Donnerstag, 4. Juni 2015

Das Volk braucht seinen Fußabtreter

Wir hassen die GdL nicht dafür, dass sie streikt, sondern dafür, dass sie es kann

Ich stehe am Bahnhof meiner Provinzhauptstadt, es ist noch nicht einmal Mitternacht, aber dank des nicht vorhandenen Services der Bahn habe ich jetzt eineinhalb Stunden vor mir, bis der nächste Zug mich weiter Richtung Heimat bringt. Nicht einmal den Fahrpreis kann ich mir erstatten lassen, weil er unter die Bagatellgrenze fällt. Ich fahre eigentlich sehr gern mit der Bahn, aber in solchen Momenten platze ich vor Wut. Mich eineinhalb Stunden hängen lassen, dafür Geld verlangen und zur Krönung des Ganzen auch noch streiken, damit dieser Drecksladen künftig noch weniger Leistung für noch mehr Geld anbietet - Leute, ihr habt den Anus so weit offen, dass ein ICE da quer ohne anzustoßen reinpasst.

So, und jetzt kommen wir mal wieder runter und sehen die Sache nüchterner. Die GdL wird derzeit landesweit als die Verkörperung des Hals-nicht-voll-Bekommens verkauft - kein Wunder: Über die Bahn schimpft sowieso jeder, und wenn sich nicht nur verspätet, sondern gleich ganz weg bleibt, bestätigt das nicht nur die Vorurteile, man hat darüber hinaus auch keine Möglichkeit zur Gegenwehr. Ein paar tausend Leute streiken, und ein ganzes Land steht Kopf.

Es gibt nur wenige Berufsgruppen, die so etwas überhaupt noch können. Nehmen wir die Mitarbeiterinnen der Kindertagesstätten, von deren Arbeit wörtlich die Zukunft dieses Landes abhängt. Natürlich beeinflusst deren Streik massiv das Leben der Eltern, deren Kinder betreut werden sollen, aber jetzt schauen wir mal in die Zeitung: Das sind nicht mehr so viele. So wichtig ihre Arbeit sein mag - sie betrifft eine ständig kleiner werdende Gruppe.

Noch entscheidender ist die Arbeit des Klinikpersonals. Wenn diese Leute streiken, sterben Menschen. Das ist auch genau der Grund, warum Streiks auf diesem Gebiet so harmlos sind und sich bisweilen über Monate hinziehen. Keine Krankenschwester ließe es zu, dass für ihre materiellen Forderungen jemand körperlichen Schaden nähme. Entsprechend wird bei Klinikstreiks immer eine Notversorgung aufrecht erhalten, und da die sich nicht großartig von der normalen Versorgung unterscheidet, der Grund übrigens, warum gestreikt wird, ändert sich nichts.

Wenn, wie abzusehen, die Briefträger streiken, dann bleiben die Briefe eben ein paar Tage liegen. Alles Dringende klärt man zur Not am Telefon, per E-Mail oder ganz klassisch per Fax. Die Zeiten, in denen der Briefverkehr eine entscheidende Infrastrukturkomponente darstellte, sind vielleicht noch nicht ganz vorbei, neigen sich aber sehr deutlich dem Ende zu.

Infrastruktur, damit wäre das Stichwort gefallen. Man mag ja vom Staatsdienst halten was man will, aber eine entscheidende Eigenschaft hat er: Er darf nicht streiken. Somit bleiben bestimmte Grundfunktionen immer erhalten. Polizei und Militär werden arbeiten, Strom und Wasser - halt, das stimmt nicht mehr. Zur Aufhübschung der Haushaltsbilanzen privatisiert die öffentliche Hand zunehmend Dienstleistungen, die einst ihre zentrale Aufgabe darstellten. Post und Telekom arbeiten seit Jahrzehnten privatwirtschaftlich. Nun kann man beim besten Willen nicht behaupten, dass die Deutsche Bundespost zu den High-Performern gehörte, aber dafür gab es an jeder Straßenecke einen Briefkasten, alle paar hundert Meter eine Postfiliale, und wenn man irgendwo im Nichts ein Grundstück mit einer postalischen Adresse hatte, konnte man sich für einen Spottpreis dorthin ein Telefonkabel legen lassen. Versuchen Sie das Gleiche heute und weinen Sie beim Kostenvoranschlag der Tiefbaufirma.

Staatsunternehmen boten mitunter lausigen Service, aber sie boten ihn wenigstens. So etwas wie einen Bahnstreik hätte es zur Zeit der Deutschen Bundesbahn nicht geben können, und genau hier liegt die Macht der Lokführer: Ihre Dienstleistung ist so zentral, dass sie mit ein paar Leuten eine der führenden Industrienationen entscheidend lähmen können, aber sie ist nicht so zentral, dass ohne sie jemand stirbt. Ein Streik schmerzt, bricht aber niemandem das Genick. Ich behaupte, das ist der Grund, warum wir so entnervt reagieren: Das wollen wir auch können.

"Alle Räder stehen still / wenn dein starker Arm es will" heißt es im "Bundeslied", und zur Zeit der ersten industriellen Revolution stimmte das sogar noch. Heute sind Betriebsabläufe so weit automatisiert, dass kaum noch eine Berufsgruppe mit einem Streik ernsthaft Aufsehen erregen kann, und selbst dieses Mittel soll immer mehr entschärft werden. Federführend ist hier ausgerechnet die SPD.

Die SPD, wir erinnern uns, hervorgegangen aus dem allgemeinen deutschen Arbeiterverein, tief verwurzelt in der Arbeiterbewegung, seit jeher gewerkschaftsnah, ausgerechnet diese Partei bringt ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg. Das klingt zunächst einmal harmlos. Alle sollen den gleichen Lohn bekommen, egal, welcher Gewerkschaft sie angehören. Das ist doch etwas Schönes. Wie man's nimmt. Umgekehrt heißt das nämlich auch, dass große Gewerkschaften mit ihren Tarifabschlüssen die kleineren Gewerkschaften übersteuern, was faktisch einem Verbot von Kleingewerkschaften wie der GdL gleichkommt. Nun muß man die GdL nicht unbedingt mögen, um dennoch einzugestehen, dass die sich wenigstens in den letzten Jahren für ihre Mitglieder mächtig ins Zeug gelegt hat. Wissen Sie, wie die deutlich größere Eisenbahnergewerkschaft des DGB heißt? Na? Könnte das vielleicht daran liegen, dass die EVG mit der Unternehmensführung eher auf Kuschelkurs ist?

Genau da scheint mir nämlich der Kern zu liegen: Die SPD war eigentlich nie gewerkschaftsnah, sondern DGB-nah. Der DGB wiederum, ein etwas in die Jahre gekommener Moloch aus Großgewerkschaften wie der IG Metall (knapp 2,3 Millionen Mitglieder) oder ver.di (2 Millionen Mitglieder) schwingt zwar jedes Jahr brav am 1. Mai kämpferische Reden, aber in den Tarifverhandlungen gibt man sich eher handzahm. In Krisenzeiten war es zwar tatsächlich eine gute Taktik, mit Rücksicht auf Arbeitsplatzssicherung Nullrunden zu akzeptieren, aber jetzt, da es der Wirtschaft wieder deutlich besser geht, weiterhin Abschlüsse unterhalb des Inflationsausgleichs auszuhandeln, deutet nicht gerade darauf hin, dass man es mit der Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen besonders ernst nimmt.

