Mittwoch, 18. September 2013

Nichtwähler-FAQ

Zum Thema Nichtwählen habe ich mich schon an anderer Stelle ausgelassen. Da aber regelmäßig zu Wahlen die gleichen selbsternannten Querdenkerinnen auftauchen und mit gewichtiger Stimme verkünden, warum sie als wahre Widerstandskämpferinnen gegen das korrupte System ganz mutig nicht zur Wahl gehen, habe ich mich entschieden, die häufigsten Argumente aufzugreifen und zu schreiben, was ich davon halte.

"Es ist meine freie Entscheidung, nicht wählen zu gehen."

Natürlich ist es das, genau so, wie es meine freie Entscheidung ist, dein Verhalten dumm zu finden. Wenn du einfach nicht wähltest und dafür den Rest der Zeit den Mund hieltest, hätten wir auch keine Schwierigkeiten miteinander. Statt dessen liegst du mir die ganze Zeit jammernd in den Ohren, alles sei so schlimm. Nun, du hattest die Gelegenheit, es zu ändern. Du hast sie nicht wahrgenommen. Geh mir nicht auf die Nerven.

Bitte, jetzt drück nicht auf die Tränendrüse und wein mir was vor, ich "diskriminiere", ja schlimmer noch "bashe" dich. Die Freiheit, alles zu tun, umfasst nicht die Pflicht der Umstehenden, jeden Schwachsinn zu bejublen. Freiheit heißt nicht zuletzt, für die Folgen seines Tuns gerade zu stehen, und das kann eben auch heißen, sich von mir auslachen lassen zu müssen.

"Es ändert sich ja doch nichts."

Zugegeben, die Parteien boten in den letzten Jahrzehnten reichlich Anlass zur Enttäuschung. Als Rot-Grün Ende des letzten Jahrhunderts Schwarz-Gelb ablöste, dachten wir, jetzt käme der große Generationenwechsel, alles werde gut. Statt dessen bestand eine der ersten Entscheidungen darin, sich aktiv an einem Krieg zu beteiligen. Kurz darauf beschloss die gleiche Regierung ein ganzes Bündel verfassungswidriger "Sicherheitsgesetze". Kurz vor Ende ihrer Regierungszeit schaffte sie dann noch den Sozialstaat ab. Die dann folgene schwarz-rote Koalition wollte eigentlich niemand. Deswegen verzeihen wir es ihr sogar fast, dass sie die Internetzensur beschloss. Vom derzeitigen schwarz-gelben Bündnis erwartete niemand allzu viel, allenfalls, dass ihre Politik aus einem Guss sein werde. Statt dessen besticht sie durch Peinlichkeiten, Abwarten, Zaudern und Konfusion in einer Form, welche die Ära Kohl als eine Zeit radikaler Entschlossenheit erscheinen lässt. Egal, wie die nächste Regierung aussehen wird - ich zweifle nicht eine Sekunde daran, dass sie es ähnlich vergeigen wird.

Also einpacken und nach hause gehen? Nein, denn so funktioniert Demokratie nicht.

Der letzte Satz hatte eine schöne Doppelbedeutung. Tatsächlich funktioniert Demokartie so nicht. Jetzt. In diesem Moment. Die Leute glauben, Demokratie sei eine Art Luxusrestaurant, das zu besuchen man sich alle vier Jahre leisten kann. Dann schaut man andächtig auf die Karte, wählt mit Kennermiene ein Gericht aus und hat es dann in exakt der Form zu genießen, wie es sich der Vier-Sterne-Koch im seinem Refugium gedacht hat.

Genau das ist Quatsch. Demokratie ist die schmierige Pommesbude an der Ecke. Der unrasierte Typ hinter dem Tresen ist keinen Deut besser oder schlechter als du, und wenn der mal wieder Pamp serviert, dann langst du kurz rüber und erzählst ihm deine Meinung. Mehr sogar: Zur Not schubst du ihn beiseite und kochst deinen eigenen Kram. Du musst nur genug Leute finden, die dein Zeug essen wollen. Vielleicht stellst du dich beim Kochen furchtbar an, vielleicht schmeckt dein Essen genau so grässlich wie das der Anderen, aber es ist dein Essen. Du sorgst dafür, dass es gelingt.

Demokratie lebt von ständiger Einmischung. Wenn du den Eindruck hast, dass sich ein Raumschiff Bundestag gebildet hat, in dem eine abgehobene Abgeordnetenkaste weit entfernt vom Volk herumschwebt und ihr eigenes Leben lebt, dann liegt es daran, dass du es zugelassen hast - dass über Jahrzehnte hinweg dir nichts als Jammern einfiel. Zum Glück muss das Raumschiff gelegentlich zum Proviantholen landen. Sorgen wir dafür, dass es diesmal am Boden bleibt.

"Ich werde ein Signal setzen."


