Donnerstag, 11. Juni 2009

Und er vergibt uns doch

Morgenandachten im Radio sind für gewöhnlich die blinden Flecken in der Wahrnehmung des Zuhörers. Für fünf Minuten, bei einigen Stationen auch deutlich weniger, schaltet sich eine Stimme aus einem Paralleluniversum auf Sendung und setzt im gleichen Tonfall, mit dem ein Tierpfleger eine außer Kontrolle geratene Elefantenherde zu beruhigen versucht, der Hörerschaft auseinander, wie G'tt so funktioniert.

In Bezug auf die Ewigkeit sind fünf Minuten eine kurze Zeit, in der man nur endlich viel Worte sagen kann. Endlich viel Worte aus einer ebenfalls endlichen Menge gewählt lassen sich nur endlich oft kombinieren. Stichwort für mathematisch Interessierte: Urnenexperiment mit Zurücklegen, n^k. Wenn man aus der Menge unterschiedlicher Kombinationen über Jahrzehnte täglich schöpft, hat man irgendwann alles durchprobiert. Was ich hier durch die Blume auszudrücken versuche: Es sieht so aus, als sei nahezu alles, was man in einer Radiokurzandacht sagen kann, schon gesagt worden, jedenfalls wiederholt sich das Ganze seit einiger Zeit. Das ist aber nicht weiter schlimm, es hört ohnehin niemand zu.

So sollte man meinen. Tatsächlich aber hört doch gelegentlich jemand zu, insbesondere wenn sich ein rhetorisch guter Pastor wie Burkhard Müller im Februar dieses Jahres in sechs Andachten zu Wort meldet. Müller spricht eine klare Sprache und setzt sich gern in Szene - gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches Pastorendasein. Wer verständlich spricht, läuft freilich auch Gefahr, verstanden zu werden. In diesem speziellen Fall ging es um eine etwas heikle Frage, die Müller so klar beantwortete, dass auch das schlichteste Gemüt verstand, worum es ihm ging: Musste Jesus sterben, damit die Sünden vergeben wurden? Müller sagt: Nein.

Verständlichkeit hat eben nicht nur Vorteile. Denken wir an Fußball oder die Rechtschreibung. Im Prinzip weiß jeder, worum es geht: Das Runde muss in das Eckige, und "es sich leicht machen" schreibt man neuerdings getrennt. Das ist verständlich, was den klassischen Wichtigtuer veranlasst, sich sofort als Experte zu fühlen. Verständlich sein heißt aber nicht, dass etwas auch wirklich verstanden wird. Das ist bei Sport- und Sprachfragen nicht anders als bei Theologie. Nicht umsonst kann man alle drei Fachrichtungen studieren. Es gibt also Themen, über die man genauer nachgedacht haben sollte - was natürlich niemanden hindert, sich von jeglicher Sachkenntnis unberührt dazu zu äußern.

Sei es die Frage, wie man am besten Tore schießt, Worte schreibt oder transzendente Mächte behandelt - je weniger man weiß, desto mehr glaubt man, und je mehr man glaubt, desto weniger übernimmt die Ratio, umso mehr die Emotion das Ruder. Bei der Frage, ob Gott unbedingt ein Menschenopfer braucht, um die Sündhaftigkeit der Menschen vergeben zu können, scheiden sich bei Protestanten die Geister mit einer Vehemenz, dass die Taliban als vergleichsweise entspannte Richter in Glaubensfragen durchgehen. Von Ketzerei und Häresie war die Rede, von Irrlehren, abstrusen Ideen, blankes Entsetzen habe die Leute ergriffen, große Wut und riesengroße Enttäuschung darüber, dass die Bibel auf den Kopf gestellt wird.

Nun mag man von Pastor Müller halten, was man will, aber man sollte unabhängig von Zustimmung oder Ablehnung die Kirche im Dorf, in diesem Fall Bonn-Endenich, lassen. Müllers Worte mögen eine nicht ganz uneitle Schmissigkeit haben, aber bei alledem ist der Mann evangelischer Theologe und nicht der Papst. Er hat seinen Hörern nicht vorgeschrieben, was sie glauben sollen, sondern seine Interpretation der Bibel dargelegt - nach guter Wissenschaftlersitte immer brav mit Nennung der Quelle. Wer sich der Mühe unterzieht, bei ihm nachzubohren, bekommt auch eine ausgesprochen differenzierte Antwort. Müller sagt nämlich nicht, dass Jesus umsonst gestorben ist, das Ganze also eine Art Betriebsunfall war. Statt dessen sagt er, Jesus sei so weit gegangen, dass er ab einen bestimmten Punkt nur noch die Wahl hatte, zu fliehen und damit seine Idee zu verraten oder sich seinen Gegnern zu stellen und der Welt zu zeigen, dass er gar nicht anders kann als bis zum Äußersten zu gehen. Das Einzige, was Müller bezweifelt, ist die Behauptung, ein allmächtiger Gott sei ohne Blutopfer nicht fähig, den Menschen zu vergeben. Dabei betont er immer wieder, dass dies seine persönliche Sicht der Dinge ist - sauber und schlüssig hergeleitet, aber eben keine objektive Wahrheit. Am Ende bleibt eine Position, die sich von der seiner Gegner nur wenig unterscheidet: Jesus konnte so oder so nicht anders, als für seine Überzeugung zu sterben, aber in der Müllerschen Exegese fand die Sündenvergebung unabhängig davon statt.

Gleichwohl fiel der Sturm im Abendmahlskelch heftig aus, und da es um das himmlische Heil ging, hielt man es nicht für nötig, sich an irdische Umgangsformen zu halten. Statt sich mit Müller direkt auseinander zu setzen, wandte man sich gleich an den Präses, dass er seinen Endenicher Hirten zur Raison bringe. Der wiederum reagierte nicht wie erwartet und ließ Müller statt dessen gewähren; eine angemessene Entscheidung, denn Müllers Position ist zwar umstritten, wird aber von anderen Theologen geteilt.

Fragt man Müllers Gegner, was genau sie so in Rage bringt, kommen Antworten, die zumindest für den theologischen Laien Fragen offen lassen. Im Sündentod offenbare sich die Liebe G'ttes, heißt es dann. Klar, darauf hätte ich auch selbst kommen können, und wie genau geht das vor sich? "Die Liebe Gottes reicht bis in den Tod, damit die Menschen von der Macht des Todes und der Sünde befreit sind und ein neues Leben
führen können." Wundert es irgendwen bei solchen gewundenen Formulierungen ernsthaft, dass eines Tages jemand Ockhams Rasiermesser zückt und dem Ganzen ein klares "Nein" entgegen setzt?

Leute wie Müller seien es, welche die Leute aus der Kirche trieben, wird behauptet. Man korrigiere mich, wenn ich jetzt Falsches erzähle, aber die Leute rennen der Kirche seit Jahrzehnten davon. Dass dies am unzureichenden Verkünden der Kreuzigung in der Mel-Gibson-Fassung liegt, erscheint mir als Erklärung doch etwas gewagt.

"Man soll die Leute da abholen, wo sie stehen", bekommt jeder zu hören, der bei Kirchens auch nur ansatzweise neue Gedanken äußert. In der Praxis heißt dies, dass jeder an Altersstarrsinn erkrankte Querulant allein eine komplette Gemeinde ausbremsen kann, wenn er nur trotzig genug mit dem Fuß aufstampft. Nichts gegen Pastor Müller, aber man überschätzt ihn meiner Meinung nach, wenn man ihm die Macht unterstellt, einen Massenexodus aus der Kirche auslösen zu können.
Wahrer Glaube zeigt sich doch gerade darin, dass er immer wieder auf die Probe gestellt wird und dennoch besteht. Wer Burkhard Müller die Schuld am Einsturz des eigenen theologischen Kartenhauses vorwirft, verwechselt Ursache und Auslöser. Wie schwach muss der Glaube eines Menschen denn noch sein, wenn sechs mal fünf Minuten Radioandacht ihn derart aus der Bahn werfen?