In diese traute Kungelei mit der Betriebsführung passen Krawallbrüder wie die von der GdL natürlich nicht hinein, weswegen SPD-Mitglied Sigmar Gabriel auch munter auf sie eindreschen darf, ohne dafür von seiner Partei zusammengestaucht zu werden. Warten Sie mal den nächsten Streik einer DGB-Gewerkschaft ab - so er denn jemals stattfinden sollte. Ich wette, da wird sich der Herr Wirtschaftsminister deutlich zurückhaltender äußern.

Nein, der Lokführerstreik ist kein Spaß, und seine Auswirkungen treffen vor allem diejenigen, die sich kein eigenes Auto leisten können, tendenziell also eher die niedrigen Einkommensgruppen. Mir wäre es lieb, wenn andere Leute, die in diesem Land echte Drecksarbeit leisten und dafür mit einem Hungerlohn abgespeist werden, ähnlich wirkungsvoll auf den Putz hauen könnten, aber dass sie es nicht können, ist nicht die Schuld der Lokführer. Statt sich also darüber zu mokieren, dass es Menschen gibt, die ihr Grundrecht auf Streik wahrnehmen, sollten wir lieber froh sein, dass es Menschen gibt, die das überhaupt noch können.

Montag, 25. Mai 2015

In memoriam Douglas Adams

Es war irgendwann in den Osterferien 1984, die Wikipedia behauptet, der 29.4. Ich war mit meinen Eltern in deren Ferienhaus und langweilte mich fürchterlich. Das Ferienhaus war eng, klein, abgelegen im schwäbischen Niemandsland und bot exakt nichts, was einen pubertierenden Teenager auch nur halbwegs interessieren könnte. Selbst meinen C64 hatte ich nicht mitnehmen dürfen. Der Grund des Marianengrabens war im Vergleich ein abwechslugsreicher, reizüberfluteter Ort.

Mitten in die Ereignislosigkeit hinein ertönte auf einmal die Stimme meiner Eltern. Ich solle doch kurz zum Fernseher kommen. Na prima. Bestimmt wird es wieder etwas sein, was die beiden unter dem Begriff "Unterhaltung" missverstehen. "Da läuft gerade was Lustiges", sagten sie. "Irgendwas mit Weltraum. Das ist doch was für dich." Naja, ansehen kann man es sich ja mal. Besser als das dumpfe Nichts eines langen Feriennachmittags in der Einöde war es bestimmt.

Was ich dann sah, sollte mein Leben verändern.

Ich weiß nicht, ob Sie diese Momente kennen, in denen Sie eine Fernsehsendung sehen, ein Buch lesen oder ein Lied hören, und Ihnen sofort klar ist, dass Sie die Welt nie mehr so sehen werden wie zuvor. Ihre Wortwahl ändert sich, Ihr Humor ändert sich, es ist, als hätte sich ein Schalter um- und eine neue Erkenntnisebene in Ihnen freigelegt. So etwa ging es mir, als ich den ersten Teil der BBC-Verfilmung von "Per Anhalter durch die Galaxis" sah.

Die Schauspieler waren schlecht. Die Tricktechnik war schlecht. Die Synchronisation war schlecht. Das merkte ich aber nicht. Was ich sah, waren Computeranimationen von Lexikonseiten, die von Handtüchern sprachen, warum sie so wahnsinnig wichtig sind. Es ging um Vogonen, Babelfische und den gefräßigen Plapperkäfer von Traal. Britischer konnte man das Universum nicht sehen.

Mitte der Achtziger gab es kein Internet. Man konnte nicht auf Youtube herumklicken und Videoclips aus aller Welt bestaunen. Wer nach Großbritannien wollte, musste eine lange Zug- oder Busreise in Kauf nehmen - zuzüglich einer Fährüberfahrt, denn der Bau des Kanaltunnels hatte damals noch nicht einmal begonnen. Verwaschene Kopien von Monty-Python-Filmen wurden wie Goldschätze herumgereicht - sofern man überhaupt wusste. dass es Monty Python gibt. Britischer Humor gelangte nur tröpfchenweise dosiert nach Westdeutschland. Die Meisten kannten England nur aus Edgar-Wallace-Filmen, und die waren tatsächlich in Berlin oder Hamburg gedreht worden. Die BBC-Verfilmung des "Anhalters" war in mehrfacher Hinsicht besonders: Erstens wagte man sich überhaupt an Science-Fiction, zweitens war es nicht eine verstaubte Konserve aus den Sechzigern, drittens war es Humor und viertens kam er aus einem Land, das sich damit auskannte: England.

Selbst heute denken viele Deutsche bei englischem Humor an die krachledernen Werke von "Mr. Bean" oder "Little Britain", und wenn die deutsche Spießerseele am Altjahresabend ihren Klimax erreicht, versammelt sie sich zu "Dinner for One" vor dem Fernseher. Bezeichnenderweise kennt hierzulande praktisch niemand die anderen Werke Rowan Atkinsons, die, in denen er nicht als "Mr Bean" lallt, sondern spricht, und zwar virtuos. Das ist natürlich nicht ganz so leicht zu verstehen wie fliegende Torten.

Fliegende Torten gab es auch beim "Anhalter" nicht, statt dessen das, was in meinen Augen britischen Humor auszeichnet: den Hang zum Absurden, den Plauderton beim Behandeln des Sensationellen und die Überbetonung des Alltäglichen. Dass die galaktische Währung Ningi eine dreieckige Gummimünze mit einer Kantenlänge von 6800 Meilen ist, behandelt das Buch mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der es erkärt, warum ein alle Sprachen übersetzender Fisch der Beweis für die Nichtexistenz Gottes ist. Den Wert von Handtüchern hingegen sollte man keinesfalls unterschätzen. Die sind wichtig. Was man damit alles anfangen kann!

Ich sah die Serie und wusste: Das Buch dazu muss ich haben. Doch das war nicht so einfach. An den ersten Band kam man noch sehr leicht. Der wurde bei Ullstein verlegt und konnte in jeder Buchhandlung gekauft werden. Sehr viel schwieriger waren die anderen beiden zu diesem Zeitpunkt erhältlichen Bände. Ich brauchte Wochen, um zu begreifen, dass Bücher, die bei Zweitausendeins verlegt wurden, in normalen Buchhandlungen nicht nur nicht zu haben waren, sondern dass man dort nicht einmal von ihnen wusste. In der Stadtbücherei brauchte ich gar nicht erst nachzufragen; nicht, dass ich es nicht versucht hätte.

