas weiß, für den sie aber äußere Hilfe brauchen und aus diesem Grund Dinge unternehmen, von denen keiner sagen kann, ob das schon die offen angewendete Strategie ist oder ob sich die eigentliche Idee erst viel später zeigt. Es ist etwa so, als säßen zwei Gruppen Schachspielerinnen vor einem Brett, die sich jeweils auf ihre Züge einigen müssen, eine Gruppe aber sich heimlich austauschen, während die zweite sich nur in offener Aussprache verständigen kann.

Da ich mich nur sehr oberflächlich mit chinesischer Kultur auskenne, weiß ich nicht genau, ob das auf mich bisweilen kalt und egoistisch wirkende Handeln einiger Personen im Buch ein Erzählkniff ist, oder ob ein Chinese das nicht weiter ungewöhnlich fände. So oder so gefällt mir diese Sichtweise, bricht sie doch mit meinen bisherigen Lesegewohnheiten und wirft für mich neue ethische Fragen auf.

Die Trisolaris-Reihe gehört nicht zu meinen Lieblingsbüchern, dafür ist sie mir zu düster. Sie gehört aber mit Sicherheit zu den besten Büchern, die ich gelesen habe und die ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Liu Cixin
Die drei Sonnen ISBN-13: 978-3453317161
Der dunkle Wald ISBN-13: 978-3453317659
Jenseits der Zeit ISBN-13: 978-3453317666
Heyne-Verlag, jeweils 17 €

Sonntag, 18. August 2019

Y-Tours reloaded

Es ist ein Freitag im Jahr 2001 in einem Intercity nahe bei Kassel. Die Luft ist wie in einer Kneipe, eine Mischung aus abgestanden, verraucht und Bier. A propos stehen, Sitzplätze gibt es schon lange nicht mehr. Der ganze Zug ist vollgestopft mit jungen Kriegsdienstleistenden, die brav bis Dienstschluss das Vaterland verteidigt haben und nun auf der Heimfahrt sind. Wenn der Sold schon eine Frechheit ist, so hat die Nation ihnen doch wenigstens Tickets spendiert, welche die Fahrt zwischen Kaserne und Wohnort gratis abdecken. Das führte zu den berüchtigten Y-Tours, Heerscharen von alkoholisierten Soldaten, die Freitags auf der Fahrt ins Wochenende und Sonntags auf dem Weg zur Kaserne die Züge verstopften.

Diese Zustände will die neue Kriegsministerin gern wieder haben. Sie hat sich vorgenommen, die Bundeswehr attraktiver zu gestalten, indem sie die Freifahrten mit der Bahn wieder einführt. Ökologisch ist das bestimmt kein falsches Signal. Gesellschaftlich finde ich es auch nicht falsch, Menschen zu begünstigen, die einen bestimmt nicht einfachen Dienst für den Staat leisten. Ich frage mich nur: Warum ausgerechnet die und nur die? Was leistet eine Polizistin weniger, die ebenfalls für lächerliches Geld im Staatsdienst arbeitet, dass sie kein solches Ticket bekommt? Was leistet eine Lehrerin weniger, die ebenfalls verbeamtet anderen Menschen etwas beibringt? Ist die Bereitschaft, Menschen umzubringen, so viel wertvoller, dass man sie mit Gratisbahnfahrten belohnen muss?

Wie immer, wenn es darum geht, schwülstigen Unsinn abzusondern, darf Alexander Dobrindt nicht fehlen. Der gibt bei "Spiegel Online" von sich: "Übrigens geht dies auch einher mit einem stärkeren Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger".

Nur, damit ich das richtig verstehe: Glaubt der Mann allen Ernstes, die Bundeswehrsoldaten spielten an Bord eines Zuges so eine Art Freizeit-Security? Ich habe erlebt, wie es in Zügen voller Bundeswehrsoldaten zuging, und das war das komplette Gegenteil von Sicherheit. Hinzu kommt, dass zu Zeiten der Pflichtarmee allein schon aus statistischen Gründen  genug Leute beim Bund waren, die eine gewisse Distanz zu ihrem Dienst hatten. Nun aber, nach Jahren des Im-eigenen-Saft-Kochens, hat sich die Bundeswehr ein massives Rechtsradikalismus-Problem eingetreten. Das heißt nicht, dass alle Soldaten Nazis sind, aber es heißt, dass ich Zweifel daran habe, dass im Falle eines Konflikts die demokratisch gesinnten Soldaten ihre rechtsradikalen Kameraden zur Besinnung bringen.

Selbst, wenn  wir annehmen, dass die Rechtsradikalen auf Reisen sich beherrschen und keine Frauen, Linken, Ausländer oder Homosexuellen belästigen, frage ich mich, wie Dobrindt sich die Bundeswehr als Ordnungsmacht an Bord von Zügen vorstellt. In dem Moment, da ein Soldat die Uniform auszieht, ist er nicht mehr im Dienst - und zwar völlig zu recht. Der wird ganz bestimmt nicht seine Aufgabe darin sehen, im Zug Patrouille zu laufen oder dort auf irgendeine Weise für Sicherheit zu sorgen. Er hat nicht einmal das Recht dazu. Mehr noch: Selbst wenn er Uniform trüge, hätte er an Bord eines Zuges nichts zu melden. Aus sehr gutem Grund wird die Bundeswehr im Inneren nur im Katastrophenfall eingesetzt, und bei allem Ärger über den allenfalls homöopathisch messbaren Service der Bahn - ich vermute, da kann auch die Bundeswehr nicht mehr viel bewirken. Nein, wenn an Bord jemand das "Hausrecht" (schöne Metapher für ein Unternehmen, dessen Anspruch für Mobilität zu sorgen, nicht ganz mit der Realität in Einklang steht) hat, ist es die Zugbegleiterin, und wenn sie nicht weiterkommt, die Bundespolizei. Ehrlich gesagt wundert mich nicht, wie jemand, der solch uninformierten Blödsinn von sich gibt, sein Amt als Bundesverkehrsminister verloren hat.

Interessant ist auch, was sich die Kriegsministerin den Spaß kosten lässt. Überschlagen wir mal: 181.377 Soldaten (30. Juni 2019) mal 4395 € für eine Bahncard 100 wären 797.151.915 € pro Jahr. Nehmen wir einmal an, dass da noch einige Rabatte ausgehandelt werden und längst nicht alle Soldatinnen das Angebot wahrnemen werden, halte ich eine halbe Milliarde Euro für eine halbwegs realistische Ausgabe. Was aber zahlt die Bundeswehr? 4 Millionen, in Worten: vier. Das sind 0.04 Eurofighter, zwei bis vier Tomahawks oder ein Viertel "Puma" Schützenpanzer (6 Milliarden Euro für 350 Panzer sind etwa 17 Millionen pro Fahrzeug). Mit der Portokassenausschüttung Kramp-Karrenbauers ließen sich regulär 910 Bahncard 100 ausstellen. Ohne jetzt groß rechnen weiter rechnen zu müssen - das ist ein Witz, der sich niemals rentiert. Die Bahn wird das irgendwie kompensieren müssen, und raten Sie mal, woher sie sich die fehlenden Millionen holen wird? Richtig geraten, bei Ihnen, den normalen Fahrgästen. Die ganzen Sparpreise werden Sie künftig vergessen können. Sie zahlen also gleich doppelt für das Prestigeprojekt der Kriegsministerin: erstens Steuern und zweitens höhere Fahrpreise, aber das sollte es uns Wert sein, das Vaterland am Hindukusch verteidigt zu wissen.

