Vier Jahre, ungefähr da dürfte es sein. In diesem Alter beginnen Kinder das Spiel mit den sprachlichen Verboten. Dass man bestimmte Worte nicht sagen darf und dass es dafür Ärger gibt, haben sie inzwischen gelernt. Umso interessanter ist es, wenn man sich unter seinesgleichen, also anderen Vierjährigen, befindet, einander zu zeigen, wie ungeheuer mutig man ist, wie kreativ und witzig man sich über die Verbote der Eltern hinwegsetzt. Einer fängt an: "Du Pupsi." Gekicher. Doch da ist noch was drin. "Pupsikaka", kontert ein Anderer. Noch mehr Gekicher. Aber das war noch längst nicht alles. "Pupsikakapups", legt einer drauf. Allgemeines Gepruste. Doch der König der Kleinkindcomedy ist noch nicht gekrönt. Sie glauben gar nicht, zu welchen Ausflügen in die Welt der Substantivungetümer so ein vierjähriges Gehirn fähig ist.
Doch, Sie wissen es natürlich, denn das Netz wimmelt nur so von Vierjährigen - zumindest solchen, die geistig dieses Alter niemals verlassen haben. Viele von ihnen halten sich für Politiker und diskutieren deswegen lautstark die Belange dieser Welt. Dabei schrecken sie wie ihre großen Vorbilder vor keiner Niveauunterschreitung zurück. Der Punkt, an dem mit Wucht das untere Ende der Skala erreicht ist, wurde vom US-amerikanischen Juristen Mike Godwin als der Moment identifiziert, in dem der erste Diskussionsteilnehmer Nazivergleiche zieht, etwa solche: "Du verteidigst hier ein Gesetz, das schon unter den Nazis täglich Anwendung fand." (Gemeint ist die Gravitation.) "Du zitierst Hitler" (der nämlich auch gelegentlich "guten Tag" gesagt hat). Man kann natürlich auch gleich mit dem Nazivergleich in die Debatte einsteigen, indem man beispielsweise von "Datenschutz-Nazis" spricht und sich dann lauthals beklagt, dass die Leute auf die eigene feinsinnige Argumentation nicht eingehen, sondern eine Metadebatte führen wollen. Ich finde es auch immer komisch, dass Leute, die ich mit Dreck beschmeiße, so kleingeistig darauf bestehen, dass ich ihre Kleidung reinige, dabei wollte ich mit ihnen doch über ganz andere Dinge reden. Warum stellen die sich so spießig an?
Weil die Nazinummer schon seit Jahrzehnten ausgelutscht ist. Spätestens, seit Kohl Gorbatschow mit Goebbels und Brandt Geißler mit Goebbels verglich, sollte klar sein, dass selbst betrunkene Schimpansen kurz vor der Bewusstlosigkeit solche Vergleiche anstellen können und dass der Nazivergleich den Vergleicher mehr disqualifiziert als den Verglichenen. Vor über 40 Jahren haben die 68er mit dem Versuch angefangen, den politischen Gegner zu diskreditieren, indem sie ihm geistige Verwandschaft mit Nationalsozialisten vorwarfen. Damals mag diese Strategie auch noch funktioniert haben, weil sich das Land mit einem komplett verdrängten Dritten Reich zu beschäftigen hatte, heute aber wird jeder Schüler mindestens zwei- bis dreimal in seiner Schullaufbahn mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts getrietzt. Wissen Sie, wie die auf das Thema Nazis reagieren? Mit Gähnen.
Nazivergleiche wurden so unfassbar oft von so unfassbar dummen Menschen auf so unfassbar dumme Weise gezogen, dass man sich beim Rückgriff auf den rhetorischen Holzhammer in sehr schlechte Gesellschaft begibt. Wenn einem Komiker nichts mehr einfällt, greift er zu Sexwitzchen. So gesehen sind Nazivergleiche die Sexwitzchen des Politikers. Ich wurde über Jahrzehnte aus nahezu allen politischen Lagern als Nazi bezeichnet - weil ich für Computer war, weil ich gegen die zu leichtsinnige Nutzung von Computern war, weil ich für Gleichberechtigung eintrat, weil ich gegen Gleichberechtigung mit der Brechstange war, weil ich für Ausländerintegration war, weil ich Schwierigkeiten bei der Integration sah. Könnt ihr Dummköpfe euch endlich einmal auf eine einheitliche Definition für "Nazi" einigen und nicht einfach alles so bezeichnen, was außerhalb eures verkrusteten Weltbilds agiert? Merkt ihr nicht, dass euer Geschrei ähnlich wie in der Geschichte ist, in der jemand einmal unnütz "Feuer!" schrie? Ich warte nur auf den Moment, in dem jemand, den ihr als XYZ-Nazi bezichtigt, ganz entspannt zurücklächelt und sagt: "Na, wenn sie für XYZ waren, kann bei denen wohl nicht alles schlecht gewesen sein."
Keiner braucht zu befürchten, dass durch platte Vergleiche die Geschichte verharmlost wird. Das ist bereits geschehen, seit Guido Knopp mit Dokumentationen wie "Hitlers Müslischalen - sie fütterten den Führer" das Dritte Reich endgültig zur fetzigen Abendunterhaltung formte. Umgekehrt sollten die Nazivergleicher sich nicht in Heldenpose werfen, weil sie vermeintlich ein Tabu verletzen und damit eine längst überfällige Debatte anstoßen. Das einzige Tabu, das hier verletzt wird, besteht darin, das Auditorium zu langweilen. Keiner braucht zu glauben, mit seinen Nazivergleichen eine längst überfällige Debatte anzustoßen. Die einzige Debatte, die zu führen sich lohnt, ist die über die Frage, ob "Meinungsfreiheit" heißt, dass jeder eine Meinung haben darf, nicht dass er sie haben muss und allen mitteilen soll.
Provoziert mich, regt mich an durch neuartige Gedanken, durch interessante argumentative Wendungen, durch pfiffige Argumentationen. Hebelt meine Position aus, weist mir Inkonsistenzen in meiner Haltung nach. Ich behaupte nicht, endgültige Wahrheiten zu kennen. Aber bitte lasst euer infantiles Nazivergleichsgewäsch dort, wo ihr es her habt: im Schülerkabarett.
Sonntag, 14. August 2011
Sonntag, 7. August 2011
Pleased to meet you - hope you guess my name
Gegen den Namen in meinem Ausweis habe ich nichts, sieht man einmal davon ab, dass er für Deutschsprachige komisch buchstabiert wird. Dass ich hier unter einem zugegebenermaßen etwas sperrigen Namen schreibe, hat mehrere Gründe, und da gerade bei Google Plus wieder die Klarnamendebatte tobt, nehme ich dies zum Anlass, eine Lanze für Pseudonyme zu brechen.
Als ich noch ein Kind war, wusste kein Mensch, dass man Computer überhaupt vernetzen kann, geschweige denn, dass es ein Internet gibt. Wer mit einer größeren Menge Menschen reden wollte, ging in die nächstgelegene Schankwirtschaft, wo man ihn im Zweifelsfall schon kannte. Man hatte vielleicht Spitznamen, aber natürlich konnte jeder, der es wissen wollte, den richtigen Namen erfahren. Das, was einer Netzkommunikation noch am nächsten kam, war der Amateurfunk, und hier kannte man einander unter seiner amtlichen Funkerkennung. Die Einzigen, die damals halbwegs anonym kommunizierten und sich biszweilen bizarr anmutende Namen gaben, waren die CB-Funker. Die Jüngeren unter Ihnen werden vielleicht die Wiederholungen amerikanischer Truckerspielfilme aus den Siebzigern kennen. Die übergewichtigen, unrasierten Rednecks, deren einziger Trost für ihr verkorkstes Leben darin bestand, sich den Titel "Könige der Landstraße" verliehen zu haben, waren dann auch sinnstiftend für eine ganze Horde sozial Herausgeforderter in deutschen Plattenbauten, die ihren Kummer, es im Gegensatz zu ihren Filmvorbildern nicht einmal zu einem LKW-Führerschein gebracht zu haben, zu kompensieren versuchten, indem sie sich beispielsweise "Loverboy69" oder "Turbomike" nannten und den Äther mit Inhalten füllten, gegen die 4chan wie das Literarische Quartett wirkt.
So sahen sie aus, die Chatrooms des Analogzeitalters, nur mit dem Unterschied, dass sich das gesprochende Wort versendete und keine Institution alles für die Ewigkeit archivierte. Die ganze CB-Funker-Kultur war mir komplett fremd. Das Einzige, was bei mir hängen blieb, war: Die Turbomikes und Loverboys kommen dem, was man sich unter einem kompletten Verlierer vorstellt, schon sehr nah.
Dann erschienen die Homecomputer. Die meisten von uns benutzten sie zum Spielen und Programmieren, und damit tauchte die Frage auf, wie man an Software herankommt. Bei Preisen, die locker das Taschengeld ganzer Monate verschlangen, war an legale Beschaffung von Programmen nicht zu denken, also kopierte man sie sich - wohl wissend, dass dies strafbar war. Genau hier lag aber auch der Reiz. Das Entfernen eines Kopierschutzes galt je nach Komplexität als bewundernswerte Leistung, und wer sein Umfeld immer mit der neuesten Ware versorgen konnte, genoss hohes Ansehen. Ein gewisses Risiko war freilich dabei, und je öffentlicher man den Tausch betrieb, desto mehr musste man fürchten, Ärger zu bekommen. Also legten wir uns Pseudonyme zu und benutzten Postlagerkarten zum Softwareversand. Dass man sich untereinander nur unter irgendwelchen Kürzeln kannte, war durchaus üblich.
Die ewige Kopiererei wurde natürlich auf die Dauer lästig. Parallel dazu entwickelte sich ein immer größerer Markt an frei programmierter Software. Diese in der Regel recht kleinen Programme auf Disketten auszutauschen, war technisch zwar möglich, aber oft genug hatten die eigenen Bekannten das gerade Gesuchte nicht zur Hand. Dafür gab es Mailboxen, die von einem Bündel Enthusiasten betrieben nicht nur viel Software boten, sondern auch den Computer in ein Kommuniktionsterminal verwandelten. Auf einmal war es möglich, mit wildfremden Leuten irgendwo auf der Welt zu reden. In dieser Welt trat allerdings ein Wertewandel ein. Pseudonyme waren auf einmal überhaupt nicht gern gesehen, und man musste mit dem Mailboxbetreiber längere Diskussionen überstehen, wollte man seinen Tarnmantel behalten.
Als in den 90ern das Usenet immer populärer wurde, gewann die Diskussion an Schärfe. Wer nicht unter seinem Klarnamen schrieb, war bei vielen Diskussionsteilnehmern sofort unten durch. Das Usenet wurde von den Meisten als eine Art ausgelagerte Realität angesehen, und genau, wie es in der Realität zum guten Ton gehörte, einander mit echtem Namen anzusprechen, wollte man auch im Netz wissen, mit wem man sich gerade unterhält. Die Diskussion nahm bisweilen bizarre Züge an, ging es doch vielen Leuten allein darum, offensichtliche Pseudonyme nicht mehr lesen zu müssen. Ob Tatjana Borowski tatsächlich die war, die sie zu sein vorgab, war egal, Hauptsache, man hatte das Gefühl eines schön gepflegten Potemkimschen Dorfes.
Die Argumente haben sich seitdem nicht wesentlich geändert. Was sich geändert hat, ist meine Haltung. War ich früher ein vehementer Befürworter der Klarnamen, plädiere ich heute für ein Recht auf Pseudonymität. Warum?
Weil sich das Netz gewandelt hat und weil ich es inzwischen besser zu verstehen meine. Die hinter Klarnamen stehende Absicht war damals wie heute Abgrenzung - Abgrenzung nach unten, gegen die Spielkinder, die das Netz nicht so erwachsen behandelten wie die Profis. Damals wollte man sich gegen den Pöbel von Metronet und AOL, später von T-Online, zur Wehr setzen, Leuten, die nicht aus dem edlen akademischen Umfeld ihren Weg ins Netz gebahnt hatten, sondern nur mit einer CD und genügend Kleingeld ausgestattet ihre Rechner ans Netz klemmten, völlig unbeleckt in diverse Foren stürmten und dort die elitäre Gemütlichkeit störten. Wir Alumni waren aus ganz anderem Holz geschnitzt. Bei uns hatte eine gewisse Vorsortierung allein schon deswegen stattgefunden, weil man ein Abitur haben musste, optimalerweise eine Naturwissenschaft betrieb und auf diesem Weg an die heiß ersehnte Genehmigung kam, eines der Terminals im Rechenzentrum zu benutzen. Wer dann seine ersten Schritte ins Netz unternahm, wurde meistens von einem der Einwohner an die Hand genommen und in die wichtigsten Benimmregeln eingeweiht. Nur wer diesen Initiationsritus durchlebt hatte, war würdig genug, in den Foren überhaupt beachtet zu werden. Die von den kommerziellen Betreibern massenweise hereinströmenden, alle Regeln missachtenden Unruhestifter wurden mit etwa der gleichen gelassenen Herzlichkeit empfangen wie Wasserwerfer auf einer S21-Demonstration.
Mit der Kommerzialisierung des Netzes hat sich dieser Popanz zum Glück erledigt. Das Netz ist die Masse derer, die sich daran beteiligen, und da steuert eben nicht jeder auf einen akademischen Abschluss zu. Die Menschen haben erkannt, dass Kommunikation an sich einen Wert darstellt, und wie im realen Leben sortiert sich auch im Netz alles zurecht. Wer gern unter sich bleiben möchte, kann dies weiterhin. Auf Cooler_Kevin95 und KPSChiller treffe ich selten. Dafür aber habe ich padeluun, Erdeist, Neonfee und viele andere Leute getroffen, deren Realnamen ich bis heute nicht kenne, aber auch nicht kennen brauche. Ihre selbstgewählten Namen sagen viel mehr über sie aus als die in ihrer Geburtsurkunde. Was sie zu erzählen haben, ist viel interessanter als die Frage, was in ihrem Personalausweis steht.
Pseudonyme sind die Tarnkappen des kleinen Mannes. Offensichtlich ist dies beim Whistleblowing, dann also, wenn ein Angehöriger einer Organisation deren Missstände aufdeckt, aus Angst vor Repressalien aber im Verborgenen bleibt. Man könnte nun argumentieren, dass so wenig Rückgrat ein schwaches Zeichen ist und dass derartige Versteckspiele die Unterdrückungsgesellschaft nur weiter vorantreiben. Auf der anderen Seite ist eine anonym veröffentlichte Untat immer noch mehr wert als eine komplett verschwiegene, und zweitens gleicht Pseudonymität wenigstens einen Teil des Machtungleichgewichts aus, das zwischen Führungsetage und Angestellten eines Unternehmens herrscht. Die öffentliche Achtung, für die gute Sache meine berufliche Existenz ruiniert zu haben, bezahlt nicht die Raten auf mein Haus.
Der Satz wird oft zitiert, weil er es so schön auf den Punkt bringt: Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist. Gemeint ist das Spiel mit den Identitäten, und das ist genau die Stelle, an der die Strategie, das Netz als elektrifizierte Realität anzusehen, nicht mehr funktioniert. Die Idee, nach Belieben verschiedene Rollen zu spielen, gibt es im Leben vor dem Bildschirm nur im Ansatz. Natürlich kann ich in den verschiedenen Freundeskreisen jeweils leicht unterschiedlich auftreten, aber das klappt auch nur, wenn man diese Kreise schön voneinander getrennt hält, und vor allem ist man an physische Realitäten gebunden. Wenn mir mein Image in einer Gruppe irgendwann nicht mehr gefällt, kann ich nicht einfach eine neue Rolle überstülpen und gucken, ob mir diese Rolle besser passt. Im Internet hingegen kann ich mich in verschiedenen sozialen Kontexten bewegen, ohne dass mich jemand dabei verfolgen kann. Ich darf in einer Rolle Meinungen äußern, die zu haben mir in einer anderen Rolle verwehrt wird. Ich kann Zustände zur Diskussion stellen, ohne erst eine lange Erklärung liefern zu müssen, das Kritik und Loyalität keine Widersprüche darstellen.