Man musste die Bücher also bestellen, und auch das war umständlicher als heute, wo man einfach auf die Webseite klickt, die Bestellung abschickt und allenfalls darüber nachdenkt, ob man mit Paypal, Bankeinzug oder Kreditkarte zahlen will. Bei Zweitausendeins brauchte man zunächst das "Merkheft", ein auf dünnem Papier gedrucktes Heftchen mit einem Bestellschein auf der letzten Seite. Den Schein musste man ausfüllen, in einen Briefumschlag stecken und abschicken. Eine Überweisung nahm man damals auch nicht per Online-Banking vor, sondern musste dazu einen Überweisungsschein ausfüllen und den bei der Bank vorbeibringen. Dazu kam, dass die Bände des "Anhalters" einzeln bis zu 20 D-Mark kosten konnten, was damals doppelt bis dreimal so viel Geld war, wie ein normales Taschenbuch kostete. Dafür sahen sie aber auch toll aus: rote, blaue oder grüne Teleskopaufnahmen mit Dutzenden kleiner Comicraumschiffe. Selbst die Schrift war außergewöhnlich: serifenlos und farbig. Das traute sich sonst niemand. Mein Vater schimpfte, das sei typografischer Unsinn, so etwas könne man gar nicht lesen. Natürlich konnte ich.

Irgendwann wollte ich natürlich das englische Original lesen. Noch einmal: Damals gab es kein Amazon. Selbst gute Buchhandlungen hatten nur eine spartanisch ausgestattete Fremdsprachenabteilung, die vor allem Schulbuchklassiker vertrieb. Für Profanliteratur wie den "Anhalter" war da natürlich kein Platz. Bessere Chancen hatte man in den Bahnhofsbuchhandlungen. Die waren zwar noch schlechter sortiert, aber dafür gab es dort auch englische Alltagsliteratur. Das Dumme war nur: Importbücher waren teuer. Sehr teuer.

Meine Ausgabe des "Hitchhikers" kostete 1,95 Britische Pfund, nach damaligem Wechselkurs etwa drei Euro. Das deutsche Preisschild ist inzwischen abgefallen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass englische Bücher immer etwa das Dreifache des umgerechneten Pfundpreises kosteten. Das hört sich zwar aus heutiger Sicht immer noch billig an, aber vor über 30 Jahren waren das absolute Apothekenbeträge. Zum Vergleich: Ein Big Mac kostete unter zwei Euro, und eine ordentliche Pizza bekam man in der Studentenkneipe für zwei bis drei Euro.

Der "Anhalter" stach also heraus. Er war besonders geschrieben, man kam nicht einfach an ihn heran, und billig war er auch nicht. Im Gegenzug eröffnete er eine neue Welt - eine Welt, in der die Zahl 42 unglaubliche Bedeutung hatte (nur wusste niemand genau, welche), eine Welt, in der Kricket eine unanständige Anspielung auf einen gescheiterten Vernichtungskrieg ist, eine Welt, in der man den Sound der Plutonium-Rockband "Disaster Area" am ausgewogensten in einem Betonbunker 37 Meilen von der Bühne entfernt genießt. Ich weiß einen pangalaktischen Donnergurgler zu schätzen und kenne das Geheimnis, wie man das Universum am besten regieren lässt: vom einzigen Wesen, das nicht das geringste Interesse daran hat.

Seit ich den "Anhalter" das erste Mal las, habe ich ihn ungezählte Male erneut gelesen. Bei sieben habe ich zu zählen aufgehört. Das Erlebnis, dass sich mit einem Schlag mein gesamtes Weltbild ändert, hatte ich danach natürlich auch noch bei anderen Gelegenheiten, aber selten. Der "Anhalter" ist auf jeden Fall eines prägendsten Erlebnisse meines Lebens.

In diesem Sinne: Happy Towel Day.

Donnerstag, 21. Mai 2015

Sicherheit - von paternalistischen Vollidioten konzipiert

In einem früheren Beitrag hatte ich schon beschrieben, wie IT-Sicherheit ganz bestimmt nicht aussehen sollte. Vor kurzem stieß ich auf ein weiteres Beispiel, das umso verstörender ist, weil sich hier ein Grundproblem der Free-Software-Szene zeigt: Die absolute Ignoranz der Tatsache gegenüber, dass es außer dem eigenen Ego noch irgendein menschengeschaffenes Objekt im Universum gibt.

Es entspricht ungefähr dem Horrorklischee, das man von Krankenschwestern hat: Morgens um 5 ins Zimmer stürmen, Licht mit Flakscheinwerferhelligkeit anschalten, Medikamente - gern auch welche gegen Schlafstörungen - verteilen, Blutdruck messen, Waschen und zehn Minuten später wieder rausstürmen. Fragt man, warum das unbedingt um 5 Uhr stattfinden muss und nicht um 7, zumal vor 10 sowieso nichts weiter passiert, bekommt man fast beleidigt die Antwort, das müsse so sein, "wir" wollen ja schön schnell wieder gesund werden. Das ist natürlich Quatsch. Tatsächlich ist es in ihrem Schichtplan sinnvoll, morgens um 5 mit Wecken und Waschen zu beginnen. Dass ihre Patienten möglicherweise andere Anforderungen haben könnten als der Schichtplan, ist ihnen vollkommen egal, schlimmer noch: Es kommt ihnen nicht einmal in den Sinn

Genau diese, nennen wir es optimischerweise Geisteshaltung legen viele Autoren freier Software an den Tag. Sie haben irgendwann einmal für ihre eigenen Bedürfnisse ein Programm geschrieben und beschlossen, es unter eine freie Lizenz zu stellen. Was ihnen offenbar nicht in den Sinn kam, war der Gedanke, dass es irgendwo im Universum ein empfindungsfähiges Wesen geben könnte, das dumm genug ist, dieses Geschmiere ebenfalls zu verwenden.

Genau das ist aber bei GnuPG passiert. Die Welt brauchte ordentliche Verschlüsselung, und GnuPG lieferte sie. Nun ist das Schreiben sicherer Software, insbesondere von Verschlüsselungssoftware keine Trivialität. Das merkt man spätestens nach Katastrophen wie bei Cryptocat, bei dem ein relativ banaler Programmierfehler über 19 Monate nicht behoben wurde. Heartbleed: drei Jahre. Shellshock: ein Vierteljahrhundert. Zugegeben, die Bash ist keine Verschlüsselungssoftware, aber das Stück Code, das eines der wichtigsten Serverbetriebssysteme seit Jahrzehnten als Standardarbeitsoberfläche verwendet. Die Botschaft ist aber klar: An kritischen Infrastrukturkomponenten bastelt man nicht einfach mal so herum. Mailverschlüsselungssoftware gibt es mehr als man an einem Nachmittag aufzählen kann, aber funktionierende, sichere und auch noch freie Mailverschlüsselungssoftware gibt es nur sehr wenige, und die wenigen Programme setzen großteils auch noch auf GPG auf.