Wer streut eigentlich immer wieder dieses blödsinnige Gerücht, ungültig abgegebene Stimmen könnten abends in den Balkengrafiken bei ARD und ZDF auftauchen, wenn nur genügend entsprechend ankreuzen? Leute, wollt ihr mir denn mit aller Gewalt beweisen, dass wirklich jeder Depp wählen gehen darf? Die Sitzverteilung berechnet sich nach den abgegebenen gültigen Stimmen. So lange es auch nur eine einzige davon gibt, kommen sinnvolle Werte heraus, und niemand merkt etwas. Ihr könnt auch gern ellenlange Ergüsse auf den Stimmzettel kritzeln, warum ihr alles doof findet. Glaubt ihr ernsthaft, das liest sich jemand durch? Wie stellt ihr euch die Auszählung vor? Meint ihr, wir säßen da im Kreis, jemand entfaltet feierlich den Stimmzettel, ruft: "Gaudete! Höret die Stimme des Volkssouveräns!", verliest das Votum, und ein Mönch mit Gänsekiel protokolliert andächtig das Ergebnis auf Pergament? Ich habe über Jahrzehnte im Wahllokal gesessen. Abends beim Auszählen wollten wir vor allem eins: heim. Wir haben zugesehen, so schnell wie möglich fehlerfrei auszuzählen. Da guckt keiner, welche Pamphlete irgendein Wichtigtuer verfasst hat. Da zählt nur eins: gültig oder nicht? Geschwafel gehört zur Kategorie "ungültig", wird zwar auch zahlenmäßig erfasst, hat aber keine Auswirkung aufs Wahlergebnis.

"Ich bin Anarchistin."

Heißt: Du lehnst die parlamentarische Demokratie prinzipiell als Instrument der Entscheidungsfindung ab und möchtest ein anderes System herbei führen. Du magst dich wundern, aber das respektiere ich. Genauer: Ich respektiere es, so lange du deine Revolution nicht aufs Wohnzimmer oder den monatlichen Debattierklub beschränkst, wo ihr euch gegenseitig euer Leid klagt, sondern dich friedlich für eine Änderung des Systems einsetzt. 

Dienstag, 17. September 2013

Kann ausnahmsweise einer an die Kinder denken?

Lieber Herr Trittin,

es gibt viele Gründe, Sie und Ihre Partei als politische Gegner zu betrachten: die Oberlehrermentalität, den Drang, Gesetze zu erlassen, wo Überzeugen angebracht wäre, der Krieg, den Sie geführt, die verfassungswidrigen Sicherheitsgesetze, die Sie beschlossen haben und, ja, natürlich auch dieses vollkommen idiotische Dosenpfand, das mich zwingt, Plastikmüll wie rohe Eier zum Pfandautomaten zu schleppen, der das Etikett wegen einer winzigen Falte nicht lesen kann oder gerade verstopft ist und dann, wenn er doch ausnahmsweise funktioniert, Sekunden später die mit höchster Sorgfalt dargebrachte Dose zermatscht. Ich könnte noch lange weiter aufzählen: die Quote, explodierende Energiekosten, Abbau des Gesundheitswesens, Hartz IV, die Internetzensur - alles Errungenschaften, die wir direkt Ihnen zu verdanken haben oder wenigstens von Ihnen mit beschlossen wurden. All dies kreide ich Ihnen - zu recht oder nicht - an, aber eines nicht: dass Sie vor 32 Jahren in Göttingen ein unfassbar dummes Wahlprogramm unterschrieben haben. Unfassbar dumm deshalb, weil es eine Passage zur Straffreiheit von Pädophilie enthielt, die heute kein empfindungsfähiges Wesen mehr so stehen ließe.

Das wissen Sie inzwischen selbst. Mehr als das: Sie gaben sogar eine unabhängige Studie in Auftrag und ließen es zu, dass eine Woche vor der Bundestagswahl Ihr schwerer Fehler aus dem Jahr 1981 noch einmal an die große Glocke gehängt wird. Befänden wir uns mitten in der Legislaturperiode, hätte der politische Gegner ein wenig gelästert, Sie hätten sich brav Ihre Tracht Prügel abgeholt, und die Sache hätte sich erledigt. Nun aber befinden wir uns ausgerechnet in der Woche vor der Bundestagswahl, einer Phase also, in der Sachargumente schon lange völlig uninteressant sind und die CDU die Typen aus dem Keller heraus lässt, die sie sonst da unten wegschließt, weil sie selbst für ihre Maßstäbe peinlich sind. Philipp Mißfelder zum Beispiel. Gegen den wirkt selbst Claudia Roth noch intellektuell.

Die CDU, deren Vorgängerpartei das Ermächtigungsgesetz mit beschlossen hat, deren Mitglieder in der NS-Zeit aktiv mitgemordet haben, deren DDR-Ableger das SED-Regime mit unterstützt hat. Die CDU, Akteurin in diversen Parteispendenaffären, die einen ehemaligen Bundeskanzler vergöttert, der in einem Strafverfahren einfach keine Lust hat, als Zeuge auszusagen und dafür nicht belangt wird - diese Partei, die für alle Zeit das Recht verwirkt haben sollte, Begriffe wie "christlich" oder "Moral" auch nur laut auszusprechen, erdreistet sich jetzt also, sich zur moralischen Instanz über Sie zu erheben, ähnlich wie damals, als es in der katholischen Kirche nicht um irgendwelche theoretisch-programmatischen Kindesmisshandlungen, sondern um ganz reale Fälle in Pastorenwohnungen und Schulen ging? Oh, ich höre gerade, das fand damals keiner in der CDU so richtig schlimm, da forderte keiner rückhaltlose und brutalstmögliche Aufklärung. Naja, mit der Kirche verdirbt man es sich ja auch nicht.

