Montag, 22. Juli 2019

CW

Ich könnte Ihnen erzählen, was es mit dieser Abkürzung auf sich hat, aber das könnte Sie triggern. Ich könnte Ihnen erzählen, worum es in diesem Blogbeitrag geht, aber auch das könnte Sie triggern.

Samstag, 20. Juli 2019

Roller die Waldfee

Wenn es etwas gibt, was der Deutsche noch mehr hasst als Leute, die Grünglas in den Weißglascontainer werfen, ist es Veränderung. Er hasste die fünfstelligen Postleitzahlen, gegen die Rechtschreibreform rief er sogar einen Volksentscheid ins Leben (was dazu führte, dass einige Schülerinnen innerhalb weniger Jahre nicht ein- sondern gleich viermal andere Schreibweisen lernen mussten), und ich bin überzeugt, dass viele Menschen Hitler allein deswegen gewählt hatten, weil er versprach, dass sie sich 1000 Jahre lang an keine neue Regierung gewöhnen müssen. Als Ende der Achtziger völlig überraschend die Wiedervereinigung über die Deutschen hereinbrach, sah es für einen kurzen Moment so aus, als könne diese Nation doch noch Gefallen an einer grundlegenden Änderung finden, aber schnell fand der damalige Kanzler Kohl einen Weg, die Wiedervereinigung in eine Annexion (verbal als zufällig gleichzeitig stattfindender, ganz spontaner Beitritt von Teilen Deutschlands zu Westdeutschland nach Artikel 23 GG verbrämt) umzuwandeln, in der alles beim Alten bleibt, nur mit D-Mark und mehr Bananen. Damit konnte das Volk sich anfreunden und brannte zur Feier des Tages ein paar Flüchtlingsunterkünfte ab.

Tritt dann auch noch eine Veränderung zu einem Zeitpunkt ein, an dem ansonsten wenig los ist, paart sich die Ablehnung alles Neuen mit dem Zwang, alles besser zu wissen, und heraus kommt eine komplett blödsinnige Sommerlochdebatte. In diesem Jahr trifft es die Elektro-Tretroller.

Ja, ich rede wirklich von diesem Kinderspielzeug, das seit dem IT-Boom um die Jahrtausendwende durch die Lagerhallenbüros irgendwelcher Hipster-Startups geistert und seit einigen Jahren auch auf Messen und CCC-Großveranstaltungen anzutreffen ist, wenn Leute schlicht keine Lust haben, weite Strecken zu Fuß zurückzulegen und nach etwas Handlichem suchen, das die Sache erleichtert. Irgendwer war zwischenzeitlich auf die Idee gekommen, die Dinger mit einem Elektromotor auszustatten, der auch den unsportlichsten Fettsack auf 20 km/h beschleunigte, und plötzlich waren die Elektro-Tretroller interessant. Wie hierzulande üblich, brauchte die deutsche Bürokratie ein paar Monate, um zu entscheiden, ob so ein Röllerchen im Gegensatz zum dieselverbrennenden, tonnenschweren SUV, das mit Vollgas durchs Wohnviertel zimmert, eine tödliche Gefahr darstellt, doch kaum war diese Frage gelöst, flogen offenbar Transportmaschinen übers Bundesgebiet, die über jeder Häuseransammlung die größer war als ein Einsiedlerhof, Dutzende Mietroller abwarfen. Inzwischen habe ich in Gegenden Roller gesehen, von denen ich bislang angenommen hatte, dass da ohnehin niemand lebt, Dortmund-Kirchende zum Beispiel.

Als vor etwa fünf Jahren die ersten Fahrräder mit Elektromotorunterstützung auftauchten, war die Reaktion entspannt. Wahrscheinlich lag es daran, dass man den Geräten erst auf den zweiten Blick ansah, dass sie gepimpt waren, und zweitens kamen die Leute schnell auf den Dreh, dass sie nach außen moralische Überlegenheit demonstrieren können ("Schaut her, ich fahre Rad. Ich strenge mich an und schütze die Umwelt."), während sie in Wirklichkeit ihren faulen Hintern - relativ gefährlich - elektrisch getrieben durch die Gegend schaukeln lassen und dabei weniger Kalorien verbrauchen, als wenn sie das Gaspedal ihres Autos drücken - das selbstverständlich weiter das Fortbewegungsmittel Nummer eins bleibt.

