Vielleicht sollte ich mir einfach abgewöhnen, im Sommer Twitter zu nutzen. In dieser Zeit ist dieses Medium einfach unerträglich.
Der Sommer ist eine nachrichtenarme Zeit, zugegeben, aber das heißt doch noch lange nicht, dass man sich über jeden, und ich meine damit wirklich jeden Schwachsinn aufregen muss, als hätte man die Gene von Hitler, Stalin, Pol Pot und Dschingis Khan zusammengerührt, um mit dem Ergebnis einen unfassbar brutalen Vernichtungsfeldzug gegen lesbische Katzenbabies zu führen. Ich finde es ja in Ordnung, wenn ihr meint, zu allem, und ich meine damit wirklich allem eine Meinung haben zu müssen, aber könnt ihr sie vielleicht mit ein bisschen weniger Drama in die Welt schreien? Ich weiß ja nicht, was ihr damit bezwecken wollt, aber wenn ihr glaubt, Journalisten seien in diesen Tagen so verzweifelt, dass sie in ihrer Not jeden hinreichend lauten Selbstdarsteller in die nächste Talkshow zerren, sei euch gesagt: So einfach funktioniert das Geschäft nun auch wieder nicht.
Es gibt so viele interessante Dinge, über die man schreiben kann. Leute, wir sind am Pluto vorbeigeflogen. Am Pluto! Das kleine Kügelchen kannten wir bisher nur als verwaschenen Lichtfleck, und jetzt haben wir hochaufgelöste Fotos von der Oberfläche. Das, liebe Leute, ist Wissenschaft in ihrer ganzen Schönheit.
Wir bekommen die Vorratsdatenspeicherung. Wir haben die nahezu unkontrollierte Fluggastdatenweitergabe. Frankreich und Großbritannien verwandeln sich in Polizeistaaten. Der Bundesnachrichtendienst entpuppt sich als völlig außer Kontrolle geratene Spionagetruppe, der Generalbundesanwalt weigert sich, seiner Aufgabe nachzukommen und wegen des offensichtlichen mehrfachen Rechtsbruchs Ermittlungen einzuleiten. Lauter Themen, über die zu reden und derentwegen aktiv zu werden sich lohnt.
Griechenland zähle ich übrigens zu den für mich minder interessanten Dingen, weil doch klar war, dass man sich irgendwie einigen wird. Die griechische Regierung hat das getan, was jeder in ihrer Situation versucht hätte: Sie hat gepokert. Ich kann darin nichts Verwerfliches entdecken und bedauere es allenfalls, dass sie so wenig herausschlagen konnte. So wenig mich persönlich das Thema berührt: Relevant und diskussionwürdig ist es auf jeden Fall.
Der Sommer, meine an sich geschätzte Filterblase, ist also nicht so ereignisarm, dass ihr über den Quatsch reden müsstet, über den ihr gerade redet. Was heißt "redet"? Über den ihr ein Theater veranstaltet, das seinesgleichen erst einmal finden muss.
Es ging damit los, dass irgendein Youtuber die Kanzlerin zu interviewen versucht hat. Ein Youtuber, der draußen in der realen Welt etwa die Relevanz hat wie der Vorsitzende des Görlitzer Dackelzüchtervereins vor der UN-Vollversammlung. Heraus kam - naja ein belangloses Geplänkel, wie es bereits tausende gibt. Ein Politikerinterview halt.
Ja, aber was hattet ihr denn erwartet? Dass der Kerl sich auf einmal für den Pulitzer-Preis empfiehlt? Das hat schon bei Raabs harmlosen Tapsern auf der Polittalk-Bühne nicht funktioniert, warum sollte es auf einmal anders sein? Vor allem aber: Was war daran relevant?
Dann bricht ein kleines Mädchen angesichts der sehr realen Gefahr, bald wieder in die Heimat abgeschoben zu werden, in Tränen aus, während die Kanzlerin die Situation komplett falsch einschätzt und einen völlig am Kern der Sache vorbei gehenden Versuch unternimmt, das Kind zu trösten. Im Prinzip hat Michael Seemann in einer ausgezeichneten Analyse schon alles gesagt, was man dazu sagen muss, was natürlich die vor Selbstgerechtigkeit triefende Twitterhorde nicht davon abhält, sich über die emotionale Fehlleistung der Kanzlerin zu ereifern. Leute, wenn ihr unbedingt einen Emo als faktisches Staatsoberhaupt haben wollt, dann wählt Claudia Roth. Die ist außerstande, auch nur die aktuelle Uhrzeit zu verkünden ohne dabei in Tränen auszubrechen. Natürlich hat Merkel in dieser Situation nicht optimal reagiert, aber mit Verlaub: Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Ein paar Stunden vorher hat sie sich noch mit europäischen Staatschefs um Milliardenbeträge gestritten, und auf einmal soll sie in einer Schule weinende Mädchen trösten? Was hättet ihr erwartet? Dass sie sagt: "Pass auf, ich bin die Kanzlerin, hier schiebt dich keiner ab?" Wisst ihr, was ihr dann geschrieen hättet? "Mimimi, an diesem einen Beispiel zeigt sie auf einmal Menschlichkeit, während gleichzeitig im Mittelmeer die Flüchtlinge ertrinken", und ihr hättet Recht gehabt. Dass wir Menschen, die hungernd und geschunden an unserer Türschwelle kauern, verrecken lassen, das ist der Skandal, und der wird nicht dadurch besser, dass wir theatralisch ein Kind vor diesem Schicksal bewahren. Nein, Ziel einer menschlichen Flüchtlingspolitik wäre es, diese Leute aufzunehmen und nicht ihre Wohnheime niederzubrennen.
Als einzige Hoffnung verbinde ich mit der Aufregernummer über Merkel, dass ihr vielleicht endlich damit aufhört, die Frau "Mutti" zu nennen. Mutti kann nämlich ordentlich trösten. Die Kanzlerin dem Anschein nach nicht.
Und jetzt hat auch noch Dieter Nuhr es gewagt, über das nach Aufmerksamkeit gierende Twittergekreisch zu lästern. Ursache war ein - zugegebenermaßen nicht besonders intelligenter - Tweet zur Griechenlandfrage. Hätte er den in einem seiner Comedyprogramme untergebracht, hätte es niemand registriert. So aber hatte er es gewagt, seine platte Pointe in den heiligen Hallen der Twittersphäre zur Schau zu stellen, und da darf bekanntermaßen nur das Edelste, was der deutsche Liberalismus zu bieten hat, zu lesen sein. Entsprechend war das Echo. Nuhrs Fehler bestand nun darin, es dabei nicht bewenden zu lassen, sondern in der FAZ einen länglichen, weinerlichen, verständnis- sowie humorlosen und in meinen Augen komplett vorhersagbaren Artikel über die Lynchmentalität bei Twitter zu verfassen. Wenn der Twittermob eines nicht leiden kann, dann ist es, den Spiegel vorgehalten zu bekommen, und entsprechend fiel die Reaktion aus. Oh, das kostet wieder Follower, die kostbare Währung der Social Media. Einige ganz Eifrige haben schon vor einiger Zeit eine Art digitale Kollektivhaft eingeführt, die sie bereits bei Don "Fonsi" Alphonso anwenden und jetzt auf Nuhr ausweiten: Sie entfolgen nicht nur das Objekt ihrer Verachtung, sie entfolgen auch alle, die ihn retweeten und alle, die ihm folgen. Vielleicht entfolgen sie auch alle, die denen folgen, die dem Geächteten folgen, Hauptsache, ihr eigenes Subnetz ist ethisch rein, von keinem falsch Denkenden beschmutzt.
Vielleicht nehmt ihr alle einfach mal ein paar Tage Urlaub. Geht an den Strand, an den nächsten Baggersee meinetwegen, aber lasst vor allem eure Twitterclients zu hause. Das ist für alle Beteiligten das Beste.
Freitag, 17. Juli 2015
Samstag, 27. Juni 2015
Körperfetisch und Opfermythos
OK, erst der Pöbelteil und dann die Passage zum Abkühlen:
An meine Schulzeit denke ich ohnehin ungern zurück. Ein Großteil meiner Lehrerinnen waren selbstherrliche Idioten, die man auf alles hätte loslassen dürfen, nur nicht auf Kinder. Der Unterricht war, konservativ geschätzt, zur Hälfte verschwendete Lebenszeit, die mir niemand zurückgeben kann, ohne jede auch nur ansatzweise herstellbare Relevanz für mein heutiges Leben, die von vielen rückblickend verklärte Klassenkameradschaft ein jahrzehntelanges Mobbing. Den Gipfel diesen Namen nicht verdienender "Bildungspolitik" stellte für mich regelmäßig Sport dar. Anfangs fand ich das Herumgetolle ja noch ganz nett, aber da es in diesem Fach nicht um Spaß haben sondern um Leistung und so sinnvolle Betätigungen wie das Durch-die-Gegend-Werfen von Eisenkugeln und Aufschwung am Reck ging, gehörte ich schnell zu denen, die man halt mitschleift und nur dann in seine Mannschaft aufnimmt, wenn sonst niemand mehr da ist.
Da es jedoch den deutschen Recken seit jeher gelüstete, seinen im Kampf gestählten Arierleib im edlen Wettstreit mit anderen zu messen, reichte es natürlich nicht aus, die wöchentliche Lektion Frustrationstoleranz auf den regulären Unterricht zu beschränken, nein, da muss unbedingt etwas wie die Bundesjugendspiele her, mit verpflichtender Teilnahme für alle. Natürlich gab es zu meiner Zeit bereits ein paar Reformpädagogen, die, wenn man schon ganze Jahrgänge zu diesem Blödsinn verdonnert, irgendeine Anerkennung für alle jene wollten, die zumindest den Versuch ernsthafter Beteiligung erkennen ließen. Dafür gab es eine - wie hieß der Kram doch gleich? Siegerurkunde? Ehrenurkunde? Egal, jedenfalls ein Zettelchen, dessen Erlangungskriterien so lax gefasst waren, dass eigentlich jeder Depp so ein Ding bekommen konnte, der nicht nur einfach dumm herumstand.
Und jetzt raten Sie mal, wer in den ganzen Jahren nie auch nur die Teilnahmeurkunde bekam, trotz ernsthafter Versuche? Wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn man außer dem Typen, der die ganze Veranstaltung aus Prinzip boykottiert, die Einzige ist, die ohne Zettel ausgeht? "Teilnahme ist wichtiger als Sieg" lautete das Olympische Motto, und selbst das bekam ich nicht zugestanden. Da wäre es ehrlicher, Urkunden denen vorzubehalten, die auch wirklich Überdurchschnittliches leisten und den Rest als das zu behandeln, was sie faktisch sind: Füllmaterial, Zaungäste.
Ob ich die Bundesjugendspiele abschaffen möchte? Natürlich. Ich hätte dieses Relikt aus einer Zeit, in der man blöd wie Achsenfett sein konnte, so lang man hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde war, unmittelbar mit Gründung des Bundesrepublik auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen, aber mit dieser Meinung war ich immer in der Minderheit. Ob ich die gerade laufende Petition bei change.org unterschreiben werde? Himmel, nein. Warum? Weil die Begründung so ziemlich das Dämlichste ist, was ich seit langem gelesen habe.
"Mein Sohn hat geweint, als er nur eine Teilnehmerurkunde bekam." Dieser Satz fasst alles zusammen, was neoaufklärerische Winselkultur auszeichnet. Erstens: Wir haben ein Opfer, in diesem Fall ein kleines, unschuldiges Kind. Wenn es jetzt noch homosexuell wäre, eine kleine Behinderung oder wenigstens Migrationshintergrund hätte, wäre das Glück perfekt, aber so reicht es ja auch schon. Zweitens: Diesem zarten, reinen Geschöpf wird Gewalt angetan. Naja, also nicht wirklich Gewalt, aber seht her, es weint.
