"Warte... warte... warte... genau, jetzt, guck. Genau jetzt geht die Bombe hoch."
- "Alter, was für ein Feuerball. Stirbt die Frau mit dem Kinderwagen jetzt schon?"
"Die? Ach nein, das kommt später."
So oder so ähnlich muss sie aussehen, die Welt von Innenminister Hans-Peter Friedrich, der den fehlgeschlagenen Bombenanschlag am Bonner Bahnhof (wie so ziemlich jedes andere Ereignis auf diesem Planeten) zum Anlass nahm, sich für eine verschärfte Videoüberwachung einzusetzen. Hingen erst einmal überall an öffentlichen Plätzen Überwachungskameras, so Friedrich, könne man "Gewalttäter abschrecken und geplante Anschläge aufklären". An dieser vorsichtigen Formulierung erkennt man schon, dass der Innenminister sehr wohl weiß, da gerade Unsinn zu reden.
Unsinn ist Friedrichs Forderung gleich in mehrfacher Hinsicht. Erstens findet eine Abschreckung nachweislich nicht statt. Erinnern Sie sich noch an die gestochen scharfen Videos aus U-Bahnen, wo wir in jedem Detail nachvollziehen konnten, wie gerade ein Mensch totgetreten wird? Wie stellt sich Friedrich die Sache vor? Dass ohne Kameras der Mensch noch viel toter getreten worden wäre?
Das einzige Argument, das ich noch halbwegs nachvollziehen kann, ist die Behauptung, man könne Verbrechen auf diese Weise besser aufklären. Die folgende Erkenntnis mag einige überraschen, aber es nützt dem totgetretenen Menschen, dem von einer Bombe zerfetzten Bahnreisenden nicht mehr viel, wenn die Nachwelt bis ins kleinste Detail ihren Tod analysieren kann. Wer wirklich etwas gegen Verbrechen unternehmen will, der denkt mit und handelt, der geht dazwischen, wenn jemand zusammengeschlagen wird, der alarmiert - wie in Bonn geschehen - die Polizei, wenn plötzlich vor seinen Füßen eine verdächtige Tasche steht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, als Einziger im Bus aufzustehen und randalierende Idioten in ihre Grenzen zu weisen. Deswegen will ich auch keine einsamen Helden, sondern einen kompletten Bus voller Leute, der den Betroffenen zeigt: So nicht.
So lange Kameras nur konsequenzlos herumhängen, kann ich sie auch gleich weglassen. Wenn ein Alarm losginge, sobald vor der Kamera ein Verbrechen begangen wird und Sekunden später jemand da wäre, der sich um die Sache kümmert, könnte man vielleicht noch so etwas wie einen Sinn in der Maßnahme erkennen, aber leider setzt man Kameras ja dazu ein, Personal einzusparen, genau die Leute also, die man im Alarmfall bräuchte.
Besonders befremdlich wirkte es auf mich, als die Polizei die Überwachungsvideos zum fehlgeschlagenen Bombenanschlag auf die Regionalbahn nach Koblenz zeigte und diese Videos als Argument für mehr Videoüberwachung herhalten mussten. Man möge mich einen Kleingeist zeihen aber noch viel toller, als zu wissen, wann genau der Kerl mit seinen Bomben in den Zug eingestiegen ist, hätte ich gefunden, wenn er niemals eingestiegen wäre. Das wäre tatsächlich eine Verbesserung der Sicherheit. Alles Andere lässt uns nur ungemein detailreich resigniert mit den Schultern zucken.
Sicherheit ist weniger eine statistische Größe als ein Gefühl. Wissen Sie, woran Sie höchst wahrscheinlich sterben werden? An Kreislaufschwäche oder Krebs. Wissen Sie, was in Deutschland noch unwahrscheinlicher ist als ein Lottogewinn? Durch einen Terroranschlag zu sterben. Jetzt raten Sie mal, worüber sich der Deutsche am meisten einnässt. Und jetzt raten Sie, welchen Einfluss auf diese statistisch kaum messbare Größe die Anzahl der installierten Überwachungskameras haben kann.
Dass Sicherheit vor allem Placebo fürs Gemüt ist, weiß der Innenminister natürlich auch, und deswegen mag er es, wenn an jedem Laternenmast eine Kamera hängt. Nicht etwa, weil die Gefahr des Terrorismus damit gebannt wäre, sondern damit die Leute die Kameras sehen und sich wohl fühlen. Darüber hinaus lebt eine ganze Industriesparte von diesem Sicherheitstheater, und vielleicht fällt ja nach dem vollendeten Ministerdasein noch ein lukrativer Beratervertrag bei einer auf diese Weise durchgefütterten Firma ab. Es wäre nicht das erste Mal.
Sonntag, 16. Dezember 2012
Samstag, 6. Oktober 2012
Nachhilfe für Kanzlerkandidaten
Steinbrück, hören Sie? Ich komme in den letzten Tagen nicht umhin, die eine oder andere Meldung über Sie lesen zu müssen, und ich habe den Eindruck, dass Sie einige grundlegende Regeln des Politikbetriebs nicht ganz begriffen haben. Das ist nicht weiter schlimm, das passiert Anfängern schon einmal. Da ich aber ein netter Mensch bin, halte ich Ihnen einen kleinen Vortrag darüber, was man als Kanzlerkandidat besser wissen sollte - gratis, versteht sich.
Damit wäre das Stichwort gefallen: Vortrag. In der laufenden Legislaturperiode haben Sie nach eigenen Angaben mehr als 80 davon gehalten und dafür jeweils mindestens 7000 € bekommen. Nun bin ich in einer Gegend groß geworden, die von spezialdemokratischen Bildungsexperimenten verschont geblieben ist und beherrsche deswegen wenigstens so viel Kopfrechnen, dass ich sagen kann: Das waren mindestens 560.000 € in drei Jahren, also knapp 190.000 € pro Jahr und damit mehr als ein komplettes Jahreseinkommen eines gewöhnlichen Bundestagsabgeordneten. Für Leute Ihres Schlages mögen solche Beträge nicht der Rede wert sein, aber da sich die SPD zumindest früher einmal als Arbeiterpartei aufspielte, lassen Sie sich sagen: Für Ihre jährlichen Rednerhonorare müssen viele Ihrer Wähler ein Jahrzehnt arbeiten.
Jetzt sind Sie also Kanzlerkandidat. Dafür braucht man inzwischen nicht einmal mehr einen Parteitagsbeschluss, das klärt man kurz im Präsidium, und die Genossen nicken das schon brav ab. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit scheinen Sie davon auszugehen, dass der Rest der Nation in heiliger Ehrfurcht Ihre Proklamation aufnimmt. Wildfremde Menschen auf der Straße fallen sich vor Freude weinend in die Arme - so scheinen Sie sich das vorgestellt zu haben. Statt dessen - kleinliches Genörgel. Briefe werden hervorgekramt, in denen Sie um Sponsorengelder geworben haben, und jetzt noch diese Respektlosigkeit, von Ihnen zu verlangen, Sie sollten erklären, woher diese lächerliche halbe Millionen stammt, die Sie für Ihre Reden bekommen haben - aus Ihrer Sicht gerade mal Parkgroschen, keine Beträge jedenfalls, die Ihren stets glasklaren und objektiven Geist auch nur einen Cicero vom rechten Weg abweichen lassen könnten. Eine Frechheit, etwas Anderes anzunehmen. Folglich kann das Theater, das gerade um diese lächerlichen Almosen veranstaltet wird, nur eine perfide Rufmordkampagne sein, eine Verschwörung der Presse und des politischen Gegners, um ihren - freilich tadellosen - Leumund zu schädigen. Putzigerweise haben die Piraten gerade die gleiche Argumentation drauf, um ihre katastrophalen Umfragewerte zu erklären.
Werter Genosse Steinbrück, was Sie gerade erleben, ist keine hinterhältige Machenschaft, sondern man nennt es Demokratie. Wenn jemand die faktische Nummer 1 dieses Staates werden möchte, klatschen nicht alle begeistert in die Hände, sondern sie nehmen sich frecherweise das Recht heraus, zu fragen, was es mit dem Kandidaten auf sich hat. Wer sich um einen Posten bewirbt, muss sich im Bewerbungsgespräch Fragen gefallen lassen, und nicht jede dieser Fragen ist fair. Einige davon haben keinen anderen Sinn, als den Bewerber ein wenig aus der Reserve zu locken. Im Moment sind Sie der Bewerber, und wir als Ihre potenziellen Wähler sind der Personalchef. Um ehrlich zu sein: Eine besonders gute Figur geben Sie zur Zeit nicht ab.
Ihre schnoddrige Art ist ja ganz lustig, aber übertrieben eingesetzt hinterlässt sie den Eindruck von Arroganz. Sie wirkt vor allem dann unangebracht, wenn wir Sie fragen, was Sie als vom Volk bezahlter Abgeordneter so treiben, worauf Sie dann etwas von "gewisser Privatheit" murmeln und uns unterstellen, wir wollten eine Diktatur. Nein, Genosse Steinbrück, wir wollen nur wissen, wie Sie und Ihre Kollegen zu Ihren Entscheidungen kommen, und wir haben einfach immense Schwierigkeiten dabei, uns vorzustellen, dass sechstellige Eurobeträge auf Ihrem Konto Sie komplett unbeeindruckt lassen. Niemand will Ihnen Ihre Privatsphäre nehmen, denn das, wovon wir reden, ist Ihr öffentliches Wirken, oder wie würden Sie einen Auftritt in der Nähe von Zürich vor etwa 750 Zuhörern nennen?