Das ist in erster Linie sogar gut, weil man dann wenigstens einen Standard hat, die Szene nicht ihre Aktivitäten in dutzenden ähnlicher Projekte vergeudet und man sich im Wesentlichen um ein einziges Stück Code kümmern muss. Dumm ist nur, wenn sich dieses eine Stück Code in schlechten Händen befindet.

Dabei ist es nicht einmal die zentrale Verschlüsselungskomponente, die mir Sorge bereitet, sondern die Passworteingaberoutine. Über Jahrzehnte öffnete sich einfach ein Fenster, man klimperte sein Passwort rein, und alles war gut. Bis GnuPG2 kam. Da entschied der Autor, Passworteingabe sei Männersache, da müsse mal was Ordentliches her und schrieb - das genaue Gegenteil: Pinentry.

Pinentry ist ein mieses, kleines, dreckiges, unbenutzbares Stück in Code geronnenen Paternalismus'. Man könnte es mit Hilfe eines kleinen Häkchens in ein benutzbares Stück Software verwandeln, aber dazu weigert sich der Autor seit Jahren.

Was ist geschehen? Im Prinzip hatte der Autor sogar den richtigen Gedanken. Das Eintragen von Passwörtern mittels Copy und Paste ist eine heikle Angelegenheit, weil man darauf vertraut, dass niemand in die Zwischenablage schaut, während dort das Passwort liegt. Entsprechend unterbindet Pinentry Copy und Paste. Das kann ich verstehen. Was ich nicht verstehen kann, ist die Tatsache, dass Pinentry keine Möglichkeit hat, bei Bedarf die Zwischenablage wieder einzuschalten.

Dieses Verhalten ist, wie eingangs schon erwähnt, typisch für die Free-Software-Szene und in meinen Augen einer der Gründe, warum sie nicht schon längst der proprietären Software den Rang abgelaufen hat. Es ist nicht etwa so, dass die Autoren freier Software technisch inkompetent sind. Eher das Gegenteil ist der Fall. Dummerweise ist diese technische Begabung oft gepaart mit einer ans Pathologische grenzenden Unfähigkeit zu zwischenmenschlicher Kommunikation. Die Freie-Software-Autoren sind meist hochintelligente Leute, die sehr lange nachgedacht haben, bevor sie ihren Code schrieben. Was ihnen völlig abgeht, ist die Einsicht, dass man auf der gleichen Datenbasis mit ebenso sauberen Gedankengängen zu anderen Ergebnissen kommen kann. Heraus kommen dann Aktionen wie vor ein paar Jahren, als die FSFE anlässlich des Free Software Days diverse Behörden angeschrieben und zur Verwendung offener Dateiformate aufgefordert hatte. Wohlgemerkt: aufgefordert, nicht gebeten. Ich habe das entsprechende Schreiben gelesen und wusste sofort: So wird das nie was. Statt freundlich auf die Lage hinzuweisen, Optionen zu eröffnen und einzuladen, strotzte das Schreiben nur so von Vorwürfen und Paragraphen, gegen die man mit der Verwendung proprietärer Formate angeblich verstoße. Entsprechend sah auch die Reaktion der Angeschriebenen aus: Bis auf ein Ministerium reagierte niemand, und dieser eine schrieb in kaum verblümter Form: Leck mich, Bubi und komm wieder, wenn du Manieren gelernt hast.

Der Mensch von der FSFE, mit dem ich darüber sprach, war ganz von den Socken. Was sich das Ministerium denn anmaße, so mit ihm zu reden. "Ich weiß nicht, ob du deine eigenen Briefe liest, bevor du sie abschickst", entgegnete ich. "In dem Ton brauchst du nicht damit zu rechnen, dass dir irgendwer vernünftig antwortet." - "Aber ich habe doch nur geschrieben, was wahr ist."

Was wahr ist. Das mag sein, aber dass der Kerl vom Ministerium proprietäre Software möglicherweise nicht etwa einsetzt, um die Welt in den Faschismus zu treiben, dass er vielleicht Vorgaben hatte, oder dass er streng dem uralten Motto "nobody ever got fired for choosing IBM" folgend einfach einen Stapel MS-Office-DVDs bestellt hat, wohl wissend, dass er dann in seiner Abteilung das wenigste Gejammer zu erwarten hat, kam dem FSFE-Menschen nicht in den Sinn.

Ähnlich ist es mit Pinentry. Generell ist es bestimmt eine gute Idee, aus Sicherheitsgründen Copy und Paste von Passwörtern zu unterbinden, aber trotz jahrelanger Bitten einen Knopf "Ich weiß, was das bedeutet, aber jetzt lass mich trotzdem die Zwischenablage verwenden" nicht zu implementieren, ist einfach übergriffig. Wenn ich von der Community einen mittleren fünstelligen Dollarbetrag pro Jahr fordere, um mein Projekt fortführen zu können, ist es eben nicht mehr nur mein Projekt. Ich werde von dieser Community bezahlt, um ein Produkt zu schreiben, mit dem sie arbeiten kann, und wenn die Community einen "I-know-what-I-do"-Knopf haben will, dann habe ich den zu liefern, auch wenn es meinen persönlichen Sicherheitsabwägungen nicht entspricht. Das Geld zu kassieren, Leistung zu mit der Begründung  zu verweigern, man wisse besser, was für andere richtig ist, grenzt schon an Unverschämtheit.

"Ja, aber er hat doch recht. Die Zwischenablage ist hoch gefährlich, und wenn da eine Schadsoftware mitliest, dann, dann - werden wir bestimmt alle sterben, wenn nicht sogar noch mehr."

Ich schreibe es mal für Leute mit einem IQ unter 70: Welchen Teil des Satzes: "Mein System ist infiziert" habt ihr nicht verstanden? Wenn ihr befürchten müsst, dass Schadsoftware eure Zwischenablage ausliest, wird diese Schadsoftware potenziell auch eure Tastaturanschläge mitlesen und euren Bildschirminhalt abfotografieren können. Wenn ihr befürchten müsst, dass euer System verseucht ist, solltet ihr es nicht benutzen, egal wozu. Die Zwischenablage zur Verbotszone zu erklären und sich dann sicher zu fühlen, ist etwa so idiotisch, wie die Laptopkamera zuzukleben. Das mögen Maßnahmen sein, die Laien einen gewissen Schutz bieten, aber spätestens wenn ich mit Profis spreche, kann ich davon ausgehen, dass die im Zweifelsfall schon wissen, warum sie bestimmte Risiken eingehen wollen. Im Gegenteil: Wenn ein gestandener Admin in meinem Projekt auftaucht und ich auf seinem Rechner einen Kameraaufkleber sehe, bekommt er von mir keinen Netzwerkzugriff. Wenn jemand mit einem Tagessatz von 2000 € seinem eigenen Rechner nicht einmal so weit über den Weg traut, um auszuschließen, dass Schadcode seine Kamera unter Kontrolle hat, sollte er sich nicht anmaßen, die IT-Sicherheit meines Unternehmens verbessern zu wollen - ganz davon abgesehen, dass er damit gerade einmal die Kamera als Angriffsvektor auschließt, das Mikrofon aber offen lässt und erst recht nicht verhindert, dass ein Programm seine komplette Platte liest.