Eltern, jetzt müsst ihr ganz tapfer sein: Eure Kinder weinen. Das ist nun einmal ihre Default-Reaktion, wenn sie nicht weiter wissen. Sie haben geweint, als sie ihren ersten Atemzug taten, sie haben unzählige Male geweint, als ihre Hosen voll waren, als sie Hunger hatten oder wegen irgendeiner anderen Kleinigkeit in der Nacht wach wurden. Sie haben geweint, als ihnen im Sandkasten die Schaufel weggenommen wurde, sie haben geweint, als sie sich beim Skaten die Knie aufschlugen, sie haben geweint, als sie ihre erste 5 in einer Klassenarbeit bekamen, sie werden weinen, wenn sich ihre große Liebe als das letzte Dreckstück entpuppt. Natürlich ist das nicht schön, und natürlich möchte man ihnen unnötiges Leid ersparen, aber so hart es auch sein mag: Niederlagen, auch bittere Niederlagen gehören zum Leben dazu, und wenn man im Leben eine wichtige Lektion lernen muss, dann ist es die, wie man mit Verlusten und Niederlagen umgeht. Kindern diese Erfahrung zu verweigern, diese der Kuschelpädagogik der Achtziger entsprungene Idee, man könne Kindern eine Welt ohne Verlierer vorgaukeln - das, Eltern, ist wirkliche Gewalt, die ihr euren Kindern angedeihen lasst. Die Welt da draußen kennt nun einmal Gewinner und Verlierer. Sie kennt sie seit Anbeginn der Evolution, und kein noch so aufgeregtes Esogequatsche wird daran etwas ändern. Ihr habt in den Grundschulen die Zensuren abgeschafft, weil dieses zugegebenermaßen sehr starre Schema keine differenzierte Beschreibung des Leistungsstands eines Kindes zulässt. Aber damit nicht genug: Um den zarten Kinderseelen jedes Leid zu ersparen, habt ihr die Unsitte der Arbeitswelt übernommen, dass in Zeugnissen nur positive Aussagen zu stehen haben. Statt also zu schreiben, dass der kleine Lukas-Maximilian ein unausstehlicher Drecksbalg mit dem IQ eines Feldwegs ist, der dringendst seinen faulen Hintern in Bewegung setzen muss, wenn er in seinem Leben mal mehr werden will als Briefbeschwerer oder Türstopper, steht in den Zeugnissen irgendein Geschwurbel von "beim Addieren von Zahlen musst du dich noch ein wenig mehr bemühen und vielleicht noch seltener deine Klassenkameraden vom Lernen abhalten". Ihr habt die Rechtschreibung abgeschafd wail ez di Grehatiwited pehinterrt wänn Mann dole Seze schraipd unnt ter Lerä turch klainkahrihrtäs kohrrigihrän tehn gansn Schpahz ferrtirpd. Ja, ihr schiebt damit den Moment der ersten Niederlage erfolgreich um ein paar Jahre hinaus, aber zum Ausgleich wird der erste große Schlag eure Kinder umso härter und umso schlechter vorbereitet treffen. Wenn eure Tochter schon bei den Bundesjugendspielen weint, wie soll es ihr erst ergehen, wenn etwas von wirklicher Relevanz passiert? Wie schon gesagt: Schafft diese idiotischen Zwangssportwettbewerbe als Relikt vergangener Epochen ab, aber nicht mit der Begründung, Kinder verkrafteten es seelisch nicht, auch mal zu verlieren.
Jetzt zum stilistisch etwas gesetzteren Teil. Warum wettere ich so vehement gegen Sport und nicht gegen Physik, Deutsch oder Mathe? Platt gesagt: Weil es da bei mir immer wenigstens für befriedigende Zensuren gelangt hat. Das heißt nicht, dass ich statt der Bundesjugendspiele die Leute zwangsweise zur Matheolympiade anmelden möchte, das heißt nur, dass ich von der anderen Hälfte der von mir eingangs genannten Schulfächer wenigstens grob einsehe, wozu man sie brauchen kann. Selbst bei Latein, einem Fach, das ich gehasst habe und in dem ich miserabel war, kann ich verstehen, dass die dort vermittelten Vokabeln und Grammatikkenntnisse irgendeinen Nutzen haben. Ob man den gleichen Effekt nicht auch mit einer anderen Sprache und weniger militärischem Drill erzielen kann, lasse ich offen, aber ich merke bis heute, wie ich immer wieder auf dieses Wissen zurückgreife.
Das geht mir so. Andere mögen es komplett anders sehen. Deren Leben kommt wahrscheinlich komplett ohne Physik und Mathe, dafür aber mit Erdkunde, Kunst und vielleicht auch Sport aus. Das Dumme an allgemeinbildenen Schulen ist nun einmal, dass sie unterschiedslos alle Leute in den gleichen Kanon zwingen, egal, wo nun ihre wirklichen Talente liegen, und es ist nur zu natürlich, dass ein Mathegenie in Geschichte völlig untergeht. Trotzdem ist es sinnvoll, beide Fächer besucht zu haben, allein schon, um allen wirtschaftlichen Anforderungen zum Trotz Spezialisierung und Fachidiotentum nicht schon zu früh zu fördern. Für eine Programmiererin reicht es eigentlich aus, Mathe, Deutsch und Englisch zu können, aber genug Geschichtskenntnisse, um zu wissen, dass mit Hilfe von Hollerithmaschinen ein Völkermord in Europa durchgeführt wurde, wären in meinen Augen sinnvoll. Technik hat eben immer Konsequenzen, und "ich habe von all dem nichts gewusst und nur Befehle befolgt" wird als Ausrede nicht mehr anerkannt.
Es kann also nicht schaden, in jedes Fachgebiet einmal hineingeschnuppert zu haben. Selbst Sport ergibt so betrachtet noch irgendeinen Sinn. Statt Reck, Barren und diesen komischen Holzkästen hätte ich mir zwar viel lieber irgendetwas angetan, was auch nur ansatzweise Spaß bringt, aber das ärgert mich weniger. Es ärgert mich, dass man wegen Sport sitzen bleiben kann. Es ärgert mich, dass unser Schulsystem nicht mit der Tatsache klar kommt, dass es in bestimmten Fächern einfach hoffnungslose Fälle gibt. Natürlich muss ein möglichst breites Wissen oberstes Ziel bleiben, aber wenn sich herausstellt, dass jemand beispielsweise einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt hat und dafür in den Sprachen nie über Gestammel hinaus kommt, muss es doch möglich sein, sie unter der Bedingung, dass sie sich Sprachen wenigstens grob weiterhin anguckt, um nicht gänzlich den Anschluss zu verlieren, als Ausgleich in den Naturwissenschaften ordentlich zu fördern. Nein, das geht nicht. Wir schleifen die Leute lieber jahrelang mit, lassen sie mangelhafte und ungenügende Zensuren kassieren und möglicherweise sogar deswegen Klassen wiederholen, obwohl völlig klar ist, dass sie in ihren guten Fächern brillieren und es in ihren Schwachpunkten nie zu etwas bringen werden. Noch einmal: Zu frühe Spezialisierung sollte man vermeiden, aber wenn sie sich abzeichnet, sollte man die Augen davor nicht verschließen.
Und wenn ihr es dann noch hinbekommt, Sport endlich einmal interessant und nicht als verstaubte Militärübung zu gestalten, dürft ihr auch eure bekloppten Bundesjugendspiele behalten.
An meine Schulzeit denke ich ohnehin ungern zurück. Ein Großteil meiner Lehrerinnen waren selbstherrliche Idioten, die man auf alles hätte loslassen dürfen, nur nicht auf Kinder. Der Unterricht war, konservativ geschätzt, zur Hälfte verschwendete Lebenszeit, die mir niemand zurückgeben kann, ohne jede auch nur ansatzweise herstellbare Relevanz für mein heutiges Leben, die von vielen rückblickend verklärte Klassenkameradschaft ein jahrzehntelanges Mobbing. Den Gipfel diesen Namen nicht verdienender "Bildungspolitik" stellte für mich regelmäßig Sport dar. Anfangs fand ich das Herumgetolle ja noch ganz nett, aber da es in diesem Fach nicht um Spaß haben sondern um Leistung und so sinnvolle Betätigungen wie das Durch-die-Gegend-Werfen von Eisenkugeln und Aufschwung am Reck ging, gehörte ich schnell zu denen, die man halt mitschleift und nur dann in seine Mannschaft aufnimmt, wenn sonst niemand mehr da ist.
Da es jedoch den deutschen Recken seit jeher gelüstete, seinen im Kampf gestählten Arierleib im edlen Wettstreit mit anderen zu messen, reichte es natürlich nicht aus, die wöchentliche Lektion Frustrationstoleranz auf den regulären Unterricht zu beschränken, nein, da muss unbedingt etwas wie die Bundesjugendspiele her, mit verpflichtender Teilnahme für alle. Natürlich gab es zu meiner Zeit bereits ein paar Reformpädagogen, die, wenn man schon ganze Jahrgänge zu diesem Blödsinn verdonnert, irgendeine Anerkennung für alle jene wollten, die zumindest den Versuch ernsthafter Beteiligung erkennen ließen. Dafür gab es eine - wie hieß der Kram doch gleich? Siegerurkunde? Ehrenurkunde? Egal, jedenfalls ein Zettelchen, dessen Erlangungskriterien so lax gefasst waren, dass eigentlich jeder Depp so ein Ding bekommen konnte, der nicht nur einfach dumm herumstand.
Und jetzt raten Sie mal, wer in den ganzen Jahren nie auch nur die Teilnahmeurkunde bekam, trotz ernsthafter Versuche? Wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn man außer dem Typen, der die ganze Veranstaltung aus Prinzip boykottiert, die Einzige ist, die ohne Zettel ausgeht? "Teilnahme ist wichtiger als Sieg" lautete das Olympische Motto, und selbst das bekam ich nicht zugestanden. Da wäre es ehrlicher, Urkunden denen vorzubehalten, die auch wirklich Überdurchschnittliches leisten und den Rest als das zu behandeln, was sie faktisch sind: Füllmaterial, Zaungäste.
Ob ich die Bundesjugendspiele abschaffen möchte? Natürlich. Ich hätte dieses Relikt aus einer Zeit, in der man blöd wie Achsenfett sein konnte, so lang man hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde war, unmittelbar mit Gründung des Bundesrepublik auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen, aber mit dieser Meinung war ich immer in der Minderheit. Ob ich die gerade laufende Petition bei change.org unterschreiben werde? Himmel, nein. Warum? Weil die Begründung so ziemlich das Dämlichste ist, was ich seit langem gelesen habe.
"Mein Sohn hat geweint, als er nur eine Teilnehmerurkunde bekam." Dieser Satz fasst alles zusammen, was neoaufklärerische Winselkultur auszeichnet. Erstens: Wir haben ein Opfer, in diesem Fall ein kleines, unschuldiges Kind. Wenn es jetzt noch homosexuell wäre, eine kleine Behinderung oder wenigstens Migrationshintergrund hätte, wäre das Glück perfekt, aber so reicht es ja auch schon. Zweitens: Diesem zarten, reinen Geschöpf wird Gewalt angetan. Naja, also nicht wirklich Gewalt, aber seht her, es weint.
Eltern, jetzt müsst ihr ganz tapfer sein: Eure Kinder weinen. Das ist nun einmal ihre Default-Reaktion, wenn sie nicht weiter wissen. Sie haben geweint, als sie ihren ersten Atemzug taten, sie haben unzählige Male geweint, als ihre Hosen voll waren, als sie Hunger hatten oder wegen irgendeiner anderen Kleinigkeit in der Nacht wach wurden. Sie haben geweint, als ihnen im Sandkasten die Schaufel weggenommen wurde, sie haben geweint, als sie sich beim Skaten die Knie aufschlugen, sie haben geweint, als sie ihre erste 5 in einer Klassenarbeit bekamen, sie werden weinen, wenn sich ihre große Liebe als das letzte Dreckstück entpuppt. Natürlich ist das nicht schön, und natürlich möchte man ihnen unnötiges Leid ersparen, aber so hart es auch sein mag: Niederlagen, auch bittere Niederlagen gehören zum Leben dazu, und wenn man im Leben eine wichtige Lektion lernen muss, dann ist es die, wie man mit Verlusten und Niederlagen umgeht. Kindern diese Erfahrung zu verweigern, diese der Kuschelpädagogik der Achtziger entsprungene Idee, man könne Kindern eine Welt ohne Verlierer vorgaukeln - das, Eltern, ist wirkliche Gewalt, die ihr euren Kindern angedeihen lasst. Die Welt da draußen kennt nun einmal Gewinner und Verlierer. Sie kennt sie seit Anbeginn der Evolution, und kein noch so aufgeregtes Esogequatsche wird daran etwas ändern. Ihr habt in den Grundschulen die Zensuren abgeschafft, weil dieses zugegebenermaßen sehr starre Schema keine differenzierte Beschreibung des Leistungsstands eines Kindes zulässt. Aber damit nicht genug: Um den zarten Kinderseelen jedes Leid zu ersparen, habt ihr die Unsitte der Arbeitswelt übernommen, dass in Zeugnissen nur positive Aussagen zu stehen haben. Statt also zu schreiben, dass der kleine Lukas-Maximilian ein unausstehlicher Drecksbalg mit dem IQ eines Feldwegs ist, der dringendst seinen faulen Hintern in Bewegung setzen muss, wenn er in seinem Leben mal mehr werden will als Briefbeschwerer oder Türstopper, steht in den Zeugnissen irgendein Geschwurbel von "beim Addieren von Zahlen musst du dich noch ein wenig mehr bemühen und vielleicht noch seltener deine Klassenkameraden vom Lernen abhalten". Ihr habt die Rechtschreibung abgeschafd wail ez di Grehatiwited pehinterrt wänn Mann dole Seze schraipd unnt ter Lerä turch klainkahrihrtäs kohrrigihrän tehn gansn Schpahz ferrtirpd. Ja, ihr schiebt damit den Moment der ersten Niederlage erfolgreich um ein paar Jahre hinaus, aber zum Ausgleich wird der erste große Schlag eure Kinder umso härter und umso schlechter vorbereitet treffen. Wenn eure Tochter schon bei den Bundesjugendspielen weint, wie soll es ihr erst ergehen, wenn etwas von wirklicher Relevanz passiert? Wie schon gesagt: Schafft diese idiotischen Zwangssportwettbewerbe als Relikt vergangener Epochen ab, aber nicht mit der Begründung, Kinder verkrafteten es seelisch nicht, auch mal zu verlieren.