Reichlich verlogen - und da gebe ich Ihnen recht - sind natürlich diejenigen aus dem Lager Ihrer politischen Gegner, die gerade am lautesten herumtönen, selbst aber die von ihnen geforderte Transparenz nicht praktizieren. Es geht dabei also nicht allein um Sie. Offen gesagt sind Sie als künftiger Oppositionsführer oder bestenfalls Juniorpartner in einer Großen Koalition in meinen Augen ohnehin nur eine historische Randnotiz. Es geht vielmehr um das Selbstverständnis der vom Volk Gewählten und Finanzierten. Wir müssen uns vom Gedanken verabschieden, wir erteilten unseren Mandatsträgern alle vier Jahre eine Generalvollmacht und hätten für den Rest der Zeit gottergeben jedes ihrer Urteile hinzunehmen. Diese Haltung bringt Abgeordnete hervor, welche den Wähler nur noch als lästiges Übel betrachten, das man vor der Wahl ein wenig mit Luftballons und Aufklebern beglückt und sich ansonsten vom Leib hält. Demokratie ist hingegen ein ständiger Kontrollprozess, ein immerwährendes einfordern von Rechenschaft. Das ist mühsam, aber anders lässt sich das Machtgleichgewicht zwischen Regenten und Regierten nicht aufrecht erhalten.
Die Zeit bis zur Wahl ist noch lang, Genosse Steinbrück. Wahrscheinlich wird wegen Ihres Rednerhonorars nichts passieren, weil Ihr politischer Gegner bald begreift, dass es dann auch um seinen Kragen ginge. Im Zweifelsfall wird man sich auf eine publikumswirksame, aber komplett sinnlose Aktion einigen und ansonsten darauf vertrauen, dass in der nächsten Woche schon die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Was aber in den Köpfen bleibt, ist die Erinnerung daran, wie Sie unter Druck reagieren, ob Sie souverän, staatsmännisch und mit der Fähigkeit zur Selbstkritik antworten oder nur auf massive Nachfragen hin, sich auf formaljuristische Argumentationen verlegen und das alles "absurd, man kann auch sagen dämlich" finden. Diese Strategie hat vor nicht einmal einem Jahr schon jemand probiert und ist daran gescheitert. Der Mann war Bundespräsident.
Damit wäre das Stichwort gefallen: Vortrag. In der laufenden Legislaturperiode haben Sie nach eigenen Angaben mehr als 80 davon gehalten und dafür jeweils mindestens 7000 € bekommen. Nun bin ich in einer Gegend groß geworden, die von spezialdemokratischen Bildungsexperimenten verschont geblieben ist und beherrsche deswegen wenigstens so viel Kopfrechnen, dass ich sagen kann: Das waren mindestens 560.000 € in drei Jahren, also knapp 190.000 € pro Jahr und damit mehr als ein komplettes Jahreseinkommen eines gewöhnlichen Bundestagsabgeordneten. Für Leute Ihres Schlages mögen solche Beträge nicht der Rede wert sein, aber da sich die SPD zumindest früher einmal als Arbeiterpartei aufspielte, lassen Sie sich sagen: Für Ihre jährlichen Rednerhonorare müssen viele Ihrer Wähler ein Jahrzehnt arbeiten.
Jetzt sind Sie also Kanzlerkandidat. Dafür braucht man inzwischen nicht einmal mehr einen Parteitagsbeschluss, das klärt man kurz im Präsidium, und die Genossen nicken das schon brav ab. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit scheinen Sie davon auszugehen, dass der Rest der Nation in heiliger Ehrfurcht Ihre Proklamation aufnimmt. Wildfremde Menschen auf der Straße fallen sich vor Freude weinend in die Arme - so scheinen Sie sich das vorgestellt zu haben. Statt dessen - kleinliches Genörgel. Briefe werden hervorgekramt, in denen Sie um Sponsorengelder geworben haben, und jetzt noch diese Respektlosigkeit, von Ihnen zu verlangen, Sie sollten erklären, woher diese lächerliche halbe Millionen stammt, die Sie für Ihre Reden bekommen haben - aus Ihrer Sicht gerade mal Parkgroschen, keine Beträge jedenfalls, die Ihren stets glasklaren und objektiven Geist auch nur einen Cicero vom rechten Weg abweichen lassen könnten. Eine Frechheit, etwas Anderes anzunehmen. Folglich kann das Theater, das gerade um diese lächerlichen Almosen veranstaltet wird, nur eine perfide Rufmordkampagne sein, eine Verschwörung der Presse und des politischen Gegners, um ihren - freilich tadellosen - Leumund zu schädigen. Putzigerweise haben die Piraten gerade die gleiche Argumentation drauf, um ihre katastrophalen Umfragewerte zu erklären.
Werter Genosse Steinbrück, was Sie gerade erleben, ist keine hinterhältige Machenschaft, sondern man nennt es Demokratie. Wenn jemand die faktische Nummer 1 dieses Staates werden möchte, klatschen nicht alle begeistert in die Hände, sondern sie nehmen sich frecherweise das Recht heraus, zu fragen, was es mit dem Kandidaten auf sich hat. Wer sich um einen Posten bewirbt, muss sich im Bewerbungsgespräch Fragen gefallen lassen, und nicht jede dieser Fragen ist fair. Einige davon haben keinen anderen Sinn, als den Bewerber ein wenig aus der Reserve zu locken. Im Moment sind Sie der Bewerber, und wir als Ihre potenziellen Wähler sind der Personalchef. Um ehrlich zu sein: Eine besonders gute Figur geben Sie zur Zeit nicht ab.
Ihre schnoddrige Art ist ja ganz lustig, aber übertrieben eingesetzt hinterlässt sie den Eindruck von Arroganz. Sie wirkt vor allem dann unangebracht, wenn wir Sie fragen, was Sie als vom Volk bezahlter Abgeordneter so treiben, worauf Sie dann etwas von "gewisser Privatheit" murmeln und uns unterstellen, wir wollten eine Diktatur. Nein, Genosse Steinbrück, wir wollen nur wissen, wie Sie und Ihre Kollegen zu Ihren Entscheidungen kommen, und wir haben einfach immense Schwierigkeiten dabei, uns vorzustellen, dass sechstellige Eurobeträge auf Ihrem Konto Sie komplett unbeeindruckt lassen. Niemand will Ihnen Ihre Privatsphäre nehmen, denn das, wovon wir reden, ist Ihr öffentliches Wirken, oder wie würden Sie einen Auftritt in der Nähe von Zürich vor etwa 750 Zuhörern nennen?
Reichlich verlogen - und da gebe ich Ihnen recht - sind natürlich diejenigen aus dem Lager Ihrer politischen Gegner, die gerade am lautesten herumtönen, selbst aber die von ihnen geforderte Transparenz nicht praktizieren. Es geht dabei also nicht allein um Sie. Offen gesagt sind Sie als künftiger Oppositionsführer oder bestenfalls Juniorpartner in einer Großen Koalition in meinen Augen ohnehin nur eine historische Randnotiz. Es geht vielmehr um das Selbstverständnis der vom Volk Gewählten und Finanzierten. Wir müssen uns vom Gedanken verabschieden, wir erteilten unseren Mandatsträgern alle vier Jahre eine Generalvollmacht und hätten für den Rest der Zeit gottergeben jedes ihrer Urteile hinzunehmen. Diese Haltung bringt Abgeordnete hervor, welche den Wähler nur noch als lästiges Übel betrachten, das man vor der Wahl ein wenig mit Luftballons und Aufklebern beglückt und sich ansonsten vom Leib hält. Demokratie ist hingegen ein ständiger Kontrollprozess, ein immerwährendes einfordern von Rechenschaft. Das ist mühsam, aber anders lässt sich das Machtgleichgewicht zwischen Regenten und Regierten nicht aufrecht erhalten.
Die Zeit bis zur Wahl ist noch lang, Genosse Steinbrück. Wahrscheinlich wird wegen Ihres Rednerhonorars nichts passieren, weil Ihr politischer Gegner bald begreift, dass es dann auch um seinen Kragen ginge. Im Zweifelsfall wird man sich auf eine publikumswirksame, aber komplett sinnlose Aktion einigen und ansonsten darauf vertrauen, dass in der nächsten Woche schon die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Was aber in den Köpfen bleibt, ist die Erinnerung daran, wie Sie unter Druck reagieren, ob Sie souverän, staatsmännisch und mit der Fähigkeit zur Selbstkritik antworten oder nur auf massive Nachfragen hin, sich auf formaljuristische Argumentationen verlegen und das alles "absurd, man kann auch sagen dämlich" finden. Diese Strategie hat vor nicht einmal einem Jahr schon jemand probiert und ist daran gescheitert. Der Mann war Bundespräsident.
Mittwoch, 3. Oktober 2012
Gefangen in der Provinz
"Köln macht süchtig", schwärmt das Kölner Fremdenverkehrsamt von sich selbst. "Wer einmal in unserer schönen Domstadt gelebt hat, will nicht mehr weg." Falsch. Man will nicht mehr weg, man kommt nicht mehr weg - weil man nicht mehr rausfindet.
Der Rheinländer allgemein, aber der Kölner auf besonders penetrante Weise, glaubt von sich, wahnsinnig weltoffen und aufgeschlossen zu sein. Die Ausländer, die Schwulen, ja selbst die Protestanten hätte man in der wundervollen "Domstadt" irgendwie integrieren können. Mal davon abgesehen, dass ein Moslem auch nur so lange die fadenscheinige Toleranz des Kölners genießt, wie er in der Kneipe brav das lokale Bierimitat namens "Kölsch" trinkt, mag es ja sein, dass man in Köln freundlicherweise am Leben gelassen wird, aber das ist es dann auch schon. Versuchen Sie beispielsweise, sich in Köln als Auswärtiger zurechtzufinden - keine Chance, vor allem, wenn Sie auf die Koalition des Grauens - Deutsche Bahn und Kölner Verkehrsbetriebe . angewiesen sind.