Ich krame uraltes Zeugs aus längst vergangenen Tagen hervor? Genau, ich finde das auch albern. Menschen ändern sich, Parteien ändern sich. Jutta Ditfurth wird Ihnen das bestätigen. Baldur Springmann und Petra Kelly könnten das auch, wenn sie noch lebten.

Deshalb wähle ich Sie nicht - nicht wegen der Dinge, die Sie unterschrieben haben, als ich noch ein Kind war, sodern wegen der Dinge, die Sie und Ihre Partei jetzt gerade verschusseln. Darunter ist nichts, was Ihren Rücktritt als Spitzenkandidat rechtfertigte. Sie verkörpern das, was ich an Ihrer Partei nicht leiden kann, und das ist genau der Grund, warum Sie auf diesen Posten gehören. Sie erledigen Ihre Aufgabe gut, und das meine ich ausnahmsweise nicht ironisch.

Wer jetzt die Grünen nicht wählt, weil vor 32 Jahren ein Göttinger Student und Stadtratskandidat ein blödsinniges Wahlprogramm einer in der Gründungsphase befindlichen Partei unterschrieben hat und sich deswegen heute von den öligen Politplacebos einer CDU-Jugendorganisation ankläffen lassen muss, hat es nicht anders verdient, zur Belohnung weitere vier Jahre von einer Partei reagiert zu werden, die den Stillstand zum rautenförmigen Konzept erhoben hat.

Trotz allem viel Erfolg bei der Wahl und einen fairen Wahlkampf wünscht

Ihre Publikumsbeschimpfung

Samstag, 7. September 2013

Buchkritik: Internet-Meme - kurz & geek

O'Reillys "Kurz-&-geek"-Reihe hat sich als verlässliche Quelle für die Einführung in die Nerdkultur etabliert. Namhafte Autoren, passabler Preis, ordentlicher Inhalt - was will man mehr? So griff ich auch ohne großes Nachdenken zu diesem Buch. Plom und erlehmann kennen sich aus, und haben in zahlreichen Podcasts sowie Vorträgen über das Thema gesprochen, da kann nicht viel schief gehen. Außerdem sind Katzen auf dem Buchdeckel.

Meme gibt es so zahlreich und in so vielen Variationen, dass kein Buch der Welt eine Chance hätte, sie alle zu beschreiben. Es wäre zum Erscheinungszeitpunkt schon hoffnungslos veraltet. Entsprechend versuchen die Autoren auch nur, die historische Entwicklung zu skizzieren, einige Meilensteine zu beschreiben und die wichtigsten Quellen zu nennen, denen diese Meme entspringen. Das ist notwendigerweise subjektiv. Die Einschätzung der Relevanz einiger Quellen und Meme mag nicht der Sicht einiger Leserinnen entsprechen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass sie irgendwo komplett falsch ist.

Die Autoren versuchen, möglichst neutral und präzise vorzugehen. Das ist einerseits löblich, weil sie damit ihrem Anspruch gerecht werden, das Thema sauber aufzuarbeiten und vielleicht sogar das erste Werk im deutschsprachigen Raum vorzulegen, das überhaupt nach annähernd wissenschaftlichen Maßstäben die Memkultur beschreibt, gleichzeitig aber liest sich dadurch das Buch so öde wie eine Seminararbeit. Das liegt natürlich auch in der Natur der Sache. Kaum etwas ist dröger als der Versuch, über Humor zu schreiben. Gleichzeitig aber scheitert das Buch an seinem eigenen wissenschaftlichen Anspruch. So definiert es am Anfang Meme über ihre virale Verbreitung, kritisiert aber am Ende andere Arbeiten, die virale Kulturverbreitung, nicht jedoch Meme zum Thema haben. Der scheinbare Widerspruch löst sich erst nach einigem Blättern. Eine klare Abgrenzung der Begriffe, eine Beschreibung, was viral aber dennoch kein Mem ist, wäre hilfreich gewesen.

Erwarten Sie also kein lustiges Buch. Erwarten Sie auch nicht viel Neues, wenn Sie sich ohnehin souverän in der Nerdkultur bewegen, soziale Medien nutzen und Podcasts hören. Wenn Sie meine Andeutung mit den Katzen zwar erkannt haben, Ihnen aber nicht klar ist, warum um diese Tiere in bestimmten Kreisen so ein Gewese veranstaltet wird, ist das Buch ein guter Ausgangspunkt für weitere Recherchen.

Internet-Meme - kurz & geek 
1. Auflage Juni 2013 
ISBN 978-3-86899-805-4
240 Seiten, broschiert
eBook-Format: PDF 

Die Partei hat immer Recht

Es sind weniger die Parteien, die mir so unendlich auf die Nerven gehen, es sind ihre Mitglieder.

Wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, ein Parteibuch gäbe es nur im Tausch mit einem Großhirn? Für alle, die jetzt überrascht aufhorchen: Das Gerücht ist falsch. Ihr dürft euren Grips behalten, ehrlich. Selbst bei den Piraten.