Was ist mit körperlich Behinderten, die Schwierigkeiten mit dem Eintippen langer Passwörter haben? Sollen die ihr Passwort für alle schön hörbar ins Mikrofon schreien? Was ist mit alten Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, sich viele und komplizierte Passworte zu merken? Ist Computersicherheit das Privileg intelligenter Mittdreißiger mit intakten Händen? Haben Alte und Behinderte kein Recht auf sichere Kommunikation?

Wissen Sie, worauf das Sperren der Zwischenablage bei Pinentry hinaus läuft? Dass die Leute ihre privaten Schlüssel mit einbuchstabigen Passwörtern versehen, am besten alle gleich "a". Vielleicht kommt in der Folge der Pinterest-Autor dann auf die Idee, das Programm mit einem Passwort-Meter zu versehen, am besten mit einer ganz tollen Policy, die 20 Zeichen Mindestlänge, davon keins doppelt, mit mindestens drei, höchstens fünf Sonderzeichen aus einem Nicht-ASCII-Zeichensatz plus Wörterbuchfilter, der nach zehnminütiger Prüfung alle Passworte zurückweist, bei denen auch nur ein Teilstring in irgendeinem Wörterbuch zu finden ist. Damit wäre doch der feuchte Traum der Sicherheitsoberlehrer wahr geworden: Supersichere Software, die außer einem elitären Zirkel selbstbefriedigter Nerds kein Mensch nutzt.

Sonntag, 3. Mai 2015

Vom Versuch, den BND totzuflauschen

Deutschlands Datenschutzszene ist im Aufruhr. Kaum ein Tag vergeht, an dem keine weitere Meldung auftaucht, an welches Gesetzt sich der BND diesmal nicht gehalten hat. Rücktrittsforderungen werden laut. Der Innenminister müsse seinen Hut nehmen. Doch damit nicht genug. Der Fisch stinke vom Kopfe her, sagen die ganz Radikalen. Die Kanzlerin habe zu gehen.

Gequirlte, auf kleiner Flamme gekochte und mit Papierschirmchen verzierte Bullenexkremente.

Mit Verlaub, was soll dieses auf maximale Duckmäuserei optimiertes Pseudorevoltieren? Was soll sich ändern, wenn der Innenminister, meinetwegen gar die Kanzlerin ihren Posten verliert? Wahrscheinlich träumen die SPD-Fans, dass es in diesem Fall zu Neuwahlen kommt, in deren Verlauf die SPD den längst überfälligen Regierungswechsel schafft, und dann, ja dann -

wissen wir doch schon längst was kommt. Weil wir gesehen haben, was passiert, wenn man die SPD ins Kanzleramt lässt. Haben Sie schon vergessen, wie Rot-Grün nach dem 11. September 2001 gleich bündelweise grundgesetzwidrige Anti-Terror-Gesetze beschloss, die dann mühsam vom Bundesverfassungsgericht wieder gekippt werden mussten? Von welcher Partei ist doch gleich Sigmar Gabriel, der gerade so lautstark für die Vorratsdatenspeicherung trommelt, dass selbst die CSU nicht mehr mitkommt? Merkel mag Herumwurschteln auf Industrieniveau gehoben und dafür die politische Quittung verdient haben, am unkontrollierten Treiben des BND wird sich durch ihren Sturz nichts ändern. Glauben Sie wirklich, in Pullach säße man betreten im Konferenzraum und sagte: "Ja, Mensch, wenn die Merkel nicht mehr da ist, dann müssen wir uns ja wirklich mal am Riemen reißen"? Natürlich nicht. Schauen Sie doch einmal in die Geschichtsbücher. Der BND hat nicht erst seit Kanzlerin Merkel ein Problem damit, sich an deutsche Gesetze zu halten. Der BND hat ein strukturelles Problem, seit er 1946 als Nazi-Nachfolgeorganisation gegründet wurde. Da gibt es keine Stellschrauben, keine Detailverbesserungen, und dann läuft der Laden wieder, sondern:

Der BND ist eine verfassungsfeindliche Organisation und gehört aufgelöst.

Oh, das ist jetzt aber böse. So etwas sagt man aber nicht. Nein, wer in Deutschland so richtig bürgerrechtsbewegt ist, der gibt den Kampfdackel und fordert - bitte festhalten - die "Zurückführung der Etat-Mittel des Bundesnachrichtendienstes für den Bundeshaushalt 2016 auf den Stand von 2012" Uiuiui, das ist aber mutig. Warum nicht gleich noch mit genauem Tag und Uhrzeit? Da wird der BND bestimmt vor Angst schlottern. Mit dem Mini-Etat vom Jahr 2012, da kann man nämlich ganz bestimmt nicht gegen Grundrechte verstoßen, neinein, da muss man sich benehmen.

Für die geistig etwas simpler Gestrickten: Es gibt nicht ein bisschen Grundrechtsbruch. Entweder verstößt man dagegen oder nicht, und das geht auch mit wenig Geld. Ich will übrigens auch nicht, dass die Bundesrepublik keinen Geheimdienst unterhält - obwohl das ein durchaus interessanter Gedanke wäre. Ich will nur, dass wir den von Grund auf verkorksten Haufen von BND abschaffen und statt dessen mit komplett neuem Personal eine Organisation aufbauen, die nicht jedes Mal bei der Bundeszentrale für politische Bildung neue Grundgesetze bestellt, wenn das Klopapier alle ist.

Natürlich weiß ich auch, dass meine Forderung illusorisch ist, aber das ist die Forderung nach Merkels Rücktritt auch. Im Gegensatz dazu bestünde aber beim Neuaufbau eines demokratisch fundierten Geheimdienstes wenigstens die Chance auf eine wirkliche Änderung.

Mittwoch, 15. April 2015

Sicherheitsgesetze im Zeichen des Cyber-Kriegs

Es gibt sie noch, die Datenautobahn, jede Menge Cyber - und niemand lacht. Zumindest nicht auf dem 5. Bonner Dialog zur Cybsersicherheit, der am 14.4. im Bonner Haus der Geschichte stattfand. Auf dem Podium saßen neben Vertretern der Telekom und des BSI auch Cyber-Sicherheitsexperten der Postbank, Eaton und des Cybersicherheitsrats e.V., dem Anspruch der Veranstaltung zufolge, um über das geplante "IT-Sicherheitsgesetz - Chancen und Herausforderungen für die Wirtschaft" zu informieren.