Montag, 5. August 2019

Drei Rants zur Saure-Gurken-Zeit

In den letzten Sommerferien war immer irgendetwas los, was die Leute von dummen Gedanken abhielt. Oft genug waren es Landtags-, Bundestags- oder Europawahlen, oft kombiniert mit Themen wie Internetzensur, Five-Eyes-Überwachungsskandalen oder Flüchtlinge, um die sich gekümmert werden musste. Beim Blick in die Schlagzeilen hatte ich zwar nicht immer das Gefühl, dass sich während des Sommers immer diejenigen vor die Mikrofone stellen, man zu normalen Zeiten dort hingelassen hätte. In diesem Jahr hingegen habe ich erstmals seit langer Zeit das Gefühl, dass wirklich nichts los ist, und das bedeutet nicht nur, dass es nichts gibt, worüber wir reden können, sondern auch, dass die Leute über nichts reden, die man mit allen verfügbaren Mitteln daran hätte hindern müssen. Drei Beispiele:

Greta segelt

Monatelang habe Thunberg überlegt, lässt sie verlauten, doch nun habe sie eine Lösung: Segeln sei eine emissionsarme Methode, den Atlantik zu überqueren. Nun könnte ich freilich lästern, dass Thunberg, hätte sie mehr Zeit in einer Schule als davor verbracht, sich mit dem Blick in ein Geschichtsbuch viel Aufwand hätte sparen können, weil sie dann gewusst hätte, dass ihre Landsleute schon rund 1000 Jahre vor ihr auf diese Idee gekommen waren. Auf der anderen Seite finde ich ihr Engagement völlig in Ordnung, zumal auch mir in der Schule niemand etwas über Leif Eriksson erzählt hat. Was mich eher stört, ist die praktische Nutzlosigkeit dieses PR-Stunts, schlimmer noch, die Botschaft, die er hinterlässt: Abomino pauperos, "Ich verabscheue die Armen" oder neudeutsch: "Eure Armut kotzt mich an." Sich als Vorzeige-Aktivistin gesponsort in ungefähr zwei Wochen auf einer Rennjacht nach Amerika schaukeln zu lassen, ist keine Kunst. Es ist aber ungefähr so realitätsnah, wie aufgrund der erfolgreichen Apollo-Missionen von einer Besiedlung des Mondes zu sprechen. Die Netto-Kassiererin, die mehrere Jahre für ihre Ferienreise nach New York sparen musste, wird ganz bestimmt nicht vier von insgesamt fünf Wochen ihres Jahresurlaubs allein schon mit der Hin- und Rückfahrt verbringen wollen - falls sie sich die überhaupt leisten kann. Selbst die Geschäftsreisende, die pünktlich am Dienstag um 10 Uhr zur Besprechung in Boston erwartet wird und die Bootsreise von der Firma bezahlt bekommt, kann mit Zeitangaben wie "ungefähr zwei Wochen" keine zuverlässigen Termine vereinbaren, nicht zuletzt, weil ihr Kalender eine deutlich dichtere Taktung vorsieht. Sie wird also notgedrungen das Flugzeug nehmen und die CO2-Strafgebühren in Kauf nehmen. Mit anderen Worten: Mobilität soll endlich wieder etwas sein, was den Prominenten, Schönen und Reichen dieser Welt vorbehalten ist. Der Rest von uns soll gefälligst schön klimafreundlich die Ferien auf dem überfüllten Campingplatz am Baggersee verbringen.

Nun könnten wir uns in der Tat darüber unterhalten, ob wir dem Götzen Mobilität in den letzten Jahrzehnten nicht etwas arg gehuldigt haben. Billige Flugreisen zum Beispiel waren zu meiner Kindheit keine Selbstverständlichkeit. Die gerieten erst mit dem Aufkommen der Discount-Airlines Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger in Regionen, die Auto und Bahn vergleichsweise teuer erscheinen lassen. Diese Preisänderung hatte aber weiterreichende Auswirkungen, als sich auf den ersten Blick vermuten ließe. Sie veränderte das Reiseverhalten in ganz Europa. Die Menschen setzten sich für eine Reise von Lübeck nach Frankfurt nicht mehr in einen Zug, sondern ins Flugzeug. Was zuvor knapp fünf Stunden dauerte, ließ sich mit An- und Abreise zum Flughafen in drei erledigen und war bei rechtzeitiger Buchung sogar billiger. Wer günstig von Hamburg nach London wollte, musste nicht mehr einen Tag in Reisebussen und auf Fähren verbringen, sondern flog zum Taschengeldpreis mal eben hin. Die Welt wurde kleiner. Verreisen innerhalb Europas war nicht mehr den Reichen als teurer Luxus vorbehalten, sondern für alle erschwinglich.

Egal, ob "Fridays for Future" sich durchsetzt oder nicht - Energie und damit auch Mobilität wird in Zukunft teurer sein, weil uns die fossilen Energieträger ausgehen. Wir werden uns überlegen müssen, welche Reise wichtig ist und welche wir uns schenken können. Wahrscheinlich lassen sich viele Geschäftsbesprechungen auch mit einer Videokonferenz erledigen. Andererseits weiß ich: Die zwischenmenschliche Komponente kann keine Videokonferenz ersetzen. Ich habe mitunter auf einer Geschäftsreise in zwei Sitzungen und einem Abend all die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen können, die sich durch wochenlangen Mailverkehr und Onlinebesprechungen nicht klären ließen. Das mag vielleicht irrational erscheinen, aber so ticken wir Menschen nun einmal.

Auf der anderen Seite haben wir ein Vierteljahrhundert lang Mobilität zur absoluten Maxime erhoben, haben den innerstädtischen Wohnraum immer weiter verteuert, so dass selbst Gutverdienende in die Speckgürtel und aufs Land ausweichen mussten. Wer eine Stelle nicht annahm, weil er nicht täglich vier Stunden allein mit der Fahrt zur Arbeit und zurück verbringen wollte, musste sich blasierte Sprüche anhören, ein bisschen Flexibilität sei ja wohl das Mindeste, was in einer mobilen Gesellschaft an den Tag gelegt werden muss. Jetzt den Spieß umzudrehen und eben jene zu verteufeln, die sich dem Druck gebeugt und ein Lebensmodell mit viel Herumreisen aufgebaut haben, ist günstigstenfalls ignorant. Ich tendiere eher zu "verächtlich".

Mich persönlich stört es nicht besonders, wenn Fliegen wieder teurer wird. Ich fliege ohnehin nicht gern. Ich lebe allerdings auch schon lang genug, um zu wissen: Wenn die Politik "begünstigen" sagt, meint sie tatsächlich "alles Andere verteuern". Wenn sie "Anreize schaffen" sagt, meint sie in Wirklichkeit "Alternativen künstlich verkomplizieren". In der Praxis: Flüge werden für Normalsterbliche unerschwinglich, während gleichzeitig kein Cent in den Ausbau des Schienenverkehrs gesteckt wird. Statt schnelle, bequeme, zuverlässige und billige Zugreisen zu schaffen, werden wir für Flüge Antragsformulare ausfüllen müssen, in denen wir begründen, warum wir einen Spaziergang durch Rom einem Einkaufsbummel in Wanne-Eickel vorziehen.

Roller rollen

Am 17. Mai erlaubte der Bundesrat elektrische Tretroller im Straßenverkehr. Das ließ die bis an die Grenze des Reaktionären änderungsaverse teutonische Volksseele kochen. Was hatte der brave Germane nicht alles erdulden müssen: fünfstellige Postleitzahlen, "daß" mit "ss" am Ende, den Euro und jetzt auch noch diese Dinger, die neben linksgrün versifften Fahrradökos und gammligen Fußgängern, die sich nichts Anderes leisten können dem blechernen Ersatzgemächte den Platz auf der Straße wegnehmen. Was zu viel ist, ist zu viel. So nimmt es auch nicht Wunder, das für den "Spiegel" bereits knappe zehn Wochen später feststeht: Alles Tinneff. Die Roller werden nicht, wie es sich gehört, dafür genutzt, den Landmann zum Frondienst und zurück zu karren, sondern, hör sich das einer an, ZUM SPASS! Was fällt denen ein? Der Deutsche hat zu rackern, im Schweiße seines Angesichts, ab und zu darf er vielleicht noch ein paar Länder überfallen, aber spielen? Geht's noch?

Ich frage mich, was passiert wäre, hätte Gottlieb Daimler zehn Wochen nach Eröffnung seiner Autofabrik nachgesehen, ob sein Automobil nur zu ernsthaften Zwecken oder doch eher als Spaßvehikel benutzt wird und dann gesagt: "Experiment gescheitert, die Leute stellen nur Unsinn mit meiner Erfindung an, ich schließe meinen Laden wieder."

Natürlich hat die vom "Spiegel" zitierte Studie einen anderen Hintergrund. Es ging darin um die Hoffnung, die Leute mögen für kurze Distanzen vom Auto auf Elektrotretroller umsteigen. Eine überwiegend spielerische Nutzung legt dabei die Vermutung nahe, hier seien die neuen Geräte um ihrer selbst Willen und nicht als Ersatz für den PKW genutzt worden. Das wäre in der Tat aus ökologischer Sicht wenig erfreulich. Vielleicht stellt sich das auch tatsächlich heraus - aber doch bitte nicht bereits nach zehn Wochen.