Angenommen, Sie wollen dem Chaos Computer Club Cologne einen Besuch abstattten. Sie sehen auf deren Webseite nach, finden die postalische Adresse, geben sie bei bahn.de in die Suchmaske ein und bekommen auch prompt die Antwort: Regionalbahn nach Köln, in Köln-West in die U-Bahn umsteigen und bis Venloer Straße fahren, dann sind es noch wenige Minuten Fußweg. Klingt einfach, ist auch einfach, wenn man den Bahnhof Köln-West kennt (ansonsten läuft man ein paar Minuten desorientiert herum und verpasst die Anschlussverbindung, wartet aber nur kurz auf die nächste). Das Tückische ist nur: Es fahren um die fragliche Uhrzeit im Abstand weniger Minuten zwei Bahnen von Süden nach Köln, von denen aber nur eine am Bahnhof West hält. "Nicht weiter schlimm", werden Sie sich denken. "Dann fahre ich eben zum Hauptbahnhof und suche mir dort eine passende Verbindung." Großer Fehler.
Der Fehler besteht in der Annahme, in Köln hätte man auch nur das leiseste Interesse daran, verirrten Reisenden zu helfen. Wenn Sie sich im Hauptbahnhof etwas auskennen, werden Sie vielleicht auf die Idee kommen, den nächsten DB-Fahrkartenautomaten als Fahrplanauskunft zu benutzen. Dummerweise funktioniert die Eingabe einer beliebigen Adresse, wie sie die Internetseite der Bahn ohne Schwierigkeiten beherrscht, hier nicht. "Nicht weiter schlimm", werden Sie denken. "Dann suche ich eben nach der Haltestelle Venloer Straße." Das können die Automaten auch nicht, die kennen nur DB-Bahnhöfe.
Praktischerweise befindet sich direkt neben der Haltestelle Venloer Straße auch ein S-Bahnhof, nur: Wie heißt der? Vom DB-Fahrkartenautomaten ist ja keine Auskunft zu erwarten. Von den vielen anderen Passanten, die hier herumirren, ebenfalls nicht, es sei denn, Sie wollen sich von einem Kölner Urgestein mit den Worten "Ja, woher soll isch datt den wissen?" abbürsten lassen. Wie wäre es mit dem Informationstresen der Deutschen Bahn? Da stehen doch Menschen, die sich vielleicht grob in Köln auskennen. Selbst wenn dem so wäre: Die Warteschlange ist so lang, dass eher der Kölner Dom durch Regentropfen wegerodiert, bevor Sie auch nur in Sichtweite des Schalters kommen. Wo ist der Informationsschalter der Kölner Verkehrsbetriebe, und wenn es den schon nicht gibt, wo ist ein Fahrkartenautomat, dem man vielleicht noch eine Information entlocken könnte? Keine Ahnung, jedenfalls nicht dort, wo die anderen Automaten stehen.
Doch wozu hat der Nerd von Welt sein Notbook dabei? Vorhin beim Herumirren, da haben Sie doch einen T-Online-Hotspot gesehen. Wenn man sich da einen Internetzugang verschafft, die DB-Seiten aufruft und nach einer Verbindng sucht, müsste es doch klappen. Den Hotspot finden Sie nach einiger Suche, klappen das Notebook auf, suchen nach einem WLAN, suchen, suchen. Suchen.
Es gibt natürlich nicht nur ein WLAN, sondern ganz furchtbar viele, nur keins von T-On... halt, da war was. Mit der geringsten Signalstärke von allen. Direkt am Hotspot. Ah ja. Egal, Empfang haben wir ja. Da wäre nur das Problem: Wie loggt man sich an einem T-Online-Hotspot ein? Es ist nicht etwa so, als werde man beim ersten Seitenaufruf direkt zum Login geleitet. Statt dessen sieht man eine Werbeseite, die wortreich die Segnungen der verschiedenen T-Online-Tarife vorschwärmt. Da steht auch was von Hotspot, aber nur, was es kostet und wie man nach Hotspots sucht. In Köln soll es am Hauptbahnhof auch einen geben. Ach wirklich.
Da, auf der dritten oder vierten Unterseite findet man in einer Art Gebrauchsanweisung auch die Adresse, die man aufrufen muss. Das Login gelingt auch brav, die Seiten der Bahn bauen sich auf, und schon nach wenigen Augenblicken hat man die Verbindung zum Bahnhof Ehrenfeld. Nachdem man vorher zehn Minuten lang versucht hat, sich einzuloggen.
Bevor mir ein paar eingefleischte Kölner den Kommentarbereich mit "Wenn man runter zur Achchtzehn jeht, dann is da uff de Mennerklo in de Butzgammer en Schlüssel, mit dem kannste det Kessdsche in de zweite Glogabiine uffmachche, da hängt inge Dellefon, da gannse Moondachs zwische 8 Uur 14 un 9 Uur zwounzwansisch wen anruufe, der dir dat verzälle kann. (Und jetzt kommt's:) Dat muss man doch wissen." fluten. Nee, dat muss man eben nisch wissen. Wir sind im 21. Jahrhundert. Da erwarte ich am Hauptverkehrsknotenpunkt einer Stadt, die sich in frommer Übertreibung gern als Millionenmetropole sieht, dass man als Ortsunkundiger vielleicht 5, maximal 10 Minuten braucht, um sich zumindest mit öffentlichen Verkehrsmitteln wieder weiterbewegen zu können. Ich erwarte von einem bundesweit operierenden Unternehmen wie der Bahn, dass sie nach Jahrhunderten Geschäftsbetrieb mit einem System aufwarten kann, das es einem an einem beliebigen Bahnhof der Republik Gestrandeten ermöglicht, sich anhand eines einheitlichen und klaren Systems sofort zurechtzufinden, und ich erwarte von den örtlichen Verkehrsbetrieben, dass sie ihren Teil dazu beitragen. Ich habe hier Köln als Beispiel aufgeführt, aber ich hätte auch eine beliebige andere deutsche Großstadt nehmen können. Immer wieder lese ich Plakate, auf denen steht, dass es "Fremdenfeindlichkeit in unserer Stadt nicht gibt". Fremdenfeindlichkeit fängt ganz früh an. Beim Verlassen eines Zuges. Wie soll man sich als Fremder in einer Stadt willkommen fühlen, die verlangt, dass man erst einmal den örtlichen Straßenplan, das Busnetz und ein komplett zusammengekifftes Tarifsystem auswendig lernt, bevor man sich halbwegs gezielt in ihr bewegen kann? Ich will nicht für so etwas eine "Äpp" für mein "Ei-Fohn" "daunlohdn", ich will aus dem Zug steigen und mich zumindest grundsätzlich zurechtfinden, und dann, vielleicht dann stellt es sich ein, "dieses einzigartige Gefühl aus fröhlicher Lebensart, atmosphärischem Stadterlebnis und südländischem Flair, das keinen mehr los lässt. Und sofort Heimweh auslöst, wenn man nicht da sein kann."
Der Rheinländer allgemein, aber der Kölner auf besonders penetrante Weise, glaubt von sich, wahnsinnig weltoffen und aufgeschlossen zu sein. Die Ausländer, die Schwulen, ja selbst die Protestanten hätte man in der wundervollen "Domstadt" irgendwie integrieren können. Mal davon abgesehen, dass ein Moslem auch nur so lange die fadenscheinige Toleranz des Kölners genießt, wie er in der Kneipe brav das lokale Bierimitat namens "Kölsch" trinkt, mag es ja sein, dass man in Köln freundlicherweise am Leben gelassen wird, aber das ist es dann auch schon. Versuchen Sie beispielsweise, sich in Köln als Auswärtiger zurechtzufinden - keine Chance, vor allem, wenn Sie auf die Koalition des Grauens - Deutsche Bahn und Kölner Verkehrsbetriebe . angewiesen sind.
Angenommen, Sie wollen dem Chaos Computer Club Cologne einen Besuch abstattten. Sie sehen auf deren Webseite nach, finden die postalische Adresse, geben sie bei bahn.de in die Suchmaske ein und bekommen auch prompt die Antwort: Regionalbahn nach Köln, in Köln-West in die U-Bahn umsteigen und bis Venloer Straße fahren, dann sind es noch wenige Minuten Fußweg. Klingt einfach, ist auch einfach, wenn man den Bahnhof Köln-West kennt (ansonsten läuft man ein paar Minuten desorientiert herum und verpasst die Anschlussverbindung, wartet aber nur kurz auf die nächste). Das Tückische ist nur: Es fahren um die fragliche Uhrzeit im Abstand weniger Minuten zwei Bahnen von Süden nach Köln, von denen aber nur eine am Bahnhof West hält. "Nicht weiter schlimm", werden Sie sich denken. "Dann fahre ich eben zum Hauptbahnhof und suche mir dort eine passende Verbindung." Großer Fehler.
Der Fehler besteht in der Annahme, in Köln hätte man auch nur das leiseste Interesse daran, verirrten Reisenden zu helfen. Wenn Sie sich im Hauptbahnhof etwas auskennen, werden Sie vielleicht auf die Idee kommen, den nächsten DB-Fahrkartenautomaten als Fahrplanauskunft zu benutzen. Dummerweise funktioniert die Eingabe einer beliebigen Adresse, wie sie die Internetseite der Bahn ohne Schwierigkeiten beherrscht, hier nicht. "Nicht weiter schlimm", werden Sie denken. "Dann suche ich eben nach der Haltestelle Venloer Straße." Das können die Automaten auch nicht, die kennen nur DB-Bahnhöfe.
Praktischerweise befindet sich direkt neben der Haltestelle Venloer Straße auch ein S-Bahnhof, nur: Wie heißt der? Vom DB-Fahrkartenautomaten ist ja keine Auskunft zu erwarten. Von den vielen anderen Passanten, die hier herumirren, ebenfalls nicht, es sei denn, Sie wollen sich von einem Kölner Urgestein mit den Worten "Ja, woher soll isch datt den wissen?" abbürsten lassen. Wie wäre es mit dem Informationstresen der Deutschen Bahn? Da stehen doch Menschen, die sich vielleicht grob in Köln auskennen. Selbst wenn dem so wäre: Die Warteschlange ist so lang, dass eher der Kölner Dom durch Regentropfen wegerodiert, bevor Sie auch nur in Sichtweite des Schalters kommen. Wo ist der Informationsschalter der Kölner Verkehrsbetriebe, und wenn es den schon nicht gibt, wo ist ein Fahrkartenautomat, dem man vielleicht noch eine Information entlocken könnte? Keine Ahnung, jedenfalls nicht dort, wo die anderen Automaten stehen.