Jetzt zum stilistisch etwas gesetzteren Teil. Warum wettere ich so vehement gegen Sport und nicht gegen Physik, Deutsch oder Mathe? Platt gesagt: Weil es da bei mir immer wenigstens für befriedigende Zensuren gelangt hat. Das heißt nicht, dass ich statt der Bundesjugendspiele die Leute zwangsweise zur Matheolympiade anmelden möchte, das heißt nur, dass ich von der anderen Hälfte der von mir eingangs genannten Schulfächer wenigstens grob einsehe, wozu man sie brauchen kann. Selbst bei Latein, einem Fach, das ich gehasst habe und in dem ich miserabel war, kann ich verstehen, dass die dort vermittelten Vokabeln und Grammatikkenntnisse irgendeinen Nutzen haben. Ob man den gleichen Effekt nicht auch mit einer anderen Sprache und weniger militärischem Drill erzielen kann, lasse ich offen, aber ich merke bis heute, wie ich immer wieder auf dieses Wissen zurückgreife.
Das geht mir so. Andere mögen es komplett anders sehen. Deren Leben kommt wahrscheinlich komplett ohne Physik und Mathe, dafür aber mit Erdkunde, Kunst und vielleicht auch Sport aus. Das Dumme an allgemeinbildenen Schulen ist nun einmal, dass sie unterschiedslos alle Leute in den gleichen Kanon zwingen, egal, wo nun ihre wirklichen Talente liegen, und es ist nur zu natürlich, dass ein Mathegenie in Geschichte völlig untergeht. Trotzdem ist es sinnvoll, beide Fächer besucht zu haben, allein schon, um allen wirtschaftlichen Anforderungen zum Trotz Spezialisierung und Fachidiotentum nicht schon zu früh zu fördern. Für eine Programmiererin reicht es eigentlich aus, Mathe, Deutsch und Englisch zu können, aber genug Geschichtskenntnisse, um zu wissen, dass mit Hilfe von Hollerithmaschinen ein Völkermord in Europa durchgeführt wurde, wären in meinen Augen sinnvoll. Technik hat eben immer Konsequenzen, und "ich habe von all dem nichts gewusst und nur Befehle befolgt" wird als Ausrede nicht mehr anerkannt.
Es kann also nicht schaden, in jedes Fachgebiet einmal hineingeschnuppert zu haben. Selbst Sport ergibt so betrachtet noch irgendeinen Sinn. Statt Reck, Barren und diesen komischen Holzkästen hätte ich mir zwar viel lieber irgendetwas angetan, was auch nur ansatzweise Spaß bringt, aber das ärgert mich weniger. Es ärgert mich, dass man wegen Sport sitzen bleiben kann. Es ärgert mich, dass unser Schulsystem nicht mit der Tatsache klar kommt, dass es in bestimmten Fächern einfach hoffnungslose Fälle gibt. Natürlich muss ein möglichst breites Wissen oberstes Ziel bleiben, aber wenn sich herausstellt, dass jemand beispielsweise einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt hat und dafür in den Sprachen nie über Gestammel hinaus kommt, muss es doch möglich sein, sie unter der Bedingung, dass sie sich Sprachen wenigstens grob weiterhin anguckt, um nicht gänzlich den Anschluss zu verlieren, als Ausgleich in den Naturwissenschaften ordentlich zu fördern. Nein, das geht nicht. Wir schleifen die Leute lieber jahrelang mit, lassen sie mangelhafte und ungenügende Zensuren kassieren und möglicherweise sogar deswegen Klassen wiederholen, obwohl völlig klar ist, dass sie in ihren guten Fächern brillieren und es in ihren Schwachpunkten nie zu etwas bringen werden. Noch einmal: Zu frühe Spezialisierung sollte man vermeiden, aber wenn sie sich abzeichnet, sollte man die Augen davor nicht verschließen.
Und wenn ihr es dann noch hinbekommt, Sport endlich einmal interessant und nicht als verstaubte Militärübung zu gestalten, dürft ihr auch eure bekloppten Bundesjugendspiele behalten.
Sonntag, 14. Juni 2015
Demokratie als Quengelware
Die parlamentarische Sommerpause naht, die Zeit also, in der die Doofsten - und die Konkurrenz ist hart - die Chance ergreifen, sich in mangels echter Themen in ihre Richtung gereckte Journalistenmikrofone zu erbrechen. Normalerweise werden solche Leute von der Fraktionsführung schamhaft im Keller versteckt, aber auch die ist einmal im Urlaub, und dann kommen sie hervor, um die Schlagzeilen zu bevölkern. Selten geht es dabei um wirklich drängende Themen - natürlich nicht, es ist ja Sommerpause - aber dafür sind es traditionell Dinge, zu denen jeder, aber auch wirklich jeder eine Meinung hat, egal wie qualifiziert sie ist. So wie sich jeder für einen Bildungsexperten hält, weil er irgendwann einmal zur Schule gegangen ist, jeder "Voraussetzung" fälschlicherweise mit doppeltem "r" schreibt, aber über die Rechtschreibreform schwadroniert und sowieso weiß, wie die deutsche Nationalelf endlich einmal ordentlichen Fußball spielen könnte, hat auch jeder was zur niedrigen Wahlbeteiligung zu sagen, meist etwas der Art: "Sind doch eh alles die gleichen Idioten,"
Genau damit soll nun Schluss sein, zumindest wenn es nach dem Willen der Generalsekretärinnen der CDU, CSU, SPD, Grünen, Linkspartei und FDP geht. Sinkende Wahlbeteiligungen sind zwar nicht gerade ein neues Phänomen, genau genommen gibt es sie schon seit 43 Jahren, aber irgendwann muss man ja wohl einmal anfangen, warum also nicht jetzt?
Ein wenig verwunderlich ist es dennoch, dass nun plötzlich die etablierten Parteien Handlungsbedarf erkennen, zumal ihnen auf den ersten Blick egal sein kann, wie viele Leute wählen gehen. Das Wahlgesetz sieht keine Mindestbeteiligung vor, ab der eine Wahl erst gültig ist. Im Prinzip reicht es, wenn auch nur eine einzige gültige Stimme abgegeben wird, und das sollte sich wohl noch irgendwie arrangieren lassen. Die einzige Erklärung für das überraschende Interesse könnte vielleicht die Tatsache sein, dass mit niedriger Wahlbeteiligung auch die absolute Stimmenzahl sinkt, die nötig ist, um einen Sitz ins Parlament zu erringen. Das bescherte vor einigen Jahren den Piraten den Einzug in diverse Stadträte und Landtage und lässt heute die AfD Erfolge erzielen. Zwar haben sich die Piraten mit seifenopernhafter Theatralik selbst zerlegt, und auch die AfD scheint derzeit alles daran zu setzen, sich mit möglichst großem Trara ins politische Nichts zu verabschieden, aber die nächste Protestpartei bildet sich bestimmt gerade in irgendeinem Hinterzimmer. Das wiederum deutet darauf hin, dass der Wille, zur Wahl zu gehen, schon da ist. Man will nur nicht das Vorhandene wählen.
Umso bizarrer wirken die Ideen, die der Initiative gegen Wahlmüdigkeit einfallen: Erst- und Zweitstimme sollten in Kandidaten- und Parteistimme umbenannt werden. Klar, so stelle ich mir die Welt auch vor. Die Leute gehen ins Wahllokal, schauen auf den Stimmzettel, sagen: "Nee, also Erstimme, Zweitstimme klingt doof, da gehe ich lieber gar nicht erst wählen" und gehen unverrichteter Dinge wieder heim. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich wüsste nicht einmal, ob auf einem Stimmzettel überhaupt diese beiden Worte stehen.
Ebenfalls immer wieder gern in solchen Situationen hervorgezaubert wird die Forderung nach elektronischen Wahlen. Was ich vor über 6 Jahren schon schrieb, gilt auch heute noch: Frei, geheim, gleich und prüfbar lassen sich gleichzeitig nur sehr schwer - ich behaupte: gar nicht - elektronisch umsetzen.
Das Wählen für Deutsche im Ausland vereinfachen - sind inzwischen so viele geflohen, dass durch deren Stimmabgabe die Wahlbeteiligung schwindelerregende Höhen erreicht? Das Wahlrecht sei zu kompliziert - aber gleichzeitig rumjammern, mit einem einzigen Kreuzchen ließe sich der Wählerwille nicht vernünftig erfassen. Besonders krude: Stimmabgabe im Supermarkt, wahrscheinlich direkt neben der anderen Quengelware an der Kasse. Zwei Tüten Milch, ein Kilo Mehl, zehn Eier, ach ja, und einmal CDU, dafür reicht das Geld noch.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Man kann Bellos Hundehaufen nicht dadurch den Leuten als Mousse au Chocolat andrehen, indem man mehr davon hinstellt oder weniger Geld dafür verlangt oder direkt ins Haus liefert oder ein Papierschirmchen reinsteckt. Wer wirklich will, dass sich mehr Menschen am demokratischen Willensbildungsprozess beteiligen, muss schon etwas mehr unternehmen, als alle vier Jahre mit riesigem Tamtam Blankovollmachten für die kommende Legislaturperiode einzuwerben und sich dann wieder in seine parlamentarische Trutzburg zurückzuziehen, aus der man dann gelegentlich in Gesetzesform geronnene Abfälle herausschleudert. Wer eine vom Volk mitgestaltete Politik will, muss aufhören, für Geld auch das letzte Fitzelchen Anstand sausen zu lassen, muss aufhören, das eigene Volk als ständige Gefahr zu sehen, der nur mit den Mitteln des Überwachungsstaats beizukommen ist. Wer eine lebendige Demokratie will, muss aufhören, in jeder neu aufkommenden Partei eine Gefahr für die eigenen Pfründe zu sehen und geht vor allem nicht Große Koalitionen ein, die mit 80 Prozent Sitzanteil im Bundestag eine deutlich größere Gefahr für Verfassung und Grundrechte darstellen, als irgendwelche radikalen Protestparteien es je könnten.
Schließlich bleibt noch ein Faktor übrig, den wir bisher als eher passives Element vernachlässigt haben: Das Volk selbst. Leute, immer nur mimimi aber dann doch wieder die Einheitsfront CDU-SPD und für die ganz mutigen Prenzelbergmuttis ein bisschen Grün wählen reicht eben nicht. Wenn euch eine Partei ärgert, tretet ein und ändert was, und wenn in dieser Partei nur Idioten herumschwirren, dann gründet eine neue, und wenn auch da nur Idioten auftauchen, dann gründet eine Initiative, eine Lobbyorganisation, was auch immer. Ich gehöre schon seit Jahrzehnten keiner Partei an, und dennoch haben die von mir unterstützen Organisationen es geschafft, mindestens drei verfassungswidrige Gesetze zu kippen. Es gibt weit mehr Möglichkeiten, ein Land zu gestalten, als alle vier Jahre die gleiche Partei zu wählen.