Zumindest in meiner Gegend sind die E-Scooter gerade erst aufgetaucht. In manchen Städten gibt es sie noch gar nicht. Aus dieser Datenbasis mehr als die Aussage abzuleiten, dass es Tretrollerverleihmodelle gibt und sie genutzt werden, kann eigentlich nur jemandem einfallen, der in der Statistikvorlesung schon nach der ersten Woche gegangen ist. Doch gehen wir unabhängig von der unseriösen Folgerung einmal davon aus, dass die reinen Zahlen stimmen und die Roller tatsächlich im Moment vorwiegend für Spaßfahrten eingesetzt werden. Ist das nicht ganz natürlich? Probieren Leute Dinge nicht erst einmal aus, bevor sie sich ernsthaft auf sie verlassen? Kann man sich überhaupt auf sie verlassen? Zumindest dort, wo ich unterwegs bin, sehe ich nur selten abgestellte E-Roller, wenn ich einen brauchen könnte. Hinzu kommen das in meinen Augen umständliche Mietverfahren sowie das unattraktive Bezahlmodell. Wenn ich ohnehin eine Dauerkarte des lokalen Verkehrsverbunds habe, möchte ich sie einfach an den Roller halten und losfahren. Ich möchte nicht eine App auf mein Smartphone laden, Kreditkartendaten hinterlegen, Abos abschließen, QR-Codes scannen und irgendwelche hanebüchenen Minutenpreise zahlen. Ich bezahle meinen Verkehrsverbund bereits dafür, mich von A nach B zu bringen, und wenn die Busse und Bahnen mal wieder nach dem Lustprinzip fahren, will ich nicht noch extra dafür zahlen, dass jeden Monat ein nicht unerheblicher Betrag für eine nicht erbrachte Leistung abgezogen wird, während ich verzweifelt versuche, weniger als eine Stunde verspätet mein Ziel zu erreichen. Wundert es da, dass zumindest in der Anlaufphase E-Scooter eher als Spielzeug denn als alltägliches Verkehrsmittel genutzt werden?

Sicherheitsspezialisten schwätzen

So traurig es ist: Der Mord (ich nenne die Tat ungeachtet späterer juristischer Bewertungen einmal so) von Frankfurt, bei dem ein achtjähriger Junge vor einen in den Hauptbahnhof einfahrenden ICE geworfen wurde, hätte nicht verhindert werden können. Das wollen die Leute natürlich nicht wahrhaben, und so rangieren die Verbesserungsvorschläge von offenkundigem Blödsinn wie Videoüberwachung (Wie soll das funktionieren? Stellen sich Kameras schützend zwischen Fahrgäste und Gleisbett?) über Zutritt zum Bahnsteig nur mit Fahrkarte (OK, die Bahn wird's freuen, hat sie noch eine Möglichkeit mehr, ungerechtfertigt Geld zu kassieren, aber warum sollte ein Mörder schlagartig zum friedfertigen Menschen mutieren, weil er 40 Cent für ein Bahnsteigticket bezahlt hat?) und mehr Polizeipräsenz (Ich stelle mir gerade vor, wie am Hamburger Hauptbahnhof ganze Hundertschaften die Bahnsteigkanten absichern.) bis hin zu gut gemeinten, aber hierzulande nicht funktionierenden Ideen wie Barrieren, die sich nur auf Höhe der Zugtüren und zu dem Zeitpunkt öffnen, wenn der Zug zum Stillstand gekommen ist (was sehr präzise haltende Züge und einheitliche Türabstände bei allen Zugtypen voraussetzt). Doch selbst, wenn wir es hinbekämen, die Bahnhöfe abzusichern, wäre nicht viel gewonnen. Wer heute öffentlichkeitswirksam Menschen umbringen will, fährt mit einem LKW eine Uferpromenade entlang. Im Zweifelsfall reicht auch ein kleiner dimensionierter Lieferwagen oder ein PKW. Wer aufgrund erhöhter Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr an Bahnhöfen Menschen vor Züge schubsen kann, sucht sich eine stark befahrene Ampelkreuzung und schubst dort Leute vor Autos. Wie reagieren wir dann? Fordern wir Gitterzäune an Ampeln, die nur bei Grün geöffnet werden? Ich weiß, das wird niemandem gefallen, aber der Grund, warum wir uns jeden Tag auf die Straße wagen, ist der, dass wir zwar von Idioten umzingelt sind, von denen aber nur ein verschwindend geringer Teil uns Leid zufügen will. Wer uns das garantiert? Niemand. Es hat einfach bislang so funktioniert.

Nachträge

Greta atmet

Wenn mich etwas noch mehr anödet als eine junge Klugschwätzerin, sind es alte Klugschwätzer. Dass Thunbergs Segeltörn eine peinliche Symbolaktion ohne jeden Praxisbezug ist, sollte keine besondere Erkenntnis sein. Jetzt haben aber ein paar ganz besonders Schlaue bei der taz und Spiegel Online nachgerechnet und herausgefunden, dass die Fahrt hin noch einigermaßen umweltverträglich ablaufen mag, das Schiff aber von Amerika aus wieder nach Europa zurücksegelt und die zugehörige Crew erst eingeflogen werden muss - was den ökologischen Sinn der Aktion natürlich konterkariert.

Thunberg lernt also gerade auf die Harte Tour, was es heißt, im Rampenlicht zu stehen. Sie hat keine Gelegenheit ausgelassen, sich mit Maximalrhetorik als Heilige zu inszenieren, und die Medien haben brav den Hype mit angestachelt. Nun hat der große Nachrichtenzirkus vor allem eine Währung, und die lautet Aufmerksamkeit. Moral spielt da nur so lange eine Rolle, wie sie der Auflage hilft. Freund und Feind gibt es da nicht. Die gleiche Zeitung, die dich am Montag noch in den Himmel gelobt hat, wird dich am Dienstag als neuen Hitlermaostalin inszenieren, wenn es Klicks bringt. Was heißt "wenn", nein weil es Klicks bringt. Gegen den Strom zu schreiben, kommt immer gut an, zeigt es doch, wie mutig und kritisch jemand etwas hinterfragt. Da eignen sich Heilige wie Thunberg natürlich besonders gut. Einen Fleck an der glänzenden Fassade zu finden, ist für den sich vom Ruhm nicht blenden lassenden Geist schon fast eine Pflicht. Thunberg anzugreifen, ist natürlich schwer, hat sie doch gleich mehrere Attribute, die sie schützen: Frau, jung, Behinderung. Andererseits ist sie im Medienhaifischbecken noch eine ungeübte Schwimmerin, und wer so hohe moralische Maßstäbe anlegt wie Thunberg, wird an genau diesen Maßstäben gemessen - auch wenn dabei so ein Unfug herauskommt wie dieses Mal.

Wäre Thunberg geflogen, hätten sich die Leute aufgeregt.Wäre sie auf einem Frachter, der ohnehin auf dem Weg nach New York ist, mitgefahren, hätten sich die Leute über den Frachter aufgeregt. Selbst wenn sie wie gelegentlich gefordert eine Skype-Konferenz angesetzt hätte, wäre irgendjemand auf die Idee gekommen, nachzurechnen, wie viel Strom und Rechenleistung das verbraucht und wie der ökologische Fußabdruck der Skype-Server aussieht. Es verblüfft mich insgesamt, wie sehr seit Monaten die Debatte über Äußerlichkeiten geht. Wir haben ganze Talkshowabende erlebt, in denen ausgiebig die Frage erörtert wurde, ob es denn rechtlich zulässig sei, an einem Tag pro Woche die Schule zu schwänzen. Dass es den Schülerinnen  um irgendwas ging, war völlig egal. Einfach so den kostbaren Unterricht boykottieren, das geht ja nun wohl gar nicht.

Ähnlich ist es bei dieser - zugegeben peinlichen - Atlantik-Segeltour. Die eigentliche Frage ist in meinen Augen nicht, ob Thunberg bei dieser Aktion wirklich CO2 spart. Es ist egal, weil ihr Ausflug nicht einmal im Ansatz massentauglich ist. Die eigentliche Frage ist, ob und wie wir künftig weltweit mobil sein wollen, und die zu stellen, ist Thunberg gelungen.

Montag, 22. Juli 2019

CW

Ich könnte Ihnen erzählen, was es mit dieser Abkürzung auf sich hat, aber das könnte Sie triggern. Ich könnte Ihnen erzählen, worum es in diesem Blogbeitrag geht, aber auch das könnte Sie triggern.