Interessanterweise wird es zumindest auf Rundfunkebene keinen weiteren Grund geben, sich über Burkhard Müller aufzuregen. Der WDR hat nämlich auf den Kalender gesehen und ganz überrascht festgestellt, dass wir schon 2009 und nicht mehr 2004 haben - fünf Jahre zu spät für den inzwischen Siebzigjährigen, noch Radiopredigten zu halten. Offenbar verlieren Pastoren mit ihrem 65. Geburtstag schlagartig die Fähigkeit, noch einen klaren Satz von sich zu geben. Welch ein Zufall, dass dem WDR diese Erkenntnis gerade jetzt kommt.

Montag, 8. Juni 2009

Wörterbuch des Undemokraten, Teil 1:

Tralafitti:
Wiefelspützsch für: Ich habe einen Doktor, du nicht. Ich habe ein Bundestagsmandat, du nicht. Ich bekomme netto das Doppelte von dem, was du brutto bekommst. Ich bin gewählt, und bis zur nächsten Wahl kümmert es mich nicht, was die Leute wie du von mir halten. Du hast mich nicht gewählt, und du wirst mich auch nicht wählen - warum sollte ich mich um dich kümmern? Ich will das Medium Internet, insbesondere Foren wie "Abgeordnetenwatch" gar nicht erst verstehen. Es ist mir egal, ob ich mich oder meine Partei damit in den Augen von Technikspinnern wie dir der Lächerlichkeit preisgebe und so den Platz der SPD im Zwanzig-Prozent-Ghetto zementiere. Hast du meinen Listenplatz angesehen? Solange die SPD über fünf Prozent kommt, bin ich drin.

Tralafitti - so hört es sich an, wenn man sich als Volksvertreter nicht mehr ums Volk scheren muss.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Generation C64 - Entstehung eines Begriffs?

Die Familienministerin verwechselt Sperren und Löschen, genau genommen verwechselt sie Wegschauen mit Bekämpfen, ganz böse Zungen formulieren, mit ihrer Strategie setze sie sich für die ungehinderte Verbreitung dokumentierter Kinderschändung ein und wolle nur sicher stellen, dass man ihr im eigenen Land nicht dabei zusehen kann - und in der realen Welt findet man das im Wesentlichen in Ordnung. Die Netzgemeinde sieht dies in ihrer schweigenden Mehrheit möglicherweise ebenso, aber eine kleine Gruppe Aktivisten geht auf die Palme. Wie groß diese Gruppe ist, lässt sich schwer sagen, aber offenbar erregt sie genug Aufmerksamkeit, dass sich zumindest die Onlineausgaben der Zeit, der taz, des Handelsblatts, der Süddeutschen, der FAZ und des Spiegels ihr widmen. In einem gut geschriebenen Artikel beschreibt der Spiegel jetzt dieses Phänomen und versucht bei dieser Gelegenheit, einen Begriff zu etablieren: Generation C64.

Das klingt nach 68er und nach Generation Golf. Wie bei jedem neu aufkommenden Schlagwort, man denke nur an "Web 2.0", fühlt man sich zunächst hin und her gerissen zwischen Ablehnung eines zu platten Begriffs und der Begeisterung, eine Gedankenwolke endlich mit einem Wort fassen zu können. Welches der beiden Gefühle siegt und ob die vom Spiegel vorgeschlagene Vokabel unverändert übernommen wird, zeigen die nächsten Wochen.

Der Versuch des Spiegel, sich mit einem schmissig geschriebenen Artikel als Wortschöpfer zu etablieren, ist offensichtlich, aber so funktioniert das Geschäft nun einmal: Wer ein Feld besetzen will, muss es stürmen. Anhand der Reaktionen auf den Artikel merkt man, dass der Artikel einen Nerv getroffen hat.

Um eine Idee zu bekommen, wie die Generation C64 aussieht, nehmen greifen wir uns zufällig jemanden heraus, der gerade in der Nähe ist und sich von diesem Schlagwort beschrieben fühlt - mich - und sehen nach, womit er sich den Tag über so beschäftigt:

Die morgendliche Lektüre besteht nicht in der Papierausgabe einer Zeitung, sondern im Überfliegen der wichtigsten Meldungen bei Spiegel Online und dem Heise-Newsticker. Der Gang zum Briefkasten entfällt, weil sich dort außer der alle 14 Tage erscheinenden c't ohnehin nur selten etwas befindet. Statt dessen gilt die Aufmerksamkeit den verschiedenen E-Mailkonten. Wichtig ist dabei der Plural. Spamfilter in allen Ehren, aber eine Adresse, die keiner kennt, kann man auch nicht mit Werbung verstopfen. Entsprechend gibt es verschiedene Adressen, die ich nach Vertrauenswürdigkeit gestaffelt den Leuten nenne.

Über den Chat-Client kommt eine Terminanfrage rein. Ich sehe im Online-Kalender nach und schicke eine Bestätigung. Damit ich die Sache nicht vergesse, synchronisiere ich die Verabredung auch gleich mit dem Mobiltelefon.

Bei einer Rechnung ist ein Detail unklar. Ich schreibe eine kurze Mail und habe eine Stunde später die Antwort. Die Überweisung nehme ich online vor.

Eine weitere Mail kommt rein - ob man meinen Plakatentwurf noch einmal haben könnte, an der Veranstaltung habe sich eine Kleinigkeit geändert. Die Mail mit der Datei ist Minuten später unterwegs.

Der Kassenwart des Vereins schreibt, er habe Schwierigkeiten mit den Abrechnungen für die Honorarkräfte. Die fertig ausgefüllte Tabelle bekommt er eine halbe Stunde später - selbstverständlich asymmetrisch mit GPG verschlüsselt.

Das Telefon klingelt. Ein Freund hat ein Computerproblem. Da die Ferndiagnose zu schwierig wird, melde ich mich auf seinem Rechner an und sehe nach, ob noch was zu retten ist. Nebenher lade ich mir die aktuelle Ubuntu-Installations-CD, weil ich nachher noch einen Rechner neu aufsetzen möchte. Die Frage, wie man die etwas ungewöhnliche Grafikkarte zur Mitarbeit überreden kann, hat eine kurze Forenrecherche bereits erledigt.

In der Zwischenzeit schreibe ich noch den einen oder anderen Forenkommentar, lese bei Twitter die neuesten Schlagzeilen von Zeitungen und Bloggern und sehe beim Onlinebuchhändler nach, was es Neues gibt.

So ähnlich sehen viele Tage aus, und ich bin kein extremer Internetnutzer. Das Netz ist einfach nur ein selbstverständlicher Teil meines Lebens geworden. Zusammen mit einem Freund aus Hamburg auf einem Server in Karlsruhe zu arbeiten, während man selbst in einem Hotel in Prag sitzt, ist natürlich eine furchtbar aufregende Sache - wenn man darüber nachdenkt. In den meisten Fällen jedoch habe ich die virtuelle Omnipräsenz schon einfach als ganz natürliche Sache zur Kenntnis genommen.

Für die Generation C64 sind Computer nichts Ungewöhnliches. Das heißt aber nicht, dass sie uns nicht faszinieren. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich meiner Oma Briefe schreiben musste, weil sie kein Telefon hatte. Wenn ich mich verschrieb, musste ich noch einmal von vorn anfangen. Kommunikation über große Distanzen war Luxus. Wie weit der telefonische Gesprächspartner entfernt war, hörte man deutlich an der Leitungsqualität.

Als die ersten 64er in diese analoge und im Wesentlichen nicht von Strom durchflossene Welt eindrangen, stellten sie eine Sensation dar. Wirklich etwas Sinnvolles mit ihnen anfangen konnte niemand, aber wer das Universum in der Brötchendose betrat, begab sich in eine völlig neue Welt, in der andere Gesetze galten. Das Tollste aber war: Man konnte dieses Universum ändern. Man konnte Programme schreiben und diesen Wunderkisten sagen, was sie erledigen sollten. Bedingung war natürlich, dass man sich auf ihre Welt einließ, aber wer das tat, kam sich vor wie 15 Jahre später der elfjährige Harry Potter, als er feststellte, dass er an die Gesetze der Muggelwelt nicht gebunden, sondern ein Zauberer war.