Genau damit soll nun Schluss sein, zumindest wenn es nach dem Willen der Generalsekretärinnen der CDU, CSU, SPD, Grünen, Linkspartei und FDP geht. Sinkende Wahlbeteiligungen sind zwar nicht gerade ein neues Phänomen, genau genommen gibt es sie schon seit 43 Jahren, aber irgendwann muss man ja wohl einmal anfangen, warum also nicht jetzt?
Ein wenig verwunderlich ist es dennoch, dass nun plötzlich die etablierten Parteien Handlungsbedarf erkennen, zumal ihnen auf den ersten Blick egal sein kann, wie viele Leute wählen gehen. Das Wahlgesetz sieht keine Mindestbeteiligung vor, ab der eine Wahl erst gültig ist. Im Prinzip reicht es, wenn auch nur eine einzige gültige Stimme abgegeben wird, und das sollte sich wohl noch irgendwie arrangieren lassen. Die einzige Erklärung für das überraschende Interesse könnte vielleicht die Tatsache sein, dass mit niedriger Wahlbeteiligung auch die absolute Stimmenzahl sinkt, die nötig ist, um einen Sitz ins Parlament zu erringen. Das bescherte vor einigen Jahren den Piraten den Einzug in diverse Stadträte und Landtage und lässt heute die AfD Erfolge erzielen. Zwar haben sich die Piraten mit seifenopernhafter Theatralik selbst zerlegt, und auch die AfD scheint derzeit alles daran zu setzen, sich mit möglichst großem Trara ins politische Nichts zu verabschieden, aber die nächste Protestpartei bildet sich bestimmt gerade in irgendeinem Hinterzimmer. Das wiederum deutet darauf hin, dass der Wille, zur Wahl zu gehen, schon da ist. Man will nur nicht das Vorhandene wählen.
Umso bizarrer wirken die Ideen, die der Initiative gegen Wahlmüdigkeit einfallen: Erst- und Zweitstimme sollten in Kandidaten- und Parteistimme umbenannt werden. Klar, so stelle ich mir die Welt auch vor. Die Leute gehen ins Wahllokal, schauen auf den Stimmzettel, sagen: "Nee, also Erstimme, Zweitstimme klingt doof, da gehe ich lieber gar nicht erst wählen" und gehen unverrichteter Dinge wieder heim. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich wüsste nicht einmal, ob auf einem Stimmzettel überhaupt diese beiden Worte stehen.
Ebenfalls immer wieder gern in solchen Situationen hervorgezaubert wird die Forderung nach elektronischen Wahlen. Was ich vor über 6 Jahren schon schrieb, gilt auch heute noch: Frei, geheim, gleich und prüfbar lassen sich gleichzeitig nur sehr schwer - ich behaupte: gar nicht - elektronisch umsetzen.
Das Wählen für Deutsche im Ausland vereinfachen - sind inzwischen so viele geflohen, dass durch deren Stimmabgabe die Wahlbeteiligung schwindelerregende Höhen erreicht? Das Wahlrecht sei zu kompliziert - aber gleichzeitig rumjammern, mit einem einzigen Kreuzchen ließe sich der Wählerwille nicht vernünftig erfassen. Besonders krude: Stimmabgabe im Supermarkt, wahrscheinlich direkt neben der anderen Quengelware an der Kasse. Zwei Tüten Milch, ein Kilo Mehl, zehn Eier, ach ja, und einmal CDU, dafür reicht das Geld noch.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Man kann Bellos Hundehaufen nicht dadurch den Leuten als Mousse au Chocolat andrehen, indem man mehr davon hinstellt oder weniger Geld dafür verlangt oder direkt ins Haus liefert oder ein Papierschirmchen reinsteckt. Wer wirklich will, dass sich mehr Menschen am demokratischen Willensbildungsprozess beteiligen, muss schon etwas mehr unternehmen, als alle vier Jahre mit riesigem Tamtam Blankovollmachten für die kommende Legislaturperiode einzuwerben und sich dann wieder in seine parlamentarische Trutzburg zurückzuziehen, aus der man dann gelegentlich in Gesetzesform geronnene Abfälle herausschleudert. Wer eine vom Volk mitgestaltete Politik will, muss aufhören, für Geld auch das letzte Fitzelchen Anstand sausen zu lassen, muss aufhören, das eigene Volk als ständige Gefahr zu sehen, der nur mit den Mitteln des Überwachungsstaats beizukommen ist. Wer eine lebendige Demokratie will, muss aufhören, in jeder neu aufkommenden Partei eine Gefahr für die eigenen Pfründe zu sehen und geht vor allem nicht Große Koalitionen ein, die mit 80 Prozent Sitzanteil im Bundestag eine deutlich größere Gefahr für Verfassung und Grundrechte darstellen, als irgendwelche radikalen Protestparteien es je könnten.
Schließlich bleibt noch ein Faktor übrig, den wir bisher als eher passives Element vernachlässigt haben: Das Volk selbst. Leute, immer nur mimimi aber dann doch wieder die Einheitsfront CDU-SPD und für die ganz mutigen Prenzelbergmuttis ein bisschen Grün wählen reicht eben nicht. Wenn euch eine Partei ärgert, tretet ein und ändert was, und wenn in dieser Partei nur Idioten herumschwirren, dann gründet eine neue, und wenn auch da nur Idioten auftauchen, dann gründet eine Initiative, eine Lobbyorganisation, was auch immer. Ich gehöre schon seit Jahrzehnten keiner Partei an, und dennoch haben die von mir unterstützen Organisationen es geschafft, mindestens drei verfassungswidrige Gesetze zu kippen. Es gibt weit mehr Möglichkeiten, ein Land zu gestalten, als alle vier Jahre die gleiche Partei zu wählen.
Donnerstag, 4. Juni 2015
Das Volk braucht seinen Fußabtreter
Wir hassen die GdL nicht dafür, dass sie streikt, sondern dafür, dass sie es kann
Ich stehe am Bahnhof meiner Provinzhauptstadt, es ist noch nicht einmal Mitternacht, aber dank des nicht vorhandenen Services der Bahn habe ich jetzt eineinhalb Stunden vor mir, bis der nächste Zug mich weiter Richtung Heimat bringt. Nicht einmal den Fahrpreis kann ich mir erstatten lassen, weil er unter die Bagatellgrenze fällt. Ich fahre eigentlich sehr gern mit der Bahn, aber in solchen Momenten platze ich vor Wut. Mich eineinhalb Stunden hängen lassen, dafür Geld verlangen und zur Krönung des Ganzen auch noch streiken, damit dieser Drecksladen künftig noch weniger Leistung für noch mehr Geld anbietet - Leute, ihr habt den Anus so weit offen, dass ein ICE da quer ohne anzustoßen reinpasst.So, und jetzt kommen wir mal wieder runter und sehen die Sache nüchterner. Die GdL wird derzeit landesweit als die Verkörperung des Hals-nicht-voll-Bekommens verkauft - kein Wunder: Über die Bahn schimpft sowieso jeder, und wenn sich nicht nur verspätet, sondern gleich ganz weg bleibt, bestätigt das nicht nur die Vorurteile, man hat darüber hinaus auch keine Möglichkeit zur Gegenwehr. Ein paar tausend Leute streiken, und ein ganzes Land steht Kopf.
Es gibt nur wenige Berufsgruppen, die so etwas überhaupt noch können. Nehmen wir die Mitarbeiterinnen der Kindertagesstätten, von deren Arbeit wörtlich die Zukunft dieses Landes abhängt. Natürlich beeinflusst deren Streik massiv das Leben der Eltern, deren Kinder betreut werden sollen, aber jetzt schauen wir mal in die Zeitung: Das sind nicht mehr so viele. So wichtig ihre Arbeit sein mag - sie betrifft eine ständig kleiner werdende Gruppe.
Noch entscheidender ist die Arbeit des Klinikpersonals. Wenn diese Leute streiken, sterben Menschen. Das ist auch genau der Grund, warum Streiks auf diesem Gebiet so harmlos sind und sich bisweilen über Monate hinziehen. Keine Krankenschwester ließe es zu, dass für ihre materiellen Forderungen jemand körperlichen Schaden nähme. Entsprechend wird bei Klinikstreiks immer eine Notversorgung aufrecht erhalten, und da die sich nicht großartig von der normalen Versorgung unterscheidet, der Grund übrigens, warum gestreikt wird, ändert sich nichts.
Wenn, wie abzusehen, die Briefträger streiken, dann bleiben die Briefe eben ein paar Tage liegen. Alles Dringende klärt man zur Not am Telefon, per E-Mail oder ganz klassisch per Fax. Die Zeiten, in denen der Briefverkehr eine entscheidende Infrastrukturkomponente darstellte, sind vielleicht noch nicht ganz vorbei, neigen sich aber sehr deutlich dem Ende zu.
Infrastruktur, damit wäre das Stichwort gefallen. Man mag ja vom Staatsdienst halten was man will, aber eine entscheidende Eigenschaft hat er: Er darf nicht streiken. Somit bleiben bestimmte Grundfunktionen immer erhalten. Polizei und Militär werden arbeiten, Strom und Wasser - halt, das stimmt nicht mehr. Zur Aufhübschung der Haushaltsbilanzen privatisiert die öffentliche Hand zunehmend Dienstleistungen, die einst ihre zentrale Aufgabe darstellten. Post und Telekom arbeiten seit Jahrzehnten privatwirtschaftlich. Nun kann man beim besten Willen nicht behaupten, dass die Deutsche Bundespost zu den High-Performern gehörte, aber dafür gab es an jeder Straßenecke einen Briefkasten, alle paar hundert Meter eine Postfiliale, und wenn man irgendwo im Nichts ein Grundstück mit einer postalischen Adresse hatte, konnte man sich für einen Spottpreis dorthin ein Telefonkabel legen lassen. Versuchen Sie das Gleiche heute und weinen Sie beim Kostenvoranschlag der Tiefbaufirma.
Staatsunternehmen boten mitunter lausigen Service, aber sie boten ihn wenigstens. So etwas wie einen Bahnstreik hätte es zur Zeit der Deutschen Bundesbahn nicht geben können, und genau hier liegt die Macht der Lokführer: Ihre Dienstleistung ist so zentral, dass sie mit ein paar Leuten eine der führenden Industrienationen entscheidend lähmen können, aber sie ist nicht so zentral, dass ohne sie jemand stirbt. Ein Streik schmerzt, bricht aber niemandem das Genick. Ich behaupte, das ist der Grund, warum wir so entnervt reagieren: Das wollen wir auch können.
"Alle Räder stehen still / wenn dein starker Arm es will" heißt es im "Bundeslied", und zur Zeit der ersten industriellen Revolution stimmte das sogar noch. Heute sind Betriebsabläufe so weit automatisiert, dass kaum noch eine Berufsgruppe mit einem Streik ernsthaft Aufsehen erregen kann, und selbst dieses Mittel soll immer mehr entschärft werden. Federführend ist hier ausgerechnet die SPD.
Die SPD, wir erinnern uns, hervorgegangen aus dem allgemeinen deutschen Arbeiterverein, tief verwurzelt in der Arbeiterbewegung, seit jeher gewerkschaftsnah, ausgerechnet diese Partei bringt ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg. Das klingt zunächst einmal harmlos. Alle sollen den gleichen Lohn bekommen, egal, welcher Gewerkschaft sie angehören. Das ist doch etwas Schönes. Wie man's nimmt. Umgekehrt heißt das nämlich auch, dass große Gewerkschaften mit ihren Tarifabschlüssen die kleineren Gewerkschaften übersteuern, was faktisch einem Verbot von Kleingewerkschaften wie der GdL gleichkommt. Nun muß man die GdL nicht unbedingt mögen, um dennoch einzugestehen, dass die sich wenigstens in den letzten Jahren für ihre Mitglieder mächtig ins Zeug gelegt hat. Wissen Sie, wie die deutlich größere Eisenbahnergewerkschaft des DGB heißt? Na? Könnte das vielleicht daran liegen, dass die EVG mit der Unternehmensführung eher auf Kuschelkurs ist?