Samstag, 20. Juli 2019

Roller die Waldfee

Wenn es etwas gibt, was der Deutsche noch mehr hasst als Leute, die Grünglas in den Weißglascontainer werfen, ist es Veränderung. Er hasste die fünfstelligen Postleitzahlen, gegen die Rechtschreibreform rief er sogar einen Volksentscheid ins Leben (was dazu führte, dass einige Schülerinnen innerhalb weniger Jahre nicht ein- sondern gleich viermal andere Schreibweisen lernen mussten), und ich bin überzeugt, dass viele Menschen Hitler allein deswegen gewählt hatten, weil er versprach, dass sie sich 1000 Jahre lang an keine neue Regierung gewöhnen müssen. Als Ende der Achtziger völlig überraschend die Wiedervereinigung über die Deutschen hereinbrach, sah es für einen kurzen Moment so aus, als könne diese Nation doch noch Gefallen an einer grundlegenden Änderung finden, aber schnell fand der damalige Kanzler Kohl einen Weg, die Wiedervereinigung in eine Annexion (verbal als zufällig gleichzeitig stattfindender, ganz spontaner Beitritt von Teilen Deutschlands zu Westdeutschland nach Artikel 23 GG verbrämt) umzuwandeln, in der alles beim Alten bleibt, nur mit D-Mark und mehr Bananen. Damit konnte das Volk sich anfreunden und brannte zur Feier des Tages ein paar Flüchtlingsunterkünfte ab.

Tritt dann auch noch eine Veränderung zu einem Zeitpunkt ein, an dem ansonsten wenig los ist, paart sich die Ablehnung alles Neuen mit dem Zwang, alles besser zu wissen, und heraus kommt eine komplett blödsinnige Sommerlochdebatte. In diesem Jahr trifft es die Elektro-Tretroller.

Ja, ich rede wirklich von diesem Kinderspielzeug, das seit dem IT-Boom um die Jahrtausendwende durch die Lagerhallenbüros irgendwelcher Hipster-Startups geistert und seit einigen Jahren auch auf Messen und CCC-Großveranstaltungen anzutreffen ist, wenn Leute schlicht keine Lust haben, weite Strecken zu Fuß zurückzulegen und nach etwas Handlichem suchen, das die Sache erleichtert. Irgendwer war zwischenzeitlich auf die Idee gekommen, die Dinger mit einem Elektromotor auszustatten, der auch den unsportlichsten Fettsack auf 20 km/h beschleunigte, und plötzlich waren die Elektro-Tretroller interessant. Wie hierzulande üblich, brauchte die deutsche Bürokratie ein paar Monate, um zu entscheiden, ob so ein Röllerchen im Gegensatz zum dieselverbrennenden, tonnenschweren SUV, das mit Vollgas durchs Wohnviertel zimmert, eine tödliche Gefahr darstellt, doch kaum war diese Frage gelöst, flogen offenbar Transportmaschinen übers Bundesgebiet, die über jeder Häuseransammlung die größer war als ein Einsiedlerhof, Dutzende Mietroller abwarfen. Inzwischen habe ich in Gegenden Roller gesehen, von denen ich bislang angenommen hatte, dass da ohnehin niemand lebt, Dortmund-Kirchende zum Beispiel.

Als vor etwa fünf Jahren die ersten Fahrräder mit Elektromotorunterstützung auftauchten, war die Reaktion entspannt. Wahrscheinlich lag es daran, dass man den Geräten erst auf den zweiten Blick ansah, dass sie gepimpt waren, und zweitens kamen die Leute schnell auf den Dreh, dass sie nach außen moralische Überlegenheit demonstrieren können ("Schaut her, ich fahre Rad. Ich strenge mich an und schütze die Umwelt."), während sie in Wirklichkeit ihren faulen Hintern - relativ gefährlich - elektrisch getrieben durch die Gegend schaukeln lassen und dabei weniger Kalorien verbrauchen, als wenn sie das Gaspedal ihres Autos drücken - das selbstverständlich weiter das Fortbewegungsmittel Nummer eins bleibt.

Anders ist es bei den Rollern. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht sind es die ergrauten Fünzigjährigen, die während ihrer Midlife-Crisis ihre kindliche Ader wiederentdecken und auf scheinbar nicht standesgemäßen Spielzeugen umherflitzen, vielleicht sind es die Radfahrer, die ihre Hoheit als moralische Blockwarte gefährdet sehen, auf jeden Fall ist seit einigen Wochen ein inniger Streit um - naja - Tretroller entbrannt. Die beiden Extrempunkte seien hier anhand zweier Artikel von Sascha Lobo und Nico Lumma beschrieben.

Lumma betet praktisch einmal die "Standardsituationen der Technologiekritik" von Kathrin Passig herunter: Wozu denn, es gibt doch schon Fahrräder, Roller nutzen nur den Chinesen und gefährden die heimische Wirtschaft, Roller sind technisch unausgereift, und außerdem ist das alles nur der Versuch, ein schniekes Startup zu gründen, um sich dann von der nervös gewordenen Automobilindustrie aufkaufen zu lassen. Fazit: Das Fahrrad bleibt.

Ich lese Lumma schon seit vielen Jahren, und ehrlich gesagt hätte ich so ein verstocktes Technophobengewäsch eher aus der Ecke eines Günter Grass (der zugegebenermaßen nicht mehr viel zu diesem Thema sagen kann) als von einem technisch umtriebigen Endvierziger erwartet. Vor allem erscheint mir die ganze Argumentation unausgegoren. Über hundert Jahre haben wir Städte für Autos und nicht für Menschen gebaut. Heute, wo wirklich der letzte Depp langsam begreift, dass der innerstädtische Individualverkehr nicht mehr skaliert und dass wir, wenn die Nordsee nicht an den Stadtrand von Bielefeld schwappen soll, jetzt - in Worten: jetzt - etwas unternehmen müssen, sind neue Ideen gefragt. Egal, ob Ausbau des ÖPNV, Autofahrverbote, Mieträder, Tretroller - kaum eine Idee ist idiotischer als das, was wir im Moment haben (sehen wir von Flugtaxis ab, die auch nur Symptome, keine Ursachen bekämpfen). Wenn die Chinesen bessere Akkus bauen, ist das kein Grund, sie zu boykottieren, sondern dazu, selbst wieder welche zu fertigen. Das Wissen war vorhanden, aber wir haben es nach Asien verhökert, weil wir noch in diesem Jahrzehnt meinten, das mit dem Ölverbrennen als Energiequelle ginge ewig so weiter. Außerdem ignoriert Lumma, dass der Trend auch beim Fahrrad schon längst zur Elektrounterstützung geht. Bei allem Gespöttel: Ich finde es allemal besser, wenn die altersschwache Rentnerin sich mit ihrem Elektrorad den Berg hochschummelt, als wenn sie die Strecke mit ihrem VW Tiguan führe. Was in Lummas Artikel ebenfalls fehlt, sind Mietfahrräder. Er kritisiert, dass man sich einen Roller umständlich mit einer App reservieren muss und übersieht dabei, dass die meisten Fahrradverleihe ganz ähnlich funktionieren. Was für Fahrräder in Ordnung geht, ist bei Rollern böse, sehe ich das richtig? Komplett auf Thesenebene verharrend finde ich Lummas Mutmaßung, die Roller seien reine Inszenierung für die Autoindustrie. Erstens: Willkommen im Kapitalismus. Der kennt keine Moral, sondern nur Gewinnmaximierung. Natürlich geht es den Rollervermietern nicht um die Rettung der Umwelt und die Entlastung der Innenstädte. Es geht ihnen um Geld - wie praktisch allen Mobilitätsanbietern. Wenn irgendwer mit einer guten Idee reich wird - warum nicht? Selbst wenn er sich später von Audi kaufen lässt, wird diese Firma kaum so dumm sein, den profitablen Neuerwerb einzustampfen. Sie wird eher wie Facebook im Fall von Whatsapp dafür sorgen, dass sich das Geschäft weiterwickelt.