Die Wirtschaft, das lernt man spätestens im BWL-Grundstudium, hat vor allem ein Ziel: Gewinnmaximierung. Dinge wie Rechststaat, Grund- und Menschenrechte oder Verbraucherinteressen spielen dabei nur so weit eine Rolle, wie sie dem eigentlichen Ziel nicht im Wege stehen. Entsprechend blieben auch Kritikpunkte, wie sie unter anderem von netzpolitik.org geäußert wurden, an diesem Abend weitgehend unerwähnt. Verbraucherinteressen, das stellte insbesondere Axel Petri von der Deutschen Telekom klar, interessieren nicht. Sein leuchtendes Beispiel für einen gesunden Telekommunikationsmarkt waren deshalb die USA mit landesweit vier Unternehmen, die den Markt unter sich aufteilen, im Gegensatz zu Europa, wo etwa 200 Unternehmen in Konkurrenz zueinander stehen. Was Petri nicht erwähnte: In kaum einem westlichen Industrieland sind für die Verbraucher die Kosten einer Internetanbindung so hoch und die Qualität so niedrig wie in den USA, was daran liegt, dass es örtlich mitunter nur einen Anbieter gibt. Selbst die bisweilen chaotischen Zustände auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt sind für den durchschnittlichen US-Bürger ein Traum. Natürlich träumt sich der magentafarbene Oligopolist wieder die goldenen Zeiten herbei, als er noch gelb war, "Deutsche Bundespost" hieß und im Fall eines illegal betriebenen Modems keine Hemmungen hatte, mit einem Hausdurchsuchungsbefehl anzurücken, aber der Form halber hätte man wenigstens heucheln können, im Endkunden mehr als eine zu melkende Kuh zu sehen.

Statt dessen stellten Axel Petri und Pascal Tagné von der Postbank klar: "Es herrscht Krieg." Im Krieg, das wissen wir, darf man nicht zimperlich sein. Im Krieg setzen Menschen- und Völkerrecht einfach aus - Spielereien wie die Haager Landkriegsordnung oder die Genfer Konvention hin oder her. Gewonnen hat, wer als letzter noch steht, und wenn er dafür ganze Völker massakrieren musste. Wer diese Metapher bemüht, um die zwar bestimmt nicht harmlosen, aber immer noch innerhalb einigermaßen geregelter Bahnen verlaufenden digitalen Angriffe auf Kraftwerke, Unternehmen und Fernsehsender zu beschreiben, hat wohl nie die Bilder zerbombter Städte gesehen, nicht die Hälfte seiner Verwandschaft verloren, nicht wochenlang einen Karren mit seinen letzten Habseligkeiten über verschneite Straßen gezerrt, oder er bemüht dieses Bild, um Maßnahmen beliebiger Brutalität zur Abwehr der Digitalangriffe zu rechtfertigen. Hacker nach Guantanamo - so hätte man es wohl gern.

Überhaupt schien den anwesenden Experten sehr daran gelegen zu sein, die Lage so dramatisch wie möglich darzustellen. In seinem Eingangsreferat jonglierte Petri denn auch fleißig mit Zahlen: 92 Prozent aller Unternehmen seien schon einmal digital angegriffen worden. Es sei also weniger die Frage, ob man bereits angegriffen wurde, sondern wie lang man es nicht bemerkt hat. Das ist - mit Verlaub - Marketingbullshit auf Callcenterniveau. Ich kenne Unternehmen, die einfache Ping-Requests als Vorbereitung eines Angriffs und Portscans als dessen Durchführung einordnen. Wer die Logfunktion seines DSL-Routers anschaltet, wird überschwemmt von automatisiert durchgeführten Versuchen, durch einfache Sicherheitslücken ins System zu gelangen. Interessant sind solche Versuche jedoch nicht. Viel schwerer zu detektieren sind erfolgreiche digitale Einbruchsversuche, und dass deren Quote bei den genannten 92 Prozent liegt, darf getrost bezweifelt werden. So lange man nicht wenigstens den Terminus "Angriff" definiert, sind statistische Aussagen darüber bestenfalls unseriös.

Zweifelhaft blieb auch die Rolle des BSI, dessen Vertreter sich einen halbstündigen, bis an die Grenze einer ARD-Talkrunde hinab reichenden Schlagabtausch mit Hans-Wilhlem Dünn vom Cyber-Sicherheitsrat über die Frage lieferte, ob das BSI und das Nationale Cyber-Abwehrzentrum ihrer Aufgabe gerecht werden. Fazit: Der Cyber-Sicherheitsrat kann besser pöbeln, das BSI arroganter zurückkeilen. Unterhaltungswert hoch, Informationswert selbst mit empfindlichen Messgeräten nicht nachweisbar.

Interessanter als die kleine Showeinlage wäre freilich die angesichts der umstrittenen Rolle des BSI die Antwort auf die Frage gewesen, wie eine dem Innenministerium angeschlossene Behörde überhaupt glaubwürdig für digitale Sicherheit eintreten kann. Immerhin spielt das Ministerium eine Doppelrolle, in der es zu Ermittlungszwecken durchaus auch die Sicherheit von Rechnern und Infrastruktur aushöhlen muss. Angesichts eines Innenministers, der laut über Verschlüsselungsverbote nachdenkt, darf bezweifelt werden, dass eine ihm unterstellte Behörde sich mit der nötigen Konsequenz für den Schutz kritischer Systeme einsetzt. Selbst Wirtschaftsvertretern, deren Intelligenz nur für ein BWL-Studium reichte, sollte eigentlich klar sein, dass ein für das BKA hinterlegter Zweitschlüssel auch von Anderen und zu anderen Zwecken missbraucht werden kann. Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung mag solchen Leuten egal sein, aber wenn jemand unkontrolliert Zugriff auf meine Geschäftsgeheimnisse hätte, wäre mir als Firmenchef nicht wohl.


Aber was soll's, das Catering war super.

Mittwoch, 18. März 2015

Ordnung muss sein

Wenn Sie eine bildliche Vorstellung davon bekommen wollen, was in diesem Land alles schief läuft, brauchen Sie nur einmal nachmittags aus dem Haus zu gehen. Da ist nämlich Gassi-geh-Zeit.

Um diese Uhrzeit sehen Sie Scharen mit schwarzen Plastikbeuteln bewaffneter Menschen den Kot ihrer kleinen Lieblinge von der Straße klauben. Egal, ob gut situierter Mittelschichtspießer oder baseballkäppitragender Teenie mit Rebellionscoolnessattitüde - sie warten alle geduldig, dass sich ihr ordentlich angeleintes Fellbündel krümmt, um dann dessen noch dampfende Hinterlassenschaften ordnungsgemäß zu entsorgen. Damit wir uns richtig verstehen: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie man wie ein Dreispringer durch Berlins Straßen staksen musste, wollte man nicht mit einer zentimeterdicken Fäkalienkruste unter der Schuhsohle nach hause kommen. Dieser Zeit trauere ich keine Sekunde nach. Ich finde es nur bezeichnend, dass die gleichen Leute, die sich heute so rührend um Hundekotbeseitigung kümmern, noch vor wenigen Jahren erklärten, ich sei ja schön doof, meinen Zivildienst in einem Altenheim zu leisten; sie hätten jedenfalls keine Lust, alten Leuten den Hintern zu wischen. Ach so, aber Dackelhintern sind OK. Verstehe.