An dem Tag, als Google Plus seine Tore für den Pöbel öffnete, dürfte ich zu den Ersten Angehörigen des Plebs gehört haben, die hereinströmten, um die neuen Wunder des Suchmaschinengiganten zu bestaunen. Natürlich tat ich das, was zu den ersten Taten eines Neuankömmlings in einem sozialen Netz gehört: Man sieht sich um, wer schon da ist und abonniert dessen Nachrichtenstrom. Eine der ersten Nachrichten, die ich las, war nicht etwa: "Schön, dass ihr alle da seid, lasst uns zusammen herumexperimentieren", sondern: "Im Moment kommen Tausende von Nachrichten rein, dass mich irgendwelche Leute in ihren Circle aufgenommen haben. Wenn ich jemanden nicht kenne und der Betreffende kein interessantes und aussagekräftiges Profil hat, landet er gleich im Circle 'Mülleimer'." Gleich dahinter kam ein Beitrag, der sich damit beschäftigte, dass Google pseudonyme Zugänge sperrt und dass dies eine gute Sache sei, verbunden mit einer Fünf-Punkte-Liste, wie sich die Neuankömmlinge gefälligst zu verhalten hätten. Kurz: Affenfelsen im Kölner Zoo, und der Boss zeigt erst einmal den Anderen, wie toll er zur Fortpflanzung geeignet ist. Seht her, wie wichtig ich bin, alle wollen was von mir, und um meine Wichtigkeit zu unterstreichen, zeige ich allen Anderen, wie unwichtig sie sind. Damit eins klar ist: Der ganze Affenfelsen hier, das ist ganz allein meiner, den hab ich selbst hierher gestellt, und jetzt hört alles auf mein Kommando.
Der Tonfall kam mir so bekannt vor, und in der Tat klang es damals, Ende der 80er, genau so, als ich meine ersten Schritte ins Usenet unternahm, nur dass damals der Tonfall sogar noch halbwegs gerechtfertigt war, weil das Netz damals wirklich von einer Handvoll Enthusiasten aufgebaut und verwaltet wurde. Diese Zeiten sind jedoch längst vorbei. Die Planwagen der Pioniere sind zum Stillstand gekommen, die heldenhaften Vorstöße in unbekanntes Terrain gibt es kaum noch. Statt dessen haben sich Städte und Gemeinden gebildet. Längst geht es nicht mehr ums blanke Überleben, sondern darum, welche Art von Zusammenleben wir gerne hätten. Viele von uns sind damals aus der alten Welt übergesiedelt, weil wir den Mief der Städte satt hatten, weil wir uns nicht mehr von irgendwelchen Lehensherren knechten, nicht von einem König herumkommandieren lassen wollten. Wir wollten endlich einmal statt "du musst" ein "du darfst" hören. Das gilt insbesondere für die elementare Frage, was Andere von mir wissen sollen. Ich möchte die Freiheit haben, allen alles über mich sagen zu dürfen, nicht den Zwang, alles sagen zu müssen. Natürlich gibt es in anonymen Netzen eine gewisse Tendenz, über die Stränge zu schlagen, weil man kaum Konsequenzen zu befürchten hat, aber genau das ist nun einmal Freiheit. Eine Gesellschaft, in der die Menschen freiwillig gegenseitig Rücksicht nehmen und tolerieren, dass einige Unsinn bauen, ist mir viel lieber als eine Gesellschaft, in der die Menschen aus Furcht vor Strafen sich an Gesetze halten und es nicht verhindern können, dass einige Verbrecher das System umgehen.
Im Netz schreibe ich unter mindestens vier verschiedenen Identitäten. Keine dieser Identitäten ruft zu kriminellen Handlungen, Menschenverachtung oder Terrorismus auf. Jede dieser Identitäten setzt sich auf leicht unterschiedliche Weise dafür ein, dass Menschen vernünftig und in Freiheit miteinander leben können. Das soll gerne weiter so bleiben.
Als ich noch ein Kind war, wusste kein Mensch, dass man Computer überhaupt vernetzen kann, geschweige denn, dass es ein Internet gibt. Wer mit einer größeren Menge Menschen reden wollte, ging in die nächstgelegene Schankwirtschaft, wo man ihn im Zweifelsfall schon kannte. Man hatte vielleicht Spitznamen, aber natürlich konnte jeder, der es wissen wollte, den richtigen Namen erfahren. Das, was einer Netzkommunikation noch am nächsten kam, war der Amateurfunk, und hier kannte man einander unter seiner amtlichen Funkerkennung. Die Einzigen, die damals halbwegs anonym kommunizierten und sich biszweilen bizarr anmutende Namen gaben, waren die CB-Funker. Die Jüngeren unter Ihnen werden vielleicht die Wiederholungen amerikanischer Truckerspielfilme aus den Siebzigern kennen. Die übergewichtigen, unrasierten Rednecks, deren einziger Trost für ihr verkorkstes Leben darin bestand, sich den Titel "Könige der Landstraße" verliehen zu haben, waren dann auch sinnstiftend für eine ganze Horde sozial Herausgeforderter in deutschen Plattenbauten, die ihren Kummer, es im Gegensatz zu ihren Filmvorbildern nicht einmal zu einem LKW-Führerschein gebracht zu haben, zu kompensieren versuchten, indem sie sich beispielsweise "Loverboy69" oder "Turbomike" nannten und den Äther mit Inhalten füllten, gegen die 4chan wie das Literarische Quartett wirkt.
So sahen sie aus, die Chatrooms des Analogzeitalters, nur mit dem Unterschied, dass sich das gesprochende Wort versendete und keine Institution alles für die Ewigkeit archivierte. Die ganze CB-Funker-Kultur war mir komplett fremd. Das Einzige, was bei mir hängen blieb, war: Die Turbomikes und Loverboys kommen dem, was man sich unter einem kompletten Verlierer vorstellt, schon sehr nah.
Dann erschienen die Homecomputer. Die meisten von uns benutzten sie zum Spielen und Programmieren, und damit tauchte die Frage auf, wie man an Software herankommt. Bei Preisen, die locker das Taschengeld ganzer Monate verschlangen, war an legale Beschaffung von Programmen nicht zu denken, also kopierte man sie sich - wohl wissend, dass dies strafbar war. Genau hier lag aber auch der Reiz. Das Entfernen eines Kopierschutzes galt je nach Komplexität als bewundernswerte Leistung, und wer sein Umfeld immer mit der neuesten Ware versorgen konnte, genoss hohes Ansehen. Ein gewisses Risiko war freilich dabei, und je öffentlicher man den Tausch betrieb, desto mehr musste man fürchten, Ärger zu bekommen. Also legten wir uns Pseudonyme zu und benutzten Postlagerkarten zum Softwareversand. Dass man sich untereinander nur unter irgendwelchen Kürzeln kannte, war durchaus üblich.
Die ewige Kopiererei wurde natürlich auf die Dauer lästig. Parallel dazu entwickelte sich ein immer größerer Markt an frei programmierter Software. Diese in der Regel recht kleinen Programme auf Disketten auszutauschen, war technisch zwar möglich, aber oft genug hatten die eigenen Bekannten das gerade Gesuchte nicht zur Hand. Dafür gab es Mailboxen, die von einem Bündel Enthusiasten betrieben nicht nur viel Software boten, sondern auch den Computer in ein Kommuniktionsterminal verwandelten. Auf einmal war es möglich, mit wildfremden Leuten irgendwo auf der Welt zu reden. In dieser Welt trat allerdings ein Wertewandel ein. Pseudonyme waren auf einmal überhaupt nicht gern gesehen, und man musste mit dem Mailboxbetreiber längere Diskussionen überstehen, wollte man seinen Tarnmantel behalten.
Als in den 90ern das Usenet immer populärer wurde, gewann die Diskussion an Schärfe. Wer nicht unter seinem Klarnamen schrieb, war bei vielen Diskussionsteilnehmern sofort unten durch. Das Usenet wurde von den Meisten als eine Art ausgelagerte Realität angesehen, und genau, wie es in der Realität zum guten Ton gehörte, einander mit echtem Namen anzusprechen, wollte man auch im Netz wissen, mit wem man sich gerade unterhält. Die Diskussion nahm bisweilen bizarre Züge an, ging es doch vielen Leuten allein darum, offensichtliche Pseudonyme nicht mehr lesen zu müssen. Ob Tatjana Borowski tatsächlich die war, die sie zu sein vorgab, war egal, Hauptsache, man hatte das Gefühl eines schön gepflegten Potemkimschen Dorfes.
Die Argumente haben sich seitdem nicht wesentlich geändert. Was sich geändert hat, ist meine Haltung. War ich früher ein vehementer Befürworter der Klarnamen, plädiere ich heute für ein Recht auf Pseudonymität. Warum?
Weil sich das Netz gewandelt hat und weil ich es inzwischen besser zu verstehen meine. Die hinter Klarnamen stehende Absicht war damals wie heute Abgrenzung - Abgrenzung nach unten, gegen die Spielkinder, die das Netz nicht so erwachsen behandelten wie die Profis. Damals wollte man sich gegen den Pöbel von Metronet und AOL, später von T-Online, zur Wehr setzen, Leuten, die nicht aus dem edlen akademischen Umfeld ihren Weg ins Netz gebahnt hatten, sondern nur mit einer CD und genügend Kleingeld ausgestattet ihre Rechner ans Netz klemmten, völlig unbeleckt in diverse Foren stürmten und dort die elitäre Gemütlichkeit störten. Wir Alumni waren aus ganz anderem Holz geschnitzt. Bei uns hatte eine gewisse Vorsortierung allein schon deswegen stattgefunden, weil man ein Abitur haben musste, optimalerweise eine Naturwissenschaft betrieb und auf diesem Weg an die heiß ersehnte Genehmigung kam, eines der Terminals im Rechenzentrum zu benutzen. Wer dann seine ersten Schritte ins Netz unternahm, wurde meistens von einem der Einwohner an die Hand genommen und in die wichtigsten Benimmregeln eingeweiht. Nur wer diesen Initiationsritus durchlebt hatte, war würdig genug, in den Foren überhaupt beachtet zu werden. Die von den kommerziellen Betreibern massenweise hereinströmenden, alle Regeln missachtenden Unruhestifter wurden mit etwa der gleichen gelassenen Herzlichkeit empfangen wie Wasserwerfer auf einer S21-Demonstration.
Mit der Kommerzialisierung des Netzes hat sich dieser Popanz zum Glück erledigt. Das Netz ist die Masse derer, die sich daran beteiligen, und da steuert eben nicht jeder auf einen akademischen Abschluss zu. Die Menschen haben erkannt, dass Kommunikation an sich einen Wert darstellt, und wie im realen Leben sortiert sich auch im Netz alles zurecht. Wer gern unter sich bleiben möchte, kann dies weiterhin. Auf Cooler_Kevin95 und KPSChiller treffe ich selten. Dafür aber habe ich padeluun, Erdeist, Neonfee und viele andere Leute getroffen, deren Realnamen ich bis heute nicht kenne, aber auch nicht kennen brauche. Ihre selbstgewählten Namen sagen viel mehr über sie aus als die in ihrer Geburtsurkunde. Was sie zu erzählen haben, ist viel interessanter als die Frage, was in ihrem Personalausweis steht.
Pseudonyme sind die Tarnkappen des kleinen Mannes. Offensichtlich ist dies beim Whistleblowing, dann also, wenn ein Angehöriger einer Organisation deren Missstände aufdeckt, aus Angst vor Repressalien aber im Verborgenen bleibt. Man könnte nun argumentieren, dass so wenig Rückgrat ein schwaches Zeichen ist und dass derartige Versteckspiele die Unterdrückungsgesellschaft nur weiter vorantreiben. Auf der anderen Seite ist eine anonym veröffentlichte Untat immer noch mehr wert als eine komplett verschwiegene, und zweitens gleicht Pseudonymität wenigstens einen Teil des Machtungleichgewichts aus, das zwischen Führungsetage und Angestellten eines Unternehmens herrscht. Die öffentliche Achtung, für die gute Sache meine berufliche Existenz ruiniert zu haben, bezahlt nicht die Raten auf mein Haus.
Der Satz wird oft zitiert, weil er es so schön auf den Punkt bringt: Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist. Gemeint ist das Spiel mit den Identitäten, und das ist genau die Stelle, an der die Strategie, das Netz als elektrifizierte Realität anzusehen, nicht mehr funktioniert. Die Idee, nach Belieben verschiedene Rollen zu spielen, gibt es im Leben vor dem Bildschirm nur im Ansatz. Natürlich kann ich in den verschiedenen Freundeskreisen jeweils leicht unterschiedlich auftreten, aber das klappt auch nur, wenn man diese Kreise schön voneinander getrennt hält, und vor allem ist man an physische Realitäten gebunden. Wenn mir mein Image in einer Gruppe irgendwann nicht mehr gefällt, kann ich nicht einfach eine neue Rolle überstülpen und gucken, ob mir diese Rolle besser passt. Im Internet hingegen kann ich mich in verschiedenen sozialen Kontexten bewegen, ohne dass mich jemand dabei verfolgen kann. Ich darf in einer Rolle Meinungen äußern, die zu haben mir in einer anderen Rolle verwehrt wird. Ich kann Zustände zur Diskussion stellen, ohne erst eine lange Erklärung liefern zu müssen, das Kritik und Loyalität keine Widersprüche darstellen.
An dem Tag, als Google Plus seine Tore für den Pöbel öffnete, dürfte ich zu den Ersten Angehörigen des Plebs gehört haben, die hereinströmten, um die neuen Wunder des Suchmaschinengiganten zu bestaunen. Natürlich tat ich das, was zu den ersten Taten eines Neuankömmlings in einem sozialen Netz gehört: Man sieht sich um, wer schon da ist und abonniert dessen Nachrichtenstrom. Eine der ersten Nachrichten, die ich las, war nicht etwa: "Schön, dass ihr alle da seid, lasst uns zusammen herumexperimentieren", sondern: "Im Moment kommen Tausende von Nachrichten rein, dass mich irgendwelche Leute in ihren Circle aufgenommen haben. Wenn ich jemanden nicht kenne und der Betreffende kein interessantes und aussagekräftiges Profil hat, landet er gleich im Circle 'Mülleimer'." Gleich dahinter kam ein Beitrag, der sich damit beschäftigte, dass Google pseudonyme Zugänge sperrt und dass dies eine gute Sache sei, verbunden mit einer Fünf-Punkte-Liste, wie sich die Neuankömmlinge gefälligst zu verhalten hätten. Kurz: Affenfelsen im Kölner Zoo, und der Boss zeigt erst einmal den Anderen, wie toll er zur Fortpflanzung geeignet ist. Seht her, wie wichtig ich bin, alle wollen was von mir, und um meine Wichtigkeit zu unterstreichen, zeige ich allen Anderen, wie unwichtig sie sind. Damit eins klar ist: Der ganze Affenfelsen hier, das ist ganz allein meiner, den hab ich selbst hierher gestellt, und jetzt hört alles auf mein Kommando.
Der Tonfall kam mir so bekannt vor, und in der Tat klang es damals, Ende der 80er, genau so, als ich meine ersten Schritte ins Usenet unternahm, nur dass damals der Tonfall sogar noch halbwegs gerechtfertigt war, weil das Netz damals wirklich von einer Handvoll Enthusiasten aufgebaut und verwaltet wurde. Diese Zeiten sind jedoch längst vorbei. Die Planwagen der Pioniere sind zum Stillstand gekommen, die heldenhaften Vorstöße in unbekanntes Terrain gibt es kaum noch. Statt dessen haben sich Städte und Gemeinden gebildet. Längst geht es nicht mehr ums blanke Überleben, sondern darum, welche Art von Zusammenleben wir gerne hätten. Viele von uns sind damals aus der alten Welt übergesiedelt, weil wir den Mief der Städte satt hatten, weil wir uns nicht mehr von irgendwelchen Lehensherren knechten, nicht von einem König herumkommandieren lassen wollten. Wir wollten endlich einmal statt "du musst" ein "du darfst" hören. Das gilt insbesondere für die elementare Frage, was Andere von mir wissen sollen. Ich möchte die Freiheit haben, allen alles über mich sagen zu dürfen, nicht den Zwang, alles sagen zu müssen. Natürlich gibt es in anonymen Netzen eine gewisse Tendenz, über die Stränge zu schlagen, weil man kaum Konsequenzen zu befürchten hat, aber genau das ist nun einmal Freiheit. Eine Gesellschaft, in der die Menschen freiwillig gegenseitig Rücksicht nehmen und tolerieren, dass einige Unsinn bauen, ist mir viel lieber als eine Gesellschaft, in der die Menschen aus Furcht vor Strafen sich an Gesetze halten und es nicht verhindern können, dass einige Verbrecher das System umgehen.
Im Netz schreibe ich unter mindestens vier verschiedenen Identitäten. Keine dieser Identitäten ruft zu kriminellen Handlungen, Menschenverachtung oder Terrorismus auf. Jede dieser Identitäten setzt sich auf leicht unterschiedliche Weise dafür ein, dass Menschen vernünftig und in Freiheit miteinander leben können. Das soll gerne weiter so bleiben.