Sascha Lobo bringt noch einen weiteren Aspekt ins Spiel: Das Argument, Tretroller seien im Straßenverkehr so gefährlich, verdrehe Ursache und Wirkung. In Wirklichkeit seien es nicht die Tretroller, die eine Bedrohung armer Autofahrerinnen darstellten, sondern die Autos, die keine Rücksicht auf die unscheinbaren Tretroller nähmen. Eine schöne Begriffsklärung nimmt Lobo beim Wort "Mobilität" vor und zeigt damit die Stärke der ganzen Verleihmodelle. Wir reden von "Mobilität" mit dem eigenen Auto und meinen damit den Wunsch, von A nach B zu gelangen. Was wir tatsächlich vollführen ist die Bewegung von A nach A mit einem Zwischenhalt in B, und das ist mehr als nur eine semantische Spitzfindigkeit. Wenn ich mit meinem Auto irgendwo aufbreche, muss ich es die ganze Zeit mit mir herumführen. Natürlich steige ich immer wieder aus, aber nur, um später wieder dort einzusteigen. Ich kann es nicht einfach stehenlassen und es vergessen. Wenn ich unterwegs bin, gehe ich zum Bahnhof, steige dort in den Zug, fahre dort zum Zielort, leihe mir dort ein Fahrrad (oder meinetwegen auch einen Roller), fahre damit zum Zielhaus, lasse das Fahrrad stehen, nehme eine Mitfahrgelegenheit zum Nachbarort wahr, fahrte dort mit dem Bus zum nächstgelegenen Bahnhof und reise schließlich mit der Bahn wieder nach Hause. Ein eigenes Auto hatte ich noch nie, wohl aber einen Führerschein, der es mir ermöglicht, dann ein Auto zu mieten, wenn ich wirklich eins brauche. Das ist in meinen Augen Mobilität.

Was interessanterweise sowohl Scooterkritiker Lumma als auch Scooterbefürworter Lobo in ihren Argumentationen ausklammern: Die Dinger bringen Spaß. Das mag zunächst nebensächlich klingen, tatsächlich ist es ein entscheidender Faktor. Warum fährt die gutsituierte Mittelständlerin einen Zwei-Tonnen-Klotz spazieren, mit dem in anderen Ländern erfolgreich Kriege geführt und gewonnen werden, obwohl irgendeine Billig-Blechbüchse oder gar ein Lastenrad den gleichen Zweck erfüllen? Weil sie Spaß an ihrem Privatpanzer hat. Jetzt könnte man nach traditionell grüner Manier irgendwelche Verbote einführen, die Mineralölsteuer erhöhen und Parkplatzgebühren erheben, mit denen man die Präsidenten-Suite im Hilton für zwei Nächte mieten könnte. Der Erfolg wäre die absolute Mehrheit für die AfD, allgemeine Preiserhöhungen und kein einziges Auto weniger auf der Straße. Die Menschen werden nicht gern belehrt, sondern verführt. Versuch, ihnen das Auto wegzunehmen, und sie werden aus reinem Trotz den Weg zum Bäcker mit dem Auto fahren, selbst wenn sie zu Fuß schneller wären. Gib ihnen ein cooles Spielzeug, und sie werden selbst dann mit dem Ding zur Arbeit rollen, wenn es sich zeitlich nicht lohnt, weil sie einfach Spaß daran haben. Es mag sein, dass wir eine gewisse Zeit brauchen, uns an neue Spielregeln zu gewöhnen, aber das hatten wir bei anderen Dingen auch schon. Wir brauchten eine Eingewöhnungsphase, bis Radfahrer und Fußgänger aufeinander Rücksicht zu nehmen gelernt hatten. Wir brauchten eine Eingewöhungsphase, bis wir wussten, wann es in Ordnung ist, mobil zu telefonieren und wann nicht. Selbst bei E-Zigaretten gibt es inzwischen Konventionen, wie mit ihnen umgegangen werden soll. Natürlich gibt es für jedes dieser Beispiele Ausnahmen. Es gibt die Nahkampf-Radlerinnen, die Smartphone-Brüllerinnen und die Typen, die in der Bahn dampfen, weil "das ja schließlich kein Rauchen ist". Sie bekommen die Sache aber nicht in den Griff, indem Sie Fahrräder, Smartphones und Elektrozigaretten verbieten. Dann benehmen sich die Leute eben woanders daneben. Möglichkeiten dazu gibt es reichlich: Leute, die sich im Supermarkt von der falschen Seite anstellen, die direkt hinter der Rolltreppe stehenbleiben, um sich erst einmal zu orientieren oder im Bus mit ihrer Jacke und ihrem Handgepäck einen kompletten Vierersitz blockieren. Keiner käme deswegen auf die Idee, Supermärkte, Rolltreppen oder Omnibusse zu verbieten. Akzeptieren Sie, dass wir mit einem gewissen Prozentsatz von Idioten leben, und einige davon werden auch Roller fahren.

Ob sich die Elektro-Tretroller durchsetzen, werden wir dann wissen, wenn wir sie ausprobiert haben. Ich sehe in ihnen weder die Heilsbringer, noch den Untergang der Menschheit. Vielleicht haben uns diese Geräte wirklich nicht gefehlt. Was uns ganz bestimmt fehlt, ist eine gehörige Portion Neugier und Verspieltheit, neue Dinge einfach einmal auszuprobieren.

Nachtrag

Spiegel Online hat noch einmal nachgelegt und einen E-Scooter ausprobiert. Wie zu erwarten findet er heraus, dass diese Fahrzeuge nichts taugen. Was nicht so richtig klar wird: Womit vergleicht er es überhaupt? Auf der einen Seite bemängelt er Gewicht und Sperrigkeit und übersieht dabei, dass dies für Fahrräder auch zutrifft. Auf der anderen Seite sieht er keine große Geschwindigkeitsersparnis gegenüber eine zu Fuß zurückgelegten Strecke - auf einer Distanz von 500 Metern. Er kritisiert den hohen Anschaffungspreis, allerdings auch die hohen Kosten der Leihgeräte - und übersieht auch hier, dass sämtliche Leasing- und Mietmodelle anderer Fahrzeuge ebenfalls nach recht kurzer Zeit so teuer wie ein Kauf sind. Das ist aber auch die Geschäftsidee hinter solchen Angeboten: Ich miete mir etwas für einen relativ hohen Preis, habe aber den Vorteil höherer Flexibilität. Ich finde 15 Cent pro Minute auch absurd teuer, habe aber den Vorteil, dass ich am Bahnhof mir das Fahrzeug ausleihe, zum Ziel fahre und es dort stehen lasse, ohne mich noch um irgendwas kümmern zu müssen. Kein Tanken, kein Säubern, kein TÜV, keine Reparaturen - alles Sache der Verleihfirma. Vor allem muss ich dann nichts umständlich eine Treppe herunterwuchten oder mit in die Wohnung schleppen. Das alles ficht den Autor aber nicht an, denn sein Hauptargument, das sich angefangen von der Überschrift durch den kompletten Artikel zieht, lautet: Rollerfahren ist ihm peinlich.

Ja, pff, da kann ich auch nicht helfen, aber mit Verlaub: Was ist das für ein Argument?

Noch ein Nachtrag

Irgendwer bei Spiegel Online scheint ein Kindheitstrauma an Elektrorollern aufarbeiten zu wollen. Anders kann ich mir diesen ans Pathologische grenzenden Eifer nicht erklären, mit dem Negativberichte über dieses Verkehrmittel erscheinen. Jetzt wird sogar die Geschichte herangezogen, um zu belegen, dass auf den E-Scootern ganz bestimmt kein Segen liegt. "Urahn der E-Scooter floppte schon vor 100 Jahren" heißt es hier und beschreibt, wie sich Anfang des letzten Jahrhunders bezinmotogetriebene Roller sowohl in den USA als auch in Deutschland nicht etablieren konnten. Es ist schon bemerkenswert, wie ein Magazin, das ständig über die Bedeutung von Innovationen schreibt, bei so einer banalen Neuerung wie elektisch betriebenen Rollern so in Panik gerät. Wenn man schon die AfD im Osten nicht verhindern konnte, dann vielleicht die E-Scooter in Paderborn Mitte.

Samstag, 6. Juli 2019

Hauptsache, das Feindbild stimmt

Vergesst Argumente, die braucht ihr nicht. Wenn ihr eine Diskussion mit drei Worten beenden wollt, sagt:

alte, weiße Männer.

Das reicht. Alte, weiße Männer sind das personifizierte Böse. Sie vereinen alle negativen Attribute, die wir einst auf mehrere Gruppen verteilen mussten, wie Ausländer, Flüchtlinge, Dunkelhäutige, die Illuminaten, die Nazis, Bilderberger und die jüdisch-zionistische Weltrevolution. Sie sind böse, hinterhältig, sexistisch, rassistisch, egostisch, aggressiv, habgierig, abelistisch und vor allem interessieren sie sich nicht für die Zukunft. Begründet wird dies damit, das alle, ich wiederhole: ALLE alten, weißen Männer unfassbar privilegiert sind, dass sie alle, ich wiederhole: ALLE in Luxus und Wohlstand leben und dass sie keine Schwierigkeiten mit Fehlentscheidungen haben, deren Konsequenzen erst nach ihrem baldigen Tod eintreten werden. Woher dieses Wissen kommt? Also bitteschön, das weiß man doch. Der Mohr spielt guten Jazz, die Südamerikanerinnen sind alle temperamentvoll, die Japaner beherrschen alle eine Kampfsportart, der Iwan trinkt Wodka, der Franzose Rotwein, und dem weißen Mann geht's viel zu gut. Muss man wissen.