Doch wozu hat der Nerd von Welt sein Notbook dabei? Vorhin beim Herumirren, da haben Sie doch einen T-Online-Hotspot gesehen. Wenn man sich da einen Internetzugang verschafft, die DB-Seiten aufruft und nach einer Verbindng sucht, müsste es doch klappen. Den Hotspot finden Sie nach einiger Suche, klappen das Notebook auf, suchen nach einem WLAN, suchen, suchen. Suchen.
Es gibt natürlich nicht nur ein WLAN, sondern ganz furchtbar viele, nur keins von T-On... halt, da war was. Mit der geringsten Signalstärke von allen. Direkt am Hotspot. Ah ja. Egal, Empfang haben wir ja. Da wäre nur das Problem: Wie loggt man sich an einem T-Online-Hotspot ein? Es ist nicht etwa so, als werde man beim ersten Seitenaufruf direkt zum Login geleitet. Statt dessen sieht man eine Werbeseite, die wortreich die Segnungen der verschiedenen T-Online-Tarife vorschwärmt. Da steht auch was von Hotspot, aber nur, was es kostet und wie man nach Hotspots sucht. In Köln soll es am Hauptbahnhof auch einen geben. Ach wirklich.
Da, auf der dritten oder vierten Unterseite findet man in einer Art Gebrauchsanweisung auch die Adresse, die man aufrufen muss. Das Login gelingt auch brav, die Seiten der Bahn bauen sich auf, und schon nach wenigen Augenblicken hat man die Verbindung zum Bahnhof Ehrenfeld. Nachdem man vorher zehn Minuten lang versucht hat, sich einzuloggen.
Bevor mir ein paar eingefleischte Kölner den Kommentarbereich mit "Wenn man runter zur Achchtzehn jeht, dann is da uff de Mennerklo in de Butzgammer en Schlüssel, mit dem kannste det Kessdsche in de zweite Glogabiine uffmachche, da hängt inge Dellefon, da gannse Moondachs zwische 8 Uur 14 un 9 Uur zwounzwansisch wen anruufe, der dir dat verzälle kann. (Und jetzt kommt's:) Dat muss man doch wissen." fluten. Nee, dat muss man eben nisch wissen. Wir sind im 21. Jahrhundert. Da erwarte ich am Hauptverkehrsknotenpunkt einer Stadt, die sich in frommer Übertreibung gern als Millionenmetropole sieht, dass man als Ortsunkundiger vielleicht 5, maximal 10 Minuten braucht, um sich zumindest mit öffentlichen Verkehrsmitteln wieder weiterbewegen zu können. Ich erwarte von einem bundesweit operierenden Unternehmen wie der Bahn, dass sie nach Jahrhunderten Geschäftsbetrieb mit einem System aufwarten kann, das es einem an einem beliebigen Bahnhof der Republik Gestrandeten ermöglicht, sich anhand eines einheitlichen und klaren Systems sofort zurechtzufinden, und ich erwarte von den örtlichen Verkehrsbetrieben, dass sie ihren Teil dazu beitragen. Ich habe hier Köln als Beispiel aufgeführt, aber ich hätte auch eine beliebige andere deutsche Großstadt nehmen können. Immer wieder lese ich Plakate, auf denen steht, dass es "Fremdenfeindlichkeit in unserer Stadt nicht gibt". Fremdenfeindlichkeit fängt ganz früh an. Beim Verlassen eines Zuges. Wie soll man sich als Fremder in einer Stadt willkommen fühlen, die verlangt, dass man erst einmal den örtlichen Straßenplan, das Busnetz und ein komplett zusammengekifftes Tarifsystem auswendig lernt, bevor man sich halbwegs gezielt in ihr bewegen kann? Ich will nicht für so etwas eine "Äpp" für mein "Ei-Fohn" "daunlohdn", ich will aus dem Zug steigen und mich zumindest grundsätzlich zurechtfinden, und dann, vielleicht dann stellt es sich ein, "dieses einzigartige Gefühl aus fröhlicher Lebensart, atmosphärischem Stadterlebnis und südländischem Flair, das keinen mehr los lässt. Und sofort Heimweh auslöst, wenn man nicht da sein kann."
Montag, 24. September 2012
Mythos Schwarmintelligenz
Die Masse macht's. Das Internet ist voll von Kommentaren, die das behaupten. Nimm nur reichlich Leute, heißt es, und schon evoziert das Kollektiv quasi ein höheres Bewusstsein, eine geistige Entität, die mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile, getragen von der intellektuellen Energie tausender, ach was sag ich, zigtausender Gehirne - die Schwarmintelligenz eben.
Das ist etwa so, als wenn ich nur genug Schweinegülle in einen Tank pumpen müsste, und heraus kommt feinster Chardonnay.
Es mag ja sein, dass das Kollektiv den einen oder anderen Glückstreffer landet. In den meisten Fällen ist die Masse aber vor allem eins: bis an die Grenze der Erträglichkeit berechenbar. Nehmen wir zwei Beispiele:
Microsoft bringt ein neues - nennen wir es großzügig "Betriebssystem" - heraus. Es ist fast egal, welches genau wir nun nehmen, sei es Windows 95 mit Nachfolgern, Windows XP oder jetzt Windows 8. Microsoft fummelt kräftig am Benutzungskonzept herum, die Grafikdesigner ziehen ein paar Linien Koks extra durch und werfen mit verspielten Sperenzchen um sich wie Karnevalsprinzen mit Kamellen. Die Community reagiert mit Entsetzen. Wie konnte Microsoft nur die heiß geliebte, wenn auch völlig hirnverbrannte Menustruktur durch ein anderes nicht minder hirnverbranntes Konstrukt (Konzept kann man es wohl kaum nennen) ersetzen? Nein, diesmal sei Microsoft endgültig zu weit gegangen, jetzt ginge man zu Apple oder (man stelle sich vor, wie ich gerade vor Lachen brüllend am Boden liege) Linux. Nichts gegen Linux, ich setze es selbst seit eineinhalb Jahrzehnten ein, aber wer wegen der grafischen Oberfläche von Windows zu Linux wechselt, geht wahrscheinlich auch von den US Marines in die französische Fremdenlegion, weil die Ausbilder da netter sind. Auch die vielgerühmte bessere Benutzbarkeit der Mac-Oberfläche vermag sich mir nicht ganz zu erschließen. Apple, das sind doch die Typen, die zu einem Zeitpunkt, als alle Welt die Vorzüge von zwei Tasten und einem Scrollrad schätzte, stur Mäuse mit exakt einer Taste auslieferte und stolz herumtönte, was für eine grandiose Idee das doch sei. Apple, das sind doch die Typen, die das wichtigste Zeichen der Mailkommunikation hinter einer völlig uneinsichtigen Tastenkombination verstecken, während der Rest der Welt sich an international normierte Layouts hält.
Doch wir schweifen ab. Eigentlich ging es mir um die Maulhelden, die ungefragt jede Leserbriefspalte, jeden Forenkommentar damit volltönen, nun sei das Ende von Microsoft besiegelt, wenn sie, sie höchst persönlich, jetzt den Wechsel zu Apple oder sonstwohin vollzögen.
Hic Rhodos, hic salta. Man muss nur ein Vierteljahr später in die Wirtschaftsblätter schauen, in denen sich die Analysten vor Begeisterung überschlagen, wie das neue Windows wieder jeden Verkaufsrekord bricht.
Natürlich gibt es da noch die Anderen, die nicht minder dämlichen Fanboys, die ebenfalls die Forenkommentare fluten. Das neue Kacheldesign von Windows, verkünden sie, sei ja so prima, man hätte ja eh nie gewusst, wie man einen 22-Zoll-Bildschirm vernünftig ausnutzen soll, aber jetzt, mit diesen hubschrauberlandeplatzgroßen Schaltflächen, da sei endlich wieder alles voll, und erst die fantastische Idee mit diesen vier Bildschirmecken, in die man die Maus nur grob steuern müsste, um eine Aktion auszulösen. Tolle Sache, da muss man endlich nicht mehr präzise zielen, sondern es reiche schon eine ungefähre Bewegung in diese Richtung. Mit Verlaub, wir reden hier von der Grobmotorik eines Braunkohlebaggers, die hier dankenswerterweise unterstützt wird. Alle, die sich glücklich schätzen können, mit einem auch nur unwesentlich präziseren Bewegungsapparat gesegnet zu sein und vielleicht auch noch über genug Intelligenz verfügen, um verstanden zu haben, dass man Mäuse nicht steuert, indem man sich auf sie setzt und mit dem Hintern wackelt, sollten in der Lage sein, mit der Maus differenziertere Kommandos abzusetzen. Was aber ein echter Fanboy ist, der verteidigt seine Götzen blind, egal was sie anstellen. Der fände Windows selbst dann noch toll, wenn es ihnm unangekündigt die komplette Platte löscht - großartig, Gratis-Neuausrichtung der Elementarmagneten, was für ein tolles Feature, das kriegt man bei anderen Systemen nur viel umständlicher.