Vor allem hatten wir eine Chance, die spätere Generationen nicht hatten: Wir konnten die Kisten verstehen. Nun will ich nicht behaupten, auch nur annähernd verstanden zu haben, wie der VIC oder die CPU des 64ers funktionieren, aber ich weiß wenigstens, dass tief unterhalb der Welt der animierten Fenster, Transparenzeffekte und 3D-Engines eine Schicht liegt, in der es im Wesentlichen darum geht, Werte in Speicherzellen zu schreiben, sie auszulesen, sie umzuwandeln und gegebenenfalls an eine andere Stelle des Programms zu springen. Ähnlich ist es mit dem Internet: Ich könnte niemals eine vernünftige Homepage gestalten, aber ich weiß, dass unter dem Youtube-Video eine Ebene kommt, in der man sich über die Frage unterhält, wie ein Signalpegel auf eine Leitung geschaltet wird.

Die Generation C64 besteht nicht aus lauter IT-Experten. Die meisten von uns haben sich entschlossen, so wie ich im Mittelmaß zu versauern, doch bevor wir das taten, hatten wir zwei Jahrzehnte Zeit, uns in aller Ruhe anzusehen, wie aus einem dreiadrigen RS232-Kabel am Userport des 64ers das Internet wurde. Wir haben begriffen, wie es in seinen Grundzügen arbeitet und wir wissen, was es wert ist. Als wir jung waren, konnte man eine größere Menge Leute vielleicht erreichen, indem man in der Schülerzeitung einen Artikel schrieb. Dazu musste man die Redaktion überreden, den Artikel abzudrucken, und wenn man Glück hatte, lasen ihn in der ganzen Stadt vielleicht ein paar hundert Leute. Heute stellt man einfach einen neuen Kommentar in sein Blog ein, und wenn man sich gut dabei anstellt, kann man es im Netz zu einiger Berühmtheit bringen. Es mag ja sein, dass man bis auf wenige Promille alles, was die neue Kommunikationsfreiheit ermöglicht, vergessen kann, aber diese Entscheidung überlässt man unserer Meinung nach den Nutzern, nicht den Regierungen.

Man kann den Deutschen viel vorwerfen, aber eines nicht: dass sie sich blindlings auf jede Neuerung stürzen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was passierte, als vor einigen Jahrzehntausenden der erste Mensch mit einem Faustkeil aufkreuzte. Da ging bestimmt schon das Genöle los: "Also nee, das geht ja nun gar nicht. Rehe konnte man doch früher auch so auswaiden, wozu braucht man auf einmal so ein Ding? Das führt doch zu einer Faustkeilisierung des Denkens, und wenn ich mir erst das Missbrauchspotenzial vorstelle; ich male mir lieber nicht aus, was passiert wäre, wenn Hitler schon Faustkeile besessen hätte - überhaupt: Wo kommen die Steine überhaupt her? Da, wo du sie suchst, brütet doch bestimmt eine seltene Vogelart, und was passiert, wenn so ein Faustkeil mal kaputt ist? Wirfst du den dann einfach weg? Das dauert doch bestimmt Jahre, bis der biologisch abgebaut ist."

Als in Deutschland die Internetnutzung im großen Stil anfing, wusste noch keiner, was man damit anfangen sollte, aber alle wussten: Da sind Nazis drin. Und Anleitungen zum Bombenbauen. Und Pornos. Na gut, das Dritte dürfte der Grund sein, warum sich das Internet in Deutschland überhaupt etablieren konnte, auch wenn es keiner zugibt.

Entschuldigung, das was natürlich Quatsch, und alle Nutzungsstatistiken, die Mitte der Neunziger erstellt wurden, belegen das. Ich wollte mir nur die Pointe nicht entgehen lassen. Dummerweise gibt es weite Teile der politischen Kaste in Deutschland, die den ganzen Unsinn mit dem Sündenpfuhl glauben. Ihre Gedankenwelt hat die Siebziger nie verlassen, als man sich seine Meinung für die nächsten Stunden noch am Kiosk kaufte. Kommunikation ist herrschaftliches Wissen, das von einer Oligarchie dem Volk verabreicht wird. Untereinander redet man vielleicht am Telefon oder in der Kneipe, auf keinen Fall jedoch darf jeder einfach so ein potenzielles Millionenpublikum ansprechen. Meinungsfreiheit schön und gut, aber nur so lange, wie man mit seiner Meinung nicht mehr Leute erreicht, als in ein Wohnzimmer passen. Für die politische Kaste ist das Internet eine Art Versandhauskatalog, in dem man als Verbraucher herumblättern und sich Angebote aussuchen kann. In einer solchen Welt haben Begriffe wie Informationsfreiheit keine Bedeutung. Unterstützt wird diese Haltung von Leuten, die sich von der nahezu unendlichen Vielfalt des Internet überfordert fühlen. Sie wollen exakt drei Seiten aufrufen: die Fahrplanauskunft, ihren Webmailzugang und - immerhin geht man mit der Zeit - den Onlinebuchhändler mit den tollen Sonderangeboten. Die ständigen Berichte von Phishern, trojanischen Pferden und Viren verunsichern sie zutiefst. Wenn der Staat hier eingriffe und außer der Fahrplanauskunft, dem Webmailzugang und dem Onlinbuchhändler mit den tollen Sonderangeboten alles andere gesperrt wäre, fänden sie das großartig.

Die Generation C64 tickt anders. Sie hat gelernt, Sachen auszuprobieren, ohne sich dabei künstlich beschränken zu lassen. Barrieren dieser Art fasst sie als Funktionsstörungen auf, die man beseitigen muss.

Dass die politische Kaste schon lange über ihre Köpfe hinweg regiert, nimmt die Generation C64 seit Jahrzehnten zur Kenntnis. Sie findet das nicht weiter schlimm, solange die Politik nicht versucht, in die Sphäre der Generation C64 hinein zu regieren - doch genau das findet zunehmend statt:

- Das Kopieren von Programmen und Filmen wird immer weiter erschwert. Die Generation C64 kann verstehen, dass Autoren für ihre Arbeit entlohnt werden wollen. Was sie nicht versteht, sind die minutenlangen Vorspänne auf den ehrlich gekauften DVDs, bei denen man sich anhören muss, wie schlimm das Kopieren von Filmen ist. Man kann diesen Vorspann nicht überspringen, man darf nichts unternehmen, um ihn nicht mehr sehen zu müssen, das verbietet nämlich das Gesetz. Wer die DVD illegal kopiert, kann sich den Vorspann natürlich herausschneiden.

- Der Besitz von "Hackerprogrammen" ist strafbar. Hier herrscht bei der Generation C64 vor allem Kopfschütteln über die unglaubliche Schludrigkeit, mit der das Gesetz formuliert wurde. Niemand hat etwas dagegen, wenn der Staat gegen elektronische Einbrüche vorgehen möchte, aber dann soll er doch bitte nachdenken und nicht ein Gesetz verabschieden, das theoretisch den Besitz eines funktionierenden Betriebssystems mit Gefängnis ahndet.

- Jeder, der sich im Internet bewegt, ist ein potenzieller Terrorist. Wieder einmal hat die Generation C64 nichts gegen die der Vorratsdatenspeicherung zu Grunde liegende Idee, sie hat nur etwas gegen die Brachialmethoden, mit der sie durchgesetzt wird. Die Bundesregierung soll gern gegen Terroristen vorgehen, aber sie soll dabei nicht Millionen Internetnutzer unter Generalverdacht stellen und von jedem ein Kommunikationsprofil anlegen.