Allein schon die These, alte Menschen interessierten sich nicht für Ereignisse nach ihrem Tod, dürfte sich empirisch schwer belegen lassen. Natürlich hat eine in voller Wucht erst in 30 Jahren wirkende Klimakatastrophe für Fünfzigjährige kaum persönliche Konsequenzen, wohl aber für deren Kinder und Enkelkinder, und ich kenne persönlich nur wenig Menschen, die sagen, es sei ihnen egal, woran ihre Kinder oder Enkel verrecken.

Natürlich ist das kein Beweis. Es sind Anekdoten. Ich kenne auch reichlich weiße, alte Männer, denen es OKAY geht, im Sinne von: Sie können ihre Kredite bedienen, den Unterhalt für ihre geschiedene Frau bezahlen, die Miete für ihre etwas heruntergekommene Zwei-Zimmer-Wohnung aufbringen, und da die Preise bei Lidl in Ordnung sind, müssen sie keinen Hunger leiden, ja, es reicht sogar im Sommer für einen Campingurlaub mit den Kindern. Was an diesem Leben so wahnsinnig privilegiert sein soll, habe ich zwar noch nicht verstanden, wohl aber, dass es viele Menschen gibt, denen es schlechter geht, weswegen alles, was diese verwöhnten Pfeffersäcke meinen, fühlen und sagen, per se BÖSE und FALSCH ist. Das liegt daran, dass sie vor lauter Privilegien gar nicht das Elend der Anderen sehen. Sehen können. So sehr versperren ihnen die Privilegien die Sicht. Aber auch das sind nur Anekdoten.


Interessant finde ich, wie bereitwillig das Narrativ vom ultimativ bösen alten, weißen Mann von gerade jener Gruppe aufgegriffen wurde, die sich ansonsten lautstark im Anprangern von Vorurteilen überbietet. Einen Menschen anhand von Kriterien zu beurteilen, auf die er keinen Einfluss hat - undenkbar. Nur nicht in diesem Fall. Allein schon das Verbrechen, sich eindeutig als Mann zu identifizieren und nicht wenigstens ein itze-klitze-kleines bisschen transgender zu sein. Die Hautfarbe - na gut, das lassen wir durchgehen, aber warum ist der Kerl nicht Mitte Dreißig von einem Hochhaus gesprungen, um zumindest zu verhindern, alt zu werden? Da sieht man doch mal wieder, wie sehr sich diese weißen, alten Männer an ihre Privilegien klammern.

Besonders tragisch ist, dass diese Gruppe eigentlich das Richtige will: Gleichberechtigung, friedliches Miteinander der Kulturen, Freiheit und nicht zuletzt die Rettung des Ökosystems Erde. Statt sich Verbündete zu suchen, suchen sie in stalinistischer Selbstzerfleischung den Feind in den eigenen Reihen. Es geht ihnen nicht um einen Generationskonflikt, in dem die jüngere Generation versucht, die festgefahrenen Vorstellungen einer älteren aufzubrechen. Es geht ihnen um die pauschale Ablehnung all dessen, was ein bestimmtes Geschlecht einer bestimmten Hautfarbe und eines bestimmten Alters für gut befindet. Sie argumentieren nicht mehr, sie pauschalisieren - und vergraulen damit diejenigen, die eigentlich auf ihrer Seite stehen, aber als Menschen für voll genommen werden wollen. Wie viel Prozent braucht die AfD noch, bis ihr begreift, dass man platte, menschenfeindliche Weltbilder nicht mit platten, menschenfeindlichen Weltbildern bekämpft?

Sonntag, 16. Juni 2019

Kommunikative Katastrophe

Die Europawahl ist gelaufen, die SPD auf dem Weg zur Fünf-Prozent-Hürde kaum noch zu stoppen, die Grünen scheinen sich als neue Volkspartei zu etablieren und die CDU?

Die CDU wird nicht müde, Argumente zu liefern, warum Menschen unter 60 Jahren sie nicht wählen sollten.

Auslöser war ein fünfzigminütiges Video, dass der Youtuber Rezo vor einigen Tagen ins Netz gestellt hatte, in dem er mit zahlreichen Belegen aufzählt, was ihm an der CDU nicht gefällt. Den Rest der Geschichte kennen wir: Die ihm politisch nahe Stehenden überbieten sich in Lobeshymnen ob der akribischen Vorarbeit, die Rezo vorher geleistet hat, seine politischen Gegner suchen verzweifelt irgendwelche Schönheitsfehler, anhand derer sie das ganze Video diskreditieren können. Strategisch erinnert es mich die Leute, die mir erzählen, sie wären zufällig an einer der freitäglichen Schülerinnendemonstrationen vorbeigekommen, und da hätten doch, sie zitterten noch am ganzen Leibe, wenn sie darüber berichten, da hätten doch tatsächlich einige Demonstrantinnen einen Abstecher zum nächsten US-Burgerbräter unternommen. "Na, ich meine, das sagt doch wohl alles!"

Sagt was?

"Schüler, Demonstration, Klima, McDonald's - verstehste?"

Dürfen Schülerinnen keinen Hunger mehr haben, oder worauf willst du hinaus?

"MÄCK DONNELDS!"

Ja, so heißt der Laden. Nochmal: Was willst du mir damit sagen?

"Na, wie können die auf der einen Seite fürs Klima demonstrieren, aber dann bei Meckes einkaufen gehen, wo doch alle wissen, wie umweltschädlich die sind?"

Dir ist schon klar, dass du auf einer Demonstration, nicht einer Heiligenprozession warst?

So ähnlich geht es mir bei der Reaktion auf das Rezo-Video. Ich mag den aufgeregten Stil nicht, die Wortwahl passt  mir auch nicht, ich finde die Grundhaltung albern, der CDU einen bösen Masterplan zu unterstellen, obwohl Überforderung und Unfähigkeit als Erklärung mindestens ebenso gut ausreichen, aber meine Güte, ich habe auch schon inhaltlich sehr viel dünnere Videos gesehen. Ja einige Patzer, was den Umgang mit Statistiken angeht, sollten einem Studenten einer Naturwissenschaft nicht unterlaufen, aber die fachlich stümperhaften Passagen reichen meiner Meinung nach nicht aus, um das gesamte Video zu verwerfen.

Trotzdem hinterlässt bereits dieser Anfang einen schlechten Beigeschmack. Ganz offensichtlich hatte das Video Erfolg. Mehrere Millionen Aufrufe sprechen für sich. Andererseits verbaut sich dieses Video auch die Chance, mit den Kritisierten ins Gespräch zu kommen. Wer derart angegangen wird, reagiert - wie wir sehen - verletzt, in die Ecke gedrängt, aggressiv. Für eine ruhige Diskussion über das eigentliche Thema muss erst einmal die so aufgebaute Hürde wieder abgebaut werden.

Allerdings nehme ich jede Wette an, was passiert wäre, hätte Rezo das Video im Stil einer Seminararbeit verfasst. Niemand hätte es zur Kenntnis genommen, als Letzte die CDU. Die Tatsache, dass sie überhaupt irgendeine Art von Antwort zeigt, liegt daran, dass Rezo sie angeschrien hat und Millionen Menschen dadurch aufmerksam wurden. Was sich auf diese Weise aber zeigt, ist die in meinen Augen sehr beunruhigende Tendenz, sich mit normalen Mitteln kein Gehör mehr verschaffen zu können. Nur der Aufschrei ist noch laut genug, um gehört zu werden. Mit Schreien beginnt aber auch keine sachliche Diskussion.

Die CDU wiederum reagiert auf eine Weise und in einem Maß dilettantisch, dass jeder Verlag die Geschichte abgelehnt hätte, wäre sie ihm als Romanvorlage eingereicht worden: "Das kaufen uns die Leser nie ab. Meine Güte, in der CDU sitzen eiskalte Politprofis. Die haben Jahrzehnte in diesem Geschäft zugebracht und wissen ganz genau, wann welche Presseerklärung fällig ist, welche Worte da zu wählen sind und vor allem wie sie wieder die Handlungshoheit gewinnen. Kohl konnte Dinge noch aussitzen. Merkel wartete gern ab, wohin sich die Stimmung entwickelte. Beide Strategien sind allerdings schon etwas in die Jahre gekommen, funktionieren nicht mehr so gut, vor allem funktionieren sie nicht universell.