Zweites Beispiel: Irgendein Pseudoprominenter aus der vierten oder fünften Reihe bringt ein Buch heraus. Das ist in einer Zeit, in der nahezu alles Denk- und Meinbare in relativ kompakter Form im Netz gefunden werden und man es sich meist schenken kann, die auf 200 Seiten aufgeblähte Langfassung zu lesen, ohnehin schon ein gewagtes Unterfangen, aber fürs Ego ist es einfach schöner, ein Buch mit seinem Namen drauf im Regal statt auf einer Website stehen zu haben. Genau da liegt natürlich auch die Schwierigkeit. Nach wie vor meint so ziemlich jeder, der Subjekt und Prädikat halbwegs sauber voneinander trennen kann, seine geistige Leere in Buchform offenbaren zu müssen, weswegen weiterhin unfassbar große Mengen an Neuerscheinungen den Buchmarkt fluten. Wer hier bestehen will, braucht Aufmerksamkeit. Die könnte man durch Intelligenz zu erreichen versuchen, aber mangels ausreichender Ausstattung oder einfach auch aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus verlegt man sich meist lieber aufs Grobe. Ob ein abgehalfteter Banker einmal ganz tief in die gleiche rassistische Klamottenkiste greift, in der eine geschasste Nachrichtenredakteurin gerade herumwühlt, oder die karrieresüchtige Lebensabschnittsgefährtin eines niedersächsischen Provinzfürsten, der ein paar Wochen lang den Sessel des höchsten deutschen Staatsamts warm hielt, bis wir nach vier Jahren wieder so etwas Ähnliches wie einen Bundespräsidenten hatten, einen Suchmaschinenhersteller verklagt, weil er die Realität abbildet - völlig egal, wie peinlich man sich anstellt, die Verkaufserlöse entschädigen schnell dafür, dass man von keinem empfindungsfähigen Wesen mehr ernst genommen wird. Wenn Sie mir nicht glauben: Raten Sie mal, wer gerade die Spiegel-Beststellerliste anführt, obwohl das Buch ausnahmslos Verrisse erntete.
Wäre der Schwarm wirklich so intelligent, wie er es von sich meint, er hätte schon längst Filter entwickelt, um solche Ereignisse angemessen zu behandeln. Er hätte neue Windowsversionen mit der gleichen Gelassenheit zur Kenntnis genommen, wie er die durchschaubaren Marketingtricks viertklassiger Buchautoren ignorierte und deren Machwerke in den Regalen verrotten ließe. Statt dessen - aber lassen wir das, ich rege mich nur wieder unnötig auf.
Das ist etwa so, als wenn ich nur genug Schweinegülle in einen Tank pumpen müsste, und heraus kommt feinster Chardonnay.
Es mag ja sein, dass das Kollektiv den einen oder anderen Glückstreffer landet. In den meisten Fällen ist die Masse aber vor allem eins: bis an die Grenze der Erträglichkeit berechenbar. Nehmen wir zwei Beispiele:
Microsoft bringt ein neues - nennen wir es großzügig "Betriebssystem" - heraus. Es ist fast egal, welches genau wir nun nehmen, sei es Windows 95 mit Nachfolgern, Windows XP oder jetzt Windows 8. Microsoft fummelt kräftig am Benutzungskonzept herum, die Grafikdesigner ziehen ein paar Linien Koks extra durch und werfen mit verspielten Sperenzchen um sich wie Karnevalsprinzen mit Kamellen. Die Community reagiert mit Entsetzen. Wie konnte Microsoft nur die heiß geliebte, wenn auch völlig hirnverbrannte Menustruktur durch ein anderes nicht minder hirnverbranntes Konstrukt (Konzept kann man es wohl kaum nennen) ersetzen? Nein, diesmal sei Microsoft endgültig zu weit gegangen, jetzt ginge man zu Apple oder (man stelle sich vor, wie ich gerade vor Lachen brüllend am Boden liege) Linux. Nichts gegen Linux, ich setze es selbst seit eineinhalb Jahrzehnten ein, aber wer wegen der grafischen Oberfläche von Windows zu Linux wechselt, geht wahrscheinlich auch von den US Marines in die französische Fremdenlegion, weil die Ausbilder da netter sind. Auch die vielgerühmte bessere Benutzbarkeit der Mac-Oberfläche vermag sich mir nicht ganz zu erschließen. Apple, das sind doch die Typen, die zu einem Zeitpunkt, als alle Welt die Vorzüge von zwei Tasten und einem Scrollrad schätzte, stur Mäuse mit exakt einer Taste auslieferte und stolz herumtönte, was für eine grandiose Idee das doch sei. Apple, das sind doch die Typen, die das wichtigste Zeichen der Mailkommunikation hinter einer völlig uneinsichtigen Tastenkombination verstecken, während der Rest der Welt sich an international normierte Layouts hält.
Doch wir schweifen ab. Eigentlich ging es mir um die Maulhelden, die ungefragt jede Leserbriefspalte, jeden Forenkommentar damit volltönen, nun sei das Ende von Microsoft besiegelt, wenn sie, sie höchst persönlich, jetzt den Wechsel zu Apple oder sonstwohin vollzögen.
Hic Rhodos, hic salta. Man muss nur ein Vierteljahr später in die Wirtschaftsblätter schauen, in denen sich die Analysten vor Begeisterung überschlagen, wie das neue Windows wieder jeden Verkaufsrekord bricht.
Natürlich gibt es da noch die Anderen, die nicht minder dämlichen Fanboys, die ebenfalls die Forenkommentare fluten. Das neue Kacheldesign von Windows, verkünden sie, sei ja so prima, man hätte ja eh nie gewusst, wie man einen 22-Zoll-Bildschirm vernünftig ausnutzen soll, aber jetzt, mit diesen hubschrauberlandeplatzgroßen Schaltflächen, da sei endlich wieder alles voll, und erst die fantastische Idee mit diesen vier Bildschirmecken, in die man die Maus nur grob steuern müsste, um eine Aktion auszulösen. Tolle Sache, da muss man endlich nicht mehr präzise zielen, sondern es reiche schon eine ungefähre Bewegung in diese Richtung. Mit Verlaub, wir reden hier von der Grobmotorik eines Braunkohlebaggers, die hier dankenswerterweise unterstützt wird. Alle, die sich glücklich schätzen können, mit einem auch nur unwesentlich präziseren Bewegungsapparat gesegnet zu sein und vielleicht auch noch über genug Intelligenz verfügen, um verstanden zu haben, dass man Mäuse nicht steuert, indem man sich auf sie setzt und mit dem Hintern wackelt, sollten in der Lage sein, mit der Maus differenziertere Kommandos abzusetzen. Was aber ein echter Fanboy ist, der verteidigt seine Götzen blind, egal was sie anstellen. Der fände Windows selbst dann noch toll, wenn es ihnm unangekündigt die komplette Platte löscht - großartig, Gratis-Neuausrichtung der Elementarmagneten, was für ein tolles Feature, das kriegt man bei anderen Systemen nur viel umständlicher.
Zweites Beispiel: Irgendein Pseudoprominenter aus der vierten oder fünften Reihe bringt ein Buch heraus. Das ist in einer Zeit, in der nahezu alles Denk- und Meinbare in relativ kompakter Form im Netz gefunden werden und man es sich meist schenken kann, die auf 200 Seiten aufgeblähte Langfassung zu lesen, ohnehin schon ein gewagtes Unterfangen, aber fürs Ego ist es einfach schöner, ein Buch mit seinem Namen drauf im Regal statt auf einer Website stehen zu haben. Genau da liegt natürlich auch die Schwierigkeit. Nach wie vor meint so ziemlich jeder, der Subjekt und Prädikat halbwegs sauber voneinander trennen kann, seine geistige Leere in Buchform offenbaren zu müssen, weswegen weiterhin unfassbar große Mengen an Neuerscheinungen den Buchmarkt fluten. Wer hier bestehen will, braucht Aufmerksamkeit. Die könnte man durch Intelligenz zu erreichen versuchen, aber mangels ausreichender Ausstattung oder einfach auch aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus verlegt man sich meist lieber aufs Grobe. Ob ein abgehalfteter Banker einmal ganz tief in die gleiche rassistische Klamottenkiste greift, in der eine geschasste Nachrichtenredakteurin gerade herumwühlt, oder die karrieresüchtige Lebensabschnittsgefährtin eines niedersächsischen Provinzfürsten, der ein paar Wochen lang den Sessel des höchsten deutschen Staatsamts warm hielt, bis wir nach vier Jahren wieder so etwas Ähnliches wie einen Bundespräsidenten hatten, einen Suchmaschinenhersteller verklagt, weil er die Realität abbildet - völlig egal, wie peinlich man sich anstellt, die Verkaufserlöse entschädigen schnell dafür, dass man von keinem empfindungsfähigen Wesen mehr ernst genommen wird. Wenn Sie mir nicht glauben: Raten Sie mal, wer gerade die Spiegel-Beststellerliste anführt, obwohl das Buch ausnahmslos Verrisse erntete.
Wäre der Schwarm wirklich so intelligent, wie er es von sich meint, er hätte schon längst Filter entwickelt, um solche Ereignisse angemessen zu behandeln. Er hätte neue Windowsversionen mit der gleichen Gelassenheit zur Kenntnis genommen, wie er die durchschaubaren Marketingtricks viertklassiger Buchautoren ignorierte und deren Machwerke in den Regalen verrotten ließe. Statt dessen - aber lassen wir das, ich rege mich nur wieder unnötig auf.
Mittwoch, 29. August 2012
BKA-Trojaner geht um
Da sich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis die Meldungen zu häufen beginnen, habe ich den Eindruck, dass die neueste Version des BKA-Trojaners virulenter als die bisherigen ist. Leider können oder wollen die Betroffenen nicht genau sagen, welche Seiten sie in der letzen Zeit angesteuert haben, aber es scheint mir unabhängig davon ein guter Rat, sich über die möglichen Konsequenzen im Klaren zu sein, wenn man tonganische Kinoplattformen ansteuert. Rechtlich mag man vielleicht noch einigermaßen sicher sein, aber selbst wenn man die dort lauernden Abofallen noch einigermaßen umgangen bekommt, traue ich persönlich dem Seitencode nicht weiter als ich dessen Entwickler werfen könnte.