Genau da scheint mir nämlich der Kern zu liegen: Die SPD war eigentlich nie gewerkschaftsnah, sondern DGB-nah. Der DGB wiederum, ein etwas in die Jahre gekommener Moloch aus Großgewerkschaften wie der IG Metall (knapp 2,3 Millionen Mitglieder) oder ver.di (2 Millionen Mitglieder) schwingt zwar jedes Jahr brav am 1. Mai kämpferische Reden, aber in den Tarifverhandlungen gibt man sich eher handzahm. In Krisenzeiten war es zwar tatsächlich eine gute Taktik, mit Rücksicht auf Arbeitsplatzssicherung Nullrunden zu akzeptieren, aber jetzt, da es der Wirtschaft wieder deutlich besser geht, weiterhin Abschlüsse unterhalb des Inflationsausgleichs auszuhandeln, deutet nicht gerade darauf hin, dass man es mit der Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen besonders ernst nimmt.
In diese traute Kungelei mit der Betriebsführung passen Krawallbrüder wie die von der GdL natürlich nicht hinein, weswegen SPD-Mitglied Sigmar Gabriel auch munter auf sie eindreschen darf, ohne dafür von seiner Partei zusammengestaucht zu werden. Warten Sie mal den nächsten Streik einer DGB-Gewerkschaft ab - so er denn jemals stattfinden sollte. Ich wette, da wird sich der Herr Wirtschaftsminister deutlich zurückhaltender äußern.
Nein, der Lokführerstreik ist kein Spaß, und seine Auswirkungen treffen vor allem diejenigen, die sich kein eigenes Auto leisten können, tendenziell also eher die niedrigen Einkommensgruppen. Mir wäre es lieb, wenn andere Leute, die in diesem Land echte Drecksarbeit leisten und dafür mit einem Hungerlohn abgespeist werden, ähnlich wirkungsvoll auf den Putz hauen könnten, aber dass sie es nicht können, ist nicht die Schuld der Lokführer. Statt sich also darüber zu mokieren, dass es Menschen gibt, die ihr Grundrecht auf Streik wahrnehmen, sollten wir lieber froh sein, dass es Menschen gibt, die das überhaupt noch können.
Montag, 25. Mai 2015
In memoriam Douglas Adams
Es war irgendwann in den Osterferien 1984, die Wikipedia behauptet, der 29.4. Ich war mit meinen Eltern in deren Ferienhaus und langweilte mich fürchterlich. Das Ferienhaus war eng, klein, abgelegen im schwäbischen Niemandsland und bot exakt nichts, was einen pubertierenden Teenager auch nur halbwegs interessieren könnte. Selbst meinen C64 hatte ich nicht mitnehmen dürfen. Der Grund des Marianengrabens war im Vergleich ein abwechslugsreicher, reizüberfluteter Ort.
Mitten in die Ereignislosigkeit hinein ertönte auf einmal die Stimme meiner Eltern. Ich solle doch kurz zum Fernseher kommen. Na prima. Bestimmt wird es wieder etwas sein, was die beiden unter dem Begriff "Unterhaltung" missverstehen. "Da läuft gerade was Lustiges", sagten sie. "Irgendwas mit Weltraum. Das ist doch was für dich." Naja, ansehen kann man es sich ja mal. Besser als das dumpfe Nichts eines langen Feriennachmittags in der Einöde war es bestimmt.
Was ich dann sah, sollte mein Leben verändern.
Ich weiß nicht, ob Sie diese Momente kennen, in denen Sie eine Fernsehsendung sehen, ein Buch lesen oder ein Lied hören, und Ihnen sofort klar ist, dass Sie die Welt nie mehr so sehen werden wie zuvor. Ihre Wortwahl ändert sich, Ihr Humor ändert sich, es ist, als hätte sich ein Schalter um- und eine neue Erkenntnisebene in Ihnen freigelegt. So etwa ging es mir, als ich den ersten Teil der BBC-Verfilmung von "Per Anhalter durch die Galaxis" sah.
Die Schauspieler waren schlecht. Die Tricktechnik war schlecht. Die Synchronisation war schlecht. Das merkte ich aber nicht. Was ich sah, waren Computeranimationen von Lexikonseiten, die von Handtüchern sprachen, warum sie so wahnsinnig wichtig sind. Es ging um Vogonen, Babelfische und den gefräßigen Plapperkäfer von Traal. Britischer konnte man das Universum nicht sehen.
Mitte der Achtziger gab es kein Internet. Man konnte nicht auf Youtube herumklicken und Videoclips aus aller Welt bestaunen. Wer nach Großbritannien wollte, musste eine lange Zug- oder Busreise in Kauf nehmen - zuzüglich einer Fährüberfahrt, denn der Bau des Kanaltunnels hatte damals noch nicht einmal begonnen. Verwaschene Kopien von Monty-Python-Filmen wurden wie Goldschätze herumgereicht - sofern man überhaupt wusste. dass es Monty Python gibt. Britischer Humor gelangte nur tröpfchenweise dosiert nach Westdeutschland. Die Meisten kannten England nur aus Edgar-Wallace-Filmen, und die waren tatsächlich in Berlin oder Hamburg gedreht worden. Die BBC-Verfilmung des "Anhalters" war in mehrfacher Hinsicht besonders: Erstens wagte man sich überhaupt an Science-Fiction, zweitens war es nicht eine verstaubte Konserve aus den Sechzigern, drittens war es Humor und viertens kam er aus einem Land, das sich damit auskannte: England.
Selbst heute denken viele Deutsche bei englischem Humor an die krachledernen Werke von "Mr. Bean" oder "Little Britain", und wenn die deutsche Spießerseele am Altjahresabend ihren Klimax erreicht, versammelt sie sich zu "Dinner for One" vor dem Fernseher. Bezeichnenderweise kennt hierzulande praktisch niemand die anderen Werke Rowan Atkinsons, die, in denen er nicht als "Mr Bean" lallt, sondern spricht, und zwar virtuos. Das ist natürlich nicht ganz so leicht zu verstehen wie fliegende Torten.
Fliegende Torten gab es auch beim "Anhalter" nicht, statt dessen das, was in meinen Augen britischen Humor auszeichnet: den Hang zum Absurden, den Plauderton beim Behandeln des Sensationellen und die Überbetonung des Alltäglichen. Dass die galaktische Währung Ningi eine dreieckige Gummimünze mit einer Kantenlänge von 6800 Meilen ist, behandelt das Buch mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der es erkärt, warum ein alle Sprachen übersetzender Fisch der Beweis für die Nichtexistenz Gottes ist. Den Wert von Handtüchern hingegen sollte man keinesfalls unterschätzen. Die sind wichtig. Was man damit alles anfangen kann!
Ich sah die Serie und wusste: Das Buch dazu muss ich haben. Doch das war nicht so einfach. An den ersten Band kam man noch sehr leicht. Der wurde bei Ullstein verlegt und konnte in jeder Buchhandlung gekauft werden. Sehr viel schwieriger waren die anderen beiden zu diesem Zeitpunkt erhältlichen Bände. Ich brauchte Wochen, um zu begreifen, dass Bücher, die bei Zweitausendeins verlegt wurden, in normalen Buchhandlungen nicht nur nicht zu haben waren, sondern dass man dort nicht einmal von ihnen wusste. In der Stadtbücherei brauchte ich gar nicht erst nachzufragen; nicht, dass ich es nicht versucht hätte.
Man musste die Bücher also bestellen, und auch das war umständlicher als heute, wo man einfach auf die Webseite klickt, die Bestellung abschickt und allenfalls darüber nachdenkt, ob man mit Paypal, Bankeinzug oder Kreditkarte zahlen will. Bei Zweitausendeins brauchte man zunächst das "Merkheft", ein auf dünnem Papier gedrucktes Heftchen mit einem Bestellschein auf der letzten Seite. Den Schein musste man ausfüllen, in einen Briefumschlag stecken und abschicken. Eine Überweisung nahm man damals auch nicht per Online-Banking vor, sondern musste dazu einen Überweisungsschein ausfüllen und den bei der Bank vorbeibringen. Dazu kam, dass die Bände des "Anhalters" einzeln bis zu 20 D-Mark kosten konnten, was damals doppelt bis dreimal so viel Geld war, wie ein normales Taschenbuch kostete. Dafür sahen sie aber auch toll aus: rote, blaue oder grüne Teleskopaufnahmen mit Dutzenden kleiner Comicraumschiffe. Selbst die Schrift war außergewöhnlich: serifenlos und farbig. Das traute sich sonst niemand. Mein Vater schimpfte, das sei typografischer Unsinn, so etwas könne man gar nicht lesen. Natürlich konnte ich.
Irgendwann wollte ich natürlich das englische Original lesen. Noch einmal: Damals gab es kein Amazon. Selbst gute Buchhandlungen hatten nur eine spartanisch ausgestattete Fremdsprachenabteilung, die vor allem Schulbuchklassiker vertrieb. Für Profanliteratur wie den "Anhalter" war da natürlich kein Platz. Bessere Chancen hatte man in den Bahnhofsbuchhandlungen. Die waren zwar noch schlechter sortiert, aber dafür gab es dort auch englische Alltagsliteratur. Das Dumme war nur: Importbücher waren teuer. Sehr teuer.
Meine Ausgabe des "Hitchhikers" kostete 1,95 Britische Pfund, nach damaligem Wechselkurs etwa drei Euro. Das deutsche Preisschild ist inzwischen abgefallen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass englische Bücher immer etwa das Dreifache des umgerechneten Pfundpreises kosteten. Das hört sich zwar aus heutiger Sicht immer noch billig an, aber vor über 30 Jahren waren das absolute Apothekenbeträge. Zum Vergleich: Ein Big Mac kostete unter zwei Euro, und eine ordentliche Pizza bekam man in der Studentenkneipe für zwei bis drei Euro.
Der "Anhalter" stach also heraus. Er war besonders geschrieben, man kam nicht einfach an ihn heran, und billig war er auch nicht. Im Gegenzug eröffnete er eine neue Welt - eine Welt, in der die Zahl 42 unglaubliche Bedeutung hatte (nur wusste niemand genau, welche), eine Welt, in der Kricket eine unanständige Anspielung auf einen gescheiterten Vernichtungskrieg ist, eine Welt, in der man den Sound der Plutonium-Rockband "Disaster Area" am ausgewogensten in einem Betonbunker 37 Meilen von der Bühne entfernt genießt. Ich weiß einen pangalaktischen Donnergurgler zu schätzen und kenne das Geheimnis, wie man das Universum am besten regieren lässt: vom einzigen Wesen, das nicht das geringste Interesse daran hat.
Seit ich den "Anhalter" das erste Mal las, habe ich ihn ungezählte Male erneut gelesen. Bei sieben habe ich zu zählen aufgehört. Das Erlebnis, dass sich mit einem Schlag mein gesamtes Weltbild ändert, hatte ich danach natürlich auch noch bei anderen Gelegenheiten, aber selten. Der "Anhalter" ist auf jeden Fall eines prägendsten Erlebnisse meines Lebens.
In diesem Sinne: Happy Towel Day.
Mitten in die Ereignislosigkeit hinein ertönte auf einmal die Stimme meiner Eltern. Ich solle doch kurz zum Fernseher kommen. Na prima. Bestimmt wird es wieder etwas sein, was die beiden unter dem Begriff "Unterhaltung" missverstehen. "Da läuft gerade was Lustiges", sagten sie. "Irgendwas mit Weltraum. Das ist doch was für dich." Naja, ansehen kann man es sich ja mal. Besser als das dumpfe Nichts eines langen Feriennachmittags in der Einöde war es bestimmt.
Was ich dann sah, sollte mein Leben verändern.
Ich weiß nicht, ob Sie diese Momente kennen, in denen Sie eine Fernsehsendung sehen, ein Buch lesen oder ein Lied hören, und Ihnen sofort klar ist, dass Sie die Welt nie mehr so sehen werden wie zuvor. Ihre Wortwahl ändert sich, Ihr Humor ändert sich, es ist, als hätte sich ein Schalter um- und eine neue Erkenntnisebene in Ihnen freigelegt. So etwa ging es mir, als ich den ersten Teil der BBC-Verfilmung von "Per Anhalter durch die Galaxis" sah.
Die Schauspieler waren schlecht. Die Tricktechnik war schlecht. Die Synchronisation war schlecht. Das merkte ich aber nicht. Was ich sah, waren Computeranimationen von Lexikonseiten, die von Handtüchern sprachen, warum sie so wahnsinnig wichtig sind. Es ging um Vogonen, Babelfische und den gefräßigen Plapperkäfer von Traal. Britischer konnte man das Universum nicht sehen.