- Dein Gehirn gehört mir: Viele Menschen verwenden ihren Computer als Auslagerungsdatei für Gedanken, darunter fixe Ideen und unbedacht geäußerte Wünsche, die nie auch nur in die Nähe der Realität kommen werden. Selbst davor schreckt die Bundesregierung nicht zurück und behält sich das Recht vor, Spionageprogramme auf fremden Rechnern zu installieren um herauszufinden, was das Volk so alles denkt. Zwar hat das Bundesverfassungsgericht diesem Treiben sehr hohe Hürden vorgeschoben, aber wirklich beeindruckt hat dies die Innenminister nicht.

- Wahlurnen zu Losbuden: Im Zeitalter, in dem man mit Highspeed auf dem Informationsuperhighway surft, nimmt sich eine papierbasierte Wahl natürlich popelig aus, zumal in einigen Gegenden ein Wahlrecht herrscht, das den Wahlhelfern fast ein Hochschulstudium abverlangt, um auch nur die Gültigkeit des Stimmzettels feststellen zu können. Die Idee, diesen Vorgang zu automatisieren, lag nahe, und wieder einmal schaffte es die Politik, aus einer im Grunde sinnvollen Idee völligen Blödsinn werden zu lassen. Das Argument, eine schwarze Kiste, die um 18.00 Uhr freudestrahlend das Wahlergebnis verkündet, könne ja wohl kaum ein über Jahrzehnte bewährtes und vor allem für Laien nachprüfbares Zählverfahren ersetzen, wurde mit der Bemerkung beseite gewischt, die so genannten Experten sollten mit ihrem akademischen Genörgel aufhören, der TÜV habe sich einen Prototyp angesehen und der habe prächtig funktioniert. Eine Generation, die mit Computerfehlern groß geworden ist, kann über derart naiven Optimismus allenfalls den Kopf schütteln.

- Das Fass zum Überlaufen brachte der Gesetzesentwurf zur Sperrung von Internetseiten. Ohne jetzt auf die technischen und politischen Details einzugehen: Wenn einer Ministerin auf wissenschaftlicher Ebene ein Fehler nachgewiesen wird, sollte sie dazu mehr argumentatives Material als das Wort "unterirdisch" haben.

Auf Kritik reagiert die politische Kaste unwillig. Für den SPD-Politiker Wiefelspütz besteht die politische Auseinandersetzung aus den Worten: "DNS, TLD, GAGA, GOGO, TRALAFITTI oder was?" Der CSU-Bundestagsabgeordnete Uhl findet die Einwände des CCC "juristisch ohne Sinn und Verstand und moralisch verkommen". Die Familienministerin unterstellt Leuten, die ihr technisch überlegen sind, kriminelle Absichten: "Wen kenne ich, der Sperren im Internet aktiv umgehen kann? Die müssen schon deutlich versierter sein. Das sind die 20 Prozent. Die sind zum Teil schwer Pädokriminelle."

Dass Politiker mitunter einfach Unsinn schwätzen, nimmt ihnen niemand ernsthaft übel. Auch wenn mancher Diätenbezieher dies nicht gern hört: Politiker sind auch nur Menschen und damit fehlbar. Was die Generation C64 aber ganz und gar nicht leiden kann, sind Politiker, die eine über Jahrzehnte gehende technische Entwicklung verschlafen haben und nun auf einmal im Bundestagswahlkampf mit Aktionismus punkten wollen. Minister, die auf der einen Seite damit kokettieren, dass sie dieses Internet, von dem die Leute neuerdings alle reden, auch nicht begriffen haben ("Es ist so aufwändig, dass der Chef des Bundeskriminalamts, der Herr Ziercke, der versteht e bissel was davon. Ich versteh nix davon." Wolfgang Schäuble zur Onlinedurchsuchung), auf der anderen Seite aber eine Statistik nach der nächsten herunterbeten, die angeblich besagt, dass außer Terroristen und Kinderschändern praktisch niemand das Netz benutzt, wirken unglaubwürdig, wenn nicht gar anmaßend. Es ist keine Schande, das Internet nicht begriffen zu haben, aber dann soll man sich bitte auch nicht als Experte aufspielen und das Internet regieren wollen.

Die Generation C64 hat "Per Anhalter durch die Galaxis" gelesen und kennt die Stelle mit dem Gefräßigen Plapperkäfer von Traal auswendig (
"Ein zum Verrücktwerden dämliches Vieh, es nimmt an, wenn du es nicht siehst, kann es dich auch nicht sehen – bescheuert wie eine Bürste, aber sehr, sehr gefräßig.") und fühlt sich dabei unwillkürlich an die Bundesfamilienministerin und ihre Pläne erinnert, durch eifriges Wegsehen die dokumentierte Kinderschändung zum Verschwinden zu bringen. Sie fragt sich, wie im realen Leben jemand so verblüffend nah an die Satire kommen kann.

Wer eine politische Karriere anstrebt, dient sich in der Parteihierarchie hoch, klebt Plakate, verteilt Flugblätter, sitzt sich auf zahlreichen Parteitagen eine Kreislaufschwäche an und versucht mit einem Politologie- oder Jurastudium den Sprung in die Staatskanzlei. Er weiß, dass scharfe Profile polarisieren und damit notwendigerweise auch Leute abschrecken. Als Konsequenz bezieht er nur selten Position und richtet sich vor allem nach dem, was ihm persönlich den größten Gewinn verspricht.

Diese vor allem von Durchhaltevermögen geprägte Welt ist der Generation C64 fremd. Sie denkt in Projekten. Zusammen mit Gleichgesinnten schließt man temporäre Bündnisse, die aber auch sofort wieder zerfallen, wenn die Aktion vorbei ist. Klassische Beispiele sind der "Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung" und der "Arbeitskreis Zensur". Beide verstehen sich als Arbeitskreise, nicht als Vereine oder Parteien. Ihren jeweiligen Bereich sehen sie so scharf, dass der AK-Vorrat am Anfang der Zensurdebatte öffentliche Stellungnahmen zu diesem Thema ablehnte, weil man seine Mitglieder nicht vereinnahmen wollte. Man konzentriert sich auf einzelne Punkte. Eine sich über Jahre hinziehende politische Arbeit fand bislang nicht statt.

Das könnte sich jetzt ändern. Die politische Kaste hat einfach zu oft und zu gründlich nicht verstanden, was die Generation C64 will. Sie klagt zwar über Nachwuchsmangel, schreckt aber jeden ab, der in Computern mehr sieht als eine aufgetakelte elektrische Schreibmaschine. Die durchs Netz tobenden Entrüstungsstürme hält sie für ein rein auf dieses Medium beschränktes Phänomen, das sich nicht in Wahlergebnissen niederschlägt und damit nicht der Beachtung wert ist. Möglicherweise hat sie mit dieser Einschätzung sogar Recht. Was aber, wenn wie vor dreißig Jahren genug Leute so genervt sind, dass sie außerparlamentarische Themen in den Bundestag hinein tragen wollen? Ähnlich wie damals tritt heute eine Partei an, deren Mitglieder sich auf ein bestimmtes Thema fixiert haben, von dem sie sehr viel verstehen und das ihnen äußerst wichtig ist. Wie vor dreißig Jahren handelt es sich um ein kleines Häufchen, das von den Etablierten für völlig durchgedreht, politik- und regierungsunfähig und somit unwählbar gehalten wird. Damals wie heute hat die Politik keine Antworten auf die Fragen dieser Gruppe und versucht, ihre Ratlosigkeit mit Verunglimpfungen zu übertünchen. Es ist nicht gesagt, dass die Piraten die neuen Grünen sind, aber die Parallelen drängen sich auf.

Vielleicht wird die Generation C64 jetzt erwachsen.