Damit es auch der Letzte gelesen hat: Schutzgelderpressung gehört nicht zum Geschäftsmodell des BKA. Wir wissen zwar, dass deutsche Ermittlungsdienste mitunter ein sehr entspanntes Verhältnis zu Menschen- und Bürgerrechten pflegen, aber das Infizieren eines Privatrechners mit einer Software, die den gesamten Systemzugang sperrt verstößt so offensichtlich gegen so viele Gesetze gleichzeitig, dass eine auf positive Außenwirkung bedachte Behörde wie das BKA nicht auf solche Mittel zurückgriffe. Auch die GVU, die GEZ oder die GEMA, die schon längst jeden Versuch aufgegeben haben, ihre Geisteshaltung zu beschönigen, dürften nicht auf diese Weise Geld eintreiben. Davon abgesehen böte jede dieser Einrichtungen nicht-anonyme Zahlungsmethoden an.
Ich frage mich zweierlei: Was treiben einige Leute mit ihren Rechnern, wenn sie Meldungen wie diese ernst nehmen? Vor allem aber: Wie schlecht muss der Leumund dieser Institutionen sein, dass man ihnen solche klar widerrechtlichen Methoden zutraut?
Wer den Kram übrigens wieder loswerden will: https://www.botfrei.de/rescuecd.html und zwei bis drei Stunden sollten ausreichen. Sicherheitsexperten mögen sich angesichts der vollautomatischen Vorgehensweise der Software auf dieser CD die Nackenhaare sträuben, aber ich interessiere mich für Lösungen, die ich einem Laien in die Hand drücken kann. Sollte wider Erwarten die CD das System zerschießen, lernen die Betroffenen vielleicht endlich die zwei wichtigsten Regeln der Computerbenutzung: Wenn ihr nur einen Bruchteil der Zeit, die ihr auf Schmuddelseiten verbringt, zur Absicherung eures Systems aufwendet, kann euch nichts passieren. Zweitens: Legt euch endlich Backups an.
Damit es auch der Letzte gelesen hat: Schutzgelderpressung gehört nicht zum Geschäftsmodell des BKA. Wir wissen zwar, dass deutsche Ermittlungsdienste mitunter ein sehr entspanntes Verhältnis zu Menschen- und Bürgerrechten pflegen, aber das Infizieren eines Privatrechners mit einer Software, die den gesamten Systemzugang sperrt verstößt so offensichtlich gegen so viele Gesetze gleichzeitig, dass eine auf positive Außenwirkung bedachte Behörde wie das BKA nicht auf solche Mittel zurückgriffe. Auch die GVU, die GEZ oder die GEMA, die schon längst jeden Versuch aufgegeben haben, ihre Geisteshaltung zu beschönigen, dürften nicht auf diese Weise Geld eintreiben. Davon abgesehen böte jede dieser Einrichtungen nicht-anonyme Zahlungsmethoden an.
Ich frage mich zweierlei: Was treiben einige Leute mit ihren Rechnern, wenn sie Meldungen wie diese ernst nehmen? Vor allem aber: Wie schlecht muss der Leumund dieser Institutionen sein, dass man ihnen solche klar widerrechtlichen Methoden zutraut?
Wer den Kram übrigens wieder loswerden will: https://www.botfrei.de/rescuecd.html und zwei bis drei Stunden sollten ausreichen. Sicherheitsexperten mögen sich angesichts der vollautomatischen Vorgehensweise der Software auf dieser CD die Nackenhaare sträuben, aber ich interessiere mich für Lösungen, die ich einem Laien in die Hand drücken kann. Sollte wider Erwarten die CD das System zerschießen, lernen die Betroffenen vielleicht endlich die zwei wichtigsten Regeln der Computerbenutzung: Wenn ihr nur einen Bruchteil der Zeit, die ihr auf Schmuddelseiten verbringt, zur Absicherung eures Systems aufwendet, kann euch nichts passieren. Zweitens: Legt euch endlich Backups an.
Freitag, 27. Juli 2012
Wie man Projekte heroisch vergeigt
Vor einigen Monaten hatte ich Empfehlungen gegeben, wie man sicher stellen kann, ein Projekt grandios scheitern zu lassen. Zu meiner Freude befolgten viele Unternehmen meinen Rat, darunter zahlreiche weltweit operierende DAX-Unternehmen mit mehreren hunderttausend Mitarbeitern. Eine Frage tauchte jedoch immer wieder auf: Kann man das Ganze nicht noch optimieren? Wie kann man erreichen, dass man nicht nur einfach scheitert, sondern auch noch mit maximalem Verlust und vor allem: heroisch? Mit seinem Schiff untergehen kann schließlich jeder. Die Rettungsboote festketten und selbst dann noch auf der Brücke das Steuer halten, wenn das gesunkene Schiff hunderte Meter unter der Wasseroberfläche auf den Meeresboden knallt - das ist der Stoff, aus dem die Helden sind.
Auch hierfür gibt es selbstverständlich eine Strategie, die ich nun gern beschreibe.
Egal, wie die Anforderung lautet - sagen Sie zu, je aussichtsloser desto besser. Falls Sie einen Staudamm bauen sollen und Ihr einziges Werkzeug in einem Teelöffel besteht, prahlen Sie damit, dass Sie es in einer Woche schaffen und die Sache nicht mehr kostet als ein Burger mit Cola. Sollte die Konkurrenz schon ein ähnliches Angebot unterbreitet haben - kein Problem. Zur Not behaupten Sie, der Staudamm sei praktisch schon gebaut und das Teuerste daran sei die Atemluft gewesen, die man beim Bauen verbraucht hat. Natürlich wird Ihr Auftraggeber schon Sekunden nach Vertragsabschluss begreifen, dass Sie ihn nach Strich und Faden belogen haben, aber wen kümmert das? Auch unzufriedene Kunden sind Kunden. Hauptsache, sie zahlen. Ach ja, Sie haben versprochen, dass Sie praktisch gratis arbeiten. Umso besser, dann haben Sie Ihr Ziel der Kostenmaximierung schon fast erreicht. Merke: Wahre Helden kennen das Wort "unmöglich" nicht.
Fußte Ihre Projektzusage schon auf so fundierten Annahmen wie der plötzlichen Entdeckung des Warpantriebs und dass Ihre sämlichen Mitarbeiter einen Hogwarts-Abschluss mit Auszeichnung in der Tasche haben, so besteht natürlich das geringe Risiko, dass Sie es irgendwie noch schaffen könnten. Um dieser Gefahr zu begegnen, sollten Sie alle kritischen Termine in die Schulferienzeit legen, wenn Ihre halbe Belegschaft Urlaub genommen hat. Die übrig Gebliebenen müssen unbedingt die Vertretungen und nicht etwa die Hauptmitarbeiter sein. Je weniger praktische Erfahrungen die Mitarbeiter in Ihrem Projekt haben, desto besser. Merke: Egal, wie hoch sich die Schwierigkeiten türmen - wahre Helden stehen drüber.
Sie können sich also sicher sein, dass Ihre Leute keinen blassen Schimmer haben. Sehr gut, lassen Sie sie das spüren. Werfen Sie ihnen vor, sie hätten sich nicht ordentlich eingearbeitet. Es darf keinesfalls auch nur ein Funken Motivation entstehen, der das Projekt noch retten könnte.
Wenn Sie jedoch meine ehrliche Meinung hören wollen: Das ist alles noch viel zu billig. Jetzt hat Ihre große Stunde geschlagen. Verkünden Sie, dass den Luschen in Ihrer Abteilung leider das nötige Wissen fehlt und dass Sie jetzt zu ihrer Unterstützung einen externen Dienstleister beauftragen werden. Gehen Sie bei Ihrer Wahl sorgfältig vor. Wenn Ihre Leute einen Tomcatspezialisten mit Unixerfahrungim Rechenzentrumsumfeld suchen, schicken Sie ihnen einen Oracle-Datenbankadministrator, der bisher nur auf Einzelplatzsystemen mit direktem Konsolenzugriff gearbeitet hat. Sagen Sie, auf die Schnelle sei nur dieser Experte greifbar gewesen, und Oracle könnte ja auch irgendwie Applikationen. Lenken Sie Ihre Mitarbeiter maximal von ihrer eigentlichen Aufgabe ab, indem sie die Externen einarbeiten müssen. Wenn Sie ganz sicher gehen wollen, holen Sie sich den einzigen Spezialisten in Fernost, der weder Deutsch noch Englisch vernünftig spricht und sich hierzu der einzigen noch im Betrieb befindlichen analogen Telefonleitung bedient. Ein Unix-Admin, der seine Zeit damit verbringt, den Externen in einem heillosen Kauderwelsch beizubringen, wie Putty unter Windows funktioniert, ist aus Ihrer Sicht genau richtig eingesetzt. Auf diese Weise schlagen sie vier Fliegen mit einer Klappe: Die Kosten steigen, der Zeitplan wird enger, die Internen frustrierter, und die Externen bekommen auf Ihre Kosten eine Ausbildung. Das Beste ist jedoch: Das Theater bringt ihr Projekt keinen Millimeter voran. Im Gegenteil: Die Externen sammeln zwar banales, aber für den Betrieb unentbehrliches Wissen, das sie natürlich nicht dokumentieren. Sie werden grauenhaft verknotete Skripte schreiben, deren Analyse praktisch unmöglich ist und somit die Externen für Jahre mit der Aufgabe versorgt, das von ihnen selbst angerichtete Chaos halbwegs zu kontrollieren. Merke: Wahre Helden wissen immer einen Ausweg.
Die ganze Denkerei wird auf Dauer anstrengend, nicht wahr? Keine Angst, niemand erwartet das von Ihnen. Ihre Aufgabe als Chef besteht vielmehr darin, sich zu gebärden, als hätte man Claudia Roth mit Guido Westerwelle gekreuzt. Statt sich um den Fortgang Ihres Projekts zu kümmern, geben Sie Parolen aus. "Just make it happen" zum Beispiel sollte Ihr Standardspruch sein, falls ein aufmüpfiger Angestellter es wagt, einen Abgleich zwischen den von Ihnen gesteckten Zielen und der Realität zu schaffen. "Ich suche nicht, ich finde", lautet Ihre Antwort, wenn sich herausstellt, dass die Suchmaschine Ihres Intranets nur Blödsinn liefert. "Wenn Sie nicht Teil der Lösung sind, sind Sie Teil des Problems", sagen Sie, wenn selbst der Hausmeister gemerkt hat, dass Ihre Idee nie funktionieren wird.
