Samstag, 9. April 2011

Nach einer Weifheitffahnoberafjon fieht jeber auf wien Gugelfif


Das ist natürlich Unsinn, denn die Wunder der modernen Medizin ermöglichen es, Pest, Cholera, Keuchhusten, eigentlich alle Plagen der Welt mit einem Fingerschnipp aus der Welt zu schaffen. Weisheitszähne zum Beispiel werden einfach aus dem Kiefer gebeamt.

Diese Zeile erreichte mich soeben durch ein Zeitportal aus dem 23. Jahrhundert. Bei uns im 21. hingegen greifen wir bei der Chirurgie weiterhin auf die Gesetze der klas­si­schen Physik zurück, die da lauten: Gib mir einen Punkt, und ich werde den Zahn aushebeln, und wenn der Zahn nicht zu sehen ist, dann schlitze ich mit einem Mes­ser und fräse mit meinem Bohrer, und dann nehme ich noch einen Bohrer und spal­te das Ding, und dann endlich nehme ich den Hebel, um dann mit Schmackes...

Von einer Zivilisation, welche es erstaunlich locker zuwege brachte, mal so eben ein Dutzend Menschen auf einen 384401 Kilo­me­ter entfernten leblosen Ge­steins­brocken zu schießen und sie, was noch viel erstaunlicher ist, auch wieder lebendig zurück zu holen, von einer Zivilisation, die mehrere Millionen Tran­sis­toren auf der Flä­che eines Fingernagels verstaut und das Ganze für ein paar Dollar als Mas­sen­pro­dukt auf den Markt wirft, hätte ich eigentlich erwartet, dass sie einen Weg er­son­nen hat, eine 2 * 0.5 * 1 cm große Kalk­ab­la­ge­rung mit eleganteren Mitteln als de­nen des Straßen­baus aus dem menschlichen Schädel zu entfernen. Ich prügle mei­nen USB-Stick schließ­lich auch nicht mit einem Holzknüppel aus der Halterung.

Aber nein, die Entfernung der Weisheitszähne scheint das letzte verbliebene Aben­teu­er unserer übersättigten Spaßgesellschaft zu sein. Hier hat sich im We­sent­li­chen nicht viel ge­ändert, seit sich unsere Ahnen vor 2.5 Mil­li­o­nen Jahren den ersten Faust­keil zurecht häm­merten. Gut, die Methoden der Anästhesie ha­ben sich ver­fei­nert, aber insgesamt ist die Zunft sich treu geblieben.

Was bringt eigentlich die Bibelfun­da­men­ta­lis­ten auf die Idee, der Mensch entspränge ei­nem "intelligent design"? Sollte G'tt tatsächlich so ein Pfuscher sein, dass er sich bei der Zahl der Zähne verhaspelt und mehr von ihnen in den menschlichen Kiefer packt, als dort nach den Gesetzen der dreidimensionalen Geo­me­trie Platz haben? Für einen derartigen Schnit­zer flöge jeder Student der Ingenieurs­wissen­schaf­ten aus den Grundpraktika, und sowas soll das Werk eines allwissenden und all­mäch­tigen Überwesens sein? Jungs, guckt noch mal in der Bibel nach, das steht da ganz be­stimmt nicht so drin.

Das Abenteuer beginnt schon bei der Vor­un­ter­suchung, wenn mein persönlicher Halbgott in weiß nach einem kurzen Blick auf ein Rönt­gen­bild meines Schädels sich in meinem Mund einen Eindruck der Lage verschaffen will. „Ja, das sieht wirklich gräss­lich aus“, murmelt er. „Der muss raus und der auch noch, der hier so­wieso... Mo­ment, was ist denn das?“ Er zö­gert, schaut auf das Röntgenfoto, dann wieder in die Mundhöhle, wieder auf das Foto und dreht es schließlich um. „Hing spie­gel­ver­kehrt“, sagt er achselzuckend und sieht sich die an­dere Seite der Zahnreihen an. „Ja, das sieht wirklich grässlich aus. Der muss raus und der auch noch, der hier so­wie­so...“

Wahrscheinlich rüstete uns Mutter Natur deswegen mit so vielen Zähnen aus, damit noch ein paar übrig bleiben, wenn der Zahn­arzt links und rechts verwechselt. Doch wer oh­ne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Im­mer­hin leben wir in einem Land, in dem 104% der Autofahrer auf der A1 die linke mit der rechten Fahrspur verwechseln. Da kann man schon mal ein Foto falsch herum auf­hän­gen.