Samstag, 30. Juli 2011
Instrumentalisierung des Leids
Extreme Taten wie die Morde von Utøya führen zu sehr emotionalen Reaktionen. Das ist in gewisser Weise sogar ein gutes Zeichen, weil es andeutet, dass uns menschliches Leid immer noch berührt. Auf der anderen Seite sollten wir aufpassen, in der Emotion nicht die Relationen aus den Augen zu verlieren.
Das Verbrechen war noch gar nicht richtig vorüber, da meinten die Nachrichtenmedien schon, erste Erklärungen liefern zu müssen, und natürlich kamen viele sehr schnell mit dem Erzbösewicht, der seit dem 11.9.2001 in den Köpfen der westlichen Kulturen herumgeistert: dem Muselmann. Natürlich mussten es Islamisten sein, andere Leute sind auf dieser Welt ja gar nicht in der Lage, jemanden zu töten. Dummerweise stellte sich schon kurz darauf heraus, dass der Täter kein Moslem war. Also musste eine neue Erklärung her. Wenn der Muselmann ausscheidet, bleibt eigentlich nur noch der andere Erzbösewicht übrig: der Nazi. Das passte schon sehr viel besser, fand sich doch reihenweise Material, das auf einen rechtsradikalen Hintergrund schließen lässt.
An dieser Stelle hätte man innehalten und die Fakten stehen lassen können. Aber nein, aus Einzelereignissen muss ja unbedingt ein großer Trend herausgelesen werden. Die Attentäter von New York waren ja auch nicht einfach Dreckskerle, die mit geringem Aufwand möglichst viel Menschen umbringen wollten, es war der "islamistische Terror". Breivik ist nicht einfach ein niederträchtiger Lump, der mit völlig irrsinnigen Vorstellungen ein von Sozialdemokraten organisiertes Ferienlager ermordete, sondern er leitet den "rechtsradikalen Terror" ein.
Wenn wir so etwas glauben, haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.
Dann nämlich verlieren wir unsere Fähigkeit, Risiken vernünftig abzuschätzen. Menschen müssen nur spektakulär genug ums Leben kommen, um bei uns das Gefühl aufkommen zu lassen, hier handle es sich um eine Bedrohung, die viel realer ist als die tatsächlichen Gefahren. Erinnern Sie sich noch an das Zugunglück in Eschede? Die 101 Toten und 88 Verletzten, die an diesem Tag von dieser Katastrophe betroffen waren, verdeckten die Tatsache, dass in der gleichen Woche ungefähr die gleiche Zahl Menschen in Verkehrsunfälle auf deutschen Straßen verwickelt ware - ohne dass jemand forderte, Autos abzuschaffen oder nur noch im Schritttempo zu fahren. Zwar kenne ich Sie nicht, kann Ihnen aber mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, woran Sie sterben werden: Kreislauferkrankungen oder Krebs, und je länger Sie dem widerpsrechen, desto wahrscheinlicher werde ich Recht haben. Allein im Jahr 2007 waren es über eine halbe Millionen Menschen in Deutschland, die auf diese Weise starben. "Das ist ja auch was Anderes", werden Sie sagen. "Das hier sind natürliche Todesursachen. So schlimm es auch ist, sie sind nüchtern betrachtet unvermeidlich." Das sind Tote eines Terroranschlags auch - zumindest, wenn wir in einer freien Welt leben wollen.
Erklärungen, wie es zu einem Attentat kommen kann, gibt es rückblickend viele. Die banalste ist: Der Täter hatte Zugang zu Waffen. Nun haben wir aber in dieser Hinsicht schon eines der schärfsten Gesetze der Welt. So lange es einen breiten Konsens gibt, der bestimmten Berufs- oder Risikogruppen Waffenbesitz gestattet, wird es immer möglich sein, unbefugt an ein Gewehr zu kommen. Wir können nicht vor jede Schule, jeden Kindergarten, jedes Jugendzentrum Vereinzelungsschleusen mit Metalldetektoren stellen, und selbst wenn - dann stürmt der Amokläufer eben den Schulbus oder rennt durch eine Fußgängerzone.
Selbst die bei solchen Gelegenheiten immer wieder gescholtenen Schützenvereine eignen sich nur bedingt als vemeintliche Brutstätte des Terrors. Schützenvereine sind tendenziell unglaublich spießige Einrichtungen, und wer keinen Unterschied zwischen dem Schießen auf eine Pappscheibe und der Ermordung von Menschen sieht, sollte ernsthaft erwägen, die Bundeswehr zu verbieten.
Wenn man schon die Mittel nicht verhindern kann, dann vielleicht die Geisteshaltung, die zur Tat führte. Was hat der Täter denn vor dem Mord so alles getrieben? Aha, er hat Ballerspiele gespielt, er hat sich im Internet auf fragwürdigen Seiten herumgetrieben, er hat Horrorvideos geguckt. Wissen Sie, was geschätzte 102 Prozent aller Jugendlichen in ihrer Freizeit anstellen? Genau das hier Geschilderte, und ich behaupte, dass dies Erfahrungen sind, die man in einem bestimmten Alter sogar sammeln sollte. Wer den Popkultur-Bildungskanon der Jugendlichen verbieten will, wünscht sich insgeheim in eine Zeit zurück, in der Jungs in Matrosenanzügen Holzreifen über die Straßen rollen ließen und Mädchen in Rüschenkleidern ihre Puppenküche versorgten. Gucken Sie übrigens mal in die Geschichtsbücher, welchen Generationen wir die letzten beiden Weltkriege zu verdanken haben. Das waren nicht die mit dem Internetzugang.
Bleibt die Weltanschauung. War der Attentäter Moslem, dann droht uns der islamistische, war er Kommunist, droht uns der linke, war er Nazi, der rechte Terror. Man möge mich einen Kleingeist zeihen, aber für eine vernünftige Aussage über eine Messreihe brauche ich mehrere Werte, und ein einzelner Anschlag, sei er noch so ideologisch fundiert, begründet keine Aussage über einen Trend. Selbst mögliche Trittbrettfahrer reichen nicht aus, um eine Aussage über eine Serie treffen zu können. Die RAF-Morde - das war eine Reihe von Anschlägen, da kann man von linksradikalem Terror sprechen. Die brennenden Asylbewerberheime Anfang der 90er, die Skinheadübergriffe auf Ausländer - das waren thematisch gruppierbare Ereignisse. Breiviks Morde sind zwar aufsehenerregend und sorgfältig inszeniert, aber weit davon entfernt, dass man von der "Rückkehr des Terrors" oder gar dem "9/11 Norwegens" sprechen könnte. Es mag ja sein, dass viele Menschen die Geisteshaltung Breiviks teilen, aber so lange ein Unterschied zwischen Denken und Handeln besteht, muss man diesen Unterschied auch in der Antwort darauf berücksichtigen. "Nationalsozialismus ist keine Haltung, sie ist ein Verbrechen" plappert der Linke gern vor sich hin und glaubt, damit sei die Diskussion erledigt. Das ist sie leider nicht, denn unbeantwortet bleibt die Frage, wann denn ein zulässiger rechter Gedanke in ein rechtes Gedankenverbrechen übergeht und wie man sich eine Welt vorstellt, in der man alle Leute, die das Falsche denken, identifizieren und bestrafen kann.
Genau so platt, wie es vorher gegen den Islam, den Koran und gegen die Hassprediger ging, so geht es jetzt gegen den Rechtsextremismus und den Leuten, denen man bei dieser Gelegenheit immer schon eins auswischen wollte, namentlich Sarrazin und Broder. Breivik hat sich in seinem Manifest offenbar positiv über die beiden geäußert, und das passt nur zu gut ins linke Feindbild.
Man muss allerdings aufpassen, welchen Wert die Aussage hat, jemand habe jemand anderen zitiert. Ich halte von Broder sehr wenig. Für mich ist er ein selbstverliebter, relexionsunfähiger und rechthaberischer Schreiber unterer Qualität, der auf Verschwörungstheoretikerniveau jede Kritik an seiner Person als Bestätigung versteht - immerhin wurden alle großen Geister zu ihrer Zeit scharf angegriffen. Die Schülerzeitungspolemik, die er sich selbst gern herausnimmt, verbittet er sich selbstverständlich, wenn er selbst angegriffen wird, denn dann geht es auf einmal nicht mehr um seine Person, sondern um die große Sache, die er für seine persönliche Eitelkeit missbraucht.
Nun wird Broder also von einem Mörder zitiert. Was sagt uns das? Hätte er aus dem "Götterfunken" zitiert, wäre Beethoven dann ein Wegbereiter des Rechtsradikalismus? Erwächst dem Pennälergeschreibsel eines viertklassigen Spiegel-Autors irgendein Wert, weil es in den Aufzeichnungen eines Mörders auftaucht? Broder zum geistigen Vater der Morde von Oslo zu stilisieren, bedeutet, seinen Worten eine Macht zuzuerkennen, die sie einfach nicht besitzen. Der Spiegel hat schon längst seine Meinungsführerschaft im linksliberalen Spektrum eingebüßt. In den 80ern konnte man vielleicht noch am Montag sagen, was Deutschlands Linke die nächsten sieben Tage denken wird, aber inzwischen kann man sich mit sehr wenig Aufwand aus sehr vielen Quellen versorgen, so dass der Einfluss des einst so mächtigen Blatts erheblich geschrumpft ist. Entsprechend sieht es mit der Reichweite Broders aus. Als er in den 90ern noch aufgeregt für den Krieg gegen den Irak trommelte, konnte er die politische Debatte in Deutschland damit noch entscheidend prägen. Heute sucht man sich politische Kommentare gezielt im Netz zusammen, und wer Brodes Hysterie nicht lesen mag, muss nicht wie einst im Spiegel über die entsprechenden Seiten hinwegblättern, sondern klickt sein Blog einfach nicht an.
Das Schlagwort der "geistigen Brandstiftung" zieht bei solchen Gelegenheiten ihre Runde durch die Blogs, aber ich halte diesen Begriff für unangemessen, weil er die Motive Broders und Sarrazins falsch einschätzt. Beide schreiben fremdenfeindliche Texte, aber sie wollen damit nicht zum Mord an Teilnehmern eines sozialdemokratischen Ferienlagers aufrufen, sondern zweierlei: Geld einnehmen und provozieren, die Frage ist nur, was ihnen wichtiger ist. Sie wissen, dass Deutschlands Linke in weiten Teilen funktioniert wie ein vor dem Supermarkt angeleinter Dackel: Harmlos, aber zuverlässig loskläffend, wenn man ihn ärgert. Deswegen haben Broder und Sarrazin einen Riesenspaß, vor dem Dackel herumzuhampeln und zuzusehen, wie der Kleine wütend lossprintet, um sich nach einem Meter fast mit seiner Leine zu strangulieren. Besonders amüsiert sie es, dass nicht nur ihre Befürworter ihre Bücher kaufen, sondern vor allem ihre poltischen Gegner, die sich an den Texten kräftig abarbeiten wollen. Glauben Sie mir, den beiden ist völlig egal, warum man ihren Büchern zu Rekordverkäufen verhilft, so lange die Einnahmen stimmen.
Ab und zu treiben sie es etwas zu bunt, und dann kann es passieren, dass der zur Weißglut aufgestachelte Dackel am Hosenbein zupft oder die Hand zwickt. Das wiederum ist ein willkommener Anlass, die zerrissene Hose und den blutenden Zeigefinger mit großer Märthyrergeste herumzuzeigen und sich von seinen Freunden bestätigen zu lassen, diese Dackel seien aber auch eine ganz besonders schlimme Plage, gegen die unbedingt etwas unternommen gehöre - wie man schon immer gefordert habe.
Eine Passage, die einem halbwegs vernünftig denkenden Menschen Rechtfertigung zum Mord an Kindern gibt, deren Eltern sich möglicherweise für Ausländerintegration einsetzen, wird man in Broders Schriften vergeblich suchen. Wer behauptet, von Broders selbstverliebten Tiraden im Spiegel ginge eine derart hypnotische Kraft aus, dass Breivik als praktisch willenlose Marionette nicht anders konnte, als dem Folge zu leisten, spricht den Mörder von Schuld frei und begibt sich auf die diffuse Suche nach Hintermännern, um künftige Verbrechen weit im Vorfeld zu verhindern - also irgendwo im spekulativen Gestrüpp der dummes Gewäsch zwangläufig mit einschließenden freien Meinungsäußerung.
Das wiederum ist genau die Haltung, auf die Ordnungs- und Überwachungsfanatiker hinaus wollen: der Glaube, alles Böse ließe sich verhindern, wenn man nur früh genug eingriffe, die Idee, jede vom Konsens abweichende Meinung ginge irgendwann in Extremismus über, der zwangsläufig in Gewalt ende. Im Zweifelsfall sind diese Leute gar nicht einmal so unglücklich, dass die jüngsten Morde einen rechtsradikalen Hintergrund haben, weil die Linken bisher auf das Schreckgespenst des blutrünstigen Muselmanns nur begrenzt ansprangen. Jetzt aber kann man auch ihnen das Instrumentarium des modernen Überwachungsstaats als Heilsbringer verkaufen: Seht her, die Resetknöpfe fürs Internet, die Listen mit im Internet auffällig gewordenen Personen, die Vorratsdatenspeicherung, die Überwachungskameras, die Internetzensur - die sind zu nichts Anderem da, als euch vor dem braunen Mann zu retten, und haben wir erst einmal eine Gesellschaft geschaffen, in der nicht mehr partizipiert, sondern nur noch konsumiert wird, haben wir all diesen Gefahren, die durch die freie Rede entstehen, endgültig ein Ende bereitet.
Es gab in der ganzen Anti-Terror-Debatte der vergangenen Woche vor allem eine intelligente Äußerung, und die kam ausgerechnet vom Ministerpräsidenten des Landes, das gerade die Toten zweier Mordanschläge betrauert und bei dem hysterische Überreaktionen sogar noch am ehesten zu verstehen gewesen wären. Statt dessen erklärte Stoltenberg, die Antwort auf Gewalt bestünde nicht in Gegengewalt, sondern in noch mehr Demokratie und Offenheit.
Hut ab.
Das Verbrechen war noch gar nicht richtig vorüber, da meinten die Nachrichtenmedien schon, erste Erklärungen liefern zu müssen, und natürlich kamen viele sehr schnell mit dem Erzbösewicht, der seit dem 11.9.2001 in den Köpfen der westlichen Kulturen herumgeistert: dem Muselmann. Natürlich mussten es Islamisten sein, andere Leute sind auf dieser Welt ja gar nicht in der Lage, jemanden zu töten. Dummerweise stellte sich schon kurz darauf heraus, dass der Täter kein Moslem war. Also musste eine neue Erklärung her. Wenn der Muselmann ausscheidet, bleibt eigentlich nur noch der andere Erzbösewicht übrig: der Nazi. Das passte schon sehr viel besser, fand sich doch reihenweise Material, das auf einen rechtsradikalen Hintergrund schließen lässt.
An dieser Stelle hätte man innehalten und die Fakten stehen lassen können. Aber nein, aus Einzelereignissen muss ja unbedingt ein großer Trend herausgelesen werden. Die Attentäter von New York waren ja auch nicht einfach Dreckskerle, die mit geringem Aufwand möglichst viel Menschen umbringen wollten, es war der "islamistische Terror". Breivik ist nicht einfach ein niederträchtiger Lump, der mit völlig irrsinnigen Vorstellungen ein von Sozialdemokraten organisiertes Ferienlager ermordete, sondern er leitet den "rechtsradikalen Terror" ein.
Wenn wir so etwas glauben, haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.
Dann nämlich verlieren wir unsere Fähigkeit, Risiken vernünftig abzuschätzen. Menschen müssen nur spektakulär genug ums Leben kommen, um bei uns das Gefühl aufkommen zu lassen, hier handle es sich um eine Bedrohung, die viel realer ist als die tatsächlichen Gefahren. Erinnern Sie sich noch an das Zugunglück in Eschede? Die 101 Toten und 88 Verletzten, die an diesem Tag von dieser Katastrophe betroffen waren, verdeckten die Tatsache, dass in der gleichen Woche ungefähr die gleiche Zahl Menschen in Verkehrsunfälle auf deutschen Straßen verwickelt ware - ohne dass jemand forderte, Autos abzuschaffen oder nur noch im Schritttempo zu fahren. Zwar kenne ich Sie nicht, kann Ihnen aber mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, woran Sie sterben werden: Kreislauferkrankungen oder Krebs, und je länger Sie dem widerpsrechen, desto wahrscheinlicher werde ich Recht haben. Allein im Jahr 2007 waren es über eine halbe Millionen Menschen in Deutschland, die auf diese Weise starben. "Das ist ja auch was Anderes", werden Sie sagen. "Das hier sind natürliche Todesursachen. So schlimm es auch ist, sie sind nüchtern betrachtet unvermeidlich." Das sind Tote eines Terroranschlags auch - zumindest, wenn wir in einer freien Welt leben wollen.