Parolen allein sind natürlich nur der Anfang. Saugen Sie sich eine Kampagne aus den Fingern. Zwingen Sie Ihre Mitarbeiter, sich kampagnenintern für Fähigkeiten zu zertifizieren, die außerhalb der Unternehmens (und optimalerweise auch innerhalb) nicht den leisesten Sinn ergeben. Berufen Sie tägliche Statussitzungen ein und sprechen Sie dabei über Dinge, die sie Minuten vorher in ihrem Managerhochglanzmagazin aufgeschnappt haben. Merke: Wahre Helden lachen der Katastrophe ins Gesicht.
Sie erinnern sich an diese Parole aus dem vorherigen Absatz? Die gilt natürlich nur, wenn sie Ihnen Arbeit vom Hals hält. In allen anderen Fällen hält man sich selbstverständlich an die Regeln. Das lässt sich übrigens großartig kombinieren. Wenn ein Mitarbeiter darüber klagt, dass er wegen fehlender Firewallfreischaltungen auf ein bestimmtes System nicht zugreifen kann, bestehen Sie darauf, dass er hierzu bei der Netzadministration ein Ticket eröffnet, das eine Abarbeitungszeit von mehreren Tagen hat. Das verwendete Formular sollte dabei unbedingt Fragen aufweisen, die der Mitarbeiter nicht beantworten kann. Fragen Sie beispielsweise den Netzwerknamen der Firewall ab, auf der die Freischaltung erfolgen soll. Wenn Sie sich besonders schlau anstellen wollen, lassen Sie nicht den Betroffenen die Firewallregel beantragen, sondern benennen Sie einen Anderen und versehen ihn mit möglichst unpräzisen Informationen, etwa diesen: "Schalte Henry für die Server frei, so wie die Anderen auch". Gleichzeitig zwingen Sie einen weiteren Mitarbeiter, dessen Rechner über die entsprechenden Freischaltungen verfügt, sein System mit einer Teamviewersitzung für den blockierten Mitarbeiter zu öffnen, damit er den Rechner als Sprungsystem nutzen kann. Das verstößt zwar gegen alle Sicherheitsrichtlinien, aber hey, erstens ist es nicht Ihr Rechner, und zweitens haben Sie auf diese Weise den Mitarbeiter, der gerade seinen Rechner freigibt, zu tatenlosen Zuschauen verdonnert. That's the spririt! Merke: Wahre Helden kümmern sich nicht um Klein-Klein.
Berlin, April 1945, Führerbunker. Hitler sitzt mit seinem Stab zusammen und befehligt Armeen, die längst nicht mehr existieren. Von einigen seiner Offiziere schließlich auf die schnöden Widrigkeiten der Realität hingewiesen, liefert er eine Rede, die man als die Geburtsstunde modernen Managements ansehen kann. Seminare für Führungskräfte sollten den Film "der Untergang" zeigen - nicht als Warnung, sondern als leuchtendes Beispiel dafür, wie Leitungsebenen durch alle Zeitalter hindurch ihre menschlichen Ressourcen wertschätzen. Merke: Dazz waa ein Befeel!
Das alles ist natürlich nur der Anfang. Sie können diese Strategie noch weiter perfektionieren. Je größer das Unternehmen, je epischer Ihr Versagen, je gewaltiger der versenkte Geldbetrag, desto größer sind die Chancen, dass Sie bei der nächsten Bonizahlung ganz weit oben auf der Liste stehen. Also frisch ans Werk.
Auch hierfür gibt es selbstverständlich eine Strategie, die ich nun gern beschreibe.
Reißen Sie den Mund auf
Egal, wie die Anforderung lautet - sagen Sie zu, je aussichtsloser desto besser. Falls Sie einen Staudamm bauen sollen und Ihr einziges Werkzeug in einem Teelöffel besteht, prahlen Sie damit, dass Sie es in einer Woche schaffen und die Sache nicht mehr kostet als ein Burger mit Cola. Sollte die Konkurrenz schon ein ähnliches Angebot unterbreitet haben - kein Problem. Zur Not behaupten Sie, der Staudamm sei praktisch schon gebaut und das Teuerste daran sei die Atemluft gewesen, die man beim Bauen verbraucht hat. Natürlich wird Ihr Auftraggeber schon Sekunden nach Vertragsabschluss begreifen, dass Sie ihn nach Strich und Faden belogen haben, aber wen kümmert das? Auch unzufriedene Kunden sind Kunden. Hauptsache, sie zahlen. Ach ja, Sie haben versprochen, dass Sie praktisch gratis arbeiten. Umso besser, dann haben Sie Ihr Ziel der Kostenmaximierung schon fast erreicht. Merke: Wahre Helden kennen das Wort "unmöglich" nicht.
Achten Sie auf Ferienzeiten
Fußte Ihre Projektzusage schon auf so fundierten Annahmen wie der plötzlichen Entdeckung des Warpantriebs und dass Ihre sämlichen Mitarbeiter einen Hogwarts-Abschluss mit Auszeichnung in der Tasche haben, so besteht natürlich das geringe Risiko, dass Sie es irgendwie noch schaffen könnten. Um dieser Gefahr zu begegnen, sollten Sie alle kritischen Termine in die Schulferienzeit legen, wenn Ihre halbe Belegschaft Urlaub genommen hat. Die übrig Gebliebenen müssen unbedingt die Vertretungen und nicht etwa die Hauptmitarbeiter sein. Je weniger praktische Erfahrungen die Mitarbeiter in Ihrem Projekt haben, desto besser. Merke: Egal, wie hoch sich die Schwierigkeiten türmen - wahre Helden stehen drüber.
Kaufen Sie externe Hilfe
Sie können sich also sicher sein, dass Ihre Leute keinen blassen Schimmer haben. Sehr gut, lassen Sie sie das spüren. Werfen Sie ihnen vor, sie hätten sich nicht ordentlich eingearbeitet. Es darf keinesfalls auch nur ein Funken Motivation entstehen, der das Projekt noch retten könnte.
Wenn Sie jedoch meine ehrliche Meinung hören wollen: Das ist alles noch viel zu billig. Jetzt hat Ihre große Stunde geschlagen. Verkünden Sie, dass den Luschen in Ihrer Abteilung leider das nötige Wissen fehlt und dass Sie jetzt zu ihrer Unterstützung einen externen Dienstleister beauftragen werden. Gehen Sie bei Ihrer Wahl sorgfältig vor. Wenn Ihre Leute einen Tomcatspezialisten mit Unixerfahrungim Rechenzentrumsumfeld suchen, schicken Sie ihnen einen Oracle-Datenbankadministrator, der bisher nur auf Einzelplatzsystemen mit direktem Konsolenzugriff gearbeitet hat. Sagen Sie, auf die Schnelle sei nur dieser Experte greifbar gewesen, und Oracle könnte ja auch irgendwie Applikationen. Lenken Sie Ihre Mitarbeiter maximal von ihrer eigentlichen Aufgabe ab, indem sie die Externen einarbeiten müssen. Wenn Sie ganz sicher gehen wollen, holen Sie sich den einzigen Spezialisten in Fernost, der weder Deutsch noch Englisch vernünftig spricht und sich hierzu der einzigen noch im Betrieb befindlichen analogen Telefonleitung bedient. Ein Unix-Admin, der seine Zeit damit verbringt, den Externen in einem heillosen Kauderwelsch beizubringen, wie Putty unter Windows funktioniert, ist aus Ihrer Sicht genau richtig eingesetzt. Auf diese Weise schlagen sie vier Fliegen mit einer Klappe: Die Kosten steigen, der Zeitplan wird enger, die Internen frustrierter, und die Externen bekommen auf Ihre Kosten eine Ausbildung. Das Beste ist jedoch: Das Theater bringt ihr Projekt keinen Millimeter voran. Im Gegenteil: Die Externen sammeln zwar banales, aber für den Betrieb unentbehrliches Wissen, das sie natürlich nicht dokumentieren. Sie werden grauenhaft verknotete Skripte schreiben, deren Analyse praktisch unmöglich ist und somit die Externen für Jahre mit der Aufgabe versorgt, das von ihnen selbst angerichtete Chaos halbwegs zu kontrollieren. Merke: Wahre Helden wissen immer einen Ausweg.
Denken Sie in kurzen Zeiträumen
Was bei Druckern funktioniert, klappt natürlich auch woanders: Lächerlich geringe Anschaffungskosten ködern Kunden, die man dann mit exorbitant hohen Betriebsausgaben ausnimmt. Wenn Ihnen zwei Angebote vorliegen, von denen das eine das gesamte Paket, das andere nur Basisleistungen umfasst, aber natürlich etwas billiger ist, wählen Sie unbedingt das zweite. Ihre Vorgesetzen und die Aktionäre sind ebensolche Luschen in Mathematik wie Sie und werden es Ihnen danken. Die in der Folge auftauchenden Mehrausgaben dürfen Sie als völlig überraschende und entsprechend nicht budgetierte Sonderkosten verbuchen. Damit konnte nun wirklich niemand rechnen.Um das Minus wenigstens einigermaßen auszugleichen, müssen Sie freilich an anderer Stelle sparen. Egal, ob Sie bei dieser Gelegenheit einen internen Experten rauswerfen oder einen dringend benötigten Server streichen, sollten Sie immer im Auge behalten, das Projekt maximal zu behindern. Setzen Sie auf schnelle Erfolge statt auf langfristige Qualität. Ihre Leute könnten langsam und sorgfältig ein Produkt erstellen, dass lange zuverlässig funktioniert und sich leicht warten lässt. Das ist aber nichts für Helden. Rennen Sie durch Ihre Abteilung, schreien Sie Ihre Leute an, Sie wollen endlich Ergebnisse sehen. Treiben Sie Ihre Mitarbeiter an, hektisch etwas zusammenzufrickeln, was gerade einmal die Abnahmetests übersteht, von dem keiner weiß, warum es überhaupt funktioniert und das einen Tag nach Produktivstellung katastrophale Fehlfunktionen aufweist. Merke: Wahre Helden brocken ein, sie baden nicht aus.Ersetzen Sie Hilfe durch Hirnwäsche
Die ganze Denkerei wird auf Dauer anstrengend, nicht wahr? Keine Angst, niemand erwartet das von Ihnen. Ihre Aufgabe als Chef besteht vielmehr darin, sich zu gebärden, als hätte man Claudia Roth mit Guido Westerwelle gekreuzt. Statt sich um den Fortgang Ihres Projekts zu kümmern, geben Sie Parolen aus. "Just make it happen" zum Beispiel sollte Ihr Standardspruch sein, falls ein aufmüpfiger Angestellter es wagt, einen Abgleich zwischen den von Ihnen gesteckten Zielen und der Realität zu schaffen. "Ich suche nicht, ich finde", lautet Ihre Antwort, wenn sich herausstellt, dass die Suchmaschine Ihres Intranets nur Blödsinn liefert. "Wenn Sie nicht Teil der Lösung sind, sind Sie Teil des Problems", sagen Sie, wenn selbst der Hausmeister gemerkt hat, dass Ihre Idee nie funktionieren wird.