Oder wo auch immer. Bei denen fällt es mir nur besonders auf, weil sie einen großen Teil meiner Filterblase bilden. Tatsächlich habe ich das gleiche Phänomen auch bei den Grünen sowie der SPD beobachtet und bin mir sicher, dass es mir bei anderen Parteien genau so auffiele, wenn ich mit deren Mitgliedern mehr Kontakt hätte. Na gut, bei einigen Parteien kann es natürlich auch sein, dass deren Mitglieder nicht allzu viel Grips haben, den sie eintauschen könnten, dass also die Mitgliedschaft eher den konsequenten Abschluss eines Prozesses zunehmenden intellektuellen Dahinsiechens darstellt. Irgendwie muss man einen Ronald Pofalla oder einen Fipsi Rösler ja ertragen können.

Ich war auch 15 Jahre Mitglied einer Partei, und ich kenne das Gefühl, mit dem Mitgliedsantrag so etwas wie Blutsbrüderschaft geschlossen zu haben. Ab diesem Moment bin ich die Partei, und die Partei ist ich. Wer die Partei als Ganzes oder ihre Repräsentantinnen angreift, greift auch mich an, und zwar nicht irgendwie allgemein, diffus, weil ich als Mitglied das mit unterstütze, sondern ganz konkret mich als Mensch. Entsprechend reagiere ich dann auch: persönlich angegriffen, emotional, aufbrausend, verletzt, unsachlich.

Es reichte ein einziger Tweet, in dem ich andeutete, der Abbau des Sozialstaats sei ganz maßgeblich unter einem sozialdemokratischen Kanzler und sozialdemokratischen Bundesministern vorangetrieben worden, um eine ganze Lawine von Tweets eines Sozialdemokraten loszutreten, der meinte, die Piraten hätten ja nicht einmal vernünftige Positionen zu diesem Thema in ihrem Wahlprogramm stehen. Merken Sie, was ich meine? Ich hatte mich nicht als Piratin geäußert - wie auch, ich bin keine -, und es ging auch nicht darum, die Piraten toll aussehen zu lassen, sondern zu kritisieren, wie die SPD sich als Retterin genau des Sozialstaats aufspielt, zu dessen Beseitigung sie Monate zuvor noch selbst aktiv beigetragen hat. Darauf gingen die Tweets auch gar nicht erst ein. Wichtig war nur: Einen deutschen Sozialdemokraten greift man nicht ungestraft an.

Einen ähnlichen Effekt beobachte ich bei den Piraten - der Partei, die ich lange Zeit für die einzige Chance hielt, basisdemokratische und transparente Prozesse in einem erstarrten Parlamentsbetrieb zu etablieren. In ihrer Aufbauphase vor vier Jahren fand ich es auch völlig legitim, auf maximale Außenwirkung zu zielen. Über viele Wochen waren die Piraten die einzige Partei, welche die von CDU und SPD (sic!) eingeführte Internetzensur als allgemeine Gefahr erkannten und dagegen protestierten. Wochenlang mussten sich deren Mitglieder als Förderer dokumentierter Kindervergewaltigung beschimpfen lassen, bis sich langsam herumsprach, worum es ihnen wirklich ging. Ich fand es völlig legitim, dass sie mit Aufklebern und Fahnen darauf hinwiesen, dass sie überhaupt existieren, dass es nach dreißig Jahren wieder einen ernst zu nehmenden Ansatz gibt, neue Ideen in den Politbetrieb einzuspeisen.

Das war vor vier Jahren. Inzwischen weiß selbst meine Oma, wer die Piratenpartei ist. Sie wählt sie nicht, weil sie den Namen nicht mag, aber sie bekommt mit, was diese Partei treibt. Sie muss nicht ständig durch eine Fahne darauf hingewiesen werden.

Leider haben das die Mitglieder noch nicht begriffen. Sie ändern ihren Twitternamen von @volldepp zu @PiratVolldepp, sie ändern die Hintergrundfarbe ihres Avatarbilds auf orange und montieren noch eine kleine Parteiflagge in eine Ecke. Ich kenne offen gesagt kein Mitglied einer anderen Partei, das seinen Namen etwa in @SPDTrottel geändert hätte. Ins Foto montierte Parteilogos erlebt man allenfalls bei Kandidatinnen oder Mandatstägerinnen. Na gut, Claudia Roth ist sich für keinen Blödsinn zu schade, aber bei dieser Account ist so maßlos peinlich, dass ich eher auf einen Fake-Zugang eines übereifrigen Parteimitglieds tippe.

Manchmal habe ich den Eindruck, einen neu gewonnenen Piratenparteimitglied wird neben der Mitgliedsnummer auch gleich eine Parteifahne zugeschickt. Zumindest finde ich erstaunlich, wie viele Piraten bei Demonstrationen mit ihrer Flagge herumwedeln.

Was mich daran stört? Die Aussagelosigkeit und Penetranz. Aussagelos, weil es Leute gibt, die sich gute Parolen überlegen, die pfiffige Transparente basteln. Achten Sie einmal darauf, was die Presse fotografiert. Die interessiert sich für Sprüche wie "Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen". Fahnen nimmt sie auf Fotos mehr in Kauf als dass sie gezielt danach suchte, und genau das scheint die Fahnenträger zu animieren, zu einer Methode zu greifen, die sie sonst vehement kritisieren: Spamming. Überall, wo die Kamera hinguckt, muss ein Fahnenmeer sein. Das hat nichts mehr mit Präsenzzeigen gemein, das ist einfach penetrant. Ich kenne sogar Piraten, die mir gesagt haben, worum es bei einer Demonstration ginge, sei ihnen völlig egal, so lange sie dort ihre Fahne schwingen dürfen. Sonst gingen sie nicht hin.