Erklärungen, wie es zu einem Attentat kommen kann, gibt es rückblickend viele. Die banalste ist: Der Täter hatte Zugang zu Waffen. Nun haben wir aber in dieser Hinsicht schon eines der schärfsten Gesetze der Welt. So lange es einen breiten Konsens gibt, der bestimmten Berufs- oder Risikogruppen Waffenbesitz gestattet, wird es immer möglich sein, unbefugt an ein Gewehr zu kommen. Wir können nicht vor jede Schule, jeden Kindergarten, jedes Jugendzentrum Vereinzelungsschleusen mit Metalldetektoren stellen, und selbst wenn - dann stürmt der Amokläufer eben den Schulbus oder rennt durch eine Fußgängerzone.
Selbst die bei solchen Gelegenheiten immer wieder gescholtenen Schützenvereine eignen sich nur bedingt als vemeintliche Brutstätte des Terrors. Schützenvereine sind tendenziell unglaublich spießige Einrichtungen, und wer keinen Unterschied zwischen dem Schießen auf eine Pappscheibe und der Ermordung von Menschen sieht, sollte ernsthaft erwägen, die Bundeswehr zu verbieten.
Wenn man schon die Mittel nicht verhindern kann, dann vielleicht die Geisteshaltung, die zur Tat führte. Was hat der Täter denn vor dem Mord so alles getrieben? Aha, er hat Ballerspiele gespielt, er hat sich im Internet auf fragwürdigen Seiten herumgetrieben, er hat Horrorvideos geguckt. Wissen Sie, was geschätzte 102 Prozent aller Jugendlichen in ihrer Freizeit anstellen? Genau das hier Geschilderte, und ich behaupte, dass dies Erfahrungen sind, die man in einem bestimmten Alter sogar sammeln sollte. Wer den Popkultur-Bildungskanon der Jugendlichen verbieten will, wünscht sich insgeheim in eine Zeit zurück, in der Jungs in Matrosenanzügen Holzreifen über die Straßen rollen ließen und Mädchen in Rüschenkleidern ihre Puppenküche versorgten. Gucken Sie übrigens mal in die Geschichtsbücher, welchen Generationen wir die letzten beiden Weltkriege zu verdanken haben. Das waren nicht die mit dem Internetzugang.
Bleibt die Weltanschauung. War der Attentäter Moslem, dann droht uns der islamistische, war er Kommunist, droht uns der linke, war er Nazi, der rechte Terror. Man möge mich einen Kleingeist zeihen, aber für eine vernünftige Aussage über eine Messreihe brauche ich mehrere Werte, und ein einzelner Anschlag, sei er noch so ideologisch fundiert, begründet keine Aussage über einen Trend. Selbst mögliche Trittbrettfahrer reichen nicht aus, um eine Aussage über eine Serie treffen zu können. Die RAF-Morde - das war eine Reihe von Anschlägen, da kann man von linksradikalem Terror sprechen. Die brennenden Asylbewerberheime Anfang der 90er, die Skinheadübergriffe auf Ausländer - das waren thematisch gruppierbare Ereignisse. Breiviks Morde sind zwar aufsehenerregend und sorgfältig inszeniert, aber weit davon entfernt, dass man von der "Rückkehr des Terrors" oder gar dem "9/11 Norwegens" sprechen könnte. Es mag ja sein, dass viele Menschen die Geisteshaltung Breiviks teilen, aber so lange ein Unterschied zwischen Denken und Handeln besteht, muss man diesen Unterschied auch in der Antwort darauf berücksichtigen. "Nationalsozialismus ist keine Haltung, sie ist ein Verbrechen" plappert der Linke gern vor sich hin und glaubt, damit sei die Diskussion erledigt. Das ist sie leider nicht, denn unbeantwortet bleibt die Frage, wann denn ein zulässiger rechter Gedanke in ein rechtes Gedankenverbrechen übergeht und wie man sich eine Welt vorstellt, in der man alle Leute, die das Falsche denken, identifizieren und bestrafen kann.
Genau so platt, wie es vorher gegen den Islam, den Koran und gegen die Hassprediger ging, so geht es jetzt gegen den Rechtsextremismus und den Leuten, denen man bei dieser Gelegenheit immer schon eins auswischen wollte, namentlich Sarrazin und Broder. Breivik hat sich in seinem Manifest offenbar positiv über die beiden geäußert, und das passt nur zu gut ins linke Feindbild.
Man muss allerdings aufpassen, welchen Wert die Aussage hat, jemand habe jemand anderen zitiert. Ich halte von Broder sehr wenig. Für mich ist er ein selbstverliebter, relexionsunfähiger und rechthaberischer Schreiber unterer Qualität, der auf Verschwörungstheoretikerniveau jede Kritik an seiner Person als Bestätigung versteht - immerhin wurden alle großen Geister zu ihrer Zeit scharf angegriffen. Die Schülerzeitungspolemik, die er sich selbst gern herausnimmt, verbittet er sich selbstverständlich, wenn er selbst angegriffen wird, denn dann geht es auf einmal nicht mehr um seine Person, sondern um die große Sache, die er für seine persönliche Eitelkeit missbraucht.
Nun wird Broder also von einem Mörder zitiert. Was sagt uns das? Hätte er aus dem "Götterfunken" zitiert, wäre Beethoven dann ein Wegbereiter des Rechtsradikalismus? Erwächst dem Pennälergeschreibsel eines viertklassigen Spiegel-Autors irgendein Wert, weil es in den Aufzeichnungen eines Mörders auftaucht? Broder zum geistigen Vater der Morde von Oslo zu stilisieren, bedeutet, seinen Worten eine Macht zuzuerkennen, die sie einfach nicht besitzen. Der Spiegel hat schon längst seine Meinungsführerschaft im linksliberalen Spektrum eingebüßt. In den 80ern konnte man vielleicht noch am Montag sagen, was Deutschlands Linke die nächsten sieben Tage denken wird, aber inzwischen kann man sich mit sehr wenig Aufwand aus sehr vielen Quellen versorgen, so dass der Einfluss des einst so mächtigen Blatts erheblich geschrumpft ist. Entsprechend sieht es mit der Reichweite Broders aus. Als er in den 90ern noch aufgeregt für den Krieg gegen den Irak trommelte, konnte er die politische Debatte in Deutschland damit noch entscheidend prägen. Heute sucht man sich politische Kommentare gezielt im Netz zusammen, und wer Brodes Hysterie nicht lesen mag, muss nicht wie einst im Spiegel über die entsprechenden Seiten hinwegblättern, sondern klickt sein Blog einfach nicht an.
Das Schlagwort der "geistigen Brandstiftung" zieht bei solchen Gelegenheiten ihre Runde durch die Blogs, aber ich halte diesen Begriff für unangemessen, weil er die Motive Broders und Sarrazins falsch einschätzt. Beide schreiben fremdenfeindliche Texte, aber sie wollen damit nicht zum Mord an Teilnehmern eines sozialdemokratischen Ferienlagers aufrufen, sondern zweierlei: Geld einnehmen und provozieren, die Frage ist nur, was ihnen wichtiger ist. Sie wissen, dass Deutschlands Linke in weiten Teilen funktioniert wie ein vor dem Supermarkt angeleinter Dackel: Harmlos, aber zuverlässig loskläffend, wenn man ihn ärgert. Deswegen haben Broder und Sarrazin einen Riesenspaß, vor dem Dackel herumzuhampeln und zuzusehen, wie der Kleine wütend lossprintet, um sich nach einem Meter fast mit seiner Leine zu strangulieren. Besonders amüsiert sie es, dass nicht nur ihre Befürworter ihre Bücher kaufen, sondern vor allem ihre poltischen Gegner, die sich an den Texten kräftig abarbeiten wollen. Glauben Sie mir, den beiden ist völlig egal, warum man ihren Büchern zu Rekordverkäufen verhilft, so lange die Einnahmen stimmen.
Ab und zu treiben sie es etwas zu bunt, und dann kann es passieren, dass der zur Weißglut aufgestachelte Dackel am Hosenbein zupft oder die Hand zwickt. Das wiederum ist ein willkommener Anlass, die zerrissene Hose und den blutenden Zeigefinger mit großer Märthyrergeste herumzuzeigen und sich von seinen Freunden bestätigen zu lassen, diese Dackel seien aber auch eine ganz besonders schlimme Plage, gegen die unbedingt etwas unternommen gehöre - wie man schon immer gefordert habe.
Eine Passage, die einem halbwegs vernünftig denkenden Menschen Rechtfertigung zum Mord an Kindern gibt, deren Eltern sich möglicherweise für Ausländerintegration einsetzen, wird man in Broders Schriften vergeblich suchen. Wer behauptet, von Broders selbstverliebten Tiraden im Spiegel ginge eine derart hypnotische Kraft aus, dass Breivik als praktisch willenlose Marionette nicht anders konnte, als dem Folge zu leisten, spricht den Mörder von Schuld frei und begibt sich auf die diffuse Suche nach Hintermännern, um künftige Verbrechen weit im Vorfeld zu verhindern - also irgendwo im spekulativen Gestrüpp der dummes Gewäsch zwangläufig mit einschließenden freien Meinungsäußerung.
Das wiederum ist genau die Haltung, auf die Ordnungs- und Überwachungsfanatiker hinaus wollen: der Glaube, alles Böse ließe sich verhindern, wenn man nur früh genug eingriffe, die Idee, jede vom Konsens abweichende Meinung ginge irgendwann in Extremismus über, der zwangsläufig in Gewalt ende. Im Zweifelsfall sind diese Leute gar nicht einmal so unglücklich, dass die jüngsten Morde einen rechtsradikalen Hintergrund haben, weil die Linken bisher auf das Schreckgespenst des blutrünstigen Muselmanns nur begrenzt ansprangen. Jetzt aber kann man auch ihnen das Instrumentarium des modernen Überwachungsstaats als Heilsbringer verkaufen: Seht her, die Resetknöpfe fürs Internet, die Listen mit im Internet auffällig gewordenen Personen, die Vorratsdatenspeicherung, die Überwachungskameras, die Internetzensur - die sind zu nichts Anderem da, als euch vor dem braunen Mann zu retten, und haben wir erst einmal eine Gesellschaft geschaffen, in der nicht mehr partizipiert, sondern nur noch konsumiert wird, haben wir all diesen Gefahren, die durch die freie Rede entstehen, endgültig ein Ende bereitet.
Es gab in der ganzen Anti-Terror-Debatte der vergangenen Woche vor allem eine intelligente Äußerung, und die kam ausgerechnet vom Ministerpräsidenten des Landes, das gerade die Toten zweier Mordanschläge betrauert und bei dem hysterische Überreaktionen sogar noch am ehesten zu verstehen gewesen wären. Statt dessen erklärte Stoltenberg, die Antwort auf Gewalt bestünde nicht in Gegengewalt, sondern in noch mehr Demokratie und Offenheit.
Hut ab.
Samstag, 9. Juli 2011
Google - Plus oder Blase?
Vom Marketing her gesehen hat Google perfekte Arbeit geleistet. Vor elf Tagen erscheint auf Spiegel Online ein Artikel über den "Facebook-Rivalen". Ob die Kategorisierung stimmt, behandeln wir gleich, entscheidend ist: Die wahrscheinlich meistgelesene deutschsprachige Nachrichtenquelle im Internet lässt die beiden Stichworte "Google" und "Facebook" fallen - zwei Begriffe, die stets heftige Reaktionen und große Aufmerksamkeit bewirken. Für einen Großteil der Internetnutzer besteht "das Netz" ohnehin nur aus diesen beiden Anwendungen. Chat, E-Mail, Nachrichten und Homepage sind Facebook, und wenn man eine andere Seite im Netz ansteuern will, muss man ihren Namen in die Suchmaske von Google eingeben. Die Zeiten von Mail- und Chatclients sowie Bookmarks im Browser sind vorbei. Viele Menschen sind schon von zwei E-Mailadressen überfordert, wie kann man da von ihnen verlangen, sich mehr als zwei URLs zu merken?
Facebook ist fast ein Synonym für Internetkommunikation. Die Plattform hat weltweit beinahe 700 Millionen Mitglieder. Die Software war freilich nicht für solche Zahlen konzipiert, und so tauchten Sicherheitslücken auf, die man einer Hobbyanwendung auf einer Unihomepage noch nachsehen mag, aber wer ein Zehntel der Menschheit auf seinen Servern versammelt, hält deutlich brisantere Informationen in seinen Händen als die Frage, ob der Quarterback der Tigers mit einem Cheerleader ausgeht. Facebook hat es gleich mehrfach vermasselt, und selbst in Sachen Datenschutz eher entspannten Zeitgenossen ist aufgegangen, dass dahinter nicht nur ein paar laienhafte Codezeilen, sondern Konzepte des Firmengründers stehen. Man mag sich weiterhin auf Facebook herumtreiben wollen, aber man muss sich im Klaren sein: Meine persönlichen Daten sind hier in denkbar schlechtesten Händen.
Nun sollte man nicht dem Irrtum verfallen, Google sei im Vergleich ein leuchtendes Vorbild. Wer es schafft, den sichtbaren Teil des Internets in einer Qualität zu katalogisieren, dass selbst Softwaregiganten wie Microsoft dem nichts entgegen zu setzen haben, weiß, wie man Daten verarbeitet. Ich behaupte, der einzige Grund, warum Google noch keinen Facebook-Skandal hatte, liegt einfach darin, dass Google bisslang einfach keine Daten dieser Art hat. Das soll sich ja bekanntlich jetzt ändern.
Auch Google hat in Datenschützerkreisen einen schlechten Leumund, wenngleich man hier - wie übrigens auch bei Facebook - aufpassen muss, wann man tatsächliche Lücken kritisiert und wann man einfach hysterisch herumzappelt. Ich versuche, halbwegs die Nerven zu behalten. Die unverlangt angelegten Suchprofile gefallen mir beispielsweise nicht, aber meine Hauswand finden Sie unverpixelt im Netz. Mein Eindruck mag mich täuschen, aber bei Google habe ich das Gefühl, dass dieses Unternehmen wenigstens klar sagt, wann es mit Daten auf bedenkliche Weise hantiert, während andere, die genau das Gleiche veranstalten, sich noch mehr hinter nebulösen AGB-Klauseln verstecken.
Der "Spiegel" schreibt also vom "Facebook-Konkurrenten", und die Netzgemeinde wird hellhörig. Google? Die mit der guten Suchmaschine, dem eleganten Maildienst und der kollaborativen Office-Suite, allerdings auch mit peinlichen Pleiten wie Buzz und Wave? Das ist etwa so, wie wenn im Fernsehzeitalter "Wetten Dass" gegen die "Superstars" am Samstagabend antraten. Egal, was man von den beiden Sendungen halten mag, allein, dass hier zwei Giganten aufeinander trafen, weckte Interesse. Selbst wenn man so wie ich Diensten wie Facebook mit komplettem Unverständnis begegnete, klickte man automatisch auf die neue Adresse von "Google Plus", einfach, um zu sehen, was da wohl sein mag.
Nichts.
Naja, nicht ganz nichts, nur die enttäuschende Ansage, der Dienst befände sich in einer sehr frühen Testphase, während der nur einige wenige ausgesuchte Testnutzer das Privileg besäßen, ein wenig herumspielen zu können. Ich gehörte offensichtlich nicht dazu. Weder meine Mailaktivitäten noch mein Blog haben genug Relevanz, um in der Liga deutscher Netzaktiver wie Michael Seemann, Martin Haase oder Kristian Köhntopp mithalten zu können. Statt dessen durfte ich als Zaungast staunend zusehen, wie sich die Welt auf Twitter und in diversen Artikeln über Stärken und Schwächen des Dienstes ausließ. Mein Kollegenkreis war natürlich auch längst schon da. "Ja, dann komm doch einfach mit zu Schiiplass, ich hab' dir doch schon 'ne Nachricht geschickt." - "Wie denn, du Spaßkeks? Ich versuche mindestens viermal am Tag, mich da einzuloggen, aber das Einzige, was ich sehe, ist die Nachricht, Gesindel wie mich ließe man erst dann rein, wenn selbst mein Dackel einen Zugang hat."