Mit wieder gewonnenem Vertrauen in die Kunstfertigkeit der Chirurgenzunft sitze ich also am Tag der Operation wieder im Be­hand­lungs­zimmer. Das Zentrum meiner Hof­fnun­gen und Wünsche betritt den Raum, betrachtet das Rönt­genbild, greift zur Be­täu­bungsspritze und nimmt mit sicherer Hand meiner linken Ge­sichts­hälfte jedes Ge­fühl. Zufrieden schnappt er sich das Behandlungsbesteck, um die künf­ti­ge Stätte seines Wirkens zu betrachten. Zö­gert. Blickt auf das Röntgenfoto. Dann wieder auf mich. „Oh, Da hing wohl das Bild spie­gel­ver­kehrt. Macht nichts, hab ja noch genug Sprit­zen.“ Spricht's und entkoppelt auch die rech­te Gesichtshälfte sensorisch von meinem Körper.

Was wäre eigentlich passiert, hätte Kolumbus bei der Ausfahrt aus dem Hafen links und rechts verwechselt? Stünde die Freiheitsstatue dann heute im Wattenmeer vor Husum?

Bei der eigentlichen Zahnentfernung hätte Alfred Hitchcock das Buch geschrieben ha­ben kön­nen. Wir erinnern uns: Der Altmeister ver­zich­tete in der Regel auf die ex­pli­zite Dar­stellung des Schreckens, sondern ließ durch ge­schickte Andeutungen den eigentlichen Krimi im Kopf der Zuschauer abspielen. Ähn­li­ches passiert, wenn man auf dem Rücken lie­gend zwei maskierte Menschen mit obskuren Ge­genständen in der Hand über sich gebeugt sieht, im Schädel es kreischen, knirschen und knacken gelegentliche Sätze wie "Hm, der bricht nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe" "Ich seh nichts vor lauter Blut" oder "Sind Sie sicher, dass alles draußen ist?" hört. Selbst­zwei­fel werden laut. Mein junges, zartes Le­ben, noch kaum gelebt und ich Narr gab es die­sem Barbaren in seine latexüberzogenen Hän­de. Letzte Zweifel am Irrsin des Unter­neh­mens werden beseitigt, wenn mitten während der Behandlung die Helferin mit einem Blick auf die Akte die Frage an den Patienten rich­tet: "Sagen Sie, haben wir Ihren Namen ei­gent­lich richtig aufgenommen? Mir kommt die Schreib­weise so komisch vor." Was glaubst du von jeder westlich-abendländischen Bildung ver­schonte PISA-Amnesie eigentlich, wie die mensch­liche Lauterzeugung funktioniert? Mit dei­ner bis zum Gelenk in meinem Mund versenkten Hand? Soll ich vielleicht noch zur allgemeinen Erheiterung ein paar Zeilen Goethe rezitieren? Wenn ich nicht gerade mit meiner eigenen Nahtoderfahrung beschäftigt wäre, spränge ich auf, stopfte dir dein ab­ge­wetz­tes Klemmbrett in den Rachen und hieße dich, Wagners "Walküren" zu singen - mal se­hen, wie du dich anstellst. So hingegen mo­bi­li­sie­re ich meine sämtlichen Kenntnisse der Jedi-Kunst und ver­suche, meine Gedanken in dein retardiertes Hirn zu senden: "Nein, du dum­mes Ge­schöpf, ich wurde alphabetisiert, als deine Eltern noch nicht einmal alt genug waren, um sexuelles Interesse aneinander ent­wickeln zu können, und nach einem ab­geschlossenen Universitätsstudium schaffe ich es - mit Mühe zwar, aber immerhin - meinen Na­men auf Anhieb richtig zu schreiben. Das mag bei der momentanen Qua­lität unserer Grundschulen überraschen, aber zu meiner Zeit wurde auf sowas er­folgreich Wert gelegt."