Vielleicht liegt es an meiner Vergangenheit, dass ich Fahnenträgerinnen nicht ernst nehmen kann. Über 30 Jahre bin ich auf den Gewerkschaftsdemonstrationen zum 1. Mai mitgelaufen. Über 30 Jahre liefen da Leute mit, blöd wie Knäckebrot, keine Ahnung, für welche Forderungen sie gerade einstanden, aber die DGB- oder SPD-Flagge konnten sie gerade einmal noch halten. Ach ja, und gerade in den letzten Jahren durfte die Plastikweste mit dem ver.di-Aufdruck und die Trillerpfeife im Mund nicht fehlen. Trüüüü - was für eine Aussage.

Inzwischen gibt es sogar Demonstrationen mit Quotenregelungen. Eine Fahne pro Partei müsse reichen, heißt es dann. Als wenn das etwas brächte. Es geht nicht um eine genau festzulegende Zahl von Fahnen. Es geht einfach darum, nicht den Eindruck zu erwecken, eine parteiübergreifend veranstaltete Demonstration sei eine Parteiveranstaltung, aber das habe ich in der Vergangenheit leider mehrfach erlebt. Das geht gleich mehrfach schief. Erstens bleiben der nächsten Demonstration diejenigen fern, denen es um die Sache und die nicht gegen ihren Willen zu temporären Parteimitgliedern gestempelt werden wollen. Zweitens bleibt in der Öffentlichkeit der Eindruck, es ginge bei der Demonstration vor allem um Parteiwerbung, wobei das eigentliche Ziel völlig untergeht. Drittens gerät die Partei selbst in Misskredit, weil man sie vor allem als Eigenwerbeverein und nicht als Vetreterin ernst zu nehmender Anliegen wahrnimmt.

Das darf man allerdings nicht laut sagen, denn dann steigen sofort die Parteisoldaten auf die Barrikaden und verteidigen ihre Partei gegen die vermeintliche Schändung. Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2009? Damals reichen Artikel, in denen die Piratenpartei nicht ganz so stürmisch wie sonst bejubelt wurde, um sich den Kommentarteil mit hunderten wüster Beschimpfungen zu füllen, die sich beklagten, wie man dazu käme, die Piratenpartei nicht als gottgesandte Erlösung anzusehen. Ich wurde einmal allein für die Feststellung angegriffen, dass die Piraten nicht im Bundestag vertreten seien und wir als Veranstalter einer Diskussionsrunde irgendwo eine Grenze ziehen müssten, welche Partei wir einlüden und welche nicht. Hoch schlugen die Wogen der Empörung jedes Mal, wenn die Parteichefs von CDU und SPD sich zu einem Thema äußerten, die Erklärung des Bundesvorsitzenden einer Partei mit einem bis zwei Prozent Stimmanteilen von der Presse aber "totgeschwiegen" wurde. Das riecht doch nach Verschwörung!

Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt, aber noch heute kann man davon ausgehen, auf jede noch so zurückhaltend formulierte Kritik ellenlage Tiraden zu ernten, man sei es leid, immer von der Seite angepampt zu werden, ohne die Piraten gäbe es in Deutschland überhaupt keine Netzbewegung mehr, die ganzen parteiübergreifenden Organisationen bekämen schon lang nichts mehr auf die Reihe, doch statt tränenersticktem Dank für die Rettung des demokratischen Diskurses ernte man ständig nur Beschimpfungen.

Wenn mir jetzt wieder jemand eine weinerliche Mail schreiben zu müssen meint, in der er andeutet, er könne auch gern zu hause bleiben, wenn ich ihm so blöd käme, sei ihm gesagt: wunderbar. Wenn ich Typen wie dich, die ihr ganzes Engagement für elementare Freiheitsrechte an die Bedingung knüpfen, dass man ihre Kasperletruppe ins Parlament hievt, so einfach loswerde, bin ich glücklich. Für mein Anliegen brauche ich Überzeugungstäterinnen, keine Stimmenprostituierten. Ich habe mich für Datenschutz eingesetzt, als du noch mit Mamis I-Pad um den Weihnachtsbaum gerobbt bist, und ich werde mich noch dafür einsetzen, wenn du schon längst zur AfD gewechselt bist, weil du dir dort mehr Chancen auf ein Landtagsmandat erhoffst.

Zur Ehrenrettung der Piraten sei gesagt, dass derart dünnhäutiges Gewinsel so gut wie nie von offiziellen Vetreterinnen sondern meist vom Fußvolk kommt. Das bessert die Situation leider nur wenig. Wenn ich davon ausgehen muss, dass abgesehen von einigen Mandatsträgerinnen eine Partei nur aus Bescheuerten besteht und die Entscheidungen dieser Partei durch Einbindung genau dieser Volltrottel zustande kommen, weiß ich, dass ich diese Partei daran zu hindern versuchen werde, politische Macht auszuüben. So weit bin ich noch nicht, aber allzu weit bis dahin ist es bei mir nicht mehr.

Leute, wenn ihr euch auch ohne Mandat berufen fühlt, eure Partei zu repräsentieren, lasst euch gesagt sein, dass man mit überschnappender Stimme kaum Sympathien gewinnt, dass Kritik oft auch konstruktive Elemente beinhaltet und Beißreflexe deswegen  keine angemessene Reaktion darstellen. Vor allem: Wahlen gewinnt man so nicht. Man gewinnt sie durch Überzeugungsarbeit, aber dazu braucht man mehr als eine Parteifahne.