So gingen die Tage ins Land. Google hatte einige Aufmerksamkeit erregende Nachrichten platzieren können und die Tore zu ihrem Dienst genau so weit geöffnet, dass ständig irgendwer darüber redete, wie toll es denn da sei, man selbst aber nur das Testbild auswendig lernen und sich fragen durfte, ob die allgemeine Hysterie der Realität gerecht werde. Gestern in den späten Nachmittagsstunden war es dann soweit: Ein Kollege hinter mir quietschte ganz aufgeregt "Ich bin drin", mit zitternden Fingern klickte ich zum ungezählten Mal auf den Link und - da war es. Optisch etwas dürr, aber so ist Google eben. Als ich das nächste Mal vom Bildschirm aufblickte, dämmerte es draußen.
Nun muss ich zugeben, nicht jede Mode im Netz verstanden zu haben. Wozu man Mail und Chat braucht, war mir unmittelbar klar. Fürs Bloggen brauchte ich eine Weile, und auch jetzt muss ich ehrlicherweise sagen, dass der Menschheit nichts fehlt, wenn Leute wie ich keine überlangen Pamphlete zusammenklimpern können, aber ich habe meinen Spaß daran. Wenn es zufällig noch jemand liest, umso schöner. Da ich lange Zeit nur ISDN hatte, erschloss sich mir die Welt der Podcasts und Webvideos nur zögerlich, aber da so etwas im Prinzip eine Weiterentwicklung des Bloggens darstellt, konnte ich damit etwas anfangen. Wikis und Etherpads fand ich auf Anhieb großartig. Am längsten brauchte ich für Twitter. Warum, fragte ich mich, sollte irgendein Mensch mit mehr Verstand als eine Miesmuschel 140 Zeichen lange Nachrichten absetzen und vor allem: Warum sollte irgendwer den Quatsch lesen wollen? Es kostete mich einige Zeit, um zu begreifen, dass man ja nicht gezwungen ist, Unsinn zu twittern, sondern dass man auch über relevante Dinge schreiben kann. 7000 Tweets und 200 sorgfältig gepflegte Follower später ist dieser Dienst für mich inzwischen eine wichtigere Nachrichtenquelle als Heise und Spiegel Online.
Was mir weiterhin fremd ist und auch meine Sicht auf Google Plus verzerrt, ist Facebook. Vielleicht liegt es an meiner ländlichen Herkunft, dass ich nie Wert darauf legte, besonders viele, sondern lieber wenige und dafür gute Freunde zu haben, und um mit denen in Kontakt zu bleiben, brauche ich keine Website, sondern ein Adressbuch, eine Telefonnummer, eine E-Mailadresse und allenfalls noch eine Chat- oder Twitter-Kennung. Ich weiß, vieles davon finde ich auch bei Facebook, aber wer so wie ich Absurditäten wie ein Post- und Fernmeldemonopol, noch verrückter: ein Zündholzmonopol erlebt hat, kennt die Gefahren, die eine solche Konzentration birgt. Auf der einen Seite bekommt man alles aus einer Hand, auf der anderen Seite bestimmt diese eine Hand auch die Regeln. Natürlich kann ich bei Facebook mit meinen Freunden auf viele Weisen Nachrichten austauschen, aber eben nur so, wie Facebook es zulässt. Wenn der Dienstleister auf einmal auf die Idee kommt, bestimmte Inhalte zu zensieren, bestimmte Personengruppen auszuschließen oder bestimmte Nachrichten zu einem Personendossier zusammenzufassen und diese an meine Krankenkasse, meinen Arbeitgeber oder an Nachrichtendienste weiter zu leiten, gibt es nichts, was ich dagegen unternehmen kann. Eine AGB-Änderung reicht. Je mehr unterschiedliche Nachrichtenkanäle ich nutze, desto differenzierter kann ich auf solche Situationen eingehen.
Auf der anderen Seite will ich gar nicht, dass mich jeder jederzeit finden kann. Mein Abijahrgang und ich haben uns seinerzeit gegenseitig gehasst, und wenn jetzt nach Jahrzehnten bilateralen Ignorierens ein ehemaliger Jahrgangskollege eine meiner sorgfältig gehüteten Mailadressen herausfindet und mich zu einem Abi-Nachtreffen einlädt, frage ich mich ernsthaft, was er damit bezweckt. Sollen wir gegenseitig unsere erschlafften Gliedmaßen und ergrauten - so überhaupt noch vorhandenen - Haare bewundern? Sollen sich hundert ehemalige Individualisten, die seinerzeit auszogen, die Welt zu ändern, gegenseitig trösten, den Verlockungen des Spießertums nachgegeben zu haben? Ist es das, wobei mir Facebook helfen soll? Vergesst es.
Besonders gruselt es mir bei der Vorstellung, was die Typen aus meinem Bekanntenkreis, die bei Facebook herumlungern, mit meinen Daten anfangen, schlimmer noch: bereits angefangen haben. Als besondere Dienstleistung bietet Facebook an, dass man sein Adressbuch einfach hochlädt, und das geschieht mit einem Mausklick, ohne dass mich jemand fragt, ob ich das will. Ist mein Gesicht zufällig auf einem Partyfoto zu sehen, steht diese Information auf einmal auch bei Facebook - wieder einmal ohne mein Zutun, geschweige denn meiner Zustimmung. Künftig geht das Ganze automatisiert durch Gesichtserkennung, und dann kann jeder mit ein bisschen Programmierkenntnissen über mich ein Personenprofil zusammenstellen, gegen die meine Stasiakte ein nichtssagendes Schmierblatt ist. Es mag ja sein, dass viele Menschen damit keine Schwierigkeiten haben, aber unter anständigen Leuten fragt man sich gegenseitig, bevor man solche Sachen veranstaltet - was bei Facebook eindeutig nicht geschieht.
Jetzt gibt es also Google Plus, und als naiver Beobachter frage ich mich, wo der große Unterschied sein soll. Ähnlich wie bei Facebook habe ich eine Nachrichtenliste von Leuten, die ich beobachten möchte, kann dort kommentieren, "Like" heißt bei Google "+1", aber ansonsten treffe ich Bekanntes: Adressbücher kann ich wie bei Facebook importieren, und Gesichter auf Fotos kann ich markieren. Zusätzlich kann ich noch Videotelefonkonferenzen schalten, wobei ich wette, dass Facebook schnell nachziehen wird. Der einzige konzeptionelle Unterschied sind die verschiedenen Kreise, in die ich meine Bekannten einsortieren kann und die damit verbundene Möglichkeiten, bestimmte Nachrichten nicht mehr an die ganze Welt, sondern nur noch gezielt an bestimmte Kreise zu schicken. Nett sind auch die "Sparks", eine Art nach eigenen Kriterien gefilterter Nachrichtenstrom aus dem Netz. Ich habe meine Zweifel, dass diese beiden Kleinigkeiten zu einer Massenhaften Migration von Facebook zu Google Plus führen werden.
Das ist aber möglicherweise auch gar nicht die Intention. Sascha Lobo schätzt in einem sehr lesenswerten Artikel die Philosophie hinter dem neuen Dienst ein. In seinen Augen liegt der Schwerpunkt bei Facebook mehr auf dem Sozialen, bei Google mehr auf dem Medialen. Facebook frage: "Wer bist du?", Google hingegen: "Wofür interssierst du dich?" Er spricht von der unterschiedlichen DNS der beiden Dienste. Es kann sein, dass er damit - wie so oft - richtig liegt, aber um das biologische Bild weiter zu benutzen: Den Genotyp kann ich von außen nicht erkennen, nur den Phänotyp, und genau der sieht im Moment noch Facebook derart ähnlich, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie die Standardnutzer einen großen Unterschied sehen und darauf reagieren sollen.
Es bleibt für mich die Frage, ob Google das Zeug hat, Facebook gefährlich zu werden. Die Zahl von Nutzern, die vom laxen Datenschutz bei Facebook so sehr die Nase voll haben, dass sie selbst Google als einen sicheren Hafen ansehen, dürfte vernachlässigbar sein. Hat das Netz Platz für zwei Facebooks, numerisch gesehen ist dies ja offensichtlich möglich? Hier lautet meine These: Nein, prinzipbedingt kann es nur ein Facebook geben. Warum? Weil die Attraktivität derartiger sozialer Netze gerade darin besteht, dass man sich gegenseitig findet. Wenn ich interessante Leute suche, dann finde ich 700 Millionen davon bei Facebook. Parallel sind einige von ihnen auch bei Google vertreten, aber warum sollte ich ihnen dorthin folgen, wenn ich sie und viele andere schon bei Facebook habe? Der gesamte Wert eines sozialen Netzes hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, dort einen bestimmten Menschen zu finden, und die ist nun einmal bei Facebook signifikant höher als bei Google. So lange Google und Facebook nicht untereinander Daten austauschen - was aufgrund des Geschäftsmodells völlig absurd wäre - bin ich gezwungen, mich im gleichen Netz zu befinden, wo sich derjenige aufhält, dessen Nachrichten ich lesen möchte. Das ist wohl auch der Grund, warum AIM, MSN, Yahoo, GMX, Google, Yammer, ICQ und wie die ganzen Chat-Insellösungen auch immer heißen mögen, massiv an Bedeutung verloren haben: Die Leute wollen einfach nicht mit einem halben Dutzend Chatkonten jonglieren, um mit den Leuten in den verschiedenen zueinander inkompatiblen Netzen in Kontakt bleiben zu können. Einmal Facebook - alles drin. Ich behaupte deshalb, dass Facebook durch Google etwa so gefährdet ist wie Windows durch Linux.
Ist wenigstens Twitter in Gefahr? Hier sehen die Zahlenverhältnisse schon ganz anders aus: In Deutschland bewegt sich die Zahl registrierter Nutzer irgendwo um 2 Millionen, von denen aber vielleicht ein Drittel den Dienst wirklich nutzt. Deutsche Facebook-Nutzer gibt es hingegen knapp 19 Millionen. Wenn ich mir jetzt überlege, dass ich mit meinen Tweets gerade einmal 200 Menschen erreiche, während jeder Mittelstufenschüler mit einer Facebooknachricht ein Vielfaches an Lesern informiert, werde ich, was die Einschätzung der eigenen Relevanz angeht, sehr bescheiden.
Lästerlich gesagt wird es kaum jemand merken, wenn Twitter auf einmal weg wäre. Das ist natürlich nicht wahr, aber das spartanische Konzept von Twitter vermag die wenigsten zu begeistern. Sascha Lobo stellt zu Recht fest, dass sich Twitter über Jahre nicht fortentwickelt hat, und betrachtet man die Sache selbstkritisch, ist Twitter ein Spielzeug für ein paar zottelige Nerds, aber kein Massenmedium. Bis jetzt ist ja nicht einmal klar, wie man mit diesem Dienst Geld verdienen will - zumindest nicht, ohne die ganzen datenschutzaffinen Computerzombies zu vergraulen. Vielen fällt es auch schwer, den Reiz der scheinbar antiquierten Nachrichtenbegrenzung auf 140 Zeichen zu verstehen. In der Tat ist es eine Kunst, so griffig und prägnant zu schreiben, dass man in den wenigen Bytes nicht nur sein Anliegen sondern vielleicht auch noch einen Link auf einen Artikel unterbringt. Wer schon einmal in einer Zeitungsredaktion gearbeitet hat, kennt die Mühe, die es bereitet, eine stundenlange Bundestagsdebatte ein einer Schlagzeile mit vielleicht fünf Worten unterzubringen. Ich kenne viele Redakteure, die an dieser Aufgabe scheitern.
Genau hier liegt der Reiz von Twitter. Egal, wieviel Blödsinn der Autor verzapft, nach 140 Zeichen ist Schluss. Wenn er es bis dahin nicht geschafft hat, mich zu interessieren, liest auch kein Mensch den Artikel, auf den er in der Regel velinkt. Man mag von der Bild-Zeitung halten, was man will, mit ihrem Slogan "Wer etwas zu sagen hat, braucht nicht viele Worte" traf sie einen wichtigen Punkt. Was war die wichtigste Aussage der Netzaktivisten im Jahr 2009? "Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen." - abgesetzt von 343max auf Twitter.
Google - und natürlich auch Facebook - können Twitter verdrängen, einfach weil zu wenigen Nutzern klar ist, warum im Zeitalter der Terabyteplatten eine Nachricht nicht einmal SMS-Größe haben darf. Die Leute wollen schwafeln, und den Zwang, sich beherrschen zu müssen, empfinden sie als Beleidigung ihres künstlerischen Schaffens. Wer etwas auf sich hält, hat ein Smartphone mit GSM-Flat, da kann man schreiben, bis der Akku leer ist. Für karge Dienste wie Twitter ist in einer solchen Welt kein Platz.
Google ist - vorsichtig gesagt - sehr groß. Wenn dieses Unternehmen sich anschickt, einen neuen Dienst anzubieten, muss man dies allein deswegen schon ernst nehmen, weil Google die Marktmacht und das Geld hat, diesen Dienst zu fördern. Auf der anderen Seite hat Google auch schon einige Male daneben gelegen, siehe beispielsweise Wave und Buzz - übrigens ein Twitter-Konkurrent. Die Welt nimmt Google nach wie vor überwiegend als Suchmaschine wahr, mögen die Fakten auch anders aussehen. Eine Konkurrenz für Facebook sehe ich hier nicht, dazu kommt Plus zu spät und bringt zu wenig Neues. Ich bin gespannt, ob und wenn ja welche Nische Plus finden wird. Einen bemerkenswerten Start hat er schon hingelegt, jetzt muss er zeigen, ob er sich, wenn sich die Aufregung legt, nicht zur Blase entwickelt.
Facebook ist fast ein Synonym für Internetkommunikation. Die Plattform hat weltweit beinahe 700 Millionen Mitglieder. Die Software war freilich nicht für solche Zahlen konzipiert, und so tauchten Sicherheitslücken auf, die man einer Hobbyanwendung auf einer Unihomepage noch nachsehen mag, aber wer ein Zehntel der Menschheit auf seinen Servern versammelt, hält deutlich brisantere Informationen in seinen Händen als die Frage, ob der Quarterback der Tigers mit einem Cheerleader ausgeht. Facebook hat es gleich mehrfach vermasselt, und selbst in Sachen Datenschutz eher entspannten Zeitgenossen ist aufgegangen, dass dahinter nicht nur ein paar laienhafte Codezeilen, sondern Konzepte des Firmengründers stehen. Man mag sich weiterhin auf Facebook herumtreiben wollen, aber man muss sich im Klaren sein: Meine persönlichen Daten sind hier in denkbar schlechtesten Händen.
Nun sollte man nicht dem Irrtum verfallen, Google sei im Vergleich ein leuchtendes Vorbild. Wer es schafft, den sichtbaren Teil des Internets in einer Qualität zu katalogisieren, dass selbst Softwaregiganten wie Microsoft dem nichts entgegen zu setzen haben, weiß, wie man Daten verarbeitet. Ich behaupte, der einzige Grund, warum Google noch keinen Facebook-Skandal hatte, liegt einfach darin, dass Google bisslang einfach keine Daten dieser Art hat. Das soll sich ja bekanntlich jetzt ändern.
Auch Google hat in Datenschützerkreisen einen schlechten Leumund, wenngleich man hier - wie übrigens auch bei Facebook - aufpassen muss, wann man tatsächliche Lücken kritisiert und wann man einfach hysterisch herumzappelt. Ich versuche, halbwegs die Nerven zu behalten. Die unverlangt angelegten Suchprofile gefallen mir beispielsweise nicht, aber meine Hauswand finden Sie unverpixelt im Netz. Mein Eindruck mag mich täuschen, aber bei Google habe ich das Gefühl, dass dieses Unternehmen wenigstens klar sagt, wann es mit Daten auf bedenkliche Weise hantiert, während andere, die genau das Gleiche veranstalten, sich noch mehr hinter nebulösen AGB-Klauseln verstecken.
Der "Spiegel" schreibt also vom "Facebook-Konkurrenten", und die Netzgemeinde wird hellhörig. Google? Die mit der guten Suchmaschine, dem eleganten Maildienst und der kollaborativen Office-Suite, allerdings auch mit peinlichen Pleiten wie Buzz und Wave? Das ist etwa so, wie wenn im Fernsehzeitalter "Wetten Dass" gegen die "Superstars" am Samstagabend antraten. Egal, was man von den beiden Sendungen halten mag, allein, dass hier zwei Giganten aufeinander trafen, weckte Interesse. Selbst wenn man so wie ich Diensten wie Facebook mit komplettem Unverständnis begegnete, klickte man automatisch auf die neue Adresse von "Google Plus", einfach, um zu sehen, was da wohl sein mag.
Nichts.