Mitte der Achtziger gab es kein Internet. Man konnte nicht auf Youtube herumklicken und Videoclips aus aller Welt bestaunen. Wer nach Großbritannien wollte, musste eine lange Zug- oder Busreise in Kauf nehmen - zuzüglich einer Fährüberfahrt, denn der Bau des Kanaltunnels hatte damals noch nicht einmal begonnen. Verwaschene Kopien von Monty-Python-Filmen wurden wie Goldschätze herumgereicht - sofern man überhaupt wusste. dass es Monty Python gibt. Britischer Humor gelangte nur tröpfchenweise dosiert nach Westdeutschland. Die Meisten kannten England nur aus Edgar-Wallace-Filmen, und die waren tatsächlich in Berlin oder Hamburg gedreht worden. Die BBC-Verfilmung des "Anhalters" war in mehrfacher Hinsicht besonders: Erstens wagte man sich überhaupt an Science-Fiction, zweitens war es nicht eine verstaubte Konserve aus den Sechzigern, drittens war es Humor und viertens kam er aus einem Land, das sich damit auskannte: England.
Selbst heute denken viele Deutsche bei englischem Humor an die krachledernen Werke von "Mr. Bean" oder "Little Britain", und wenn die deutsche Spießerseele am Altjahresabend ihren Klimax erreicht, versammelt sie sich zu "Dinner for One" vor dem Fernseher. Bezeichnenderweise kennt hierzulande praktisch niemand die anderen Werke Rowan Atkinsons, die, in denen er nicht als "Mr Bean" lallt, sondern spricht, und zwar virtuos. Das ist natürlich nicht ganz so leicht zu verstehen wie fliegende Torten.
Fliegende Torten gab es auch beim "Anhalter" nicht, statt dessen das, was in meinen Augen britischen Humor auszeichnet: den Hang zum Absurden, den Plauderton beim Behandeln des Sensationellen und die Überbetonung des Alltäglichen. Dass die galaktische Währung Ningi eine dreieckige Gummimünze mit einer Kantenlänge von 6800 Meilen ist, behandelt das Buch mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der es erkärt, warum ein alle Sprachen übersetzender Fisch der Beweis für die Nichtexistenz Gottes ist. Den Wert von Handtüchern hingegen sollte man keinesfalls unterschätzen. Die sind wichtig. Was man damit alles anfangen kann!
Ich sah die Serie und wusste: Das Buch dazu muss ich haben. Doch das war nicht so einfach. An den ersten Band kam man noch sehr leicht. Der wurde bei Ullstein verlegt und konnte in jeder Buchhandlung gekauft werden. Sehr viel schwieriger waren die anderen beiden zu diesem Zeitpunkt erhältlichen Bände. Ich brauchte Wochen, um zu begreifen, dass Bücher, die bei Zweitausendeins verlegt wurden, in normalen Buchhandlungen nicht nur nicht zu haben waren, sondern dass man dort nicht einmal von ihnen wusste. In der Stadtbücherei brauchte ich gar nicht erst nachzufragen; nicht, dass ich es nicht versucht hätte.
Man musste die Bücher also bestellen, und auch das war umständlicher als heute, wo man einfach auf die Webseite klickt, die Bestellung abschickt und allenfalls darüber nachdenkt, ob man mit Paypal, Bankeinzug oder Kreditkarte zahlen will. Bei Zweitausendeins brauchte man zunächst das "Merkheft", ein auf dünnem Papier gedrucktes Heftchen mit einem Bestellschein auf der letzten Seite. Den Schein musste man ausfüllen, in einen Briefumschlag stecken und abschicken. Eine Überweisung nahm man damals auch nicht per Online-Banking vor, sondern musste dazu einen Überweisungsschein ausfüllen und den bei der Bank vorbeibringen. Dazu kam, dass die Bände des "Anhalters" einzeln bis zu 20 D-Mark kosten konnten, was damals doppelt bis dreimal so viel Geld war, wie ein normales Taschenbuch kostete. Dafür sahen sie aber auch toll aus: rote, blaue oder grüne Teleskopaufnahmen mit Dutzenden kleiner Comicraumschiffe. Selbst die Schrift war außergewöhnlich: serifenlos und farbig. Das traute sich sonst niemand. Mein Vater schimpfte, das sei typografischer Unsinn, so etwas könne man gar nicht lesen. Natürlich konnte ich.
Irgendwann wollte ich natürlich das englische Original lesen. Noch einmal: Damals gab es kein Amazon. Selbst gute Buchhandlungen hatten nur eine spartanisch ausgestattete Fremdsprachenabteilung, die vor allem Schulbuchklassiker vertrieb. Für Profanliteratur wie den "Anhalter" war da natürlich kein Platz. Bessere Chancen hatte man in den Bahnhofsbuchhandlungen. Die waren zwar noch schlechter sortiert, aber dafür gab es dort auch englische Alltagsliteratur. Das Dumme war nur: Importbücher waren teuer. Sehr teuer.
Meine Ausgabe des "Hitchhikers" kostete 1,95 Britische Pfund, nach damaligem Wechselkurs etwa drei Euro. Das deutsche Preisschild ist inzwischen abgefallen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass englische Bücher immer etwa das Dreifache des umgerechneten Pfundpreises kosteten. Das hört sich zwar aus heutiger Sicht immer noch billig an, aber vor über 30 Jahren waren das absolute Apothekenbeträge. Zum Vergleich: Ein Big Mac kostete unter zwei Euro, und eine ordentliche Pizza bekam man in der Studentenkneipe für zwei bis drei Euro.
Der "Anhalter" stach also heraus. Er war besonders geschrieben, man kam nicht einfach an ihn heran, und billig war er auch nicht. Im Gegenzug eröffnete er eine neue Welt - eine Welt, in der die Zahl 42 unglaubliche Bedeutung hatte (nur wusste niemand genau, welche), eine Welt, in der Kricket eine unanständige Anspielung auf einen gescheiterten Vernichtungskrieg ist, eine Welt, in der man den Sound der Plutonium-Rockband "Disaster Area" am ausgewogensten in einem Betonbunker 37 Meilen von der Bühne entfernt genießt. Ich weiß einen pangalaktischen Donnergurgler zu schätzen und kenne das Geheimnis, wie man das Universum am besten regieren lässt: vom einzigen Wesen, das nicht das geringste Interesse daran hat.
Seit ich den "Anhalter" das erste Mal las, habe ich ihn ungezählte Male erneut gelesen. Bei sieben habe ich zu zählen aufgehört. Das Erlebnis, dass sich mit einem Schlag mein gesamtes Weltbild ändert, hatte ich danach natürlich auch noch bei anderen Gelegenheiten, aber selten. Der "Anhalter" ist auf jeden Fall eines prägendsten Erlebnisse meines Lebens.
In diesem Sinne: Happy Towel Day.
Donnerstag, 21. Mai 2015
Sicherheit - von paternalistischen Vollidioten konzipiert
In einem früheren Beitrag hatte ich schon beschrieben, wie IT-Sicherheit ganz bestimmt nicht aussehen sollte. Vor kurzem stieß ich auf ein weiteres Beispiel, das umso verstörender ist, weil sich hier ein Grundproblem der Free-Software-Szene zeigt: Die absolute Ignoranz der Tatsache gegenüber, dass es außer dem eigenen Ego noch irgendein menschengeschaffenes Objekt im Universum gibt.
Es entspricht ungefähr dem Horrorklischee, das man von Krankenschwestern hat: Morgens um 5 ins Zimmer stürmen, Licht mit Flakscheinwerferhelligkeit anschalten, Medikamente - gern auch welche gegen Schlafstörungen - verteilen, Blutdruck messen, Waschen und zehn Minuten später wieder rausstürmen. Fragt man, warum das unbedingt um 5 Uhr stattfinden muss und nicht um 7, zumal vor 10 sowieso nichts weiter passiert, bekommt man fast beleidigt die Antwort, das müsse so sein, "wir" wollen ja schön schnell wieder gesund werden. Das ist natürlich Quatsch. Tatsächlich ist es in ihrem Schichtplan sinnvoll, morgens um 5 mit Wecken und Waschen zu beginnen. Dass ihre Patienten möglicherweise andere Anforderungen haben könnten als der Schichtplan, ist ihnen vollkommen egal, schlimmer noch: Es kommt ihnen nicht einmal in den Sinn
Genau diese, nennen wir es optimischerweise Geisteshaltung legen viele Autoren freier Software an den Tag. Sie haben irgendwann einmal für ihre eigenen Bedürfnisse ein Programm geschrieben und beschlossen, es unter eine freie Lizenz zu stellen. Was ihnen offenbar nicht in den Sinn kam, war der Gedanke, dass es irgendwo im Universum ein empfindungsfähiges Wesen geben könnte, das dumm genug ist, dieses Geschmiere ebenfalls zu verwenden.
Genau das ist aber bei GnuPG passiert. Die Welt brauchte ordentliche Verschlüsselung, und GnuPG lieferte sie. Nun ist das Schreiben sicherer Software, insbesondere von Verschlüsselungssoftware keine Trivialität. Das merkt man spätestens nach Katastrophen wie bei Cryptocat, bei dem ein relativ banaler Programmierfehler über 19 Monate nicht behoben wurde. Heartbleed: drei Jahre. Shellshock: ein Vierteljahrhundert. Zugegeben, die Bash ist keine Verschlüsselungssoftware, aber das Stück Code, das eines der wichtigsten Serverbetriebssysteme seit Jahrzehnten als Standardarbeitsoberfläche verwendet. Die Botschaft ist aber klar: An kritischen Infrastrukturkomponenten bastelt man nicht einfach mal so herum. Mailverschlüsselungssoftware gibt es mehr als man an einem Nachmittag aufzählen kann, aber funktionierende, sichere und auch noch freie Mailverschlüsselungssoftware gibt es nur sehr wenige, und die wenigen Programme setzen großteils auch noch auf GPG auf.
Das ist in erster Linie sogar gut, weil man dann wenigstens einen Standard hat, die Szene nicht ihre Aktivitäten in dutzenden ähnlicher Projekte vergeudet und man sich im Wesentlichen um ein einziges Stück Code kümmern muss. Dumm ist nur, wenn sich dieses eine Stück Code in schlechten Händen befindet.
Dabei ist es nicht einmal die zentrale Verschlüsselungskomponente, die mir Sorge bereitet, sondern die Passworteingaberoutine. Über Jahrzehnte öffnete sich einfach ein Fenster, man klimperte sein Passwort rein, und alles war gut. Bis GnuPG2 kam. Da entschied der Autor, Passworteingabe sei Männersache, da müsse mal was Ordentliches her und schrieb - das genaue Gegenteil: Pinentry.
Pinentry ist ein mieses, kleines, dreckiges, unbenutzbares Stück in Code geronnenen Paternalismus'. Man könnte es mit Hilfe eines kleinen Häkchens in ein benutzbares Stück Software verwandeln, aber dazu weigert sich der Autor seit Jahren.
Was ist geschehen? Im Prinzip hatte der Autor sogar den richtigen Gedanken. Das Eintragen von Passwörtern mittels Copy und Paste ist eine heikle Angelegenheit, weil man darauf vertraut, dass niemand in die Zwischenablage schaut, während dort das Passwort liegt. Entsprechend unterbindet Pinentry Copy und Paste. Das kann ich verstehen. Was ich nicht verstehen kann, ist die Tatsache, dass Pinentry keine Möglichkeit hat, bei Bedarf die Zwischenablage wieder einzuschalten.
Dieses Verhalten ist, wie eingangs schon erwähnt, typisch für die Free-Software-Szene und in meinen Augen einer der Gründe, warum sie nicht schon längst der proprietären Software den Rang abgelaufen hat. Es ist nicht etwa so, dass die Autoren freier Software technisch inkompetent sind. Eher das Gegenteil ist der Fall. Dummerweise ist diese technische Begabung oft gepaart mit einer ans Pathologische grenzenden Unfähigkeit zu zwischenmenschlicher Kommunikation. Die Freie-Software-Autoren sind meist hochintelligente Leute, die sehr lange nachgedacht haben, bevor sie ihren Code schrieben. Was ihnen völlig abgeht, ist die Einsicht, dass man auf der gleichen Datenbasis mit ebenso sauberen Gedankengängen zu anderen Ergebnissen kommen kann. Heraus kommen dann Aktionen wie vor ein paar Jahren, als die FSFE anlässlich des Free Software Days diverse Behörden angeschrieben und zur Verwendung offener Dateiformate aufgefordert hatte. Wohlgemerkt: aufgefordert, nicht gebeten. Ich habe das entsprechende Schreiben gelesen und wusste sofort: So wird das nie was. Statt freundlich auf die Lage hinzuweisen, Optionen zu eröffnen und einzuladen, strotzte das Schreiben nur so von Vorwürfen und Paragraphen, gegen die man mit der Verwendung proprietärer Formate angeblich verstoße. Entsprechend sah auch die Reaktion der Angeschriebenen aus: Bis auf ein Ministerium reagierte niemand, und dieser eine schrieb in kaum verblümter Form: Leck mich, Bubi und komm wieder, wenn du Manieren gelernt hast.