Sonntag, 24. Mai 2009

Leidlich lustiges Lästern über Linke

"Unter Linken - Von einem, der aus versehen konservativ wurde". Der Titel des vom Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer geschriebenen und bei Rowohlt verlegten Buchs verspricht amüsante Lektüre. Auch die bei Spiegel-Online vorab veröffentlichten Auszüge klingen so, als wolle da jemand gekonnt über linke Eitelkeiten und Selbstbetrügereien herziehen sowie seinen konservativen Gegenentwurf präsentieren - ein Buch also, das sich beiden politischen Lagern zur Lektüre anbietet: den Linken, um in einem heilsamen Schock zu erfahren, wo sie schlicht und einfach falsch liegen, den Rechten, damit sie wissen, warum sie nicht links sind. Diesen Anspruch erfüllt das Buch auch - teilweise. Der Spiegel hat klugerweise genau diese Passagen als Appetitanreger veröffentlicht. Das Buch ist großartig, wenn es autobiografisch den Anspruch zwischen linkem Selbstverständnis und der Realität aufs Korn nimmt, es ist gut, wenn es etwas allgemeiner werdend linke Heiligtümer in Zweifel zieht, es ist bedrucktes Papier, wenn es den Sozialstaat und das Bildungssystem kritisiert.

Fleischhauer wuchs in einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus auf. In den 60ern Geborene werden ihre eigene Kindheit in den Erzählungen über die Mutter, die Politik mit Religion verwechselt, wiedererkennen und endlich in Worte gefasst finden, was ihnen in den Jahrzehnten ihres Heranwachsens immer schon merkwürdig vorkam: die Diskussionsaffinität, die komischerweise immer dann ihr Ende fand, wenn die Gegenseite zu gewinnen drohte; der Wochenendsozialismus, der die Weltrevolution im Allgemeinen befürwortete, solange sie im Speziellen um das eigene Reihenhäuschen einen Bogen beschrieb; der romantische Revolutionär Che Guevara, auf dessen Konto wahrscheinlich über tausend recht unromantisch ermordete Menschen gehen. Erinnerungsbücher gibt es jedoch schon reichlich, und "Unter Linken" will mehr als das sein. Folglich wendet sich Fleischhauer der großen Gesellschaftskritik zu, und genau dort zeigt sein Buch deutliche Schwächen.

"Links" und "rechts", meinetwegen auch "konservativ" sind äußerst schwammig gefasste Begriffe. Jeder weiß ungefähr, was damit gemeint ist, aber eine genaue Grenzziehung gelang bisher nicht, was einige Autoren zur These veranlasste, diese Begriffe seien wegen ihrer Unschärfe unredlich, zumindest aber historisch überholt. Fleischhauer stolpert über genau diese Unschärfe. Verspricht sein Buchtitel eine Auseinandersetzung mit den Linken, geht es in den Kapiteln über den Sozialstaat und das Bildungswesen viel allgemeiner zu, bis schließlich insgesamt "die Politiker" die Sache verschusseln. Da wird auf einmal linkes Gedankengut quer von der Linkspartei bis hin zur CSU geortet. Mit dieser Annahme mag Fleischhauer möglicherweise sogar richtig liegen, es bleibt aber der Eindruck, er bastle sich seinen Gegner immer so, wie es ihm gerade passt. Er schreibt es schon im Einleitungskapitel: Die Linke mag keine gesellschaftliche oder parlamentarische Mehrheit haben, aber sie sitzt in den entscheidenden Positionen, in den Redaktionsräumen, in den Lehrerzimmern, in den Künstlerateliers, auf den Theaterbühnen. Von dort steuern sie uns alle, auch die Parlamente. Das heißt: Selbst wenn irgendwo eine CDU-Alleinregierung ein entsetzlich dummes Gesetz verabschiedet, liegt es nicht an der Dummheit der Beschlussträger, sondern daran, dass ihr Gehirn umnebelt ist vom Pesthauch des Sozialismus. Da werfe noch einmal jemand den Linken vor, sie litten an Verfolgungswahn. Allgemeine Missstände anzuprangern, sie dann aber den Linken zuzuschieben, mag den Platz vor der eigenen Tür sauber halten, der Sache dient es allerdings nicht, denn selbst wenn die Linken bei sich für Abhilfe sorgten, wäre der Missstand damit nicht aus der Welt.

Das Bildungssystem geht vor die Hunde, der Wohlfahrtsstaat füttert jeden durch, der nur laut genug jammert und saugt die wenigen Leute aus, die hierzulande noch Steuern zahlen - mag sein, aber um das zu lesen, hätte man bereits vor Jahren eine beliebige Tages- oder Wochenzeitung aufschlagen können. Was fehlt, ist der Gegenentwurf, ist die Konsequenz aus der angewiderten Abwendung vom linken Gedankengut. Interessant wäre es auch gewesen, die Entwicklung vom im linken Milieu Aufgewachsenen hin zum bekennenden Konservativen zu erfahren. Wann kamen erste Zweifel am linken Weltbild auf? Was stieß ihn besonders ab? Wann wurde ihm klar, dass er konservativ dachte? Fleischhauer bleibt hier leider nur bei Andeutungen, dabei ließen sich gerade aus den Reaktionen seines Umfelds Schlüsse ziehen, wie die moralischen Mechanismen der Linken funktionieren.

Weite Teile der Linken verklären die Palästinenser zu heroischen Freiheitskämpfern und verdammen die Israelis als Völkermörder. Die Kritik ist berechtigt, Fleischhauers Gegenthese vom verzweifelt sein Existenzrecht verteidigenden Israel taugt aber auch nicht als Erklärungsansatz für eine Situation, in der faktisch seit 60 Jahren Krieg herrscht und wo schon längst niemand mehr sagen kann, wer auf welche Provokation reagiert. Insgesamt verblüfft es etwas, dass Fleischhauer die gleiche historische Verbindung einmal sieht und einmal nicht. Die Frage, warum die deutsche Linke sich ständig in die israelische Politik einmischt, bleibt ihm unerklärt und er vergleicht dies damit, wie es wäre, wenn Mexiko auf die Idee käme, sich in die deutsche Politik einzumischen. Auf der anderen Seite beschreibt der die Selektion israelischer Flugpassagiere durch deutsche Terroristen mit den Worten: "genau 31 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz". Es ist ihm also klar, dass zwei Kulturen, die während eines Völkermords an verschiedenen Seiten des Lagerzauns gestanden haben, nicht miteinander umgehen, als sei nichts geschehen.

Was Fleischhauer insgesamt übersieht: Die Linke, vor allem ihre Vordenker, mögen eine selbstverliebte Horde Irrer sein, aber es geht ohne sie nicht, ebensowenig wie es ohne die Konservativen ginge. Gleichberechtigung, soziale Absicherung, Umweltschutz, Aufarbeitung des Nationalsozialismus, Kinder, die ihre Eltern nicht mehr siezen müssen und dafür keine Tracht Prügel beziehen - auf diese Ideen wären die Konservativen nicht allein gekommen, die eine Frau in der Küche, Leistungswillen, eine florierende Wirtschaft und disziplinierte Kinder als ihre Werte ansehen. Umgekehrt ist es Aufgabe der Konservativen, gegen Auswüchse vorzugehen, wie über die Quote in Ämter gehievte Versager, Regenwurmarten, die den Bau kompletter Stadtteile verhindern und Bälger, die mit 14 Jahren noch keinen klaren Satz aussprechen können. Links und rechts sind wie Tom und Jerry, Ernie und Bert, Lennon und McCartney: allein nur mäßig interessant, erst im Wettstreit wirklich produktiv. Das heißt übrigens auch, dass nicht unbedingt in der Mitte die Lösung zu suchen wäre. Bei keinem dieser drei Paare gibt es eine dritte Figur, welche die beiden Positionen vereint und am Ende die rettende Idee präsentiert. Das Ganze funktioniert nur, wenn niemand auf Dauer gewinnt.

So bleibt "Unter Linken" leider dort stehen, von wo es sich dem eigenen Bekunden nach wohltuend abheben wollte: Anekdotenhaft hält es der linken Selbstgerechtigkeit den Spiegel vor, schafft es aber nicht, zu erklären, wie und warum die Konservativen allein den Weg in bessere Zeiten weisen können.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Was Sie erwartet

Der Titel des Blogs ist natürlich geklaut, wie so ziemlich alles, was ich schreibe. Wenigstens gebe ich es zu.