Anders ist es bei den Rollern. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht sind es die ergrauten Fünzigjährigen, die während ihrer Midlife-Crisis ihre kindliche Ader wiederentdecken und auf scheinbar nicht standesgemäßen Spielzeugen umherflitzen, vielleicht sind es die Radfahrer, die ihre Hoheit als moralische Blockwarte gefährdet sehen, auf jeden Fall ist seit einigen Wochen ein inniger Streit um - naja - Tretroller entbrannt. Die beiden Extrempunkte seien hier anhand zweier Artikel von Sascha Lobo und Nico Lumma beschrieben.

Lumma betet praktisch einmal die "Standardsituationen der Technologiekritik" von Kathrin Passig herunter: Wozu denn, es gibt doch schon Fahrräder, Roller nutzen nur den Chinesen und gefährden die heimische Wirtschaft, Roller sind technisch unausgereift, und außerdem ist das alles nur der Versuch, ein schniekes Startup zu gründen, um sich dann von der nervös gewordenen Automobilindustrie aufkaufen zu lassen. Fazit: Das Fahrrad bleibt.

Ich lese Lumma schon seit vielen Jahren, und ehrlich gesagt hätte ich so ein verstocktes Technophobengewäsch eher aus der Ecke eines Günter Grass (der zugegebenermaßen nicht mehr viel zu diesem Thema sagen kann) als von einem technisch umtriebigen Endvierziger erwartet. Vor allem erscheint mir die ganze Argumentation unausgegoren. Über hundert Jahre haben wir Städte für Autos und nicht für Menschen gebaut. Heute, wo wirklich der letzte Depp langsam begreift, dass der innerstädtische Individualverkehr nicht mehr skaliert und dass wir, wenn die Nordsee nicht an den Stadtrand von Bielefeld schwappen soll, jetzt - in Worten: jetzt - etwas unternehmen müssen, sind neue Ideen gefragt. Egal, ob Ausbau des ÖPNV, Autofahrverbote, Mieträder, Tretroller - kaum eine Idee ist idiotischer als das, was wir im Moment haben (sehen wir von Flugtaxis ab, die auch nur Symptome, keine Ursachen bekämpfen). Wenn die Chinesen bessere Akkus bauen, ist das kein Grund, sie zu boykottieren, sondern dazu, selbst wieder welche zu fertigen. Das Wissen war vorhanden, aber wir haben es nach Asien verhökert, weil wir noch in diesem Jahrzehnt meinten, das mit dem Ölverbrennen als Energiequelle ginge ewig so weiter. Außerdem ignoriert Lumma, dass der Trend auch beim Fahrrad schon längst zur Elektrounterstützung geht. Bei allem Gespöttel: Ich finde es allemal besser, wenn die altersschwache Rentnerin sich mit ihrem Elektrorad den Berg hochschummelt, als wenn sie die Strecke mit ihrem VW Tiguan führe. Was in Lummas Artikel ebenfalls fehlt, sind Mietfahrräder. Er kritisiert, dass man sich einen Roller umständlich mit einer App reservieren muss und übersieht dabei, dass die meisten Fahrradverleihe ganz ähnlich funktionieren. Was für Fahrräder in Ordnung geht, ist bei Rollern böse, sehe ich das richtig? Komplett auf Thesenebene verharrend finde ich Lummas Mutmaßung, die Roller seien reine Inszenierung für die Autoindustrie. Erstens: Willkommen im Kapitalismus. Der kennt keine Moral, sondern nur Gewinnmaximierung. Natürlich geht es den Rollervermietern nicht um die Rettung der Umwelt und die Entlastung der Innenstädte. Es geht ihnen um Geld - wie praktisch allen Mobilitätsanbietern. Wenn irgendwer mit einer guten Idee reich wird - warum nicht? Selbst wenn er sich später von Audi kaufen lässt, wird diese Firma kaum so dumm sein, den profitablen Neuerwerb einzustampfen. Sie wird eher wie Facebook im Fall von Whatsapp dafür sorgen, dass sich das Geschäft weiterwickelt.