Wenn ein Thema so stark hochkocht, dass selbst meine sorgfältig auf Ödnis getrimmte Twitter-Timeline davon zu reden beginnt, ist Holland in Not. Dann sollte Red Adair zusammen mit den Avengers ausrücken, um zu retten, was zu retten ist. Statt dessen unternimmt die CDU tagelang - erst mal nichts.

Natürlich ist jetzt das Geschrei wieder groß. Die CDU habe das Internet nicht verstanden, tönen diejenigen herum, die selbstverständlich von sich behaupten, eben dieses Verständnis zu besitzen. Das aber ist Schwachsinn. Niemand, einschließlich derer, die sich aufgrund eines von ihnen auf Instagram abgesetzen Smilies für die Oberchecker halten, hat das Internet verstanden. Das Internet ist ein weltweiter Kommunikationsverbund, dessen verbindendes Merkmal darin besteht, sich an ein bestimmtes Datenaustauschverfahren zu halten. Wer aber meint, "das Internet verstanden zu haben", glaubt zu wissen, wie die Menschen weltweit in diesem Netz agieren. Das ist etwa so vermessen, wie zu behaupten, "die Menschheit verstanden zu haben", weil man weiß, dass wir uns mit Sprache verständigen. Das Einzige, was wir sagen können, ist, dass die CDU das Heranwachsen einer Massenbewegung falsch eingeschätzt hat, und wenn wir ehrlich sind, hätte uns das ebenso passieren können.

Ganz ehrfürchtig haben wir auf die millionenfachen Aufrufe des Rezo-Videos geschaut. Die meisten von uns sind froh, wenn sie zweistellige Likes bekommen, ihr Podcast von einer dreistelligen Zahl Menschen gehört und ihre Blogs täglich ein paar Dutzend mal gelesen werden. Hörertreffen mit einer Handvoll Leute in einem Kneipenhinterzimmer sind für uns Woodstock. In Tausendern denken vielleicht Größen wie Michael Seemann oder Tim Pritlove. Millionen ist eine Größenordnung, in die alle Talks des Chaos Communication Congress zusammengezählt kommen. In 14 Tagen 14 Millionen Aufrufe zu sammeln, ist für deutsche Social-Media-Verhältnisse eine sehr große Zahl.

Die "Tagesschau" hat fast 10 Millionen Zuschauer. An jedem einzelnen Abend.

Dieser Vergleich der traditionellen Fernseh- mit der neuen Social-Media-Welt ist zwar wahr, aber auch gefährlich, denn selbst relativ hohe Zahlen können Auswirkungen haben. In diesem Fall wurden die "alten" Medien auf den Sturm im Youtube-Wasserglas aufmerksam, und plötzlich war das Thema doch in der Tagesschau. Spätestens hier hätte die CDU reagieren müssen - was sie auf ihre Weise auch tat: mit Rhetoriktricks aus der Klamottenkiste. Sie versuchte, das Video kleinzureden, unterstellte dem Verfasser monetäre Interessen und hing sich an Stilfragen auf. Wir brauchen nicht darüber zu reden, dass "die Zerstörung der CDU" künftigen Generationen nicht als Beispiel für gelungene Diplomatie dienen wird, aber sehr wahrscheinlich dient es der jetzigen Generation als Vorlage dafür, wie man eine Regierungspartei in die Defensive drängt. Was ab jetzt kam, ließ daran zweifeln, ob die CDU als politischer Gegner überhaupt noch satisfaktionsfähig ist. Philipp Amthor, Kampfheintje der Bundestagsfraktion, kündigte ein Antwortvideo an, doch statt es zu senden, verschwand das Video im Giftschrank, und zum Trost gab es auf der CDU-Homepage ein elfseitiges PDF zum Herunterladen. Hätte Amthor ein Video gedreht, in dem er in einer Naziuniform mit einem schwerölverbrennenden SUV über transsexuelle Flüchtlingskinder fährt, die Außenwirkung hätte kaum schlechter sein können. Eigentlich hätte noch gefehlt, dass die CDU anbietet, das PDF auch per frankiertem Rückumschlag mit der Post zu schicken.

Die SPD hat es im Jahr 2009 als Folge ihrer Zustimmung zur Internetzensur erfahren müssen (und nichts daraus gelernt), und die CDU bekam es zehn Jahre später auch zu spüren: Eine Wahl lässt sich mit den Netzaffinen vielleicht nicht gewinnen, wohl aber verlieren. Mit ihrem trampelhaften Verhalten seit den freitäglichen Schülerinnendemonstrationen, bei denen ihr über Wochen nichts Besseres einfiel als sich über die Verletzung der Schulpflicht zu ereifern, hat die Union gute Aussichten, ähnlich wie einst die SPD den Anschluss an eine komplette Generation zu verlieren. Den vorläufigen Tiefpunkt erreichte die CDU-Öffentlichkeitsarbeit kurz nach der Europawahl, als sich die Parteivorsitzende in einer Rede darüber beklagte, dass Leute auf Youtube einfach so ihre politische Meinung sagen können. Da müsse es doch Regeln geben. Regeln, die - und das übersah Kramp-Karrenbauer - wenn schon nicht im analogen, dann doch im digitalen Leben zu existieren hätten. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich jeder Dahergelaufene am politischen Meinungsbildungsprozess beteiligen könnte, ohne vorher die CDU zu fragen?

Auf der anderen Seite: Was wäre geschehen, hätte Rezo fünfzig Minuten lang Statistiken zitiert, in denen Ausländerinnen und Flüchtlinge schlecht wegkommen? Wie hätten wir reagiert, wenn er Belege für die These gebracht hätte, die Kriminalität könne nur noch durch Totalüberwachung gestoppt werden? Hätten wir auch dann noch das Hohelied der Meinungsfreiheit gesungen und uns in Lobpreisungen ob der dargebrachten wissenschaftlichen Studien überboten?

Wissenschaftliches Arbeiten ist vor allem eine bestimmte Methode, Dinge aufzuschreiben. Es geht vor allem darum, Reproduzierbarkeit zu schaffen. Wenn ich Aussagen zitiere, muss ich Quellen angeben - die ihrerseits überprüfbar sein müssen. Wer von Ihnen hat alle in Rezos Video verlinkten Quellen angeklickt und auf ihre Wissenschaftlichkeit überprüft? Wer von Ihnen hat es nicht getan und sich statt dessen gesagr: "Naja, stimmt ja, das meine ich ebenfalls, und guck mal, er hat alles brav verlinkt"?

Rezo hat sich in den politischen Meinungsfindungsprozess eingemischt, dann aber ein ungeschriebenes Gesetz verletzt, indem er den Dialog verweigerte. Das ist selbstverständlich sein Recht, und er hatte sogar verständliche Gründe dafür genannt. Dennoch hinterlässt dieses Vorgehen bei mir einen schlechten Eindruck. Ein derart wuchtiges Video zu veröffentlichen und sich danach zu weigern, mit den Angegriffenen ein Gesrpäch zu führen, ist wie Losschimpfen, Rausrennen und Türzuschlagen. Es ist so, als wenn jemand beim Tischtennis aufschlägt und anschließend schnell die eigene Hälfte der Platte hochklappt, damit die Gegenseite nur noch gegen sich selbst spielen kann. Das ist ein möglicher Spielzug, aber das Protokoll hätte etwas Anderes vorgesehen.

Eine grundlegende Frage, die sich durch die Debatte zieht, scheint mir zu sein, in welcher Rolle wir Rezo sehen wollen. Irgendwer hat den Begriff "Influzenzer" aufgeworfen und damit die Unklarheit einfach nur um eine Stufe verschoben, da auch keiner genau weiß, was das heißen soll. Ab wann beginnt der "Einfluss", den diese Leute angeblich nehmen? Müssen sie dazu unbedingt Videoblogs bei Youtube unterhalten, oder ist auch ein Twitter-Account mit 1000 Followern "Influence"? Ist ein Videoblog wie "Shadiversity", das sich vor allem um mittelalterliche Waffenkunde dreht, einflussreich? Die Frage, ob Minas Tirith aus dem "Herrn der Ringe" militärisch gesehen eine realistische Festungsanlage ist, mag zu angeregten Nerddiskussionen führen, aber ansonsten wirkungslos bleiben. Allenfalls die Werbeeinblendungen könnten reale Auswirkungen haben.