Abgesehen vom geklauten Titel kommt der Name nicht von ungefähr. Egal, welche Auffassung Sie vertreten, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich irgendwann einmal darüber herziehen werde. Die Ursache ist weniger, dass Ihre Auffassung falsch ist - es ist ausgesprochen schwer, falsche Auffassungen zu vertreten, dumme vielleicht, unlogische, unausgegorene, aber kaum falsche -, sondern vielmehr daran, dass es Überzeugungen gut tut, gelegentlich in Frage gestellt zu werden.

Wo steht dieses Blog politisch? Links? Ich persönlich kenne keinen Linken, der mich für links hielte. Rechts? Aus Sicht der Rechten bin ich ein Prolet, sowohl von Herkunft, Ausbildung, Lebensführung als auch Auftreten für immer unwürdig, in ihren erlauchten Kreisen auch nur den Boden wischen zu dürfen. Bliebe die politische Mitte, aber die gibt sich diesen arroganten Anstrich, komplett ausgewogen zwischen den Extremen zu schweben, weise erhaben über die Wirrungen der klaren Stellungnahme, dass ich da nicht hingehören möchte.

Die Schwierigkeit liegt wohl darin, dass man praktisch nie zu weit links, aber sehr wohl zu weit rechts stehen kann. Die Mutter, die sich um den Spracherwerb ihrer Kinder sorgt und sie deswegen in keine Schulklasse stecken möchte, in der Deutsch als Muttersprache kaum gesprochen wird, rührt ein Tabuthema an, aber ihre Ängste sind gesellschaftlich akzeptiert. Wenn sie jedoch damit zu "Pro Köln" geht und von Überfremdung zu reden beginnt, ist das für die Meisten ein Schritt zu weit. Suchen Sie mal eine Partei oder Gruppierung im linken Spektrum, bei der einem ähnlich mulmig zumute ist wie beispielsweise bei der DVU oder der NPD. Ganz links findet man Spinner, ganz rechts brennende Asylbewerberwohnheime.

Wenn ein Kenianer auf einem deutschen Bahnhofsvorplatz halb zu Tode geprügelt wird, nennt jeder die Sache beim Namen: Gewalt. Wenn ein Sprengsatz einen Bankpräsidenten tötet, hat dies immer noch den Hauch des politischen Kampfes und ist damit zumindest teilweise gerechtfertigt. Rufen Sie sich die Diskussion um die Haftentlassung Christian Klars und Brigitte Mohnhaupts in Erinnerung. Da ging es nicht um gewöhnlichen Mord, da ging es um politischen Mord, und interessanterweise führten dies sowohl Befürworter als auch Gegner der Freilassung als Argument an. Man interessierte sich für die Motive, man wollte wissen, was diese Menschen 30 Jahre nach ihren Taten zu sagen hatten. Von den Kerlen, die den Kenianer beinahe massakriert haben, erwartet keiner auch nur ein intelligentes Wort.

Verstehen Sie jetzt, warum sowohl Linke als auch Rechte mich nicht leiden können? Weil der flammende Appell fehlt, die leidenschaftliche Teilnahme für eine Seite. Wo steht der Kerl denn nun? Was will er eigentlich?

Statt einer Antwort kommt jetzt der Hinweis, dass dieses Blog auch einen leicht technischen Hauch hat. Das liegt an meiner Ausbildung. Privat und beruflich beschäftige ich mich mit Computern, und das seit einem knappen Vierteljahrhundert, also seit einer Zeit, zu der anständige Jugendliche Hermann Hesse gelesen haben, Fahrrad gefahren sind, zur Tanzschule und zwischenzeitlich für Abrüstung und gegen Kohl auf die Straße gingen. Ja, liebe Kinder, es gab Zeiten, da waren Kanzler noch Männer und Bundespräsidenten bei der SA. Man ging in Tanzschulen, weil es erstens noch Musik gab, zu der zu tanzen sich lohnte und weil es die damals einzig akzeptable Form war, wie pubertierende Jungs und Mädchen sich anfassen durften. Vor allem aber: Es gab keine Computer.

Wie? Es gab keine Computer? Wie hat man denn damals miteinander geredet? Man ging in Kneipen, zahlte 1,30 DM (Deutsche Mark! Nix Euro! Sah nur halb so gut aus, war aber dreimal so viel wert.) für eine Cola (durfte aber davon den Eltern nichts erzählen, weil sie Cola ganz schlimm fanden) und sprach mit dem Mund, nicht mit der Tastatur. Wer lachte, sagte nicht "LOL", wer mal aufs Klo musste, nicht "BRB" und ganz bestimmt war er nicht "AFK".

Wer in diese Welt der kirchlichen Friedensgruppen und Schülerzeitungsredaktionen mit Begriffen wie "ROM-Listing", "Subroutinen" oder "Indexregister" einbrach, wurde von den Jungs als verdächtiger Irrer, von den Mädels als geschlechtsloses Wesen, bestenfalls noch geeignet als Mathenachhilfe, angesehen.

Es war eine Zeit, in der man Stellung hätte beziehen müssen. Man hätte sich entscheiden müssen zwischen dem politischen Weg durch die Ortsvereinsversammlungen, Kreisparteitage und Landesdelegiertenkonferenzen bis zur Stelle des persönlichen Referenten bei irgendeinem Provinzpotentaten, oder dem Weg durch die Rasterzeileninterrupts, Ringpuffer und Relativadressierungen bis zum Multimillionär in der Softwarebranche. Aus der Tatsache, dass ich in ein Blog schreibe und keine Artikel für eine bekannte Zeitschrift, können Sie entnehmen, dass ich die historische Chance verschlief.

Wenn ich aber aus dem Vierteljahrhundert Computerei etwas mitgenommen habe, ist es die Erkenntnis, das Technik sehr schnell politisch ist. Das fing mit den Schülerzeitungen an, die sich weigerten, einen sauber mit dem Nadeldrucker geschriebenen Artikel zu veröffentlichen, weil Computer "irgendwie also was total echt schlimmes, du" waren und sich die wahre Gesinnung in der wackeligen Schrift einer Reiseschreibmaschine offenbarte. Es ging weiter mit der Mailboxkultur, die sich allein schon, weil sie nichtzugelassene Technik benutzte, mit der Staatsmacht anlegte und auch ansonsten ihre höchst eigenen Ansichten vertrat. Es erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt mit dem Internet, bei dem es seit seiner massenhaften Verwendung in Deutschland darum geht, wie man es besonders gut reglementiert, kontrolliert und observiert bekommt. Geht es nach dem Willen der Regierung, dann darf man das Internet nur noch nutzen, um Geld auszugeben und selbst das nur so, wie es den deutschen Wirtschaftsverbänden gefällt.

Technik ist politisch, aber auf ihre sehr eigene Weise. Selbst die deutsche Geekorganisation schlechthin, der Chaos Computer Club, sieht sich nicht eindeutig als politische Organisation, obwohl er sich ständig politisch äußert. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele seiner Mitglieder Politik nicht als Selbstzweck, sondern als etwas verstehen, um das man sich kümmert, wenn es gar nicht anders geht. Sie haben ihre Technik und wollen vor allem sehen, was sich damit anstellen lässt. Ihre Geräte sollen funktionieren. Politik erscheint ihnen vor allem als Funktionsstörung. Politik versucht, funktionierende Geräte abzuschalten oder zumindest zu limitieren. Das begann mit den Hausdurchsuchungen, die man riskierte, wenn man Anfang der 80er-Jahre ein Modem ohne FTZ-Plakette betrieb und endet heute mit der Anzeige wegen Verbreitung von Kinderpornografie, wenn man die Namen gesperrter Internetseiten veröffentlicht. Techniker interessieren sich nicht für Politik, sondern allenfalls für die Meinungen anderer Techniker. Wenn ihnen eine Bundesfamilienministerin sagen will, wie das Internet funktioniert, werden sie grantelig.