Während ich mich noch in Betrachtungen er­gehe, woher Kafka wohl die Ideen seiner Ge­schich­ten bezogen hat und zum Ergebnis kom­me, Zahnarztbesuche müssten definitiv dazu gehört haben, merke ich, wie die ganze zuvor in meinem Mund ver­stau­te Altmetallsammlung blutbeschmiert aus meinem Mund heraus gekramt und mein Mund mit einem schlür­fen­den Geräusch ein letztes Mal ausgesaugt wird. Eine Hälf­te meines Gesichts rebelliert, die an­dere scheint sich auf immer aus meiner Wahr­neh­mung verabschiedet zu haben. Meine ver­blie­benen grobmotorischen Fä­hig­kei­ten schaf­fen es, mich aus dem Behandlungszimmer auf die Straße und irgendwie nach hause zu brin­gen. Mein Blickfeld ist verengt, ich mahne mich: "Geh nicht auf das helle Licht zu." Lang­sam kehrt auch wieder Gefühl in meinen Schä­del zurück, es sagt: "Bedenke, dass du sterb­lich bist. Wie sterblich genau, das werden dir dei­ne an­schwel­lende Wange und ein scha­ben­der Schmerz in den kommenden Tagen ver­mit­teln."

Inzwischen sieht meine rechte Gesichtshälfte nicht mehr ganz so aus wie Helmut Kohl beim Saumagenkauen, ich kann ohne Beschwerden reden und sogar schon ansatzweise feste Nahrung zu mir nehmen. Dieser Kieferchirurg ist ein Magier, ein Prophet, ein Gott! Gepriesen sei sein Handwerk! Nur noch ihn will ich an meinen kostbaren Körper lassen, den er so kunstvoll behandelt. Kaum erwarten kann ich den Moment, mich wieder vertrauensvoll in seine Hände zu begeben, auf dass er mir die Fäden ziehe, die er in meinen Mund genäht.

Wehe, wenn da irgendwas schief geht.

Kommentare:

Nik hat gesagt…

_Absolut_ genial geschrieben :D ...

Und gute Besserung ;) ...

Mobile hat gesagt…

Gute besserung wuensche ich auch!

Und alle aengstlichen leser, die ebenfalls noch weisheitszaehne zu viel haben, und dazu auch noch ca. €400,- eruebrigen koennen, moechte ich auf das IMHO in solchem falle entscheidende wunder der modernen medizin hinweisen: die vollnarkose! Hinsetzen, einschlafen, aufwachen, nach hause gehen! Ok, nach hause fuehren lassen ist kreislaufbedingt besser als alleine gehen, und es empfiehlt sich natuerlich auch eiswuerfel etc. vorzubereiten und ausgiebig zu nutzen. Dazu kamillentee. Kleine schmerztablette fuer alle faelle ist sicher auch nicht verkehrt. Aber das sind details, wenn man bedenkt, dass einem die komplette tortur inkl. aller grusel-erinnerungen erspart bleibt. Ich glaube auch, dass ein chirurg, der keine ruecksicht auf die akuten befindlichkeiten seines wimmernden opfers nehmen muss, effizienter, schneller und besser arbeiten kann. Fuer mich war dies jedenfalls das am besten angelegte geld aller zeiten. Wenn man's runterrechnet waren es ja auch nur noch 100,- pro zahn - ein schnaeppchen!

Alles gute,
rob

PS: wegen fehlender anonymer kommentiermoeglichkeit nehm ich mal irgend so einen google-muell-account, einfach ignorieren, mails werden vermutlich nicht gelesen.

Publikumsbeschimpfung hat gesagt…

Hallo Rob, danke für den Hinweis. 400 Euro sind natürlich auch nicht gerade wenig Geld, aber dann hat man es wenigstens hinter sich.

Danke auch für den Hinweis bei der Kommentarfunktion. Dass man ein Google-Konto haben muss, um hier kommentieren zu können, war mir nicht klar, und ich finde es albern. Deswegen habe ich jetzt anonyme Kommentare zugelassen und warte ab, was passiert.

rob hat gesagt…

Ja, sind quasi 800DM, was fuer ca. eine stunde arbeit schon ganz ordentlich ist (keine ahnung was das "material und werkzeug" kostet). Andererseits ist anaesthesie auch wirklich kein bereich in dem ich fuer dumping-loehne plaedieren wuerde, da hat qualitaet schon prioritaet und die hat bekanntlich ihren preis. Moechte ja nicht beim naechsten mal mit einem hirnschaden aufwachen oder mitten in der OP ;-)
Alles gute,
rob