Naja, nicht ganz nichts, nur die enttäuschende Ansage, der Dienst befände sich in einer sehr frühen Testphase, während der nur einige wenige ausgesuchte Testnutzer das Privileg besäßen, ein wenig herumspielen zu können. Ich gehörte offensichtlich nicht dazu. Weder meine Mailaktivitäten noch mein Blog haben genug Relevanz, um in der Liga deutscher Netzaktiver wie Michael Seemann, Martin Haase oder Kristian Köhntopp mithalten zu können. Statt dessen durfte ich als Zaungast staunend zusehen, wie sich die Welt auf Twitter und in diversen Artikeln über Stärken und Schwächen des Dienstes ausließ. Mein Kollegenkreis war natürlich auch längst schon da. "Ja, dann komm doch einfach mit zu Schiiplass, ich hab' dir doch schon 'ne Nachricht geschickt." - "Wie denn, du Spaßkeks? Ich versuche mindestens viermal am Tag, mich da einzuloggen, aber das Einzige, was ich sehe, ist die Nachricht, Gesindel wie mich ließe man erst dann rein, wenn selbst mein Dackel einen Zugang hat."
So gingen die Tage ins Land. Google hatte einige Aufmerksamkeit erregende Nachrichten platzieren können und die Tore zu ihrem Dienst genau so weit geöffnet, dass ständig irgendwer darüber redete, wie toll es denn da sei, man selbst aber nur das Testbild auswendig lernen und sich fragen durfte, ob die allgemeine Hysterie der Realität gerecht werde. Gestern in den späten Nachmittagsstunden war es dann soweit: Ein Kollege hinter mir quietschte ganz aufgeregt "Ich bin drin", mit zitternden Fingern klickte ich zum ungezählten Mal auf den Link und - da war es. Optisch etwas dürr, aber so ist Google eben. Als ich das nächste Mal vom Bildschirm aufblickte, dämmerte es draußen.
Nun muss ich zugeben, nicht jede Mode im Netz verstanden zu haben. Wozu man Mail und Chat braucht, war mir unmittelbar klar. Fürs Bloggen brauchte ich eine Weile, und auch jetzt muss ich ehrlicherweise sagen, dass der Menschheit nichts fehlt, wenn Leute wie ich keine überlangen Pamphlete zusammenklimpern können, aber ich habe meinen Spaß daran. Wenn es zufällig noch jemand liest, umso schöner. Da ich lange Zeit nur ISDN hatte, erschloss sich mir die Welt der Podcasts und Webvideos nur zögerlich, aber da so etwas im Prinzip eine Weiterentwicklung des Bloggens darstellt, konnte ich damit etwas anfangen. Wikis und Etherpads fand ich auf Anhieb großartig. Am längsten brauchte ich für Twitter. Warum, fragte ich mich, sollte irgendein Mensch mit mehr Verstand als eine Miesmuschel 140 Zeichen lange Nachrichten absetzen und vor allem: Warum sollte irgendwer den Quatsch lesen wollen? Es kostete mich einige Zeit, um zu begreifen, dass man ja nicht gezwungen ist, Unsinn zu twittern, sondern dass man auch über relevante Dinge schreiben kann. 7000 Tweets und 200 sorgfältig gepflegte Follower später ist dieser Dienst für mich inzwischen eine wichtigere Nachrichtenquelle als Heise und Spiegel Online.
Was mir weiterhin fremd ist und auch meine Sicht auf Google Plus verzerrt, ist Facebook. Vielleicht liegt es an meiner ländlichen Herkunft, dass ich nie Wert darauf legte, besonders viele, sondern lieber wenige und dafür gute Freunde zu haben, und um mit denen in Kontakt zu bleiben, brauche ich keine Website, sondern ein Adressbuch, eine Telefonnummer, eine E-Mailadresse und allenfalls noch eine Chat- oder Twitter-Kennung. Ich weiß, vieles davon finde ich auch bei Facebook, aber wer so wie ich Absurditäten wie ein Post- und Fernmeldemonopol, noch verrückter: ein Zündholzmonopol erlebt hat, kennt die Gefahren, die eine solche Konzentration birgt. Auf der einen Seite bekommt man alles aus einer Hand, auf der anderen Seite bestimmt diese eine Hand auch die Regeln. Natürlich kann ich bei Facebook mit meinen Freunden auf viele Weisen Nachrichten austauschen, aber eben nur so, wie Facebook es zulässt. Wenn der Dienstleister auf einmal auf die Idee kommt, bestimmte Inhalte zu zensieren, bestimmte Personengruppen auszuschließen oder bestimmte Nachrichten zu einem Personendossier zusammenzufassen und diese an meine Krankenkasse, meinen Arbeitgeber oder an Nachrichtendienste weiter zu leiten, gibt es nichts, was ich dagegen unternehmen kann. Eine AGB-Änderung reicht. Je mehr unterschiedliche Nachrichtenkanäle ich nutze, desto differenzierter kann ich auf solche Situationen eingehen.
Auf der anderen Seite will ich gar nicht, dass mich jeder jederzeit finden kann. Mein Abijahrgang und ich haben uns seinerzeit gegenseitig gehasst, und wenn jetzt nach Jahrzehnten bilateralen Ignorierens ein ehemaliger Jahrgangskollege eine meiner sorgfältig gehüteten Mailadressen herausfindet und mich zu einem Abi-Nachtreffen einlädt, frage ich mich ernsthaft, was er damit bezweckt. Sollen wir gegenseitig unsere erschlafften Gliedmaßen und ergrauten - so überhaupt noch vorhandenen - Haare bewundern? Sollen sich hundert ehemalige Individualisten, die seinerzeit auszogen, die Welt zu ändern, gegenseitig trösten, den Verlockungen des Spießertums nachgegeben zu haben? Ist es das, wobei mir Facebook helfen soll? Vergesst es.
Besonders gruselt es mir bei der Vorstellung, was die Typen aus meinem Bekanntenkreis, die bei Facebook herumlungern, mit meinen Daten anfangen, schlimmer noch: bereits angefangen haben. Als besondere Dienstleistung bietet Facebook an, dass man sein Adressbuch einfach hochlädt, und das geschieht mit einem Mausklick, ohne dass mich jemand fragt, ob ich das will. Ist mein Gesicht zufällig auf einem Partyfoto zu sehen, steht diese Information auf einmal auch bei Facebook - wieder einmal ohne mein Zutun, geschweige denn meiner Zustimmung. Künftig geht das Ganze automatisiert durch Gesichtserkennung, und dann kann jeder mit ein bisschen Programmierkenntnissen über mich ein Personenprofil zusammenstellen, gegen die meine Stasiakte ein nichtssagendes Schmierblatt ist. Es mag ja sein, dass viele Menschen damit keine Schwierigkeiten haben, aber unter anständigen Leuten fragt man sich gegenseitig, bevor man solche Sachen veranstaltet - was bei Facebook eindeutig nicht geschieht.
Jetzt gibt es also Google Plus, und als naiver Beobachter frage ich mich, wo der große Unterschied sein soll. Ähnlich wie bei Facebook habe ich eine Nachrichtenliste von Leuten, die ich beobachten möchte, kann dort kommentieren, "Like" heißt bei Google "+1", aber ansonsten treffe ich Bekanntes: Adressbücher kann ich wie bei Facebook importieren, und Gesichter auf Fotos kann ich markieren. Zusätzlich kann ich noch Videotelefonkonferenzen schalten, wobei ich wette, dass Facebook schnell nachziehen wird. Der einzige konzeptionelle Unterschied sind die verschiedenen Kreise, in die ich meine Bekannten einsortieren kann und die damit verbundene Möglichkeiten, bestimmte Nachrichten nicht mehr an die ganze Welt, sondern nur noch gezielt an bestimmte Kreise zu schicken. Nett sind auch die "Sparks", eine Art nach eigenen Kriterien gefilterter Nachrichtenstrom aus dem Netz. Ich habe meine Zweifel, dass diese beiden Kleinigkeiten zu einer Massenhaften Migration von Facebook zu Google Plus führen werden.
Das ist aber möglicherweise auch gar nicht die Intention. Sascha Lobo schätzt in einem sehr lesenswerten Artikel die Philosophie hinter dem neuen Dienst ein. In seinen Augen liegt der Schwerpunkt bei Facebook mehr auf dem Sozialen, bei Google mehr auf dem Medialen. Facebook frage: "Wer bist du?", Google hingegen: "Wofür interssierst du dich?" Er spricht von der unterschiedlichen DNS der beiden Dienste. Es kann sein, dass er damit - wie so oft - richtig liegt, aber um das biologische Bild weiter zu benutzen: Den Genotyp kann ich von außen nicht erkennen, nur den Phänotyp, und genau der sieht im Moment noch Facebook derart ähnlich, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie die Standardnutzer einen großen Unterschied sehen und darauf reagieren sollen.
Es bleibt für mich die Frage, ob Google das Zeug hat, Facebook gefährlich zu werden. Die Zahl von Nutzern, die vom laxen Datenschutz bei Facebook so sehr die Nase voll haben, dass sie selbst Google als einen sicheren Hafen ansehen, dürfte vernachlässigbar sein. Hat das Netz Platz für zwei Facebooks, numerisch gesehen ist dies ja offensichtlich möglich? Hier lautet meine These: Nein, prinzipbedingt kann es nur ein Facebook geben. Warum? Weil die Attraktivität derartiger sozialer Netze gerade darin besteht, dass man sich gegenseitig findet. Wenn ich interessante Leute suche, dann finde ich 700 Millionen davon bei Facebook. Parallel sind einige von ihnen auch bei Google vertreten, aber warum sollte ich ihnen dorthin folgen, wenn ich sie und viele andere schon bei Facebook habe? Der gesamte Wert eines sozialen Netzes hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, dort einen bestimmten Menschen zu finden, und die ist nun einmal bei Facebook signifikant höher als bei Google. So lange Google und Facebook nicht untereinander Daten austauschen - was aufgrund des Geschäftsmodells völlig absurd wäre - bin ich gezwungen, mich im gleichen Netz zu befinden, wo sich derjenige aufhält, dessen Nachrichten ich lesen möchte. Das ist wohl auch der Grund, warum AIM, MSN, Yahoo, GMX, Google, Yammer, ICQ und wie die ganzen Chat-Insellösungen auch immer heißen mögen, massiv an Bedeutung verloren haben: Die Leute wollen einfach nicht mit einem halben Dutzend Chatkonten jonglieren, um mit den Leuten in den verschiedenen zueinander inkompatiblen Netzen in Kontakt bleiben zu können. Einmal Facebook - alles drin. Ich behaupte deshalb, dass Facebook durch Google etwa so gefährdet ist wie Windows durch Linux.
Ist wenigstens Twitter in Gefahr? Hier sehen die Zahlenverhältnisse schon ganz anders aus: In Deutschland bewegt sich die Zahl registrierter Nutzer irgendwo um 2 Millionen, von denen aber vielleicht ein Drittel den Dienst wirklich nutzt. Deutsche Facebook-Nutzer gibt es hingegen knapp 19 Millionen. Wenn ich mir jetzt überlege, dass ich mit meinen Tweets gerade einmal 200 Menschen erreiche, während jeder Mittelstufenschüler mit einer Facebooknachricht ein Vielfaches an Lesern informiert, werde ich, was die Einschätzung der eigenen Relevanz angeht, sehr bescheiden.
Lästerlich gesagt wird es kaum jemand merken, wenn Twitter auf einmal weg wäre. Das ist natürlich nicht wahr, aber das spartanische Konzept von Twitter vermag die wenigsten zu begeistern. Sascha Lobo stellt zu Recht fest, dass sich Twitter über Jahre nicht fortentwickelt hat, und betrachtet man die Sache selbstkritisch, ist Twitter ein Spielzeug für ein paar zottelige Nerds, aber kein Massenmedium. Bis jetzt ist ja nicht einmal klar, wie man mit diesem Dienst Geld verdienen will - zumindest nicht, ohne die ganzen datenschutzaffinen Computerzombies zu vergraulen. Vielen fällt es auch schwer, den Reiz der scheinbar antiquierten Nachrichtenbegrenzung auf 140 Zeichen zu verstehen. In der Tat ist es eine Kunst, so griffig und prägnant zu schreiben, dass man in den wenigen Bytes nicht nur sein Anliegen sondern vielleicht auch noch einen Link auf einen Artikel unterbringt. Wer schon einmal in einer Zeitungsredaktion gearbeitet hat, kennt die Mühe, die es bereitet, eine stundenlange Bundestagsdebatte ein einer Schlagzeile mit vielleicht fünf Worten unterzubringen. Ich kenne viele Redakteure, die an dieser Aufgabe scheitern.
Genau hier liegt der Reiz von Twitter. Egal, wieviel Blödsinn der Autor verzapft, nach 140 Zeichen ist Schluss. Wenn er es bis dahin nicht geschafft hat, mich zu interessieren, liest auch kein Mensch den Artikel, auf den er in der Regel velinkt. Man mag von der Bild-Zeitung halten, was man will, mit ihrem Slogan "Wer etwas zu sagen hat, braucht nicht viele Worte" traf sie einen wichtigen Punkt. Was war die wichtigste Aussage der Netzaktivisten im Jahr 2009? "Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen." - abgesetzt von 343max auf Twitter.
Google - und natürlich auch Facebook - können Twitter verdrängen, einfach weil zu wenigen Nutzern klar ist, warum im Zeitalter der Terabyteplatten eine Nachricht nicht einmal SMS-Größe haben darf. Die Leute wollen schwafeln, und den Zwang, sich beherrschen zu müssen, empfinden sie als Beleidigung ihres künstlerischen Schaffens. Wer etwas auf sich hält, hat ein Smartphone mit GSM-Flat, da kann man schreiben, bis der Akku leer ist. Für karge Dienste wie Twitter ist in einer solchen Welt kein Platz.
Google ist - vorsichtig gesagt - sehr groß. Wenn dieses Unternehmen sich anschickt, einen neuen Dienst anzubieten, muss man dies allein deswegen schon ernst nehmen, weil Google die Marktmacht und das Geld hat, diesen Dienst zu fördern. Auf der anderen Seite hat Google auch schon einige Male daneben gelegen, siehe beispielsweise Wave und Buzz - übrigens ein Twitter-Konkurrent. Die Welt nimmt Google nach wie vor überwiegend als Suchmaschine wahr, mögen die Fakten auch anders aussehen. Eine Konkurrenz für Facebook sehe ich hier nicht, dazu kommt Plus zu spät und bringt zu wenig Neues. Ich bin gespannt, ob und wenn ja welche Nische Plus finden wird. Einen bemerkenswerten Start hat er schon hingelegt, jetzt muss er zeigen, ob er sich, wenn sich die Aufregung legt, nicht zur Blase entwickelt.
Dienstag, 31. Mai 2011
Der Fluch der zweiten Adresse
"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen." Entsprechend sollte ich die Finger bei mir behalten, bevor ich wieder etwas in den Rechner klimpere, was nachher wieder nicht stimmt. Ach, was soll's, hier meine Behauptung: E-Post und De-Mail werden scheitern.
Ehrlicherweise muss ich etwas einschränken: Sie werden scheitern, was die ursprüngliche Idee angeht, der Nation eine Mailadresse zu geben, mit der sie rechtssicher kommunizieren kann. Für den Geschäftsverkehr mag und wird das Konzept wahrscheinlich funktionieren, aber die sichere Mailadresse für die Massen wird scheitern.
"Unsinn", werden Sie denken. "Die E-Post hat doch einen denkbar guten Start hingelegt. Die konnten sich doch vor Anmeldungen gar nicht mehr retten." Das stimmt, dennoch bleibe ich bei meiner Behauptung.
Jetzt denken Sie wahrscheinlich an die beim Start der E-Post geäußerte Kritik, an AGB, die man so verstehen kann, dass Mails verboten sind, in denen man sich negativ über die Post äußert, weil man damit Dinge sagt, die "das Ansehen der DPAG schädigen können". Andere stießen sich an Formulierungen wie "Der Nutzer wird daher aufgefordert, mindestens einmal werktäglich den Eingang in seinem Nutzerkonto zu kontrollieren", weil das für sie so klingt, als könnten sie nicht einmal ein paar Tage offline in einem schwedischen Ferienhäuschen entspannen, ohne vertragsbrüchig zu werden. Ich glaube nicht, dass solche Klauseln viele Menschen stören werden. Ehrlicherweise glaube ich nicht einmal, dass ein nennenswerter Anteil der E-Post-Kunden die AGB überhaupt gelesen hat.