Hier liegt aber auch der Grund, warum Techniker politisch so schwer einzuordnen sind. Es ist historischer Zufall, wer sich mit ihnen anlegt. Auf die Idee mit den Sperrverfügungen wäre früher oder später auch ein Politiker der SPD, der Grünen, der FDP oder der Linkspartei gekommen. Technischer Unverstand ist parteiübergreifend.

Damit wäre auch endlich der Bogen zurück zum Titel dieses Blogs geschlagen. Dummes Zeug zu schwätzen ist kein Privileg irgendeiner Partei, sondern hat eine breite politische Basis. Wenn Sie also auf die Idee kommen, sich für ein Denkmal für die armen Linkshänder einzusetzen, weil die ja nichts dafür können, als einzige Minderheit bisher noch nie so richtig fies unterdrückt worden zu sein, können Sie sicher sein, dass ich darüber herziehen werde. Wenn Sie den letzten Auffahrunfall auf der A4 zum Anlass nehmen, die "ADAC Motorwelt" verbieten zu wollen, weil sich in diesem Blatt die Raser ihren nächsten Kick holen, können Sie sich darauf verlassen, dass ich Sie deswegen verspotten werde. Wenn Sie den Islam als gewalttätige Religion verdammen, weil im Koran so viele schlimme Stellen stehen, werde ich Ihnen mit Wonne die Bibelstellen nennen, in denen es mindestens so heftig zur Sache geht. Wussten Sie zum Beispiel, dass im Alten Testament das Volk Israel bestraft wurde, weil es keinen Völkermord begehen wollte?

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen.

Sonntag, 3. Mai 2009

Verbaler Blitzkrieg

"Natürlich ist Kinderpornografie eine schlimme Sache..."

Vielleicht wird diese Formel dereinst als "Von-der-Leyensche-Abbitte" in die Geschichte eingehen. Publizistisch ist der Bundesfamilienministerin jedenfalls ein KO-Sieg gelungen. Jeder, der an ihrer von jeglicher Sachkenntnis ungetrübten Entscheidung Kritik zu üben wagt, muss gebetsmühlenhaft etwas betonen, was jeder, der auch nur einen Funken mehr Verstand als diese Frau hat, allein schon aus statistischen Gründen als gegeben voraussetzen kann: Man kann von der Leyen für eine inkompetente Fehlbesetzung halten, ohne pädophil zu sein.

Das Totschlagargument, mit dem die Ministerin zur Zeit jede Diskussion niederknüppelt, wirkt so gut, dass selbst in den sonst um Ausgewogenheit bemühten öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen am Abend der Vertragsunterzeichnung mit den großen Internetanbietern nicht einmal angedeutet wurde, dass man eine Pandorabüchse geöffnet hatte. Überall war man sich einig: Endlich ist Schluss mit der Kinderpornografie. Nicht ein einziger Sender deutete auch nur an, dass man im Begriff ist, in Deutschland chinesische Verhältnisse zu schaffen: Kein Bit fließt dort durch die Leitung, das nicht vorher vom großen Zensor gnädig abgenickt wurde. Mamis mit Kontrollwahn, die ihre Kinder am liebsten an einer Kette mit sich herumführen möchten, damit ihnen bloß nichts zustößt, werden die Idee von Mutter Ursula wahrscheinlich ganz toll finden, aber volljährige Bundesbürger, die mit der Informationskultur des begonnenen 21. Jahrhunderts vertraut sind, empfinden eine gewisse Skepsis dabei, dass im Internet nur noch die Sachen zu finden sein sollen, die unterhalb des geistigen Horizonts der Familienministerin liegen. Na gut, wenigstens wird das Web dann überschaubar.

Künstliche Differenzen werden aber auch an anderen Fronten aufgebaut. Da ging es beispielsweise vor kurzem in Berlin darum, ob Religion weiterhin als freiwilliges zusätzliches Fach oder als Alternative zum Ethikunterricht angeboten werden soll. Noch einmal: Religionsunterricht gäbe es so oder so, aber wenn sich das Bürgerbegehren durchgesetzt hätte, wäre es möglich gewesen, das konfessionsübergreifend verbindliche Fach Ethik zugunsten konfessionsgebundener Religion abzuwählen. Man kann sich engagiert um die Qualität des Ethikunterrichts streiten, aber darum ging es dem Volksbegehren nicht. Nein, es ging um "Freiheit".

Nun wäre gegen ein wenig Übertreibung nichts einzuwenden, wäre der Begriff der Freiheit nicht in den letzten Jahren so hemmungslos überstrapaziert worden. Unvergessen ist die "freie Fahrt für freie Bürger", aber auch die Parole "Freiheit statt Angst" geht zwar in eine mir sehr genehme politische Richtung, an der Wortwahl hingegen kann man noch arbeiten.

Die Taktik ist jedesmal gleich: Dränge den politischen Gegner in eine Ecke, aus der er sich erst einmal befreien muss, bevor er etwas zur Sache sagen darf, wobei immer der Restverdacht an ihm haften bleibt, es mit der Rechtfertigung nicht ganz ernst zu meinen. Probieren wir es doch gleich einmal aus:

"Ich habe ja nichts gegen Ausländer."

Da weiß man doch sofort: Gleich kommt etwas Braunes. Oder vielleicht etwa nicht? Was ist mit einer Mutter, die ganz einfach bezweifelt, dass ihr Kind in einer Klasse, in der Deutsch nicht mehrheitlich als Muttersprache gesprochen wird, diese Sprache in angemessener Weise lernen kann?

"Ich habe ja nichts gegen Amerika."

Abgesehen davon, dass es dem Sprecher in der Regel um die USA und nicht etwa Kanada, Chile oder Mexiko geht, ist es doch bezeichnend, dass man, wenn man christliche Hassprediger nicht für die Idealbesetzung des Präsidentenamtes hielt, sich zu betonen genötigt sah, man rede damit selbstverständlich nicht dem Antiamerikanismus das Wort. Spannend wird es ohnehin, wenn der Glanz des jetzigen Amtsinhabers in den Widrigkeiten des Tagesgeschäfts etwas matter wird. Ist man, wenn man dies kritisiert, automatisch gegen alternativpigmentierte Mitmenschen afroamerikanischen Migrationshintergunds?

"Natürlich waren die Anschläge von New York, Madrid und London eine schlimme Sache."

Das ist meine persönliche Lieblingsentschuldigung. Wer meint, dass Überwachungskameras an jeder Häuserecke mehr schaden als nutzen, wer den Innenminister nicht seine E-Mails mitlesen lassen möchte, wer findet, dass es die Sicherheitspolitiker mit ihren Generalverdächtigungen ein wenig übertreiben, muss erst einmal vorweg schicken, dass er für Terrorismus nichts übrig hat. Allein schon der künstlich errichtete Gegensatz von Freiheit und Sicherheit führt in die rhetorische Sackgasse. Warum sollen Freiheit und Sicherheit, wenn sie schon unbedingt in einer Beziehung stehen müssen, sich nicht gegenseitig bedingen können? Ist es so absurd, sich einen Staat vorzustellen, der allein deshalb weniger Schwierigkeiten mit Verbrechens- und Terrorismusbekämpfung hat, weil seine mit den Verhältnissen zufriedenen Einwohner nicht zu Gewalttaten neigen?

Nein, ich werde Ihnen jetzt nicht darlegen, ob ich für Glaubensfreiheit bin, ob Ausländerfeindlichkeit in meinem Beruf eine äußerst schlechte Idee ist, ob ich große Hoffnungen in Obama setze, ob ich nichts besseres zu tun habe, als Flugzeuge in anderer Leute Hochhäuser zu steuern, und ich werde ganz bestimmt kein Gutachten vorlegen, das die Unbedenklichkeit meiner sexuellen Ausrichtung bescheinigt. Wer tatsächlich glaubt, mich in eine Ecke packen zu müssen, wird auch nicht durch noch so weitschweifige Ausführungen von seiner Meinung abzubringen sein. Ich weigere mich, mich für meine Meinung zu entschuldigen. Ich habe keine Lust, ständig zu sagen, was ich nicht bin.