Parolen allein sind natürlich nur der Anfang. Saugen Sie sich eine Kampagne aus den Fingern. Zwingen Sie Ihre Mitarbeiter, sich kampagnenintern für Fähigkeiten zu zertifizieren, die außerhalb der Unternehmens (und optimalerweise auch innerhalb) nicht den leisesten Sinn ergeben. Berufen Sie tägliche Statussitzungen ein und sprechen Sie dabei über Dinge, die sie Minuten vorher in ihrem Managerhochglanzmagazin aufgeschnappt haben. Merke: Wahre Helden lachen der Katastrophe ins Gesicht.
Just don't make it happen
Sie erinnern sich an diese Parole aus dem vorherigen Absatz? Die gilt natürlich nur, wenn sie Ihnen Arbeit vom Hals hält. In allen anderen Fällen hält man sich selbstverständlich an die Regeln. Das lässt sich übrigens großartig kombinieren. Wenn ein Mitarbeiter darüber klagt, dass er wegen fehlender Firewallfreischaltungen auf ein bestimmtes System nicht zugreifen kann, bestehen Sie darauf, dass er hierzu bei der Netzadministration ein Ticket eröffnet, das eine Abarbeitungszeit von mehreren Tagen hat. Das verwendete Formular sollte dabei unbedingt Fragen aufweisen, die der Mitarbeiter nicht beantworten kann. Fragen Sie beispielsweise den Netzwerknamen der Firewall ab, auf der die Freischaltung erfolgen soll. Wenn Sie sich besonders schlau anstellen wollen, lassen Sie nicht den Betroffenen die Firewallregel beantragen, sondern benennen Sie einen Anderen und versehen ihn mit möglichst unpräzisen Informationen, etwa diesen: "Schalte Henry für die Server frei, so wie die Anderen auch". Gleichzeitig zwingen Sie einen weiteren Mitarbeiter, dessen Rechner über die entsprechenden Freischaltungen verfügt, sein System mit einer Teamviewersitzung für den blockierten Mitarbeiter zu öffnen, damit er den Rechner als Sprungsystem nutzen kann. Das verstößt zwar gegen alle Sicherheitsrichtlinien, aber hey, erstens ist es nicht Ihr Rechner, und zweitens haben Sie auf diese Weise den Mitarbeiter, der gerade seinen Rechner freigibt, zu tatenlosen Zuschauen verdonnert. That's the spririt! Merke: Wahre Helden kümmern sich nicht um Klein-Klein.
Gewinnen Sie Abstand zur Realität
Berlin, April 1945, Führerbunker. Hitler sitzt mit seinem Stab zusammen und befehligt Armeen, die längst nicht mehr existieren. Von einigen seiner Offiziere schließlich auf die schnöden Widrigkeiten der Realität hingewiesen, liefert er eine Rede, die man als die Geburtsstunde modernen Managements ansehen kann. Seminare für Führungskräfte sollten den Film "der Untergang" zeigen - nicht als Warnung, sondern als leuchtendes Beispiel dafür, wie Leitungsebenen durch alle Zeitalter hindurch ihre menschlichen Ressourcen wertschätzen. Merke: Dazz waa ein Befeel!
Das alles ist natürlich nur der Anfang. Sie können diese Strategie noch weiter perfektionieren. Je größer das Unternehmen, je epischer Ihr Versagen, je gewaltiger der versenkte Geldbetrag, desto größer sind die Chancen, dass Sie bei der nächsten Bonizahlung ganz weit oben auf der Liste stehen. Also frisch ans Werk.
Sonntag, 10. Juni 2012
Sehnse, dat is Berlin
Internet-Meme interessieren mich - so leer ist mein Leben.
Wahrscheinlich ist es ein Armutszeugnis für mich, aber ich finde es hoch spannend, wenn scheinbar aus dem Nichts ein Satz oder Bild auftaucht, das in den Leuten etwas zündet. Die Meisten schicken einfach den Link weiter, einige aber ändern etwas am Bild, schreiben einen lustigen Kommentar, und das Mem entwickelt sich weiter.
Manchmal bekommt die Sache dann eine Wendung, bei der man nachdenklich wird. So geht seit Freitag ein Bild im Netz herum, das einen nackten Mann in der U-Bahn zeigt, der entspannt dahingelümmelt mit einem Bier in der Hand aus dem Fenster guckt. Das Foto wurde mit dem Einverständnis des Mannes aufgenommen.
Die Kommentare dazu ("Planking", "Füße auf dem Sitz" oder "Wo der wohl seine Fahrkarte stecken hat?") fielen bisweilen sehr komisch aus. Jetzt aber meldet sich ein Blogger, den es zutiefst beschämt, das Foto eines Mannes verbreitet zu haben, von dem sich jetzt herausstellte, dass er geistig behindert ist und deswegen möglicherweise die Folgen seines Handelns nicht abschätzen konnte, als er die Zustimmung zu dem Foto gab.
Rechtlich ist die Sache damit klar. In einer Hinsicht möchte ich aber dem Blogger widersprechen. Ich glaube nämlich nicht, dass sich das Netz gerade über diesen Mann lustig macht. Natürlich wird es immer ein paar Idioten geben, die ihr ganzes Selbstwertgefühl aus dem verzweifelten Versuch speisen, mit allen Mitteln irgendetwas zu suchen, auf das sie herabblicken können. Die werden sich auch über diesen Mann das Maul zerreißen. In meinen Augen sagt das Foto aber etwas Anderes aus.
Zuallererst gibt es wohl kaum etwas Wehrloseres und Friedlicheres als einen untrainiert wirkenden nackten Menschen. Gleichzeitig durchbricht der Mann ein gesellschaftliches Tabu und wirkt zumindest im Kontext einer U-Bahn in einer Millionenmetropole schon fast wieder bedrohlich. Auf welche Idee könnte er als nächstes kommen? Aber so, wie er da sitzt, scheint er nicht auf Streit aus zu sein. Gleichzeitig wird er auch von niemandem angepöbelt. Insgesamt ist für mich das Foto eine großartige Werbung für Berlin: Egal, wie eigenartig du im Rest der Republik wirken magst, hier in Berlin ist das normal, da sind nämlich alle so.
Wahrscheinlich ist es ein Armutszeugnis für mich, aber ich finde es hoch spannend, wenn scheinbar aus dem Nichts ein Satz oder Bild auftaucht, das in den Leuten etwas zündet. Die Meisten schicken einfach den Link weiter, einige aber ändern etwas am Bild, schreiben einen lustigen Kommentar, und das Mem entwickelt sich weiter.
Manchmal bekommt die Sache dann eine Wendung, bei der man nachdenklich wird. So geht seit Freitag ein Bild im Netz herum, das einen nackten Mann in der U-Bahn zeigt, der entspannt dahingelümmelt mit einem Bier in der Hand aus dem Fenster guckt. Das Foto wurde mit dem Einverständnis des Mannes aufgenommen.
Die Kommentare dazu ("Planking", "Füße auf dem Sitz" oder "Wo der wohl seine Fahrkarte stecken hat?") fielen bisweilen sehr komisch aus. Jetzt aber meldet sich ein Blogger, den es zutiefst beschämt, das Foto eines Mannes verbreitet zu haben, von dem sich jetzt herausstellte, dass er geistig behindert ist und deswegen möglicherweise die Folgen seines Handelns nicht abschätzen konnte, als er die Zustimmung zu dem Foto gab.
Rechtlich ist die Sache damit klar. In einer Hinsicht möchte ich aber dem Blogger widersprechen. Ich glaube nämlich nicht, dass sich das Netz gerade über diesen Mann lustig macht. Natürlich wird es immer ein paar Idioten geben, die ihr ganzes Selbstwertgefühl aus dem verzweifelten Versuch speisen, mit allen Mitteln irgendetwas zu suchen, auf das sie herabblicken können. Die werden sich auch über diesen Mann das Maul zerreißen. In meinen Augen sagt das Foto aber etwas Anderes aus.
Zuallererst gibt es wohl kaum etwas Wehrloseres und Friedlicheres als einen untrainiert wirkenden nackten Menschen. Gleichzeitig durchbricht der Mann ein gesellschaftliches Tabu und wirkt zumindest im Kontext einer U-Bahn in einer Millionenmetropole schon fast wieder bedrohlich. Auf welche Idee könnte er als nächstes kommen? Aber so, wie er da sitzt, scheint er nicht auf Streit aus zu sein. Gleichzeitig wird er auch von niemandem angepöbelt. Insgesamt ist für mich das Foto eine großartige Werbung für Berlin: Egal, wie eigenartig du im Rest der Republik wirken magst, hier in Berlin ist das normal, da sind nämlich alle so.
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