Dienstag, 30. Juli 2013

Obsolete Dreckstechnik Teil 4: Drucker

Seit 30 Jahren gibt es bezahl- und halbwegs nutzbare Computer für den Hausgebrauch, seit 30 Jahren gibt es für sie Drucker als Peripheriegeräte, und seit 30 Jahren schafft es diese hirnlose Bande von Hard- und Softwareentwicklern nicht, die Dinger dazu zu bringen, was sie angeblich so toll können: drucken.

Gut, drucken können sie schon - irgendwas; allerdings hat das Gedruckte nur in Ausnahmefällen etwas mit dem zu tun, was man eigentlich erwartet hätte. Am Anfang war das auch nicht weiter verwunderlich, musste man doch seinerzeit am Bildschirm kryptische Kommandosequenzen eingeben, die erst auf dem Weg zum Drucker in die endgültige Schrifttype umgewandelt wurden. Heutzutage aber, da kein Mensch mehr weiß, was WYSIWYG heißt, weil alle es als selbstverständlich erachten, am Bildschirm das zu sehen, was beim Druck auch herauskommen soll, ist mir unbegreiflich, warum ich hochauflösende Videos in Sekundenschnelle nach Australien schicken kann, aber im Durchschnitt drei Anläufe brauche, bis der Drucker direkt neben mir das ausgibt, was meine Textverarbeitung einwandfrei am Bildschirm darstellt.

Erster Versuch: Der Drucker blinkt hektisch. Warum? Ach ja, die blaue Patrone ist leer. Egal, das ist ein reiner Text, der braucht nur schwarz, aber das interessiert den Drucker nicht. Es könnte ja vielleicht irgendwann ein blaues Pixel kommen, und dann wäre alles hin.

Zweiter Versuch: Die blaue Patrone ist ausgewechselt. Um sie zu finanzieren, gibt es die nächsten vier Wochen nur Leitungswasser und den Geruch der Pizzeria gegenüber als Nahrung. Der Drucker spuckt wirre Zeichen. Irgendwann beim Patronentausch müssen ein paar Bytes verlorengegangen sein, weswegen aus der einen Seite auf einmal 30 werden - bestehend aus einer Zeile Zeichenmüll gefolgt von einem Seitenvorschub.

Dritter Versuch: Nach einem Neustart des Rechners und des Druckers können wir einen weitern Anlauf starten. Diesmal scheint alles glatt zu gehen, bis die etwas komplexere Grafik am Seitenende gedruckt werden soll. Die Grafik besteht aus vielen einzelnen Logos. Aus irgendeinem Grund überfordert das den Druckertreiber. Testweise schicke ich die gleiche Seite an den Drucker in der Firma, rufe eine Kollegin an und bitte sie, nachzusehen, ob der Druck sauber aussieht. Alles OK, alles drauf. Nur leider brauche ich den Druck hier und nicht 200 km entfernt.

Vierter Versuch: Wir werden nie erfahren, ob die Grafik dieses Mal ihren Weg aufs Papier gefunden hätte, denn leider bleibt das Papier irgendwo im Drucker stecken und faltet sich zieharmonikaartig auf. Das ist zwar auf gewisse Weise ästhetisch, aber nicht das, was ich wollte.

Fünfter Versuch: Diesmal sieht es gar nicht so schlecht aus, sieht man einmal von den Streifen ab, die plötzlich auf dem Papier erscheinen. Wie konnte ich das übersehen - Zeit zum Druckerreinigen.

Sechster Versuch: Nach der Reinigung bläst der Drucker etwa ein Monatsgehalt an Tinte in sein Auffangkissen, damit die Düsen wieder sauber sind, weigert sich dann aber, vom Computer irgendein Kommando anzunehmen. Abhilfe schafft die Neuinstallation des Druckertreibers, die mir bei dieser Gelegenheit einige hundert Megabyte völlig unbrauchbare Zusatzsoftware auf die Platte schaufelt, deren einziger Sinn darin zu bestehen scheint, mir das Firmenlogo des Druckerherstellers möglicht bildschirmfüllend auf dem Desktop unterzubringen und gleichzeitig mit irgendwelchen Hintergrundjobs den Rechner auf die Geschwindigkeit eines Schalterbeamten der Deutschen Reichpost von 1871 zu bremsen.

Ich gebe es auf. Wenn das der Weg sein soll, das papierlose Büro zu erreichen, ist er gelungen - sieht man vielleicht davon ab, dass ich zum Erlangen dieser Erkenntnis drei schwedische Fichtenwälder durch meinen Drucker gejagt habe.

Donnerstag, 13. Juni 2013

Keiner hat die Netzbewegung lieb

Der Netzbewegung muss es unglaublich gut gehen. Erfolg muss sich an Erfolg reihen. Aktive rennen ihr praktisch die Tür ein. Anders ist nicht zu erklären, dass sie alles daran setzt, ihre Leute zu vergraulen - und sich dann noch beklagt, die Leute engagierten sich nicht ausreichend. Zum Verständnis skizziere ich eine beliebige Diskussion auf der Mailingliste einer netzpolitischen Organisation. Ich könnte den Namen nennen, aber eigentlich ist es egal. Das Muster wiederholt sich bei den anderen Organisationen.