Sascha Lobo bringt noch einen weiteren Aspekt ins Spiel: Das Argument, Tretroller seien im Straßenverkehr so gefährlich, verdrehe Ursache und Wirkung. In Wirklichkeit seien es nicht die Tretroller, die eine Bedrohung armer Autofahrerinnen darstellten, sondern die Autos, die keine Rücksicht auf die unscheinbaren Tretroller nähmen. Eine schöne Begriffsklärung nimmt Lobo beim Wort "Mobilität" vor und zeigt damit die Stärke der ganzen Verleihmodelle. Wir reden von "Mobilität" mit dem eigenen Auto und meinen damit den Wunsch, von A nach B zu gelangen. Was wir tatsächlich vollführen ist die Bewegung von A nach A mit einem Zwischenhalt in B, und das ist mehr als nur eine semantische Spitzfindigkeit. Wenn ich mit meinem Auto irgendwo aufbreche, muss ich es die ganze Zeit mit mir herumführen. Natürlich steige ich immer wieder aus, aber nur, um später wieder dort einzusteigen. Ich kann es nicht einfach stehenlassen und es vergessen. Wenn ich unterwegs bin, gehe ich zum Bahnhof, steige dort in den Zug, fahre dort zum Zielort, leihe mir dort ein Fahrrad (oder meinetwegen auch einen Roller), fahre damit zum Zielhaus, lasse das Fahrrad stehen, nehme eine Mitfahrgelegenheit zum Nachbarort wahr, fahrte dort mit dem Bus zum nächstgelegenen Bahnhof und reise schließlich mit der Bahn wieder nach Hause. Ein eigenes Auto hatte ich noch nie, wohl aber einen Führerschein, der es mir ermöglicht, dann ein Auto zu mieten, wenn ich wirklich eins brauche. Das ist in meinen Augen Mobilität.

Was interessanterweise sowohl Scooterkritiker Lumma als auch Scooterbefürworter Lobo in ihren Argumentationen ausklammern: Die Dinger bringen Spaß. Das mag zunächst nebensächlich klingen, tatsächlich ist es ein entscheidender Faktor. Warum fährt die gutsituierte Mittelständlerin einen Zwei-Tonnen-Klotz spazieren, mit dem in anderen Ländern erfolgreich Kriege geführt und gewonnen werden, obwohl irgendeine Billig-Blechbüchse oder gar ein Lastenrad den gleichen Zweck erfüllen? Weil sie Spaß an ihrem Privatpanzer hat. Jetzt könnte man nach traditionell grüner Manier irgendwelche Verbote einführen, die Mineralölsteuer erhöhen und Parkplatzgebühren erheben, mit denen man die Präsidenten-Suite im Hilton für zwei Nächte mieten könnte. Der Erfolg wäre die absolute Mehrheit für die AfD, allgemeine Preiserhöhungen und kein einziges Auto weniger auf der Straße. Die Menschen werden nicht gern belehrt, sondern verführt. Versuch, ihnen das Auto wegzunehmen, und sie werden aus reinem Trotz den Weg zum Bäcker mit dem Auto fahren, selbst wenn sie zu Fuß schneller wären. Gib ihnen ein cooles Spielzeug, und sie werden selbst dann mit dem Ding zur Arbeit rollen, wenn es sich zeitlich nicht lohnt, weil sie einfach Spaß daran haben. Es mag sein, dass wir eine gewisse Zeit brauchen, uns an neue Spielregeln zu gewöhnen, aber das hatten wir bei anderen Dingen auch schon. Wir brauchten eine Eingewöhnungsphase, bis Radfahrer und Fußgänger aufeinander Rücksicht zu nehmen gelernt hatten. Wir brauchten eine Eingewöhungsphase, bis wir wussten, wann es in Ordnung ist, mobil zu telefonieren und wann nicht. Selbst bei E-Zigaretten gibt es inzwischen Konventionen, wie mit ihnen umgegangen werden soll. Natürlich gibt es für jedes dieser Beispiele Ausnahmen. Es gibt die Nahkampf-Radlerinnen, die Smartphone-Brüllerinnen und die Typen, die in der Bahn dampfen, weil "das ja schließlich kein Rauchen ist". Sie bekommen die Sache aber nicht in den Griff, indem Sie Fahrräder, Smartphones und Elektrozigaretten verbieten. Dann benehmen sich die Leute eben woanders daneben. Möglichkeiten dazu gibt es reichlich: Leute, die sich im Supermarkt von der falschen Seite anstellen, die direkt hinter der Rolltreppe stehenbleiben, um sich erst einmal zu orientieren oder im Bus mit ihrer Jacke und ihrem Handgepäck einen kompletten Vierersitz blockieren. Keiner käme deswegen auf die Idee, Supermärkte, Rolltreppen oder Omnibusse zu verbieten. Akzeptieren Sie, dass wir mit einem gewissen Prozentsatz von Idioten leben, und einige davon werden auch Roller fahren.