Fragen Sie mich lieber, was ich bin.

Hjumenn, wä a ju?

Bad Godesberg sucht die Kirchentags-Combo.

So ungelenk kommt man natürlich im Zeitalter von Church 2.0 nicht mehr daher. Deswegen lud man auch zum - ich erlaube mir, zu zitieren: "Kirchentags Pre-Event" mit "Band Contest", "Public Voting" und "Catering". Für alle, die der altbackenen Vorstellung anhängen, Sprache sei zur Verständigung und nicht dazu da, anderen Leuten zu zeigen, wie toll man schon mit dict.leo.org umgehen kann: Es handelte sich um eine Vorveranstaltung zum evangelischen Kirchentag in Bremen, bei der mehrere Musiker einen Wettbewerb veranstalteten und das Publikum darüber abstimmen durfte, wer als Gewinn 1000€ bekommen und beim Kirchentag auftreten sollte. Ach ja, was zu Essen gab es auch noch.

Wie dem auch sei, ganz so dumm wie immer behauptet, kann die PISA-Generation nicht sein, immerhin war sie in der Lage, das Plakate wie das unter http://www.ekir.de/BadGodesberg-Voreifel/bgv_index_53819.php zu verstehen und sich rechtzeitig zu Veranstaltungsbeginn einzufinden. Um in die Kirche zu gelangen, musste man an einigen vierschrötigen Kerlen vom Sicherheitsdienst vorbei, die offenbar als ausgleichendes Element zur Liebe des HErrn gedacht waren, suchte sich in der mäßig gefüllten Kirche einen Platz und harrte der Dinge. Es ging los, und was dann passierte, gibt es in dieser Form ausschließlich bei Kirchens: Die Tontechnik versagte.

Um dieses Phänomen wirklich würdigen zu können, muss man sich die jahrtausendealten Erfahrungen in Erinnerung rufen, welche die Kirche in Sachen Akustik hat. Bereits ihr Religionsstifter hielt eine seiner wichtigsten Reden auf einem Berg, und als gerade kein Berg greifbar war, fuhr er auf einen See hinaus. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich die Kunst des Kathedralenbaus, und stets achtete man bei der Gestaltung darauf, dass Orgel und Liturg gut zu hören waren.

Dann kam das 20. Jahrhundert, mit ihm der elektrische Strom und damit auch die Möglichkeit, Geräusche elektrisch zu verstärken. Es gab einige tapfere Versuche, sich dieser neuen Herausforderung zu stellen, aber im Wesentlichen ist man sich fremd geblieben. Als Ergebnis gibt es abgesehen vom Sonntagsgottesdienst keine größere Veranstaltung, bei der man nicht ernsthafte Schwierigkeiten hat, alle Akteure harmonisch aufeinander abgestimmt und so zu Gehör zu bringen, dass man nicht noch tagelang mit einem Tinnitus herumlauft. Die Ursachen hierfür sind komplex und dürften ein dankbares Forschungsgebiet abgeben. Mitunter gibt es einfach keinen Tontechniker. Dann wiederum gibt es einen, aber man wäre besser bedient, gäbe es ihn nicht. Gibt es einen guten Tontechniker, dann finden es die restlichen Akteure irgendwie also echt total uncool, vor der Veranstaltung einen sauberen Testdurchlauf durchzuführen. Gibt es gute Tontechniker und mitdenkende Akteure, dann ist der Gemeindesaal, in dem das alles stattfinden soll, bis 5 Minuten vor Veranstaltungsbeginn von der radikalfeministischen Lesbenyogagruppe belegt, die unter keinen Umständen bereit ist, ihr Kampfgebiet ausnahmsweise in die mehr als ausreichend dimensionierte Teestube zu verlegen.

Eine andere Marotte zeigt sich bei Kirchenveranstaltungen: Man will ja doch irgendwie Kirche sein, oder, netter gesagt: Man will christliches Profil zeigen. Deswegen kann man es nicht einfach damit bewenden lassen, fünf Bands auf die Bühne zu stellen, die dem Publikum ordentlich einheizen, nein, da muss unbedingt vorher noch jemand zwei angestaubte Jugendkreuzweglieder mit der Gemeinde zusammenklampfen. "Freund", mag man ihm entgegenrufen. "deine Begeisterung für die evangelische Kirche in allen Ehren, aber die Leute sind hier, um besungen zu werden, nicht selbst zu singen. Was soll das? Muss die Veranstaltung auf dem Papier ein Gottesdienst sein, damit die GEMA nicht zuschlägt? Dann jedoch sei die Frage erlaubt, warum ein harmloser Gottesdienst von Kleiderschränken bewacht wird, unter deren Mithilfe der Zweite Weltkrieg einen anderen Ausgang genommen hätte. Geht es aber nicht um juristische Tricksereien, sondern tatsächlich darum, Flagge zu zeigen, wage ich zu bezweifeln, dass diese Botschaft beim Publikum ankam. Ein Konzert ist ein Konzert, und alle vom Amtskirchgengewissen getriebenen Versuche, dem ein pastorales Feigenblättchen umzuhängen, können nur scheitern. Wenn du mir nicht glaubst, warte das Ende der Veranstaltung ab, zu dem ich später noch etwas sagen werde."

Es traten fünf verschiedene Gruppen auf, wobei das Spektrum von Alternative Punk mit offenbar überschaubarer Bühnenerfahrung über Soul-Jazz vom Feinsten bis hin zu professionell vorgetragenem Rock reichte. Wie Musikveranstaltungen üblich, bei denen das Publikum entscheidet, spielte der musikalische Aspekt weniger eine Rolle als der optische Eindruck. Anders ist nicht zu erklären, dass eine Kapelle den ersten Preis errang, deren Mitglieder im Durchschnitt elf Jahre alt sind, deren Kompositionen im Wesentlichen aus drei bis vier im 4/4-Takt angeschlagenen Akkorden bestehen und deren noch Jahre vom Stimmbruch entfernter Sänger verzweifelt wie Peter Maffay nach einer durchzechten Nacht zu klingen versucht. Altersgemäß sang er als Abräumer des Abends dann auch seine Fassung von "Backe, backe Kuchen" - ja, richtig gelesen - das aber mit so viel männlich-harter Lebenserfahrung in der Stimme, dass Ursula von der Leyen sofort die Eltern wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht belangen müsste.

Was die vier Angehörigen der Rolf-Zuckowsky-Zielgruppe noch musikalisch von echten Musikern trennen mag - im Posen konnten ihnen die anderen Gruppen nicht das Wasser reichen. Von einer Pressefotografin zur Aufstellung für ein Foto gebeten, erstarrten die vier prompt in einer Pose, gegen die Laokoon wie Bauerntheater wirkt.

Das Auditorium hatte also beschlossen, dass allein diese vier niedlichen, also wirklich sowas von niedlichen, also ich weiß gar nicht, wie ich's sagen soll, total süßen und knuffigen, den Rest lesen sie am Besten im Gästebuch auf deren Webseite nach - dass allein diese vier Künstler genügend Gewicht auf die Waage bringen, um Bonn und die beiden ihn umliegenden Kirchenkreise würdig repräsentieren zu können. Darauf einen Segen.

Den hatte man sich nämlich, guter kirchlicher Tradition folgend, ganz für den Schluss aufgehoben, für den Zeitpunkt, an dem alles gesagt ist und kein Mensch, zumindest keiner der anwesenden Teenager, auch nur das leiseste Interesse daran hat, ob da vorne noch einer mit den Armen wedelt und was vom HErnn erzählt. Die Leute gingen, und das war eine der wenigen guten Entscheidungen des Abends.