"Dann bleibt doch nur noch die von Datenschützern geäußerte Kritik an der mangelhaften Verschlüsselung", sagen Sie nun vermutlich. Natürlich haben wir unsere Bauchschmerzen mit einer Kommunikation, in die der Dienstleister jederzeit hineinsehen kann. Wir hätten es lieber, wenn der komplette Weg zwischen Sender und Empfänger so gesichert wäre, dass kein Dritter, vor allem kein vor Terrorhysterie in seiner Urteilsfähigkeit eingeschränkter Staatsapparat mitlesen kann. Ich kann Ihnen fast genau sagen, wieviele Menschen bundesweit mit dieser Sicherheitslücke Schwierigkeiten haben: 8000, also diejenigen, die jedes Jahr im September während der "Freiheit-statt-Angst"-Demonstration ihre traditionelle Runde durch die Berliner Innenstadt ziehen.
Daran liegt es also auch nicht. Ist es dann die technische Umsetzung? Gut, es gab während der Pilotphase Hakler. Unter anderem waren Nutzer bis zum Schluss nicht in der Lage, ihre Einschreiben zu öffnen, obwohl der Support ihnen versicherte es müsse "eigentlich gehen". Ich nehme allerdings an, dass es sich hierbei um Einzelfälle handelt und bis zur Produktivstellung noch einmal kräftig am Code gearbeitet wurde. Nein, die Technik ist nach allem, was ich mitbekomme, in Ordnung.
Es sind auch nicht die Kosten. Dass eine elektronische Nachricht genau so viel kosten soll wie ein normaler Brief, leuchtet vielen Menschen nicht ein. Doch selbst, wenn die Kosten drastisch sänken oder die Dienstleistung sogar komplett kostenlos wäre, änderte dies nichts daran, dass E-Post und De-Mail sich nicht durchsetzen werden. Der Grund liegt nicht etwa beim Anbieter, sondern genau auf der anderen Seite: bei Ihnen.
Naja, an Ihnen persönlich liegt es im Zweifelsfall nicht. Ich habe eine ungefähre Idee von meiner Leserschaft und weiß, dass sie überwiegend aus technisch orientierten Menschen besteht. Wahrscheinlich haben Sie schon längst eine E-Post-Adresse und warten gespannt auf den Tag, an dem De-Mail startet. Für Sie ist eine weitere Mailadresse eine weitere Kommunikationsmöglichkeit, ein weiteres interessantes Spielzeug, das man ausprobieren kann. Damit gehören Sie aber zu einer winzigen Minderheit.
Die meisten Menschen hingegen interessieren sich nicht besonders für Computer. Die Dinger sollen funktionieren, das ist alles. Falls sie überhaupt einen Mailclient benutzen und ihre Mail nicht über das Webinterface des Anbieters abrufen, haben sie den Client entweder unter Blut, Schweiß und Tränen selbst konfiguriert oder den IT-Zombie aus ihrem Bekanntenkreis heraufbeschworen, dass er diese Arbeit übernimmt. Der Gedanke an eine weitere Mailadresse führt bei ihnen zu heftigen allergischen Reaktionen.
Warum ich mir bei dieser Behauptung so sicher bin? Weil ich es gerade am eigenen Leib erlebe. Ich berate einen Verein mit 80.000 Mitgliedern, bei dem knapp 150 Ehrenamtliche mit zum Teil extrem sensiblen und sogar strafrechtlich relevanten personenbezogenen Daten in Berührung kommen. Dieser Verein hat lange Zeit überlegt, wie diese Daten am besten so per E-Mail an die 150 Ehrenamtlichen verteilt werden können, dass man bei geringen Kosten und einfacher Handhabung ein möglichst hohes Maß an Sicherheit gewährleisten kann. Am Ende beschloss man, einen ohnehin im Serverraum der Hauptgeschäftsstelle stehenden Mailserver zu nutzen und dort einfach für alle Ehrenamtlichen E-Mail-Adressen einzurichten. Da interne Mails niemals den Server physikalisch verlassen und der Abruf über SSL-gesicherte Verbindungen erfolgt, ist diese Lösung zwar nicht die sicherst mögliche, aber wenigstens die sicherste, die man technisch unbedarften Endanwendern bieten kann. Wir schickten Briefe, in denen die Konfigurationsdaten und eine Anleitung standen, wie man die gängigen Mailer einrichten kann, und für die ganz Faulen hatten wir sogar ein Webmail-Interface aufgesetzt. Über ein Jahr lang bin ich durch den Verein getingelt, habe immer wieder das Konzept vorgestellt, erläutert, warum wir diesen Schritt gehen werden und wie er aussehen wird. Ein paar technische Rückfragen wird es wohl geben, dachten wir, aber insgesamt sollte alles reibungslos verlaufen.
Falsch gedacht.
Ein Sturm der Entrüstung brach los, allen voran Leute mit hohen Bildungsabschlüssen, die täglich an Computern arbeiten. Das sei unzumutbar, hieß es, alles werde jetzt wahnsinng kompliziert, ihre ehrenamtliche Arbeit werde aufs Schwerste behindert, das ließen sie sich nicht bieten, so könne man mit ihnen nicht umspringen. Wohlgemerkt, wir reden von der unterträglichen Zumutung, entweder einmalig einen Mailclient zu konfigurieren - was vielleicht wirklich nicht jedermanns Sache ist -, oder aber alle paar Tage im Browser eine Webadresse aufzurufen. Selbst Anwälte, die sich eigentlich über die rechtlichen Implikationen eines Verstoßes gegen § 203 StGB im Klaren sein müssten, reagierten zutiefst indigniert ob der Unverschämtheit, mit der wir uns anmaßten, ihnen vorschreiben zu wollen, wie sie ihre Mails lesen.
Um nachzusehen, ob ich vielleicht doch falsch lag, ging ich in ein nahe gelegenes Jugendzentrum, in dem vor allem 12- bis 14-jährige Sonderschüler verkehren und unterhielt mich mit ihnen darüber, wie viele verschiedene Portale sie regelmäßig aufriefen, um mit ihren Freunden Nachrichten auszutauschen. Im Schnitt kamen wir auf vier: MSN-Chat, MSN-Mail, SchülerVZ und Facebook, gern auch AIM, ICQ, Knuddels und Facebook. Nennenswerte Schwierigkeiten schienen sie dabei nicht zu haben.
Verstehen Sie jetzt die Crux von E-Post und De-Mail? Es liegt nicht an irgendwelchen Unzulänglichkeiten dieser Dienste. Die Leute wollen einfach keine weitere Mailadresse. Aus mir unbegreiflichen Gründen nimmt offenbar mit dem Erreichen eines geregelten Berufslebens der Wille oder die Fähigkeit ab, sich auch nur mit trivialsten Änderungen zu befassen und seien es Dinge wie eine weitere Anschrift, unter der man erreichbar ist. Ich frage mich, wie solche Leute es verkraften, jeden Tag mit einem anderen Datum leben zu müssen. Bestünde die Republik aus 13-jährigen Sonderschülern, hätte das Land vielleicht noch eine Chance, aber bei Hochschulabsolventen friert offenbar mit der Aushändigung des Abschlusszeugnisses die Hirnmasse ein.
Es mag wichtigere Dinge geben als die Frage, ob rechtssicherer Mailversand in Deutschland eine Zukunft hat. Ich könnte auch nachvollziehen, wenn die bisherigen Lösungen konzeptionell oder in der Umsetzung so schlecht wären, dass sie das Volk einfach boykottiert. Dass es aber gar nicht so weit kommt - dass bereits der Gedanke an eine weitere Mailadresse unanständig, widerwärtig und abartig erscheint, ist es, was mich verstört.
Sollten Sie sich noch einmal darüber wundern, warum sich die Welt über die "German Angst" halb totlacht, dann denken Sie daran, wie wir uns wegen eines Mailkontos einnässen - und lachen dann mit.
Ehrlicherweise muss ich etwas einschränken: Sie werden scheitern, was die ursprüngliche Idee angeht, der Nation eine Mailadresse zu geben, mit der sie rechtssicher kommunizieren kann. Für den Geschäftsverkehr mag und wird das Konzept wahrscheinlich funktionieren, aber die sichere Mailadresse für die Massen wird scheitern.
"Unsinn", werden Sie denken. "Die E-Post hat doch einen denkbar guten Start hingelegt. Die konnten sich doch vor Anmeldungen gar nicht mehr retten." Das stimmt, dennoch bleibe ich bei meiner Behauptung.
Jetzt denken Sie wahrscheinlich an die beim Start der E-Post geäußerte Kritik, an AGB, die man so verstehen kann, dass Mails verboten sind, in denen man sich negativ über die Post äußert, weil man damit Dinge sagt, die "das Ansehen der DPAG schädigen können". Andere stießen sich an Formulierungen wie "Der Nutzer wird daher aufgefordert, mindestens einmal werktäglich den Eingang in seinem Nutzerkonto zu kontrollieren", weil das für sie so klingt, als könnten sie nicht einmal ein paar Tage offline in einem schwedischen Ferienhäuschen entspannen, ohne vertragsbrüchig zu werden. Ich glaube nicht, dass solche Klauseln viele Menschen stören werden. Ehrlicherweise glaube ich nicht einmal, dass ein nennenswerter Anteil der E-Post-Kunden die AGB überhaupt gelesen hat.
"Dann bleibt doch nur noch die von Datenschützern geäußerte Kritik an der mangelhaften Verschlüsselung", sagen Sie nun vermutlich. Natürlich haben wir unsere Bauchschmerzen mit einer Kommunikation, in die der Dienstleister jederzeit hineinsehen kann. Wir hätten es lieber, wenn der komplette Weg zwischen Sender und Empfänger so gesichert wäre, dass kein Dritter, vor allem kein vor Terrorhysterie in seiner Urteilsfähigkeit eingeschränkter Staatsapparat mitlesen kann. Ich kann Ihnen fast genau sagen, wieviele Menschen bundesweit mit dieser Sicherheitslücke Schwierigkeiten haben: 8000, also diejenigen, die jedes Jahr im September während der "Freiheit-statt-Angst"-Demonstration ihre traditionelle Runde durch die Berliner Innenstadt ziehen.
Daran liegt es also auch nicht. Ist es dann die technische Umsetzung? Gut, es gab während der Pilotphase Hakler. Unter anderem waren Nutzer bis zum Schluss nicht in der Lage, ihre Einschreiben zu öffnen, obwohl der Support ihnen versicherte es müsse "eigentlich gehen". Ich nehme allerdings an, dass es sich hierbei um Einzelfälle handelt und bis zur Produktivstellung noch einmal kräftig am Code gearbeitet wurde. Nein, die Technik ist nach allem, was ich mitbekomme, in Ordnung.
Es sind auch nicht die Kosten. Dass eine elektronische Nachricht genau so viel kosten soll wie ein normaler Brief, leuchtet vielen Menschen nicht ein. Doch selbst, wenn die Kosten drastisch sänken oder die Dienstleistung sogar komplett kostenlos wäre, änderte dies nichts daran, dass E-Post und De-Mail sich nicht durchsetzen werden. Der Grund liegt nicht etwa beim Anbieter, sondern genau auf der anderen Seite: bei Ihnen.
Naja, an Ihnen persönlich liegt es im Zweifelsfall nicht. Ich habe eine ungefähre Idee von meiner Leserschaft und weiß, dass sie überwiegend aus technisch orientierten Menschen besteht. Wahrscheinlich haben Sie schon längst eine E-Post-Adresse und warten gespannt auf den Tag, an dem De-Mail startet. Für Sie ist eine weitere Mailadresse eine weitere Kommunikationsmöglichkeit, ein weiteres interessantes Spielzeug, das man ausprobieren kann. Damit gehören Sie aber zu einer winzigen Minderheit.
Die meisten Menschen hingegen interessieren sich nicht besonders für Computer. Die Dinger sollen funktionieren, das ist alles. Falls sie überhaupt einen Mailclient benutzen und ihre Mail nicht über das Webinterface des Anbieters abrufen, haben sie den Client entweder unter Blut, Schweiß und Tränen selbst konfiguriert oder den IT-Zombie aus ihrem Bekanntenkreis heraufbeschworen, dass er diese Arbeit übernimmt. Der Gedanke an eine weitere Mailadresse führt bei ihnen zu heftigen allergischen Reaktionen.
Warum ich mir bei dieser Behauptung so sicher bin? Weil ich es gerade am eigenen Leib erlebe. Ich berate einen Verein mit 80.000 Mitgliedern, bei dem knapp 150 Ehrenamtliche mit zum Teil extrem sensiblen und sogar strafrechtlich relevanten personenbezogenen Daten in Berührung kommen. Dieser Verein hat lange Zeit überlegt, wie diese Daten am besten so per E-Mail an die 150 Ehrenamtlichen verteilt werden können, dass man bei geringen Kosten und einfacher Handhabung ein möglichst hohes Maß an Sicherheit gewährleisten kann. Am Ende beschloss man, einen ohnehin im Serverraum der Hauptgeschäftsstelle stehenden Mailserver zu nutzen und dort einfach für alle Ehrenamtlichen E-Mail-Adressen einzurichten. Da interne Mails niemals den Server physikalisch verlassen und der Abruf über SSL-gesicherte Verbindungen erfolgt, ist diese Lösung zwar nicht die sicherst mögliche, aber wenigstens die sicherste, die man technisch unbedarften Endanwendern bieten kann. Wir schickten Briefe, in denen die Konfigurationsdaten und eine Anleitung standen, wie man die gängigen Mailer einrichten kann, und für die ganz Faulen hatten wir sogar ein Webmail-Interface aufgesetzt. Über ein Jahr lang bin ich durch den Verein getingelt, habe immer wieder das Konzept vorgestellt, erläutert, warum wir diesen Schritt gehen werden und wie er aussehen wird. Ein paar technische Rückfragen wird es wohl geben, dachten wir, aber insgesamt sollte alles reibungslos verlaufen.
Falsch gedacht.
Ein Sturm der Entrüstung brach los, allen voran Leute mit hohen Bildungsabschlüssen, die täglich an Computern arbeiten. Das sei unzumutbar, hieß es, alles werde jetzt wahnsinng kompliziert, ihre ehrenamtliche Arbeit werde aufs Schwerste behindert, das ließen sie sich nicht bieten, so könne man mit ihnen nicht umspringen. Wohlgemerkt, wir reden von der unterträglichen Zumutung, entweder einmalig einen Mailclient zu konfigurieren - was vielleicht wirklich nicht jedermanns Sache ist -, oder aber alle paar Tage im Browser eine Webadresse aufzurufen. Selbst Anwälte, die sich eigentlich über die rechtlichen Implikationen eines Verstoßes gegen § 203 StGB im Klaren sein müssten, reagierten zutiefst indigniert ob der Unverschämtheit, mit der wir uns anmaßten, ihnen vorschreiben zu wollen, wie sie ihre Mails lesen.
Um nachzusehen, ob ich vielleicht doch falsch lag, ging ich in ein nahe gelegenes Jugendzentrum, in dem vor allem 12- bis 14-jährige Sonderschüler verkehren und unterhielt mich mit ihnen darüber, wie viele verschiedene Portale sie regelmäßig aufriefen, um mit ihren Freunden Nachrichten auszutauschen. Im Schnitt kamen wir auf vier: MSN-Chat, MSN-Mail, SchülerVZ und Facebook, gern auch AIM, ICQ, Knuddels und Facebook. Nennenswerte Schwierigkeiten schienen sie dabei nicht zu haben.
Verstehen Sie jetzt die Crux von E-Post und De-Mail? Es liegt nicht an irgendwelchen Unzulänglichkeiten dieser Dienste. Die Leute wollen einfach keine weitere Mailadresse. Aus mir unbegreiflichen Gründen nimmt offenbar mit dem Erreichen eines geregelten Berufslebens der Wille oder die Fähigkeit ab, sich auch nur mit trivialsten Änderungen zu befassen und seien es Dinge wie eine weitere Anschrift, unter der man erreichbar ist. Ich frage mich, wie solche Leute es verkraften, jeden Tag mit einem anderen Datum leben zu müssen. Bestünde die Republik aus 13-jährigen Sonderschülern, hätte das Land vielleicht noch eine Chance, aber bei Hochschulabsolventen friert offenbar mit der Aushändigung des Abschlusszeugnisses die Hirnmasse ein.
Es mag wichtigere Dinge geben als die Frage, ob rechtssicherer Mailversand in Deutschland eine Zukunft hat. Ich könnte auch nachvollziehen, wenn die bisherigen Lösungen konzeptionell oder in der Umsetzung so schlecht wären, dass sie das Volk einfach boykottiert. Dass es aber gar nicht so weit kommt - dass bereits der Gedanke an eine weitere Mailadresse unanständig, widerwärtig und abartig erscheint, ist es, was mich verstört.
Sollten Sie sich noch einmal darüber wundern, warum sich die Welt über die "German Angst" halb totlacht, dann denken Sie daran, wie wir uns wegen eines Mailkontos einnässen - und lachen dann mit.