Der Mensch von der FSFE, mit dem ich darüber sprach, war ganz von den Socken. Was sich das Ministerium denn anmaße, so mit ihm zu reden. "Ich weiß nicht, ob du deine eigenen Briefe liest, bevor du sie abschickst", entgegnete ich. "In dem Ton brauchst du nicht damit zu rechnen, dass dir irgendwer vernünftig antwortet." - "Aber ich habe doch nur geschrieben, was wahr ist."
Was wahr ist. Das mag sein, aber dass der Kerl vom Ministerium proprietäre Software möglicherweise nicht etwa einsetzt, um die Welt in den Faschismus zu treiben, dass er vielleicht Vorgaben hatte, oder dass er streng dem uralten Motto "nobody ever got fired for choosing IBM" folgend einfach einen Stapel MS-Office-DVDs bestellt hat, wohl wissend, dass er dann in seiner Abteilung das wenigste Gejammer zu erwarten hat, kam dem FSFE-Menschen nicht in den Sinn.
Ähnlich ist es mit Pinentry. Generell ist es bestimmt eine gute Idee, aus Sicherheitsgründen Copy und Paste von Passwörtern zu unterbinden, aber trotz jahrelanger Bitten einen Knopf "Ich weiß, was das bedeutet, aber jetzt lass mich trotzdem die Zwischenablage verwenden" nicht zu implementieren, ist einfach übergriffig. Wenn ich von der Community einen mittleren fünstelligen Dollarbetrag pro Jahr fordere, um mein Projekt fortführen zu können, ist es eben nicht mehr nur mein Projekt. Ich werde von dieser Community bezahlt, um ein Produkt zu schreiben, mit dem sie arbeiten kann, und wenn die Community einen "I-know-what-I-do"-Knopf haben will, dann habe ich den zu liefern, auch wenn es meinen persönlichen Sicherheitsabwägungen nicht entspricht. Das Geld zu kassieren, Leistung zu mit der Begründung zu verweigern, man wisse besser, was für andere richtig ist, grenzt schon an Unverschämtheit.
"Ja, aber er hat doch recht. Die Zwischenablage ist hoch gefährlich, und wenn da eine Schadsoftware mitliest, dann, dann - werden wir bestimmt alle sterben, wenn nicht sogar noch mehr."
Ich schreibe es mal für Leute mit einem IQ unter 70: Welchen Teil des Satzes: "Mein System ist infiziert" habt ihr nicht verstanden? Wenn ihr befürchten müsst, dass Schadsoftware eure Zwischenablage ausliest, wird diese Schadsoftware potenziell auch eure Tastaturanschläge mitlesen und euren Bildschirminhalt abfotografieren können. Wenn ihr befürchten müsst, dass euer System verseucht ist, solltet ihr es nicht benutzen, egal wozu. Die Zwischenablage zur Verbotszone zu erklären und sich dann sicher zu fühlen, ist etwa so idiotisch, wie die Laptopkamera zuzukleben. Das mögen Maßnahmen sein, die Laien einen gewissen Schutz bieten, aber spätestens wenn ich mit Profis spreche, kann ich davon ausgehen, dass die im Zweifelsfall schon wissen, warum sie bestimmte Risiken eingehen wollen. Im Gegenteil: Wenn ein gestandener Admin in meinem Projekt auftaucht und ich auf seinem Rechner einen Kameraaufkleber sehe, bekommt er von mir keinen Netzwerkzugriff. Wenn jemand mit einem Tagessatz von 2000 € seinem eigenen Rechner nicht einmal so weit über den Weg traut, um auszuschließen, dass Schadcode seine Kamera unter Kontrolle hat, sollte er sich nicht anmaßen, die IT-Sicherheit meines Unternehmens verbessern zu wollen - ganz davon abgesehen, dass er damit gerade einmal die Kamera als Angriffsvektor auschließt, das Mikrofon aber offen lässt und erst recht nicht verhindert, dass ein Programm seine komplette Platte liest.
Was ist mit körperlich Behinderten, die Schwierigkeiten mit dem Eintippen langer Passwörter haben? Sollen die ihr Passwort für alle schön hörbar ins Mikrofon schreien? Was ist mit alten Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, sich viele und komplizierte Passworte zu merken? Ist Computersicherheit das Privileg intelligenter Mittdreißiger mit intakten Händen? Haben Alte und Behinderte kein Recht auf sichere Kommunikation?
Wissen Sie, worauf das Sperren der Zwischenablage bei Pinentry hinaus läuft? Dass die Leute ihre privaten Schlüssel mit einbuchstabigen Passwörtern versehen, am besten alle gleich "a". Vielleicht kommt in der Folge der Pinterest-Autor dann auf die Idee, das Programm mit einem Passwort-Meter zu versehen, am besten mit einer ganz tollen Policy, die 20 Zeichen Mindestlänge, davon keins doppelt, mit mindestens drei, höchstens fünf Sonderzeichen aus einem Nicht-ASCII-Zeichensatz plus Wörterbuchfilter, der nach zehnminütiger Prüfung alle Passworte zurückweist, bei denen auch nur ein Teilstring in irgendeinem Wörterbuch zu finden ist. Damit wäre doch der feuchte Traum der Sicherheitsoberlehrer wahr geworden: Supersichere Software, die außer einem elitären Zirkel selbstbefriedigter Nerds kein Mensch nutzt.
Es entspricht ungefähr dem Horrorklischee, das man von Krankenschwestern hat: Morgens um 5 ins Zimmer stürmen, Licht mit Flakscheinwerferhelligkeit anschalten, Medikamente - gern auch welche gegen Schlafstörungen - verteilen, Blutdruck messen, Waschen und zehn Minuten später wieder rausstürmen. Fragt man, warum das unbedingt um 5 Uhr stattfinden muss und nicht um 7, zumal vor 10 sowieso nichts weiter passiert, bekommt man fast beleidigt die Antwort, das müsse so sein, "wir" wollen ja schön schnell wieder gesund werden. Das ist natürlich Quatsch. Tatsächlich ist es in ihrem Schichtplan sinnvoll, morgens um 5 mit Wecken und Waschen zu beginnen. Dass ihre Patienten möglicherweise andere Anforderungen haben könnten als der Schichtplan, ist ihnen vollkommen egal, schlimmer noch: Es kommt ihnen nicht einmal in den Sinn
Genau diese, nennen wir es optimischerweise Geisteshaltung legen viele Autoren freier Software an den Tag. Sie haben irgendwann einmal für ihre eigenen Bedürfnisse ein Programm geschrieben und beschlossen, es unter eine freie Lizenz zu stellen. Was ihnen offenbar nicht in den Sinn kam, war der Gedanke, dass es irgendwo im Universum ein empfindungsfähiges Wesen geben könnte, das dumm genug ist, dieses Geschmiere ebenfalls zu verwenden.
Genau das ist aber bei GnuPG passiert. Die Welt brauchte ordentliche Verschlüsselung, und GnuPG lieferte sie. Nun ist das Schreiben sicherer Software, insbesondere von Verschlüsselungssoftware keine Trivialität. Das merkt man spätestens nach Katastrophen wie bei Cryptocat, bei dem ein relativ banaler Programmierfehler über 19 Monate nicht behoben wurde. Heartbleed: drei Jahre. Shellshock: ein Vierteljahrhundert. Zugegeben, die Bash ist keine Verschlüsselungssoftware, aber das Stück Code, das eines der wichtigsten Serverbetriebssysteme seit Jahrzehnten als Standardarbeitsoberfläche verwendet. Die Botschaft ist aber klar: An kritischen Infrastrukturkomponenten bastelt man nicht einfach mal so herum. Mailverschlüsselungssoftware gibt es mehr als man an einem Nachmittag aufzählen kann, aber funktionierende, sichere und auch noch freie Mailverschlüsselungssoftware gibt es nur sehr wenige, und die wenigen Programme setzen großteils auch noch auf GPG auf.
Das ist in erster Linie sogar gut, weil man dann wenigstens einen Standard hat, die Szene nicht ihre Aktivitäten in dutzenden ähnlicher Projekte vergeudet und man sich im Wesentlichen um ein einziges Stück Code kümmern muss. Dumm ist nur, wenn sich dieses eine Stück Code in schlechten Händen befindet.
Dabei ist es nicht einmal die zentrale Verschlüsselungskomponente, die mir Sorge bereitet, sondern die Passworteingaberoutine. Über Jahrzehnte öffnete sich einfach ein Fenster, man klimperte sein Passwort rein, und alles war gut. Bis GnuPG2 kam. Da entschied der Autor, Passworteingabe sei Männersache, da müsse mal was Ordentliches her und schrieb - das genaue Gegenteil: Pinentry.
Pinentry ist ein mieses, kleines, dreckiges, unbenutzbares Stück in Code geronnenen Paternalismus'. Man könnte es mit Hilfe eines kleinen Häkchens in ein benutzbares Stück Software verwandeln, aber dazu weigert sich der Autor seit Jahren.
Was ist geschehen? Im Prinzip hatte der Autor sogar den richtigen Gedanken. Das Eintragen von Passwörtern mittels Copy und Paste ist eine heikle Angelegenheit, weil man darauf vertraut, dass niemand in die Zwischenablage schaut, während dort das Passwort liegt. Entsprechend unterbindet Pinentry Copy und Paste. Das kann ich verstehen. Was ich nicht verstehen kann, ist die Tatsache, dass Pinentry keine Möglichkeit hat, bei Bedarf die Zwischenablage wieder einzuschalten.
Dieses Verhalten ist, wie eingangs schon erwähnt, typisch für die Free-Software-Szene und in meinen Augen einer der Gründe, warum sie nicht schon längst der proprietären Software den Rang abgelaufen hat. Es ist nicht etwa so, dass die Autoren freier Software technisch inkompetent sind. Eher das Gegenteil ist der Fall. Dummerweise ist diese technische Begabung oft gepaart mit einer ans Pathologische grenzenden Unfähigkeit zu zwischenmenschlicher Kommunikation. Die Freie-Software-Autoren sind meist hochintelligente Leute, die sehr lange nachgedacht haben, bevor sie ihren Code schrieben. Was ihnen völlig abgeht, ist die Einsicht, dass man auf der gleichen Datenbasis mit ebenso sauberen Gedankengängen zu anderen Ergebnissen kommen kann. Heraus kommen dann Aktionen wie vor ein paar Jahren, als die FSFE anlässlich des Free Software Days diverse Behörden angeschrieben und zur Verwendung offener Dateiformate aufgefordert hatte. Wohlgemerkt: aufgefordert, nicht gebeten. Ich habe das entsprechende Schreiben gelesen und wusste sofort: So wird das nie was. Statt freundlich auf die Lage hinzuweisen, Optionen zu eröffnen und einzuladen, strotzte das Schreiben nur so von Vorwürfen und Paragraphen, gegen die man mit der Verwendung proprietärer Formate angeblich verstoße. Entsprechend sah auch die Reaktion der Angeschriebenen aus: Bis auf ein Ministerium reagierte niemand, und dieser eine schrieb in kaum verblümter Form: Leck mich, Bubi und komm wieder, wenn du Manieren gelernt hast.
Der Mensch von der FSFE, mit dem ich darüber sprach, war ganz von den Socken. Was sich das Ministerium denn anmaße, so mit ihm zu reden. "Ich weiß nicht, ob du deine eigenen Briefe liest, bevor du sie abschickst", entgegnete ich. "In dem Ton brauchst du nicht damit zu rechnen, dass dir irgendwer vernünftig antwortet." - "Aber ich habe doch nur geschrieben, was wahr ist."
Was wahr ist. Das mag sein, aber dass der Kerl vom Ministerium proprietäre Software möglicherweise nicht etwa einsetzt, um die Welt in den Faschismus zu treiben, dass er vielleicht Vorgaben hatte, oder dass er streng dem uralten Motto "nobody ever got fired for choosing IBM" folgend einfach einen Stapel MS-Office-DVDs bestellt hat, wohl wissend, dass er dann in seiner Abteilung das wenigste Gejammer zu erwarten hat, kam dem FSFE-Menschen nicht in den Sinn.