So gesehen ist auch die Diskussion, ob Rezo kommerzielle Interessen verfolgt, reichlich albern. Wenn die Helene Fischer auf einer Spendengala gratis auftritt, fragt sich auch kein Mensch, ob sie insgesamt kein Honorar nimmt. Es trägt sehr zur Glaubwürdigkeit des Videos bei, dass Rezo dort keine Werbung geschaltet hat, aber die paar Euro, die er auf diese Weise verloren hat (weil die Produktion natürlich Aufwand für ihn bedeutete), hat er schon längst durch seine enorm gestiegene Bekanntheit kompensiert. Sie müssen schon sehr viele Steine in der Eifel umdrehen, um einen zu finden, unter dem jemand steckt, der mit dem Namen "Rezo" nicht mindestens "ach, der Typ mit den blauen Haaren" verbindet. Ändert das etwas am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen? Nein, weder im Negativen, noch im Positiven. Es fragt auch kein Mensch, ob die "Zeit", der "Spiegel" oder die "Süddeutsche" kommerzielle Interessen verfolgen. Natürlich verfolgen sie die, ansonsten gäbe es sie nicht. Trotzdem kann man auch dann sauberen Journalismus liefern, und das ist die eigentliche Frage: Ist Rezo, sind "Influenzer" Journalistinnen?

Viel von der katastrophalen Reaktion der CDU auf das Video lässt sich mit dem ständigen Schwanken erklären, in Rezo einmal einen belanglosen Bubb zu sehen, der ein pubertäres Video für seine Buddies zusammengeklickt hat, oder einen Journalisten, der seine millionenfache Reichweite für politische Propaganda missbraucht oder einen "Influenzer", von dem zwar keiner weiß, was das eigentlich ist, aber er erreicht Leute, und das müssen wir unbedingt unter staatliche Kontrolle bringen.

Interessant ist hierbei, wie die CDU bei all dem übersieht, dass egal, wo sie Rezo einordnen, sie ihm nicht nur Pflichten abverlangen, sondern auch Rechte zugestehen müssen. Wenn Kramp-Karrenbauer darüber sinniert, wie schlimm es doch wäre, wenn Tageszeitungen zu deutlich in Wahlkämpfe eingriffen, hält sie Rezo offensichtlich für einen Journalisten, und für diese Leute gibt es etwas, das sich Pressefreiheit nennt. Schade, dass sie sich hierzu nicht geäußert hat.

Interessant ist auch, wie die Öffentlichkeit auf neue Trends im Internet reagiert. Erinnern Sie sich daran, wie die Leute beim Aufkommen von Twitter Trivialnachrichten wie beispielsweise die Konsistenz des eigenen Stuhlgangs als Grund zitierten, warum man sich mit diesem Phänomen nicht beschäftigen muss. Das Argument höre ich bis heute. Ich bin jetzt seit über 10 Jahren bei Twitter. Ich folge Hunderten von Leuten. Mein Fazit: Wer sich über Banalität echauffiert, nutzt die zahlreichen Auswahl- und Filtermöglichkeiten nicht richtig.

Jetzt schauen wir uns an, wie wir auf die "Vlogger", "Youtuber", "Influencer" oder wie auch immer sie gerade genannt werden, reagiert haben: "Ja, pff, Beauty-Blogger. Schminktipps." Dann stellte jemand fest, wie viele Leute sich diese Videos ansehen. Die Reaktion: "Meine Güte, die Jugend geht den Bach runter, schaut sich millionenfach an welche Handtaschen gerade angesagt sind, statt sich um die wirklich relevanten Dinge zu kümmern wie zum Beispiel die Lage im Nahen Osten." Jetzt produzieren diese Leute ein Video, das sich um ein Thema dreht, welches ganz konkret jeden Menschen auf diesem Planeten betrifft, und statt sich zu freuen, dass Reichweite und Relevanz zusammengefunden haben, schreien alle herum, was denn diesen Grünschnäbeln einfiele, sich in Dinge einzumischen, die vorherige Generationen über Jahrzehnte hinweg vergeigt haben. Da könnte ja jeder kommen. Neinein, um unsere Spezies auszulöschen, muss man schon 50 sein.

Wir beobachten einen typischen Generationenkonflikt, und mir bereitet das weniger Sorge als die Frage, warum wir über so viele Jahre keinen Generationenkonflikt erlebt haben. Es hat vielleicht gelegenlich etwas gerappelt, als beispielsweise Schülerinnen gegen ACTA auf die Straße gingen, kurze Zeit vorher der Streit über die Internetzensur die Piratenpartei nach oben spülte und wiederum ein paar Jahre zuvor Hunderttausende gegen die Vorratsdatenspeicherung protestierten, aber mir kam das alles immer nur wie ein kurzes Aufflackern vor, welches schnell wieder erlosch. Wir haben um die Jahrtausendwende herum erlebt, wie die Generation der 68er den langen Marsch durch die Institutionen beendete, den sie 30 Jahre zuvor angetreten hatte. Jetzt phast auch diese Generation aus, und es ist in meinen Augen überfällig, einige Gewohnheiten in Frage zu stellen. Das heißt nicht, das jede Idee allein aufgrund des Arguments "Hoppla, ich bin 26" blind durchgewunken werden sollte, aber sie verdient in meinen Augen auf jeden Fall Aufmerksamkeit, weil es immer sinnvoll ist, neue Dinge auf ihre Nützlichkeit hin zu untersuchen.

Vielleicht ist es dieses bornierte Festklammern am längst Überkommenen, was mich am meisten ärgert - dieser an Ignoranz kaum zu überbietende Versuch, das Neue mit unpassenden Metaphern aus der alten Zeit zu erklären, nur um festellen zu können, das da nichts wirklich Relevantes drinsteckt, weshalb man es auch gleich wieder verwerfen kann. Als das Internet aufkam, verglichen wir es mit Warenhauskataogen, was vielleicht den Zugang erleichtert aber viele wesentliche Unterschiede ausblendet. Die Katalogmetapher führte aber auch dazu, an das Internet die falschen Fragen zu stellen. Warum sollte jeder einen Katalog veröffentlichen können? Das geschieht doch jetzt schon nicht, warum auch? Kling ganz so, als bräuchte man sowas nicht. Deshalb störte es die Öffentlichkeit auch nicht, als immer mehr Regularien und Repressalien im Netz eingeführt wurden. Was soll schon schlimm daran sein, bestimmte Inhalte in Kaufhauskatalogen zu verbieten? Das ist ja jetzt schon der Fall, kein Grund zur Sorge

So missverstanden wir uns durch die weiteren Entwicklungen, verglichen Foren mit Leserbriefspalten in Zeitungen, Blogs mit Tagebüchern und schließlich Youtube mit Fernsehen, was natürlich sofort zur Frage führte, ob denn wirklich jeder einen Fernsehsender betreiben müsse, wo es doch schon so viele gibt. Es führte zur Fehleinschätzung, Youtube-Blogger könnten mangels hinter ihnen stehenden millionenschweren Sendeanstalten keine relevanten Beiträge produzieren und den zahlreichen Versuchen, Rezo wegen all der Punkte zu diskreditieren, in denen sein Verhalten nicht zu dem eines Fernsehsenders passte - statt sich einzugestehen, dass dies kein Makel, sondern genau der Grund ist, warum sich Youtube-Bloggen von den bisherigen publizistischen Formaten grundlegend unterscheidet. Kein Mensch käme schließlich auf die Idee, Autos zu kritisieren, weil ihre Reifen öfter aufgepumpt werden müssen als das Rad einer Pferdekutsche.

Die vor allem von Jugendlichen getragenen Klimaproteste dauern nun schon ein paar Monate an, und das scheint mir Grund zur Annahme zu geben, dass es sich dabei um mehr als eine flüchtige Modeerscheinung handelt. Teile der CDU haben wenigstens begriffen, dass sie auf dem besten Weg sind, dicht hinter der SPD auf der Abwärtsspirale in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen und versuchen in einer nervösen Überreaktion die CDU als jahrzehntelange Vorreiterin der Ökobewegung hinzustellen. Ich weiß offen gesagt nicht, ob mir Ignoranz oder Heuchelei peinlicher vorkommen. Letztlich ist mir die Umweltfrage aber auch egal. Wichig ist mir, dass wir hoffentlich eine gesellschaftliche Veränderung erleben werden, mit einer politischen Jugend im demokratischen Wettstreit mit einer älteren Generation, die nicht hysterisch jeder noch so idiotischen Idee hinterherrent, nur weil sie neu ist, aber neugierig ist, verspielt und zu Experimenten bereit. Vielleicht haben dann sogar die ehemaligen Volksparteien noch einmal eine Chance.