Sonntag, 1. Mai 2011
Buchkritik "Die Datenfresser"
Hört man sich im Bekanntenkreis um, interessiert sich kaum jemand für das Thema Datenschutz. Facebook, Onlinebanking und unverschlüsselte Mails benutzten die Meisten mit der gleichen Unbekümmertheit, mit der sie jedes noch so überflüssige Webformular ausfüllen - Geburtsdatum, Telefonnummer, Privatanschrift und Kontonummer selbstverständlich inbegriffen. "Da geht schon nichts schief", heißt es in der Regel. "Das kann ruhig jeder von mir wissen, und wenn die das in dem Formular verlangen, dann muss ich das ja wohl auch hinschreiben."
Auf der anderen Seite ist das Entsetzen groß, wenn Google Häuserwände fotografiert. Google ist böse, das hat man inzwischen gelernt. GMX, Web.de, Yahoo und Freenet hingegen sind ganz doll lieb, die schenken uns nämlich ganz viele schöne Webdienste und wollen dafür nichts von uns - nur unser Bestes.
"Unser Bestes" sind in diesem Fall unsere Daten, je intimer, desto besser.
Genau dieser Frage, wo bei unserer Nutzung moderner Kommunikationsmittel Daten anfallen und wer sie wie nutzt, gehen Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem Buch "Die Datenfresser" nach. Um dieses Buch kommt man allein deswegen schon nicht herum, weil sich hier zwei zu Recht bekannte und qualifizierte Vertreter des politischen Flügels des Chaos Computer Clubs zu Wort melden. Ihr Augenmerk liegt in diesem Werk vor allem auf wirtschaftlichen Fragen. Andere Aspekte, wie Terrorhysterie und ein aus den Fugen geratender Ermittlungsapparat behandeln sie zwar auch, aber gerade die beiden in Geschichtsform gehaltenen Kapitel, in denen sie die gegenwärtigen Missbräuche schildern und eine mögliche nahe Zukunft beschreiben, konzentrieren sich auf die Wirtschaft.
Die beiden Autoren haben allein schon an Äußerlichkeiten ihres Buchs einige Entscheidungen getroffen, die verdeutlichen, wen und was sie erreichen wollen: Zuallererst haben sie ihren Text als Buch veröffentlicht - nicht als Blog oder einer anderen elektronischen Form. Gut, es gibt auch eine E-Book-Fassung, aber bei zwei anerkannten IT-Spezialisten, die elektronische Kommunikation länger nutzen als die Meisten von uns, überrascht es ein wenig, dass sie überhaupt den Weg schnöder Analogkommunikation wählen.
Ein zweiter Punkt fällt auf: Das Buch ist mit 272 Seiten nicht übermäßig dick ausgefallen und lässt sich in wenigen Tagen leicht durchlesen. Drittens verzichten die Autoren auf ein Literaturverzeichnis, Index und Fußnoten. Kurz: Hier will man weniger die Diskussion in Expertenkreisen befeuern, sondern vor allem Normalnutzer erreichen. Das merkt man auch beim weiteren Lesen: Der größte Teil des Buchs vermeidet Fachvokabeln und legt Wert auf Allgemeinverständlichkeit.
In den vergangenen Monaten kochte die Diskussion zwischen Vertretern des klassischen Datenschutzes und Verfechtern der Post-Privacy, die eine radikale Veröffentlichung privater Daten propagieren. Die Debatte verläuft bisweilen sehr emotional und gipfelte in gegenseitigen Beschimpfungen, die in meinen Augen die Sache nicht recht voran bringen. Die "Datenfresser" gehen in diesem Zusammenhang seitens der klassischen Datenschützer den Schritt zurück zur sachlichen Auseinandersetzung. Kurz und Rieger beziehen zwar eindeutig Position, vermeiden aber den in Datenschützerkreisen mitunter beliebten hysterischen Tonfall. Damit sind die "Datenfresser" ein typisches Buch, das man Leuten in die Hand drücken kann, wenn man es leid ist, immer wieder in einer Diskussion die Grundlagen durchzukauen und einfach nach einer gut lesbaren, aktuellen Positionsbeschreibung sucht.
Eine Sache hätte ich gern ausführlicher gesehen, die von den "Datenfressern" bewusst nur angeschnitten, nicht aber in voller Tiefe behandelt wird: eine Auseinandersetzung mit den Vorwürfen der Post-Privacy. Es gibt Fragen, die der klassische Datenschutz nicht überzeugend beantwortet und die es der Post-Privacy ermöglichen, den Datenschutzgedanken grundsätzlich in Frage zu stellen - ohne dabei allerdings eine komplett ausformulierte Gegenposition zu bieten. Ein Stichwort ist beispielsweise der so genannte "Kontrollverlust" - das Phänomen der unkontrollierten Verbreitung einer einmal ins Netz eingespeisten Information. Fundamentalistische Datenschützer erwecken in dieser Frage oftmals den Eindruck, als wollten sie am liebsten wieder zurück ins Vor-Internet-Zeitalter, wo man den Datenfluss noch einigermaßen im Griff hatte. Sie wirken dabei ähnlich deplaziert wie der radikalökologische Flügel der Grünen in den frühen 80ern. Doch genau so, wie man damals nicht den kompletten Personen- und Frachtverkehr aufs Fahrrad umgelagert hat, wird man heute IP-Pakete nicht per Brief verschicken. Die Post-Privacy legt in genau diese Wunde ihren Finger und verlangt, die Daten frei fließen zu lassen, was, um eine weitere historische Parallele zu ziehen, etwa der von der CDU beschlossenen Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke entspricht - jetzt stehen die Dinger schon einmal da, dann lasst sie uns auch nutzen. Wozu diese unbekümmerte Haltung führt, sehen wir gerade in Japan.
Kurz und Rieger wissen um diese Fragen, und wer ihre Interviews bei Radio Fritz oder Netzpolitik.org gehört hat, weiß, dass sie sich damit auch beschäftigt haben. Dieser Teil der Diskussion findet leider wieder hauptsächlich in den üblichen Expertenzirkeln statt. Die gleichen Fragen werden aber auch außerhalb der IT-Szene an die Datenschützer gestellt. Da nennt es nur eben niemand "Post-Privacy" und formuliert es so gekonnt wie Christian Heller oder Michael Seemann, sondern da sagt man einfach: "Alle meine Freunde sind auf Facebook", "Das kann doch ruhig jeder wissen" und "Was soll denn groß jemanden interessieren, wenn ich schreibe, mit wem ich gestern losgezogen bin?" Die "Datenfresser" beantworten diese Fragen implizit, sie sprechen hingegen nur selten explizit die gerade laufenden Disussionen an. Das wiederum gibt der Post-Privacy die bequeme Möglichkeit, das Kind am Straßenrand zu spielen, das "aber der Kaiser ist ja nackt" ruft. In Wirklichkeit ist der Kaiser zwar nicht nackt, seine nicht mehr ganz so neuen Kleider weisen jedoch an einigen sehr unangenehmen Stellen Mottenlöcher auf. Es ist an der Zeit, dass der Kaiser das Kind zur Kenntnis nimmt, ihm Stoff in die Hand drückt und sagt: "Dann lass mal sehen, was du zusammengeschneidert bekommst."
Trotz dieses Kritikpunkts bleiben die "Datenfresser" für mich ein lesenswertes, fundiertes Buch, eine aktuelle Positionsbestimmung und eine schöne Argumentationshilfe. Wer einen guten Einstieg ins Thema braucht, sollte es auf jeden Fall lesen, und wer seinen eigenen Standpunkt noch einmal kritisch hinterfragen möchte, findet viele Anregungen. Es freut mich sehr, dass sich der CCC nach langer Zeit wieder mit einem Buch in der Analogwelt Gehör verschafft.
Kurz / Rieger: Die Datenfresser. S. Fischer, ISBN 978-3-10-048518-2, € 16,95.
Auf der anderen Seite ist das Entsetzen groß, wenn Google Häuserwände fotografiert. Google ist böse, das hat man inzwischen gelernt. GMX, Web.de, Yahoo und Freenet hingegen sind ganz doll lieb, die schenken uns nämlich ganz viele schöne Webdienste und wollen dafür nichts von uns - nur unser Bestes.
"Unser Bestes" sind in diesem Fall unsere Daten, je intimer, desto besser.
Genau dieser Frage, wo bei unserer Nutzung moderner Kommunikationsmittel Daten anfallen und wer sie wie nutzt, gehen Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem Buch "Die Datenfresser" nach. Um dieses Buch kommt man allein deswegen schon nicht herum, weil sich hier zwei zu Recht bekannte und qualifizierte Vertreter des politischen Flügels des Chaos Computer Clubs zu Wort melden. Ihr Augenmerk liegt in diesem Werk vor allem auf wirtschaftlichen Fragen. Andere Aspekte, wie Terrorhysterie und ein aus den Fugen geratender Ermittlungsapparat behandeln sie zwar auch, aber gerade die beiden in Geschichtsform gehaltenen Kapitel, in denen sie die gegenwärtigen Missbräuche schildern und eine mögliche nahe Zukunft beschreiben, konzentrieren sich auf die Wirtschaft.
Die beiden Autoren haben allein schon an Äußerlichkeiten ihres Buchs einige Entscheidungen getroffen, die verdeutlichen, wen und was sie erreichen wollen: Zuallererst haben sie ihren Text als Buch veröffentlicht - nicht als Blog oder einer anderen elektronischen Form. Gut, es gibt auch eine E-Book-Fassung, aber bei zwei anerkannten IT-Spezialisten, die elektronische Kommunikation länger nutzen als die Meisten von uns, überrascht es ein wenig, dass sie überhaupt den Weg schnöder Analogkommunikation wählen.
Ein zweiter Punkt fällt auf: Das Buch ist mit 272 Seiten nicht übermäßig dick ausgefallen und lässt sich in wenigen Tagen leicht durchlesen. Drittens verzichten die Autoren auf ein Literaturverzeichnis, Index und Fußnoten. Kurz: Hier will man weniger die Diskussion in Expertenkreisen befeuern, sondern vor allem Normalnutzer erreichen. Das merkt man auch beim weiteren Lesen: Der größte Teil des Buchs vermeidet Fachvokabeln und legt Wert auf Allgemeinverständlichkeit.
In den vergangenen Monaten kochte die Diskussion zwischen Vertretern des klassischen Datenschutzes und Verfechtern der Post-Privacy, die eine radikale Veröffentlichung privater Daten propagieren. Die Debatte verläuft bisweilen sehr emotional und gipfelte in gegenseitigen Beschimpfungen, die in meinen Augen die Sache nicht recht voran bringen. Die "Datenfresser" gehen in diesem Zusammenhang seitens der klassischen Datenschützer den Schritt zurück zur sachlichen Auseinandersetzung. Kurz und Rieger beziehen zwar eindeutig Position, vermeiden aber den in Datenschützerkreisen mitunter beliebten hysterischen Tonfall. Damit sind die "Datenfresser" ein typisches Buch, das man Leuten in die Hand drücken kann, wenn man es leid ist, immer wieder in einer Diskussion die Grundlagen durchzukauen und einfach nach einer gut lesbaren, aktuellen Positionsbeschreibung sucht.
Eine Sache hätte ich gern ausführlicher gesehen, die von den "Datenfressern" bewusst nur angeschnitten, nicht aber in voller Tiefe behandelt wird: eine Auseinandersetzung mit den Vorwürfen der Post-Privacy. Es gibt Fragen, die der klassische Datenschutz nicht überzeugend beantwortet und die es der Post-Privacy ermöglichen, den Datenschutzgedanken grundsätzlich in Frage zu stellen - ohne dabei allerdings eine komplett ausformulierte Gegenposition zu bieten. Ein Stichwort ist beispielsweise der so genannte "Kontrollverlust" - das Phänomen der unkontrollierten Verbreitung einer einmal ins Netz eingespeisten Information. Fundamentalistische Datenschützer erwecken in dieser Frage oftmals den Eindruck, als wollten sie am liebsten wieder zurück ins Vor-Internet-Zeitalter, wo man den Datenfluss noch einigermaßen im Griff hatte. Sie wirken dabei ähnlich deplaziert wie der radikalökologische Flügel der Grünen in den frühen 80ern. Doch genau so, wie man damals nicht den kompletten Personen- und Frachtverkehr aufs Fahrrad umgelagert hat, wird man heute IP-Pakete nicht per Brief verschicken. Die Post-Privacy legt in genau diese Wunde ihren Finger und verlangt, die Daten frei fließen zu lassen, was, um eine weitere historische Parallele zu ziehen, etwa der von der CDU beschlossenen Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke entspricht - jetzt stehen die Dinger schon einmal da, dann lasst sie uns auch nutzen. Wozu diese unbekümmerte Haltung führt, sehen wir gerade in Japan.
Kurz und Rieger wissen um diese Fragen, und wer ihre Interviews bei Radio Fritz oder Netzpolitik.org gehört hat, weiß, dass sie sich damit auch beschäftigt haben. Dieser Teil der Diskussion findet leider wieder hauptsächlich in den üblichen Expertenzirkeln statt. Die gleichen Fragen werden aber auch außerhalb der IT-Szene an die Datenschützer gestellt. Da nennt es nur eben niemand "Post-Privacy" und formuliert es so gekonnt wie Christian Heller oder Michael Seemann, sondern da sagt man einfach: "Alle meine Freunde sind auf Facebook", "Das kann doch ruhig jeder wissen" und "Was soll denn groß jemanden interessieren, wenn ich schreibe, mit wem ich gestern losgezogen bin?" Die "Datenfresser" beantworten diese Fragen implizit, sie sprechen hingegen nur selten explizit die gerade laufenden Disussionen an. Das wiederum gibt der Post-Privacy die bequeme Möglichkeit, das Kind am Straßenrand zu spielen, das "aber der Kaiser ist ja nackt" ruft. In Wirklichkeit ist der Kaiser zwar nicht nackt, seine nicht mehr ganz so neuen Kleider weisen jedoch an einigen sehr unangenehmen Stellen Mottenlöcher auf. Es ist an der Zeit, dass der Kaiser das Kind zur Kenntnis nimmt, ihm Stoff in die Hand drückt und sagt: "Dann lass mal sehen, was du zusammengeschneidert bekommst."
Trotz dieses Kritikpunkts bleiben die "Datenfresser" für mich ein lesenswertes, fundiertes Buch, eine aktuelle Positionsbestimmung und eine schöne Argumentationshilfe. Wer einen guten Einstieg ins Thema braucht, sollte es auf jeden Fall lesen, und wer seinen eigenen Standpunkt noch einmal kritisch hinterfragen möchte, findet viele Anregungen. Es freut mich sehr, dass sich der CCC nach langer Zeit wieder mit einem Buch in der Analogwelt Gehör verschafft.
Kurz / Rieger: Die Datenfresser. S. Fischer, ISBN 978-3-10-048518-2, € 16,95.
Datenpannen im Jahr 2011
Vielleicht täuscht mich meine Wahrnehmung, aber ich habe den Eindruck, als träten schwere Datenlecks in den vergangen Wochen verstärkt auf. Damit ich mir am Ende dieses Jahres nicht wieder den Kopf kratzen und mich fragen muss, was genau schief gelaufen ist, fange ich jetzt einfach an, die schlimmsten Datenskandale dieses Jahres stichwortartig aufzulisten - verbunden mit der Bitte an alle, diese Liste zu ergänzen.
Februar:
Anonymous kopiert 9 GB interne Mails der Sicherheitsfirma HBGary und veröffentlicht sie.
März:
Durch eine infizierte Mail gelangen Einbrecher an interne Informationen der Sicherheitsfirma RSA.
April:
Angreifer gelangen an mehrere millonen Nutzerdaten des Sony Playstation Networks.
Der Navigationsgerätehersteller Tomtom übergibt Bewegungsdaten seiner Nutzer an die niederländische Polizei.
Der "Spiegel" entdeckt, dass die Unesco jahrelang Bewerberunterlagen allgemein einsehbar auf ihre WWW-Seiten gestellt hat.
Februar:
Anonymous kopiert 9 GB interne Mails der Sicherheitsfirma HBGary und veröffentlicht sie.
März:
Durch eine infizierte Mail gelangen Einbrecher an interne Informationen der Sicherheitsfirma RSA.
April:
Angreifer gelangen an mehrere millonen Nutzerdaten des Sony Playstation Networks.
Der Navigationsgerätehersteller Tomtom übergibt Bewegungsdaten seiner Nutzer an die niederländische Polizei.
Der "Spiegel" entdeckt, dass die Unesco jahrelang Bewerberunterlagen allgemein einsehbar auf ihre WWW-Seiten gestellt hat.
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