Ähnlich ist es mit Pinentry. Generell ist es bestimmt eine gute Idee, aus Sicherheitsgründen Copy und Paste von Passwörtern zu unterbinden, aber trotz jahrelanger Bitten einen Knopf "Ich weiß, was das bedeutet, aber jetzt lass mich trotzdem die Zwischenablage verwenden" nicht zu implementieren, ist einfach übergriffig. Wenn ich von der Community einen mittleren fünstelligen Dollarbetrag pro Jahr fordere, um mein Projekt fortführen zu können, ist es eben nicht mehr nur mein Projekt. Ich werde von dieser Community bezahlt, um ein Produkt zu schreiben, mit dem sie arbeiten kann, und wenn die Community einen "I-know-what-I-do"-Knopf haben will, dann habe ich den zu liefern, auch wenn es meinen persönlichen Sicherheitsabwägungen nicht entspricht. Das Geld zu kassieren, Leistung zu mit der Begründung zu verweigern, man wisse besser, was für andere richtig ist, grenzt schon an Unverschämtheit.
"Ja, aber er hat doch recht. Die Zwischenablage ist hoch gefährlich, und wenn da eine Schadsoftware mitliest, dann, dann - werden wir bestimmt alle sterben, wenn nicht sogar noch mehr."
Ich schreibe es mal für Leute mit einem IQ unter 70: Welchen Teil des Satzes: "Mein System ist infiziert" habt ihr nicht verstanden? Wenn ihr befürchten müsst, dass Schadsoftware eure Zwischenablage ausliest, wird diese Schadsoftware potenziell auch eure Tastaturanschläge mitlesen und euren Bildschirminhalt abfotografieren können. Wenn ihr befürchten müsst, dass euer System verseucht ist, solltet ihr es nicht benutzen, egal wozu. Die Zwischenablage zur Verbotszone zu erklären und sich dann sicher zu fühlen, ist etwa so idiotisch, wie die Laptopkamera zuzukleben. Das mögen Maßnahmen sein, die Laien einen gewissen Schutz bieten, aber spätestens wenn ich mit Profis spreche, kann ich davon ausgehen, dass die im Zweifelsfall schon wissen, warum sie bestimmte Risiken eingehen wollen. Im Gegenteil: Wenn ein gestandener Admin in meinem Projekt auftaucht und ich auf seinem Rechner einen Kameraaufkleber sehe, bekommt er von mir keinen Netzwerkzugriff. Wenn jemand mit einem Tagessatz von 2000 € seinem eigenen Rechner nicht einmal so weit über den Weg traut, um auszuschließen, dass Schadcode seine Kamera unter Kontrolle hat, sollte er sich nicht anmaßen, die IT-Sicherheit meines Unternehmens verbessern zu wollen - ganz davon abgesehen, dass er damit gerade einmal die Kamera als Angriffsvektor auschließt, das Mikrofon aber offen lässt und erst recht nicht verhindert, dass ein Programm seine komplette Platte liest.
Was ist mit körperlich Behinderten, die Schwierigkeiten mit dem Eintippen langer Passwörter haben? Sollen die ihr Passwort für alle schön hörbar ins Mikrofon schreien? Was ist mit alten Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, sich viele und komplizierte Passworte zu merken? Ist Computersicherheit das Privileg intelligenter Mittdreißiger mit intakten Händen? Haben Alte und Behinderte kein Recht auf sichere Kommunikation?
Wissen Sie, worauf das Sperren der Zwischenablage bei Pinentry hinaus läuft? Dass die Leute ihre privaten Schlüssel mit einbuchstabigen Passwörtern versehen, am besten alle gleich "a". Vielleicht kommt in der Folge der Pinterest-Autor dann auf die Idee, das Programm mit einem Passwort-Meter zu versehen, am besten mit einer ganz tollen Policy, die 20 Zeichen Mindestlänge, davon keins doppelt, mit mindestens drei, höchstens fünf Sonderzeichen aus einem Nicht-ASCII-Zeichensatz plus Wörterbuchfilter, der nach zehnminütiger Prüfung alle Passworte zurückweist, bei denen auch nur ein Teilstring in irgendeinem Wörterbuch zu finden ist. Damit wäre doch der feuchte Traum der Sicherheitsoberlehrer wahr geworden: Supersichere Software, die außer einem elitären Zirkel selbstbefriedigter Nerds kein Mensch nutzt.
Sonntag, 3. Mai 2015
Vom Versuch, den BND totzuflauschen
Deutschlands Datenschutzszene ist im Aufruhr. Kaum ein Tag vergeht, an dem keine weitere Meldung auftaucht, an welches Gesetzt sich der BND diesmal nicht gehalten hat. Rücktrittsforderungen werden laut. Der Innenminister müsse seinen Hut nehmen. Doch damit nicht genug. Der Fisch stinke vom Kopfe her, sagen die ganz Radikalen. Die Kanzlerin habe zu gehen.
Gequirlte, auf kleiner Flamme gekochte und mit Papierschirmchen verzierte Bullenexkremente.
Mit Verlaub, was soll dieses auf maximale Duckmäuserei optimiertes Pseudorevoltieren? Was soll sich ändern, wenn der Innenminister, meinetwegen gar die Kanzlerin ihren Posten verliert? Wahrscheinlich träumen die SPD-Fans, dass es in diesem Fall zu Neuwahlen kommt, in deren Verlauf die SPD den längst überfälligen Regierungswechsel schafft, und dann, ja dann -
wissen wir doch schon längst was kommt. Weil wir gesehen haben, was passiert, wenn man die SPD ins Kanzleramt lässt. Haben Sie schon vergessen, wie Rot-Grün nach dem 11. September 2001 gleich bündelweise grundgesetzwidrige Anti-Terror-Gesetze beschloss, die dann mühsam vom Bundesverfassungsgericht wieder gekippt werden mussten? Von welcher Partei ist doch gleich Sigmar Gabriel, der gerade so lautstark für die Vorratsdatenspeicherung trommelt, dass selbst die CSU nicht mehr mitkommt? Merkel mag Herumwurschteln auf Industrieniveau gehoben und dafür die politische Quittung verdient haben, am unkontrollierten Treiben des BND wird sich durch ihren Sturz nichts ändern. Glauben Sie wirklich, in Pullach säße man betreten im Konferenzraum und sagte: "Ja, Mensch, wenn die Merkel nicht mehr da ist, dann müssen wir uns ja wirklich mal am Riemen reißen"? Natürlich nicht. Schauen Sie doch einmal in die Geschichtsbücher. Der BND hat nicht erst seit Kanzlerin Merkel ein Problem damit, sich an deutsche Gesetze zu halten. Der BND hat ein strukturelles Problem, seit er 1946 als Nazi-Nachfolgeorganisation gegründet wurde. Da gibt es keine Stellschrauben, keine Detailverbesserungen, und dann läuft der Laden wieder, sondern:
Der BND ist eine verfassungsfeindliche Organisation und gehört aufgelöst.
Oh, das ist jetzt aber böse. So etwas sagt man aber nicht. Nein, wer in Deutschland so richtig bürgerrechtsbewegt ist, der gibt den Kampfdackel und fordert - bitte festhalten - die "Zurückführung der Etat-Mittel des Bundesnachrichtendienstes für den Bundeshaushalt 2016 auf den Stand von 2012" Uiuiui, das ist aber mutig. Warum nicht gleich noch mit genauem Tag und Uhrzeit? Da wird der BND bestimmt vor Angst schlottern. Mit dem Mini-Etat vom Jahr 2012, da kann man nämlich ganz bestimmt nicht gegen Grundrechte verstoßen, neinein, da muss man sich benehmen.
Für die geistig etwas simpler Gestrickten: Es gibt nicht ein bisschen Grundrechtsbruch. Entweder verstößt man dagegen oder nicht, und das geht auch mit wenig Geld. Ich will übrigens auch nicht, dass die Bundesrepublik keinen Geheimdienst unterhält - obwohl das ein durchaus interessanter Gedanke wäre. Ich will nur, dass wir den von Grund auf verkorksten Haufen von BND abschaffen und statt dessen mit komplett neuem Personal eine Organisation aufbauen, die nicht jedes Mal bei der Bundeszentrale für politische Bildung neue Grundgesetze bestellt, wenn das Klopapier alle ist.
Natürlich weiß ich auch, dass meine Forderung illusorisch ist, aber das ist die Forderung nach Merkels Rücktritt auch. Im Gegensatz dazu bestünde aber beim Neuaufbau eines demokratisch fundierten Geheimdienstes wenigstens die Chance auf eine wirkliche Änderung.
Gequirlte, auf kleiner Flamme gekochte und mit Papierschirmchen verzierte Bullenexkremente.
Mit Verlaub, was soll dieses auf maximale Duckmäuserei optimiertes Pseudorevoltieren? Was soll sich ändern, wenn der Innenminister, meinetwegen gar die Kanzlerin ihren Posten verliert? Wahrscheinlich träumen die SPD-Fans, dass es in diesem Fall zu Neuwahlen kommt, in deren Verlauf die SPD den längst überfälligen Regierungswechsel schafft, und dann, ja dann -
wissen wir doch schon längst was kommt. Weil wir gesehen haben, was passiert, wenn man die SPD ins Kanzleramt lässt. Haben Sie schon vergessen, wie Rot-Grün nach dem 11. September 2001 gleich bündelweise grundgesetzwidrige Anti-Terror-Gesetze beschloss, die dann mühsam vom Bundesverfassungsgericht wieder gekippt werden mussten? Von welcher Partei ist doch gleich Sigmar Gabriel, der gerade so lautstark für die Vorratsdatenspeicherung trommelt, dass selbst die CSU nicht mehr mitkommt? Merkel mag Herumwurschteln auf Industrieniveau gehoben und dafür die politische Quittung verdient haben, am unkontrollierten Treiben des BND wird sich durch ihren Sturz nichts ändern. Glauben Sie wirklich, in Pullach säße man betreten im Konferenzraum und sagte: "Ja, Mensch, wenn die Merkel nicht mehr da ist, dann müssen wir uns ja wirklich mal am Riemen reißen"? Natürlich nicht. Schauen Sie doch einmal in die Geschichtsbücher. Der BND hat nicht erst seit Kanzlerin Merkel ein Problem damit, sich an deutsche Gesetze zu halten. Der BND hat ein strukturelles Problem, seit er 1946 als Nazi-Nachfolgeorganisation gegründet wurde. Da gibt es keine Stellschrauben, keine Detailverbesserungen, und dann läuft der Laden wieder, sondern:
Der BND ist eine verfassungsfeindliche Organisation und gehört aufgelöst.
Oh, das ist jetzt aber böse. So etwas sagt man aber nicht. Nein, wer in Deutschland so richtig bürgerrechtsbewegt ist, der gibt den Kampfdackel und fordert - bitte festhalten - die "Zurückführung der Etat-Mittel des Bundesnachrichtendienstes für den Bundeshaushalt 2016 auf den Stand von 2012" Uiuiui, das ist aber mutig. Warum nicht gleich noch mit genauem Tag und Uhrzeit? Da wird der BND bestimmt vor Angst schlottern. Mit dem Mini-Etat vom Jahr 2012, da kann man nämlich ganz bestimmt nicht gegen Grundrechte verstoßen, neinein, da muss man sich benehmen.
Für die geistig etwas simpler Gestrickten: Es gibt nicht ein bisschen Grundrechtsbruch. Entweder verstößt man dagegen oder nicht, und das geht auch mit wenig Geld. Ich will übrigens auch nicht, dass die Bundesrepublik keinen Geheimdienst unterhält - obwohl das ein durchaus interessanter Gedanke wäre. Ich will nur, dass wir den von Grund auf verkorksten Haufen von BND abschaffen und statt dessen mit komplett neuem Personal eine Organisation aufbauen, die nicht jedes Mal bei der Bundeszentrale für politische Bildung neue Grundgesetze bestellt, wenn das Klopapier alle ist.
Natürlich weiß ich auch, dass meine Forderung illusorisch ist, aber das ist die Forderung nach Merkels Rücktritt auch. Im Gegensatz dazu bestünde aber beim Neuaufbau eines demokratisch fundierten Geheimdienstes wenigstens die Chance auf eine wirkliche Änderung.
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