Tag 0:

A schreibt in einem Posting: "Wasser ist nass."

B (hat mit A schon lang ein Hühnchen zu rupfen und nimmt begeistert den Ball auf): "Nein, Wasser ist nicht nass." 

C (hat schon seit fast zwei Stunden keine Formaldebatte mehr geführt): "Wir müssen unbedingt vorher definieren, was 'nass' ist." 

A: "Äh, H20." 

B (beschließt, dass Umgangsformen ohnehin nur eitler Tand sind): "Das ist wieder einmal eine weitere Lüge, lies doch endlich mal meine Mails, aus denen einwandfrei hervor geht, dass Wasser viel mehr als einfach nur H20 ist." Es folgen zwei Seiten Rant. 

C: "B hat vollkommen Recht. Wasser besteht eben nicht nur aus H20, sondern noch aus H3O+ und OH- sowie diversen dissoziierten Mineralstoffen und Metallionen. So lange du diesen wichtigen Umständen keine Rechnung trägst, hast du das Wesen von Wasser nicht verstanden, weswegen ich micht jetzt notgedrungen auf dein Niveau begebe und dir Elementarunterricht in Wasserkunde gebe." 

D: "Es heißt Wasser_in."

E: "H3O+ ist zwar ein guter Ansatz, aber leider noch nicht präzise genug. Wie können wir über diese Sache diskutieren, ohne wenigstens diese grundlegenden Begriffe geklärt zu haben?"

Tag 1:

A (schreibt einen zweiseitigen Aufsatz über Wasser)

C: "Das reicht leider nicht aus. Wir müssen auch noch klären, was 'nass' ist." 

A: "Naja, wenn man halt Wasser abbekommen hat." 

E: "Das ist viel zu unpräzise. Ab welcher Menge Wasser spricht man von 'nass'? Reden wir von absoluten oder relativen Mengen? Deckt dieser Begriff auch schweres Wasser ab?" 

A (schreibt einen Konsensantrag) 

B (ist dagegen, weil der Antrag von A ist, offiziell aber, weil Piratenschiffe auf dem Wasser unterwegs sind) 

Zeit (drängt) 

C und E (diskutieren eine Policy, die das Nasssein von Wasser_in regelt - unter der besonderen Berücksichtigung der Tatsache, dass Wasser aus biologischem Anbau an primzahligen Wochentagen bei Menschen mit Migrationshintergrund andere Assoziationen von 'nass' hervorrufen könnte)

Tag 2:


Zeit (drängt noch etwas mehr) 

F (schreibt einen Eilantrag) 

C (findet einen Formfehler und erklärt die Abstimmung für ungültig) 

E (ist generell gegen Schnellanträge und begründet das mit Regularien aus dem Wiki)

F: "Entschuldigung, das Wiki ist so wahnsinnig gut strukturiert, ich kann leider die entsprechenden Regeln nicht finden." 

E: "Jetzt reicht's mir aber. Wie oft muss ich das denn noch erklären? Wer sich auch nur ein bisschen für die Sache interessiert, sollte wenigstens die Zeit aufbringen, das Wiki zu lesen." 

F: "Hab's verstanden. Wo liegt die Seite nun?" 

E: "Meine Güte, das ist doch sonnenklar: wiki/intern:Abstimmungen/Diverses/2003/Meetings/Berlin/Abgeschlossen/Antraege/Policies/Meta/Schnellabstimmung. Ich weiß wirklich nicht, was du bei uns mitreden willst, wenn du nicht einmal das weißt." 

A: "Ich will ja nicht drängeln, aber die Zeit wird nun wirklich knapp." 

C: "Hättest du mal von Anfang an die Sache sauber durchgezogen, müssten wir jetzt nicht wieder hopplahopp alles übers Knie brechen." 

A: "Dann lass uns doch eine normale Abstimmung durchziehen." 

C: "Geht nicht, die Schnellabstimmung läuft doch schon." 

A: "Ich dachte, die sei ungültig." 

C: "Es gibt keine Policy, die das regelt." 

E: "Wir brauchen unbedingt, eine Policy, mit der wir bestimmen, wie über das Abstimmen über Definitionen entschieden wird."

C: "Wie stimmen wir über diese Policy ab?" 

E: "Stimmt, wir brauchen unbedingt eine Policy, die über das Abstimmen über Policies entscheidet, die über das Abstimmen über Definitionen regeln." 

C: "Wo wir gerade dabei sind, sollten wir unbedingt die Policies im Wiki überarbeiten, da sie nicht klar genug regeln, ob Abstimmungen auch dann durchgeführt werden können, wenn der Browser keine Cookies zulässt."