Ob sich die Elektro-Tretroller durchsetzen, werden wir dann wissen, wenn wir sie ausprobiert haben. Ich sehe in ihnen weder die Heilsbringer, noch den Untergang der Menschheit. Vielleicht haben uns diese Geräte wirklich nicht gefehlt. Was uns ganz bestimmt fehlt, ist eine gehörige Portion Neugier und Verspieltheit, neue Dinge einfach einmal auszuprobieren.

Nachtrag

Spiegel Online hat noch einmal nachgelegt und einen E-Scooter ausprobiert. Wie zu erwarten findet er heraus, dass diese Fahrzeuge nichts taugen. Was nicht so richtig klar wird: Womit vergleicht er es überhaupt? Auf der einen Seite bemängelt er Gewicht und Sperrigkeit und übersieht dabei, dass dies für Fahrräder auch zutrifft. Auf der anderen Seite sieht er keine große Geschwindigkeitsersparnis gegenüber eine zu Fuß zurückgelegten Strecke - auf einer Distanz von 500 Metern. Er kritisiert den hohen Anschaffungspreis, allerdings auch die hohen Kosten der Leihgeräte - und übersieht auch hier, dass sämtliche Leasing- und Mietmodelle anderer Fahrzeuge ebenfalls nach recht kurzer Zeit so teuer wie ein Kauf sind. Das ist aber auch die Geschäftsidee hinter solchen Angeboten: Ich miete mir etwas für einen relativ hohen Preis, habe aber den Vorteil höherer Flexibilität. Ich finde 15 Cent pro Minute auch absurd teuer, habe aber den Vorteil, dass ich am Bahnhof mir das Fahrzeug ausleihe, zum Ziel fahre und es dort stehen lasse, ohne mich noch um irgendwas kümmern zu müssen. Kein Tanken, kein Säubern, kein TÜV, keine Reparaturen - alles Sache der Verleihfirma. Vor allem muss ich dann nichts umständlich eine Treppe herunterwuchten oder mit in die Wohnung schleppen. Das alles ficht den Autor aber nicht an, denn sein Hauptargument, das sich angefangen von der Überschrift durch den kompletten Artikel zieht, lautet: Rollerfahren ist ihm peinlich.

Ja, pff, da kann ich auch nicht helfen, aber mit Verlaub: Was ist das für ein Argument?

Noch ein Nachtrag

Irgendwer bei Spiegel Online scheint ein Kindheitstrauma an Elektrorollern aufarbeiten zu wollen. Anders kann ich mir diesen ans Pathologische grenzenden Eifer nicht erklären, mit dem Negativberichte über dieses Verkehrmittel erscheinen. Jetzt wird sogar die Geschichte herangezogen, um zu belegen, dass auf den E-Scootern ganz bestimmt kein Segen liegt. "Urahn der E-Scooter floppte schon vor 100 Jahren" heißt es hier und beschreibt, wie sich Anfang des letzten Jahrhunders bezinmotogetriebene Roller sowohl in den USA als auch in Deutschland nicht etablieren konnten. Es ist schon bemerkenswert, wie ein Magazin, das ständig über die Bedeutung von Innovationen schreibt, bei so einer banalen Neuerung wie elektisch betriebenen Rollern so in Panik gerät. Wenn man schon die AfD im Osten nicht verhindern konnte, dann vielleicht die E-Scooter in Paderborn Mitte.

Samstag, 6. Juli 2019

Hauptsache, das Feindbild stimmt

Vergesst Argumente, die braucht ihr nicht. Wenn ihr eine Diskussion mit drei Worten beenden wollt, sagt:

alte, weiße Männer.

