Dienstag, 23. Dezember 2014

Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du weichen, die Rechten sollst du ächten

Zugegeben, die Überschrift habe ich gewählt, weil sie sich so schön reimt. Tatsächlich bin ich weder von den dort beschriebenen Verhaltensregeln bei Gewitter, noch von pauschalen Politstrategien restlos überzeugt. Nicht, dass ich rechtes - hm - Gedankengut (man kann geteilter Meinung sein, was daran die Begriffe "Gedanken" und "Gut" rechtfertigt) sonderlich attraktiv fände, ich bin mir nur nicht sicher, ob unsere Art, mit Leuten aus diesem Spektrum, umzugehen, zum gewünschten Ziel führt.

Das geht schon bei der Reflexhaftigkeit los, mit der wir reagieren, wenn wir auf rechtsextreme Äußerungen stoßen. Verstehen Sie mich richtig: Ich finde es vollkommen richtig, dass Sie Rassismus, Antisemitismus und Faschismus ablehnen. Mir geht es um die Reflexhaftigkeit. Wer aus Reflex reagiert, handelt ohne nachzudenken. Das ist in politischen oder ethischen Fragen dann berechtigt, wenn man lange und immer wieder über ein Thema diskutiert und einfach keine Lust mehr hat, die gleiche Leier noch einmal zu spielen. Irgendwann hat einfach jeder alles darüber gesagt, die Positionen stehen fest, es ergibt keinen Sinn, da noch großartig Zeit zu verschwenden. Wichtig ist nur, dass Sie sich erinnern, wie Sie zu Ihrer Überzeugung gelangt sind, wenn Sie jemand ernsthaft danach fragt.

Genau da sehe ich aber ein Defizit, wenn wir uns mit neurechten Strömungen wie der AfD oder Pegida beschäftigen. Das sind aus unserer Sicht einfach alles Nazis. Fein, Etikett drauf, Problem gelöst. Wir holen unsere Transparente und Parolen aus dem Keller, wo sie für solche Fälle griffbereit lagern. Das Dumme ist nur: Die lagern da schon seit Jahrzehnten unverändert, während sich die Welt draußen gewandelt hat. Früher konnte man vielleicht den klassischen Nazi aufgrund einer schon fast archetypischen Kombination aus Haarschnitt, Kleidung, Einkommen und Bildung mühelos erkennen. Dieses Klischee ist es auch, aus dem wir unseren Spott speisen.


Offenbar kommt dieses Klischee auch nicht von ungefähr. Bevor wir uns aber beruhigt zurück lehnen und glauben, dass wir mit unserem überragenden Intellekt der Sache schon Herr werden, sollten wir uns ansehen, wer sich da sonst noch herumtreibt. Gerade bei der AfD findet sich hier auch so mancher Professoren- und Doktortitel. Spätestens, wenn sich wie in Dresden 17.500 Menschen zusammenfinden, reicht es eben nicht aus, sie händewedelnd in die Naziecke zu scheuchen, zumal die Gegendemonstraten gerade einmal ein Viertel so viel Leute, nämlich 4.500 mobilisiert bekamen. Angesichts solcher Zahlenverhältnisse müssen wir entweder einsehen, dass die demokratischen Kräfte hierzulande 1:4 unterlegen sind - was ich persönlich nicht glaube -, oder wir setzen uns doch einmal damit auseinander, was diese Leute auf die Straße treibt.

These: Das sind nicht alles Nazis, aber wenn wir nicht aufpassen, werden sie bald welche sein. Wir brauchen nicht darüber zu streiten, dass Sachsen mit seinen 0,1 % Muslimen nun wirklich keine Angst vor einer islamischen Machtübernahme haben muss. In einer Demokratie entscheiden aber nicht nüchterne Fakten, sondern Mehrheiten. Wenn also eine ausreichend große Menschenmenge eine diffuse Angst vor dem Andersartigen hat, wenn sie etwas von "Lügenpresse" und "Islamisierung" schwadroniert, dann hat man keine andere Wahl, als sich damit auseinander zu setzen. Wer rechtskonservative und vielleicht etwas wirr argumentierende Menschen pauschal als Nazis abstempelt, riskiert, dass sie das Etikett annehmen: "Gut, dann sind wir halt Nazis. Können ja nicht so schlimm sein. Die Zehntausenden, mit denen wir in Dresden unterwegs waren, wirkten eigentlich ganz nett."

Wir müssen uns fragen, ob eine Politik, die unpopuläre Entscheidungen als "alternativlos" durchprügelt, sich wundern darf, wenn plötzlich eine Partei auftaucht, die für sich beansprucht, eben jene angeblich nicht vorhandene Alternative zu sein. Wir müssen uns fragen, ob das jahrzehntelange Gleichsetzen von Islam mit Extremismus und Terrorismusgefahr nicht zwangsläufig zum Aufkommen einer Bewegung führen musste, die den "Islamischen Staat" hinter jeder Straßenecke die Messer wetzen sieht. Wir müssen uns fragen, ob ein Sozialstaat, der Menschen, die zigtausende Euro in dieses Solidarsystem gezahlt haben, plötzlich wie Verbrecher behandelt, wenn sie auch einmal Leistungen einfordern, nicht geradezu die Leute herangezüchtet hat, die jetzt ihre letzten Reste von Selbstachtung zusammenkratzen, um damit gegen alles zu wettern, was sie als irgendwie bedrohlich, weil anders empfinden: Homosexuelle, Ausländerinnen, Muslima. Niemand schätzt es, auf der sozialen Sprossenleiter ganz unten zu hocken, sondern setzt alles daran, jemanden zu finden, auf den er seinerseits herabblicken kann.

Nein, ich sympathisiere mit diesen Leuten nicht. Ich versuche mir nur zu erklären, warum es so viele sind, warum in Bonn 300 eindeutig dem Neonazispektrum zuzuordnende und mühsam herangekarrte Dumpfbacken sich der zehnfachen Übermacht von 3000 quer durch alle Alters- und Sozialschichten gehenden Gegendemonstrantinnen geschlagen geben müssen, während in Dresden sich so viele Menschen zur zweifelhaften Ideenwelt der Pegida bekennen, wie die "Freiheit statt Angst" in ihren besten Zeiten mit monatelanger Vorbereitung zusammen bekam.

Auch ich habe kein Patentrezept. Ich behaupte allerdings, dass wir das Phänomen der aufkommenden bürgerlichen Rechtsbewegung nicht mit "Nazis raus" und Witzen über schlechte Orthografie in den Griff bekommen. Wir mögen daran keinen Spaß haben, aber wir werden nicht umhin kommen, uns mit den Hintergründen und der Gedankenwelt dieser Menschen zu beschäftigen, wenn wir verhindern wollen, dass Hass auf das Andersartige irgendwann einmal koalitions- und damit regierungsfähig wird.

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