Wir stehen uns minutenlang an roten Fußgängerampeln die Füße platt, ohne dass ein einziges Auto vorbei fährt, nur weil rechts neben uns eine Mutter mit ihrem kleinen Kind steht, dem wir ein gutes Beispiel geben wollen. Glauben Sie ernsthaft, Kinder, denen man den ganzen Tag erzählt, sie hätten andere Regeln zu befolgen als ihre älteren Geschwister oder Erwachsene, seien ausgerechnet an einer Ampel zu dumm, auch hier zu differenzieren? Natürlich bringen Sie Kindern auf diese Weise etwas bei, und zwar: Hierzulande ist keine Regel so idiotisch, dass wir sie nicht um ihrer selbst Willen befolgten.

"Deutschland ist, wenn neben dem Container für Grün-, Braun- und Weißglas einsam eine kleine, blaue Flasche steht." Dieser Satz sagt eigentlich alles aus, und tatsächlich habe ich Webforen gesehen, in denen die Frage, was denn nun mit dieser blauen Flasche zu geschehen habe, erbittert diskutiert wurde. Von erwachsenen Menschen. Mit einem IQ von 100.

Meine Küche ist 4 Quadratmeter groß. Auf dieser Fläche stehen eine blaue Tonne für Papierabfälle - den Plastikumschlag von den Zeitschriften vorher entfernen! -, eine braune Tonne für Biomüll - aber keine Fleischabfälle! -, eine gelbe Tonne für Plastikabfälle  - aber ordentlich gespült und nur der mit dem Symbol! -, ein Kasten für leere Batterien und eine schwarze Tonne für Müll, der irgendwie nicht in die anderen Kategorien passt. Daneben steht eine große Kiste für Einwegpfandflaschen. Die dürfen auf keinen Fall eingedellt, das Etikett beschädigt, beschlagen oder noch mit einem winzigen Rest Flüssigkeit versehen sein, sonst nimmt sie der Pfandautomat nicht an. Sekundenbruchteile, nachdem ich das kleinbürgerliche Pendant der britischen Kronjuwelen mit der heiligen Ehrfurcht eines geweihte Oblaten verteilenden Priesters in den Apparat gesteckt habe, hört man das Knirschen, das beim Plattwalzen meiner Kostbarkeiten entsteht.

Wir haben ein Dutzend Menschen heil auf die Mondoberfläche und wieder zurück bekommen. Wir rollen mit Robotern auf dem Mars herum und rechnen mit Chips von Fingernagelgröße in wenigen Sekunden eine Millionen Nachkommastellen von Pi aus - aber wir sind nicht in der Lage, eine Maschine zu bauen, die verschiedenfarbige Glasscherben sortiert oder eine geknautschte Plastikflasche noch als solche erkennt? Ernsthaft?

Auf dem Weg zur Arbeit komme ich am Bahnhof unseres kleinen Dorfes vorbei. Er ist nicht gerade groß, aber auch hier gibt es einen mit gelber Farbe ordentlich abgegrenzten Bereich, in dem sich Raucherinnen frei bewegen dürfen. Ich selbst rauche nicht, aber wenn ich mir ansehe, wie es als der Gipfel der Anarchie gilt, sich einen Meter jenseits der markierten Zone zu bewegen, frage ich mich, wie die Bewohner dieses Landes hoffen können, von anderen Menschen ernst genommen zu werden. Die gleichen Leute übrigens, die ihre gelbe Käfiggrenze mit der gleichen Sorgfalt beachten wie einst die DDR die Berliner Mauer, sind wenige Minuten später intellektuell hoffnungslos überfordert, wenn sie beim Einsteigen in den Zug ihren prallen Wohlstandshintern aus der Lichtschranke bewegen sollen, welche die Tür am Schließen hindert.

Wer in Deutschland eine Gebrauchsanleitung für Zahnstocher schreibt, erntet einen Shitstorm auf Twitter - nicht etwa, weil seine Anleitung komplett überflüssig ist, sondern weil es korrekt "Zahnstocher*innen" heißen muss und sich zahnlose Menschen diskriminiert fühlen könnten. Wir haben uns über die Jahrzehnte eine Führungkaste herangezüchtet, die mit den Attributen "raffgierig", "zügellos" und "zynisch" noch sehr wohlwollend beschrieben ist - aber, hey, wenigstens halten sie ab jetzt die Quote ein. Welchen Charakter Sie haben, was Sie ansonsten leisten, spielt keine Rolle - gepinkelt wird im Sitzen.

Wir haben uns Regeln geschaffen, um unser Zusammenleben leichter zu gestalten. Was herauskam, ist eine Ersatzreligion.

Dienstag, 3. März 2015

#bcbn15: Hipstertreff mit Potenzial

Das Web 2.0 hat in seiner Entwicklung so manche bizarre Blüte getrieben. Barcamps sind eine davon. Gibt es vor normalen Konferenzen eine Zeit, in der mögliche Referentinnen ihre Vortragsvorschläge einreichen, eine Programmgestaltungsgruppe diese bewertet und schließlich eine Auswahl trifft, steht bei Barcamps zu Beginn nicht viel mehr fest als die Zahl der Anwesenden. Die stellen sich dann alle nacheinander vor, der Tradition folgend mit ihrem Namen, dem Beruf und drei Stichworten, vulgo "Hashtags", die sie vermeintlich gut beschreiben. Im Anschluss melden sich dann diejenigen, die einen Vortrag halten möchten oder gern hätten, dass zu einem Thema referiert wird, und per Handzeichen stimmt das Publikum ab, was es haben will. Das klingt auf den ersten Blick ganz nett, immerhin ist auf diese Weise sicher gestellt, dass Publikumserwartungen und Angebot aufeinander abgestimmt sind. Beim zweiten Blick zeigen sich allerdings auch die Schwächen dieses Konzepts, doch dazu gleich mehr.

Barcamps gibt es auch in Deutschland schon seit Jahren, und so ist es kein Wunder, wenn sie irgendwann in der rheinischen Provinz ankommen, genauer:in Bonn. Wer diese Stadt etwas kennt, weiß, wie schwer es ist, dort irgendetwas bewegt zu bekommen, insofern ist allein das Zustandekommen des Barcamps schon eine Leistung. Diesen Bonus sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man sich ansieht, was dabei herauskam.

Der eher durchwachsene Eindruck beginnt schon beim Anmeldeverfahren. Der Spaß kostete 20 € plus Gebühr. Wofür dieses Geld gebraucht wurde, ist nicht recht klar, gab es doch reichlich Sponsoren, die unter anderem für ein hochqualitatives Catering sorgten. Auch für das Gebäude musste nach Veranstalterangaben keine Miete gezahlt werden.Der Kuchen am Nachmittag wurde von den Teilnehmerinnen gespendet. Es bleibt also die Frage: Was geschah mit den etwa 3000 € Einnahmen?