Tag 3:

Nach einigem Hin und Her hat man sich auf eine Resolution geeinigt, die bis hinunter auf Quark-Ebene den Aufbau von Wassermolekülen regelt, jedoch offen lässt, ob es nass ist, weil die Bewohnenden von Überschwemmungsgebieten oder Wüstenregionen sich möglicherweise diskriminiert fühlen könnten. Ab Seite 20 behandelt ein längerer Exkurs die Frage, wie man dazu steht, dass Piratenschiffe auf Wasser fahren können und einigt sich darauf, dass man dies unter der Bedingung akzeptieren kann, dass zeitgleich mindestens eine Entenfamilie und zwei Tannenzapfen in maximal 10 Metern Entfernung schwimmen. Sollte man sich in einem Gebiet befinden, in dem zufällig keine Enten oder Tannen stehen, kann möglicherweise ein Delfinschwarm aushelfen, sofern die Delfine sich vorher eine Woche lang vegan ernährt haben. E und C haben sich wegen schwerer formaler Bedenken am regelkonformen Zustandekommen des Kompromisses dazu entschlossen sich dagegen zu enthalten und erklären auf die verblüffte Nachfrage, was darunter zu verstehen sei, das stünde nun wirklich alles im Wiki und sei in einem Mailinglistenpost aus dem Jahr 2008 verlinkt worden,  wenn man selbst für eine simple Recherche im Mailinglistenarchiv zu faul sei, könne nun wirklich nicht mehr geholfen werden.

Trügerische Ruhe (kehrt ein)

Tag 4:

G: "Wasser ist nass."

A: "Hatten wir das nicht schon mal?" 

B: "Das hättest du wohl gern so. Du hast schon beim letzten Mal ohne jede Absprache das Thema durchgeprügelt. Ich habe endgültig die Nase voll von deiner Gutsherrenattitüde. Wir wissen doch alle, wie gefährlich nasses Wasser sein kann (zwei Seiten Rant folgen)." 

C: "Ich sehe da ebenfalls noch Diskussionsbedarf."

E: "Das müssen wir endlich mal sauber regeln."

Ich breche an dieser Stelle das Protokoll ab. Verstehen Sie jetzt, warum die Netzbewegung nicht voran kommt?

Sonntag, 2. Juni 2013

Buchkritik: Lutz Heuser: Heinz' Life

Dank der Bundeszentrale für politische Bildung kommt man sehr günstig an einige Bücher, die im normalen Buchhandel erheblich teurer und - so meine Meinung im vorliegenden Fall - ihr Geld nicht wert sind. "Heinz' Life" sind die fiktiven Tagebuchaufzeichnungen eines 1962 geborenen Mannes bis ins Jahr 2032. Heinz beschreibt vor allem seine Erfahrungen mit Computern, die anfangs noch riesengroße, den Spezialisten vorbehaltene Klötze sind, in der Gegenwart immer weiter schrumpfen und - so die These des Autorenteams - in der Zukunft sich so weit in Alltagsgegenstände integriert haben werden, dass wir sie als Computer gar nicht mehr wahrnehmen. Die insgesamt 36 Autoren haben dazu jeweils anekdotenhafte und biografische Beiträge gesammelt, die - mal mehr, mal weniger auffällig zusammengestrickt - das Leben des ungebrochen technikeuphorischen Heinz erzählen.

Hier setzen auch meine beiden Hauptkritikpunkte an: Firmenwerbung und bis an die Grenze der Realitätsverleugnung gehende Zukunftsgäubigkeit. Zum Einen merkt man einigen Kapiteln sehr deutlich an, bei welcher Firma deren Verfasser arbeitet. So trifft Heinz mehrfach auf die Firma SAP, und - hey - die macht ja tolle Dinge. Jetzt raten Sie mal, für wen zehn der Autoren arbeiten oder gearbeitet haben.

Doch es ist nicht an mir, die historische Relevanz einer Firma zu beurteilen, die nach meinem Empfinden ähnlich wie Microsoft einen Markt allein deswegen mit einem mittelmäßigen Produkt beherrscht, weil alle Anderen den Kram ebenfalls einsetzen. Fünfzig Millionen Fans können nicht irren. Was mich wirklich ärgert, ist die Blauäugigkeit, mit der Fragen wie Datenschutz, Überwachungsstaat, Umweltverschmutzung, globale Erwärmung und der Abschied vom Erdöl behandelt werden. Datenschutz? Ja, da gab's ein bisschen Ärger, aber da haben wir ein Gesetz geschrieben, und alles war prima. Nicht einmal ein Gesetz brauchte man gegen mangelde Computersicherheit. Auch das war einst etwas ärgerlich, aber dann hat sich ein kluger Kopf ein Programm ausgedacht, und schon hatten die bösen Hacker keine Chance mehr. Mensch, warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Klimawandel und abschmelzende Polkappen? Killefitz, da findet schon bald jemand alternative Energieträger. Damit sind dann auch gleich alle Fragen beantwortet, wie man beispielsweise Dünger, Medikamente und Plastik herstellen soll, wenn es einmal kein Öl mehr gibt - und die Polkappen wachsen auch schon wieder. Ich selbst glaube ja auch an eine gute Zukunft, aber in vermute, dass die oben angesprochenen Herausforderungen erheblich mehr als das Fingerschnippen erfordern, mit der sie "Heinz' Life" abhandelt. Solche Kapitel mögen in den 50er und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts noch zeitgemäß gewesen sein, heute sieht man die Lage etwas differenzierter.

Das heißt nicht, dass ich das Buch komplett verdamme. Es liest sich gut, und einige Anekdoten sind durchaus unterhaltsam. Für gerade einmal einen Euro bekommt man schon einen ordentlichen Gegenwert. Mehr Geld hätte mich aber auch geärgert.

Autor: Lutz Heuser, Seiten: 333, Erscheinungsdatum: 13.08.2010, Erscheinungsort: Bonn, Bestellnummer: 1067 Kosten: 1 €