Das reicht. Alte, weiße Männer sind das personifizierte Böse. Sie vereinen alle negativen Attribute, die wir einst auf mehrere Gruppen verteilen mussten, wie Ausländer, Flüchtlinge, Dunkelhäutige, die Illuminaten, die Nazis, Bilderberger und die jüdisch-zionistische Weltrevolution. Sie sind böse, hinterhältig, sexistisch, rassistisch, egostisch, aggressiv, habgierig, abelistisch und vor allem interessieren sie sich nicht für die Zukunft. Begründet wird dies damit, das alle, ich wiederhole: ALLE alten, weißen Männer unfassbar privilegiert sind, dass sie alle, ich wiederhole: ALLE in Luxus und Wohlstand leben und dass sie keine Schwierigkeiten mit Fehlentscheidungen haben, deren Konsequenzen erst nach ihrem baldigen Tod eintreten werden. Woher dieses Wissen kommt? Also bitteschön, das weiß man doch. Der Mohr spielt guten Jazz, die Südamerikanerinnen sind alle temperamentvoll, die Japaner beherrschen alle eine Kampfsportart, der Iwan trinkt Wodka, der Franzose Rotwein, und dem weißen Mann geht's viel zu gut. Muss man wissen.

Allein schon die These, alte Menschen interessierten sich nicht für Ereignisse nach ihrem Tod, dürfte sich empirisch schwer belegen lassen. Natürlich hat eine in voller Wucht erst in 30 Jahren wirkende Klimakatastrophe für Fünfzigjährige kaum persönliche Konsequenzen, wohl aber für deren Kinder und Enkelkinder, und ich kenne persönlich nur wenig Menschen, die sagen, es sei ihnen egal, woran ihre Kinder oder Enkel verrecken.

Natürlich ist das kein Beweis. Es sind Anekdoten. Ich kenne auch reichlich weiße, alte Männer, denen es OKAY geht, im Sinne von: Sie können ihre Kredite bedienen, den Unterhalt für ihre geschiedene Frau bezahlen, die Miete für ihre etwas heruntergekommene Zwei-Zimmer-Wohnung aufbringen, und da die Preise bei Lidl in Ordnung sind, müssen sie keinen Hunger leiden, ja, es reicht sogar im Sommer für einen Campingurlaub mit den Kindern. Was an diesem Leben so wahnsinnig privilegiert sein soll, habe ich zwar noch nicht verstanden, wohl aber, dass es viele Menschen gibt, denen es schlechter geht, weswegen alles, was diese verwöhnten Pfeffersäcke meinen, fühlen und sagen, per se BÖSE und FALSCH ist. Das liegt daran, dass sie vor lauter Privilegien gar nicht das Elend der Anderen sehen. Sehen können. So sehr versperren ihnen die Privilegien die Sicht. Aber auch das sind nur Anekdoten.


Interessant finde ich, wie bereitwillig das Narrativ vom ultimativ bösen alten, weißen Mann von gerade jener Gruppe aufgegriffen wurde, die sich ansonsten lautstark im Anprangern von Vorurteilen überbietet. Einen Menschen anhand von Kriterien zu beurteilen, auf die er keinen Einfluss hat - undenkbar. Nur nicht in diesem Fall. Allein schon das Verbrechen, sich eindeutig als Mann zu identifizieren und nicht wenigstens ein itze-klitze-kleines bisschen transgender zu sein. Die Hautfarbe - na gut, das lassen wir durchgehen, aber warum ist der Kerl nicht Mitte Dreißig von einem Hochhaus gesprungen, um zumindest zu verhindern, alt zu werden? Da sieht man doch mal wieder, wie sehr sich diese weißen, alten Männer an ihre Privilegien klammern.

Besonders tragisch ist, dass diese Gruppe eigentlich das Richtige will: Gleichberechtigung, friedliches Miteinander der Kulturen, Freiheit und nicht zuletzt die Rettung des Ökosystems Erde. Statt sich Verbündete zu suchen, suchen sie in stalinistischer Selbstzerfleischung den Feind in den eigenen Reihen. Es geht ihnen nicht um einen Generationskonflikt, in dem die jüngere Generation versucht, die festgefahrenen Vorstellungen einer älteren aufzubrechen. Es geht ihnen um die pauschale Ablehnung all dessen, was ein bestimmtes Geschlecht einer bestimmten Hautfarbe und eines bestimmten Alters für gut befindet. Sie argumentieren nicht mehr, sie pauschalisieren - und vergraulen damit diejenigen, die eigentlich auf ihrer Seite stehen, aber als Menschen für voll genommen werden wollen. Wie viel Prozent braucht die AfD noch, bis ihr begreift, dass man platte, menschenfeindliche Weltbilder nicht mit platten, menschenfeindlichen Weltbildern bekämpft?