Der zweite etwas seltsam anmutende Punkt war die Ticketbestellung. Da hatte man die Wahl zwischen Bezahlung per Kreditkarte und einem dubiosen Verfahren namens "Sofortüberweisung", das allen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten auch nur oberflächlich mit IT-Sicherheit beschäftigt haben, den Magen umdreht, verlangt es doch allen Ernstes, auf einer wildfremden Webseite Kontonummer und PIN einzugeben, also genau das, wovon praktisch alle Kreditinstitute vehement abraten und in der Regel sogar in ihren AGB verbieten. Wer sich das Verfahren genauer ansieht und etwas vom Geschäft versteht, findet heraus, dass die "Sofortüberweisung" technisch nicht ganz so grauenhaft ist wie es auf den ersten Blick den Anschein hat, aber allein schon die Botschaft, die hier vermittelt wird, ist äußerst bedenklich. Die Bank-PIN oder TAN gibt man einfach nur am Automaten oder direkt auf der Homebanking-Seite ein. Mag das unter der Haube befindliche Verfahren auch noch so sicher sein, es ist für Laien so schon schwer genug, zwischen sicherer und unsicherer Internetkommunikation zu unterscheiden, da bringt man die Sache nicht noch mehr durcheinander, indem man eine Seite aufsetzt, die von einer Phishing-Site kaum zu unterscheiden ist.

Allein das Anmeldeverfahren schließt also schon ohne Not alle Leute aus, die gern bar oder mit einer klassischen Überweisung zahlen wollen. Es bleiben - ja, eigentlich nur Hipster.

Die kamen dann auch reichlich, etwa 150 an der Zahl. Der Prunkbau in Rheinnähe war rappelvoll, streng genommen schon fast zu voll, um außerhalb der Vorträge vernünftig miteinander reden zu können. Eine handvoll Pilztische ersetzt eben keine Lounge. Ein WLAN gab es auch, oder wenigstens das, was man im vergangenen Jahrzehnt dafür gehalten hat. Von der Uni Bonn gab es ein Gäste-WLAN mit einer pseudosicheren Anmeldung, bei der man auf einer Starteite für jedes mitgebrachte Gerät einen Code auf eingeben musste. Dafür, dass hier ein Barcamp stattfand, das den Anspruch erhob, die verschiedenen Initiativen in Bonn in Kontakt zu bringen, waren die Veranstalter erstaunlich schlecht über regionale Gruppen informiert, die gerade für freies, offenes WLAN seit Jahren eine Lösung anbieten. Vielleicht war ihnen Technik, die einfach so funktioniert, auch einfach zu profan. Klebt ja kein Apple-Logo drauf, kann nichts taugen.

Bei der - viel zu langen - Vorstellungsrunde verstärkte sich der Eindruck, auf dem ersten Bonner Barcamp hätte sich alles getroffen, was die Bonner Businesskasperszene zu bieten hat. Kaum jemand, der nicht die Worte "Consultant", "Social Media", "Manager" oder sonstige Angeberanglizismen in der frisch ausgedachten Berufsbezeichnung trug. Kaum jemand, bei dem man den Eindruck hatte, er verdiene sein Geld nicht nur einfach damit, jemanden zu finden, der noch hohler ist als er selbst. Ab und zu tauchte mit der Bezeichnung Java-Entwickler ein Mensch auf, bei dem sich wenigstens ein theoretischer Bezug zwischen Salär und zugrunde liegender Leistung herstellen ließe. Beim Rest darf man getrost bezweifeln, dass er in der Lage wäre, seine Tätigkeit zu beschreiben, ohne sich dabei im Dickicht wichtigtuerischen Nichtssagens zu verlieren.

Sollte das Barcamp den Anspruch erhoben haben, die verschiedenen gesellschaftlich aktiven Gruppen Bonns zusammenzuführen, kann er als gescheitert angesehen werden. Es traf sich die Bonner Twitter-und-Facebook-Junkie-Szene. Es fehlten Parteien, Firmen, Vereine, Verbände und Bürgerinitiativen der Offline-Welt. Von der Kirche hatte sich gerade einmal eine Teilnehmerin gefunden. Man schmorte im Wesentlichen im eigenen Saft - besonders augenfällig, als bei der Abschlussverlosung dem Veranstalter zum Großteil der Gewinner eine persönliche Bemerkung einfiel. Man kannte sich offenbar schon vorher.

Die Sessions waren von der Qualität, wie man sie von Barcamps kennt: Viel Gutes, wenig Überragendes und eine gute Portion Selbstmarketing. Das liegt in der Natur der Sache. Es hat aber Vor- und Nachteile. Einerseits sagt das Publikum, was es sehen will. Andererseits fallen Themen, die sich nicht in einer fünfzehnsekündigen Vorstellung knallig darstellen lassen, tendenziell unter den Tisch. Wer etwas zu sagen hat, aber sich nicht auf Kommando gut vermarkten kann, wird sich mehrfach überlegen, ob sie für ein Barcamp einen Vortrag vorbereitet, von dem sie erst nach Beginn der Veranstaltung weiß, ob sie ihn halten darf. Auch beim Bonner Barcamp mussten Vorträge gekippt werden, weil sich nicht genug Interessentinnen fanden. Solche unvermeidlichen Watschen werden auf normalen Konferenzen im Vorfeld verteilt, nicht, wenn man schon da ist.

Den Geist der Veranstaltung fasst die Äußerung eines Teilnehmers zusammen, der seinem Gesprächsparter seine Arbeitsweise als Berater erklärte: "Dann kommt der Kunde an und erzählt die Techniker der Firma wollen, dass man dokumentiert oder sich an Dinge wie Datenschutz hält, und dann sage ich denen: Natürlich könnte ich das, aber dann ist am Ende kein Geld mehr für das eigentliche Projekt da." Ungebremste, an Ignoranz grenzende Techniknaivität, gepaart mit einer ordentlichen Dosis Gier nach schnellem Geld und Arroganz gegenüber Forderungen nach Professionalität. So war das, damals während der Dot-Com-Blase.

Ein merkwürdiges Anmeldeverfahren, ein verstümmeltes WLAN, ein Prunkbau ohne Möglichkeit zum gemütlichen Zusammensitzen, ein Frühstück, das mit seiner Mettbrötchen-Monokultur nicht nur bei Vegetarierinnen Unmut hervorrief, ein Eintrittspreis, der in seiner Höhe auch nicht gerade einladend wirkte - all das verstärkte den Eindruck, man wolle bewusst oder unbewusst nur eine bestimmte Klientel ansprechen. Diese fühlte sich auch großartig unterhalten, was man an den uneingeschränkt positiven bis euphorischen Rückmeldungen ablesen konnte. So dürfte auch klar sein, dass es zu einer Neuauflage kommen wird. Für einen ersten Wurf war das Bonner Barcamp sehr gelungen. Um außerhalb seiner Filterblase Relevanz entfalten zu können, muss es aber auch versuchen, Nicht-Hipster zu erreichen.